Eltern und Tanten der handfesten Art

Warum es sich lohnt, seinem Erziehungs-Typ treu zu bleiben.

Heute war ich beim Friseur, weil ich morgen einen Pressetermin habe wegen meines Buches (es kommt am 6. August in den Handel!). Meine Friseurin liegt noch in Italien am Strand. Deshalb war ich bei einer Kollegin. Sehr nett. Eher der handfeste Typ. Und wie ich so im Waschbecken liege, erzählt sie mir von ihrer Nichte. Die habe eine Woche bei ihr gewohnt, weil ihre Mutter ins Krankenhaus musste. Am ersten Morgen wollte das Mädchen (12) in die Schule aufbrechen, aber meine Friseurin schickte sie postwendend ins Badezimmer. „Das wäscht du ab!“ Gemeint war die Schminke, die sie im Gesicht trug.

Die Friseurin wurde ganz zackig, als sie davon erzählte, was ich kurzfristig auch auf der Kopfhaut spürte. „Als sie am Nachmittag mit ihren Freundinnen loszog, hat mein Mann zu dem Mädchen gesagt: ‚Wenn du deine Schminke mitnimmst und dich wieder anmalst, zack ins Auto und Gesicht abwaschen.“ Gedroht, getan. Das Kind wurde eingesammelt, ab ins Badezimmer. Der Waschlappen wurde ganz bunt, die Nichte handzahm.

„Und wie ist ihr Verhältnis heute zu dem Mädchen?“ wagte ich zu fragen. „Och, ganz gut.“

Eltern und Tanten der handfesten Art bringen mich immer aus dem Konzept. Mit so einem harschen Eingreifen darf man doch keinen Erfolg haben, oder? Wo bleibt der Respekt? Warum setzt sich niemand auf den Wannenrand und ergründet die Motive der Kriegsbemalung?

Vielleicht besteht der Erfolg nur in den Augen der Tante und das Mädchen befindet sich seit Jahren in Psychotherapie.

Vielleicht war der Bericht am Spülbecken aber auch zackiger als das reale Geschehen und die ganze Schroffheit war der kurzen Einwirkzeit meiner Haarkur geschuldet.

Wie dem auch sei – vielen Kindern fehlt heute der Halt von klaren Ansagen. Und meine Friseurin und ihr Mann haben sich auf ihre Art ganz wunderbar um das Mädchen gekümmert. Es hätte ihnen egal sein können, wie das Kind zur Schule aufbrach. Nein, sie stürzten sich gleich am ersten Tag in einen klassischen Pubertäts-Konflikt. Chapeau!

So ein Friseurbesuch kann abfärben: Als ich mich mit meinem Helm dunkel getönter und rund gefönter Haare ins Auto setzte, fühlte ich mich äußerlich wie die gute alte Mireille Mathieu, innerlich wie die zackige Friseurin.

Das hatte Auswirkungen. Kaum wippte ich mit meinem Bob daheim die Treppe hinauf, hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Kronprinzen (17). Auf meine neue handfeste Art wollte ich, dass er die Verantwortung für einen verpassten Arzttermin übernahm. Wir wurden beide laut und motzig. Er zog sich in sein Zimmer zurück, ich hängte trübsinnig Socken auf. Uns beiden ging es schlecht. Wenig später hörte ich seine Schritte auf der Kellertreppe. Umarmung unter der Sockenspinne. Für Disharmonie sind wir beide nicht gemacht. Und das Zackige passt wohl eben so wenig zu mir und zu ihm wie das Rundgefönte.

Immer fröhlich der Erziehungs-Typ bleiben, der man ist.

Eure Uta

PS1: Welche Erziehungs-Typ seid ihr? Eher der Handfeste oder der Softe?

PS2: Gestern am späten Abend sind wir aus dem Urlaub heimgekehrt. Könnt ihr erraten, wo wir waren? Auf jeden Fall geht dank der zackigen Giebel die Text-Bild-Schere nicht allzu weit auseinander.

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9 Kommentare

  • Hallo Uta, ich glaube, ich bin eher der softe Erziehungstyp, obwohl ich mir manchmal wünsche etwas „zackiger“ zu sein. Aber irgendwie habe ich dann meist Mitleid mit den kleinen Kindelein. Ich würde sagen, ich bin ein bisschen zu nachgiebig. Hm.
    Das Bild sieht für mich nach Dänemark aus. Ich glaube aber eher, dass ihr vielleicht in den Niederlanden wart?
    Liebe Grüße,
    Kathrin

  • Seifenfrau sagt:

    Liebe Uta,
    es könnte Flensburg
    (zackige Giebel = Burg?)
    sein?
    Beste Grüße

  • Fastdäne sagt:

    Moin,
    Friedrichstadt?
    Gruß Frank

  • Riete sagt:

    Liebe Uti,
    mal wieder wunderschön geschrieben!!! Musste der Helm jetzt auch dran glauben? Was bin ich für ein Typ? Mmmh ??? Befürchte, ich bin nicht auf einem Typ festzulegen, von allem etwas, das dann aber mit Vehemenz und Willenskraft 🙁 ! Ich sollte mal meinen Kronprinz (frische 16) fragen, wie er das einschätzt! In einem bin ich mir sicher, für ihn der liebste Mensch auf Erden zu sein (noch….. schon liegt die Konkurrenz in Form von weiblichen Teenys auf der Lauer 😉 ) Dabei ist das Miteinander nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen, aber nie persönlich erniedrigend werdend, warum auch, dazu haben wir uns viel zu gern! Und ganz sicher bin ich die Zackige will jemand meinem Kronprinz zu nahe treten. Zick Zack, Kopf ab und wenn das nicht reicht, wusch noch einen Kopf kürzer! Mmmh, wo war da der Fehler? Ach, der hat nur einen Kopf, …egal, solange da noch was zuckt, gib’s ihm! Aber auch das Zackige wird weniger gefragt. Kronprinz kennt das zur Genüge und hält mich lieber fern von allen Konfrontationen, er weiß um die Auswirkung, kennt den Anblick des Schlachtfeldes 😉 Zum Glück bin ich vergesslich und meine Wut hält meist nicht lange an, auch wenn ich mich bemühe und mir immer und immer wieder versuche die Geschehnisse haarklein einzuprägen, damit meine Wut nicht schwindet. Hilft nichts, geht nicht. Und nach kurzer Zeit frag ich mich denn ernsthaft, warum dieser arme Mensch jetzt 2-3 Köpfe kürzer ist und leiste geschwind Aufbauarbeit. Wahrscheinlich haben wir wegen meiner Vergesslichkeit trotz allem ein gutes Miteinander mit dem Umfeld 🙂
    LG Riete

  • claudia sagt:

    Ich war wohl auch eine zackige Tante. Zumindest erzählen meinen nun erwachsenen Nichten die schlimmsten „Horrorstories“ über mich. Anekdödchen, über die wir uns krank lachen, die pädagogisch gesehen bestimmt ein absolutes no go waren. Die zwei streiten immer noch, welchen Geschmack die Seife hatte, mit der der Mund ausgewaschen wurde. 😉 Nein, alles halb so wild. Aber ich fahre schon die strengere Schiene. Was sicherlich nicht immer gut ist, aber Weichspüleltern machen mich wahnsinnig. Wie du schon sagst, klare Ansagen, die man aber auch einhält und die auch für das Kind nachvollziehbar sind, sind einfach wichtig. In der Pubertät wird es dann nicht mehr so einfach. Wie ich es im Moment wieder sehe. Und ich merke wieder einmal, wie schwergewichtig doch der Gruppenzwang ist. Und da muss eben dann doch ein wenig Weichspüler in die Erziehung.
    Liebe Grüße
    Claudia

  • M. sagt:

    Hallo Uta! Es gibt so viele nette Kommentare zu deinem Blog.
    Dein nächstes Buch könnte den Titel tragen:
    “ Kommentare aus drei Jahren Wer-ist-eigentlich-dra…..“ !

    Bei mehreren Kindern, die meistens unterschiedlich veranlagt sind,
    kann man nicht entweder der handfeste oder der softe Typ sein.
    Wenn ich heute feststelle, nicht alles richtig gemacht zu haben, tröstet
    mich ein „Kind“: „es war ja auch eine andere Zeit“! Nett ne`! M.

  • Angela sagt:

    Also im allgemeinen bin ich der softe und verständnisvolle Erziehungstyp. Es kommt aber hin und wieder vor, dass die Kinder meinen, das ausnützen zu müssen. Ja und dann werd ich zackig und dann wissen sie aber auch gleich, dass Schicht im Schacht ist. Manchmal muss man für die kinder die Grenzen deutlicher markieren : )
    Solange das funktioniert, werd ich das so machen, mal sehen was die Pubertät bringt, aber da haben wir noch Zeit.
    Lg Angela

  • Lolo sagt:

    Wow, echt schwere Frage, hab ich mich schon öfter gefragt, wo ich da bin. Nun, meine Tochter weckt definitiv den weichen Kern, die diplomatische Seite. Ich verstehe sie blind. Mein Sohn bleibt teotz aller Nähe oft ein Ufo und er kann, was seine Schwester nicht so schafft mich zum Wahnsinn treiben, in die wirklich tiefste Verzweiflung. Er kann aber auch so entzückend sein, dass ich sprachlos dastehe und weinen muss. Würde ich also Emotionen als Striche malen müssen, dann bei meiner Tochter eine Linie mit wenig Abweichungen, bei ihr fühle ich mich wohl und oft ruhig. Bei meinem Sohn gehts hoch und runter und so bin ich, so sind wir. Ich komme schnell ans Ende mit meinem Latein und dann hole ich die Strenge raus und es geht uns beiden schlecht. Am Ende gehts dann oft doch nicht mit streng…
    Ich will mich auch nicht verstellen, ich bin wie ich bin und ich weis, dass ich hochgehen kann wie ein Dschini aus der Flasche komm ich mir dann vor – mehr und mehr, höher und höher steigt der Dunst über die Flasche und ragt hoch über dem Kindlein auf … aber ich sags ihnen auch, wenns nicht richtig war und ich mich wieder beruhigt habe.
    Ich hoffe wir sind auf dem richtigen Weg damit!

    Liebe Grüße Lolo

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