Glückliche Familie Nr. 116: Ein guter Mensch reicht

Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, kam ein Mitschüler von mir ins Gefängnis, weil er im Eifersuchtswahn seine Freundin erstochen hat. Eine ganz furchtbare Geschichte.

Natürlich haben wir zu Hause viel darüber gesprochen. Und irgendwann fragte ich meine Mutter, ob sie denken würde, dass die Mutter dieses Schülers ihren Sohn im Gefängnis besuchen würde.

„Bestimmt“, sagte meine Mutter, „das würde ich auch tun.“

Mich hat das damals tief beeindruckt.

Das hieß: Ich könnte das denkbar Schlimmste tun und trotzdem würden meine Eltern zu mir halten.

Das ist ein ganz warmes Gefühl tief in mir drin.

Es erinnert mich an das Ergebnis der Kauai-Studie.

Kauai ist eine Hawaii-Insel und Schauplatz einer spektakulären Langzeitstudie der Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner. Über einen Zeitraum von 40 Jahren hat sie die Entwicklung von 698 Kindern verfolgt, die 1955 geboren waren. Emmy Werner und ihr Forscherteam besuchten die Kinder und späteren Erwachsenen im Alter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren und untersuchten ihren Entwicklungsstand und ihre Lebensumstände. 210 Teilnehmer der Studie waren sogenannte „Risiko-Kinder“, die in schwierigen Verhältnissen aufwuchsen. Die Eltern lebten am Existenzminimum, waren arbeitslos, hatten zum Teil psychische Probleme oder waren drogenabhängig.

Trotzdem gelang es einem Drittel dieser „Risiko-Kinder“ als Erwachsene selbstsicher, optimistisch und leistungsfähig zu werden. In dieser Gruppe gab es weniger Scheidungen, weniger Gesundheitsprobleme, weniger frühe Todesfälle.

Was machte diese Kinder so widerstandsfähig?

Das Ergebnis:

Es gab eine Person in ihrer Umgebung, zu der sie eine sichere Bindung aufgebaut hatten. Wenn es die Eltern nicht konnten, so war eine Großmutter eingesprungen oder ein älteres Geschwisterkind, eine Tante, eine liebevolle Lehrerin, ein Fußballtrainer, …., irgendjemand, der an dieses Kind glaubte.

Schon ein guter Mensch, der an ein Kind und seine Fähigkeiten glaubt, kann reichen, um einem Kind eine gute Entwicklung zu ermöglichen.

Das Kissen ist von Reuberkind.



Immer fröhlich an das Kind glauben

Uta

PS: Wer sich für die Erforschung von Resilienz (=Widerstandskraft) interessiert, dem kann ich das Buch „Die Kraft der Ermutigung“ von Jürg Frick dicht ans Herz legen. Eine spannend zu lesende Mischung aus Wissenschaft und Beispielen aus Geschichte und Gegenwart.

7 Kommentare

  • Hallo Uta

    Ein Post der ans Herz geht und mir mal wieder zeigt, wie froh ich bin, das meine Schwester und ich uns gegenseitig damals hatten und bis heute haben.

    Ganz herzliche Grüße von Bianca

    Das Kissen ist übrigens sehr sehr schön 🙂

  • Jess sagt:

    Toller Post. Danke dafür.

  • Das ist ein wunderbarer Post und tolle Worte. Ja, es ist immer wichtig, dass man jemanden hat, der an einen glaubt. Und für Kinder ist das noch wichtiger!

    Liebe Grüße
    Katharina

  • Lolobionda sagt:

    Hallo,
    tja, dazu war mein innigstes Erlebnis der Frankreichaustausch. Ich war damals in der 8. Klasse und der Meinung einfach keine guten Noten haben zu können. Die Deutschleherin der Französischen Klasse hat nach dem Unterricht mit mir gesprochen auf Französisch ich und sie in Deutsch. Danach meinte sie, ich sei sicher eine sehr gute Schülerin. AUch meine Austauschmutter meinte dies und sagte ihre Tochter (also meine Austauschpartnerin) hätte nicht so gute Noten, nur 2er und 3er, wenn man es auf das deutsche System übertragen würde. Ich habs damals lieber dabei gelassen.*fg

    Allerdings habe ich mir damals viele Gedanken gemacht, wie Leute mich so falsch einschätzen können – ergo, vielleicht bin ich ja doch gut? Ein Jahr später waren meine Noten meist eine Stufe besser und damit passabel. ZurPrüfung war der Ehrgeiz so groß, dass ich freiwillig noch Nachhilfe in Englsich und Französisch genommen habe, sowie mit der besten Freundinn Mathe gemacht habe.

    Ich wünsche allen Kindern da draußen und meinen eigegnen im Besonderen so ein Erlebnis.

    Liebe Grüße LOLO

  • Lebemaja sagt:

    Hallo Uta, sehr interessant wiedermal.
    Zitat: „Schon ein guter Mensch, der an ein Kind und seine Fähigkeiten glaubt, kann reichen, um einem Kind eine gute Entwicklung zu ermöglichen.“
    Hier liegt die Betonung wohl auf „kann“.
    Für mich stellt sich an dieser Stelle nämlich die Frage, warum auch geliebte Kinder, deren Eltern an sie glauben und auch in Zeiten für sie da sind, wo andere nur mit dem Kopf schütteln, hin und wieder ihr Leben nicht so ganz auf die Reihe bekommen, zu Drogen oder Alkohol greifen und im Job sowie in der Liebe einfach nicht Fuß fassen …
    Liebe Grüße!
    Jenny

  • Anonymous sagt:

    Hallo,
    ich bin hier gerade durch Zufall drauf gestossen und habe ihren Beitrag gelesen und wollte Ihnen von ganzen Herzen besonders im Namen meiner Oma( ich habe sie ihr vorgelesen und sie war total gerührt und es als große Stärkung angesehen) danken!
    Meine Oma zieht gerade meine kleine Cousine (7) und meinen kleinen Cousin(2) mit der Unterstützung von uns( mir und meiner Familie) groß. Und sie tut dies mit solch einer Liebe und Inbrunst das ich jeden Tag staune über sie. Vielen Dank für den kleinen Seelenbalsam:-)
    Viele Grüße

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