Glückliche Familie Nr. 48: Tütü und Treckingsandale

In meinem Blog nenne ich unsere Tochter „Prinzessin“. Das hatte sich analog zum „Kronprinzen“ ergeben.

Während „Kronprinz“ eine gute Wahl ist, ist „Prinzessin“ nicht so der Treffer. Schon seit langem bin ich nicht zufrieden mit diesem klebrig-süßen Pseudonym.

Prinzessin ist einfach nicht der Lillyfee-Typ.
Mit Lillyfee war sie schon durch, da war sie kaum im Kindergarten.

Heute liebt sie Krimis mit viel Action, Karate-Kid-Filme, Achterbahn-Loopings, Lederjacken und Fußball. „Ich mag es gerne rockig“, sagt sie.

Sprachlich ist sie auch nicht zimperlich. Als wir neulich am Tisch einen gepflegten Diskurs über Geschlechterverteilung im Wandel der Zeit führten, meinte sie: „Es sind ja doch die Väter, die den Schotter rauszocken.“
Ich hüstelte in die rosa Stoffserviette, rückte die Messerbänkchen gerade und schwieg distinguiert. (He, das war ein Witz, wir haben gar keine Messerbänkchen.)

Es gibt da ein merkwürdiges Überkreuz-Phänomen.

Ich, mit meiner Schwäche für Blumenröcke, Jane Austen, weiße Geranien in Jugendstilwintergärten, Empirekleider, rosa Pfingstrosen, geblümten Kulturtaschen, Paisley-Briefpapier … habe eine rockige Tochter.

Und unser Briefträger mit seiner Schwäche für Funktionskleidung, mit einer Familie, die den ganzen Sommer in Zelten und Treckingsandalen lebt, hat eine Lillyfee-Tochter.

Sie heißt Emma und ist sieben Jahre alt.

Ich gab dem Briefträger neulich eine Tüte mit Kleidern, die Prinzessin nicht mehr passen oder die sie noch nie mochte. Darin ein Tüllrock, rosa Ballettschläppchen, Lillyfee-Briefpapier …. Herr Ö. nahm die Tüte mit spitzen Fingern und stopfte sie in die Lenkerbox hinter die Einschreiben.

„Vergangene Woche gab’s Theater, da wollte sie im Tütü in die Schule.“
Ich seufzte, stellte mir Klein-Emma vor, eine schmale Gestalt mit einer duftigen Rosette um ihre Taille. Emma mit Tütü und Treckingsandale, Emma in Jack-Wolfskin-Jacke und Ballettschläppchen.

Herr Ö. wuchtete das Postfahrrad von seinem Ständer.
„Das ist sicher nur eine Phase“, sagte ich.
Herr Ö. schüttelte sich. „Das ganze rosa Zeugs“, sagte er, „meine Frau mag das auch nicht. Und mit diesem Lillyfee-Kommerz ziehen sie uns Eltern nur das Geld aus der Tasche.“
Er boxte in den Tüll, der zwischen den Einschreiben aus der Tüte gefedert war.
„Bitte lassen Sie sie“, flehte ich, „alles, was Sie bekämpfen, machen Sie nur stärker.“

Wenn Herr Ö. wüsste, dass es nur dem sozialen Druck meiner Familie zu verdanken ist, dass ich nicht selber in Tüll und Spitze in der Tür stand.

 

 

Aber zurück zu Prinzessin (11). Wollen wir sie lieber P. nennen? Oder vielleicht P-Punkt?

Wenn ich mit P-Punkt shoppen gehe, ist meine einzige Funktion, der Kleiderständer für ihre Lederjacke zu sein und zu zahlen. P-Punkt hat in Sekundenschnelle das Sortiment gescannt und weiß, ob etwas für sie dabei ist oder nicht.
Wenn ich meinen Kopf in die Umkleide schiebe, um mütterliche Beratung anzubieten, ist sie längst im Aufbruch. „Wir nehmen das und das. Das hier ist mir zu tussihaft.“

Auf dem Weg zum Parkautomaten wagte ich es kürzlich, eine persönliche Frage zu stellen.
„Bei deinem Kleidungsstil gibt es da jemanden in deiner Klasse oder in Funk und Fernsehen, an dem du dich orientierst?“
„Ja, da gibt es jemanden“, sagte sie.
Mit rutschte die Parkkarte aus der Hand.
„Und?“
„Ich selbst.“

Immer schön fröhlich bleiben

die stolze Mama von P-Punkt

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