Opferhaltung in Beton gegossen

Wie Eltern Geschwisterstreit reduzieren können.

Bei den Themen-Wünschen gab es Mehrfachnennungen bei „Geschwister“. Das kann ich verstehen. Schließlich sind das die Menschen, mit denen unsere Kinder am längsten in ihrem Leben zu tun haben werden, naturgemäß länger als mit uns Eltern.

Da möchte man eine gute Basis legen. Außerdem ist Geschwisterstreit nervtötend. Dreieinhalbmal pro Stunde streiten Geschwister, sollen amerikanische Forscher herausgefunden haben*. Das hält kein Mensch aus.

In dem Buch „Ich geh aber nicht mit zum Wandern! Die 50 häufigsten Familienkonflikte und wie Sie da gut wieder rauskommen“ schreibt Mathias Voelchert:

„Die sicherste Methode, um zu erreichen, dass Geschwister sich nicht gut vertragen, ist, auf Biegen und Brechen erreichen zu wollen, dass sie sich vertragen.“ (Seite 147)

Kamera vor Neuseeland 122

Wirklich tödlich für die Ruhe ist, sich ständig einzumischen oder permanent etwas ausgleichen zu wollen. Dann bekommt Ole auch ein Lutschfinger-Eis wie Charlotte und Papa übernimmt die Sorte, die Ole plötzlich nicht mehr gut genug war. Jetzt kann man die Uhr danach stellen, wann Charlotte und ihr Bruder ein neues Thema auftun, mit dem man die Eltern auf Trab bringen kann. „Der ist länger auf dem Trampolin als ich.“ – „Die darf oben im Doppelstockbett schlafen und ich nicht.“ – „Den hast du fünfmal auf der Schaukel angeschubst, mich nur viermal.“

Das gilt übrigens auch für Einzelkinder, die andere Kinder zu Gast haben.

Plötzlich lauert überall Mangel, Ungerechtigkeit, Benachteiligung, Unterdrückung… Wir können als Eltern den größten Überfluss schaffen (Eis an jeder Ecke, Strandurlaub, einen Zentimeter Käse auf jeder Pizza ). Aber indem wir uns um Gerechtigkeit zwischen den Nachkommen mühen, ziehen wir uns Kinder heran, die noch im schönsten Paradies einen Mangel aufspüren und sich selbst zum Opfer erklären.

Das ist fürs Leben – um es schonend auszudrücken – ungünstig.

Klar, man kann es als Eltern schwer aushalten, wenn eins der eigenen Kinder unglücklich ist. Womöglich ist es das mit der schlimmen Allergie oder das Kind, das gerade in der Schule so unter Druck steht, das Kind, das nicht so begabt, robust, sportlich zu sein scheint. Aber gerade wenn wir diesem Kind immer beispringen, gießen wir seine Opferhaltung in Beton.

Als ich Kind war, bekamen wir regelmäßig Besuch von einer Familie mit einem taubstummen Sohn. Das war keine Freude. Denn Wolfgang öffnete alle Schubladen im Haus und untersuchte sie auf ihren Inhalt. Niemand schritt ein. Die Eltern lächelten dann immer und sagten so Dinge wie: „Der Wolfgang interessiert sich eben für alles.“

Schade. Wäre man mit ihm umgegangen wie mit einem normalen Kind, hätten meine Schwestern und ich sicherlich lieber mit ihm gespielt als mit diesem Sonderling, für den jede kleinste Eintrübung des Lebens aus dem Weg geschafft wurde.

Aber zurück zu Geschwistern.

Ich kenne Eltern, die sich häufig streiten, deren Kinder aber ein Herz und eine Seele sind. Und ich kenne ein sehr friedliebendes, harmonisches Paar, unter deren Kindern Mord und Totschlag herrscht.

Bei diesem Thema ist also das Vorleben wohl nicht der entscheidende Faktor. Der wichtigste Grund für häufigen Geschwisterstreit scheint mir in den Ausgleichsbemühungen der Eltern zu liegen. So gut das mit dem Ausgleich auch gemeint sein mag – die Kinder werden regelrecht infiziert mit dem Gefühl, irgendwie zu kurz zu kommen.

Ich kann nur sagen, was sich bei uns im Laufe der Jahre bewährt hat:

  • Wenn kleine Kinder einander hauen und schubsen und zwar so, dass Gefahr an Leib und Leben besteht, gehe ich dazwischen und verurteile die Methoden. „Es wird nicht getreten.“ – „Wir tun einander nicht weh.“ – „Schluss damit!“
  • Wichtig! Die Methoden verurteilen, nicht die Menschen. Nicht sagen, dass dieser oder jener „böse“ gewesen ist. Nicht Partei ergreifen.
  • Ich kann schon sagen: „Ich will diesen Lärm nicht, ich will nicht, dass ihr euch streitet. Und wenn tragt das bitte woanders aus.“ Ich muss Streit nicht mit eselsartiger Geduld ertragen.
  • Aber sich nicht als Richter betätigen und klären wollen, wer schuld war. Meistens gibt es eine Vorgeschichte, die wir nicht kennen.
  • Es ist auch nicht wichtig, wer angefangen hat. Ich kann sagen: „Ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Viel wichtiger ist, wer zuerst aufhört.“
  • Weil meine Kinder wussten, dass sie solche Dinge zu hören bekommen würden und ich nicht einsteigen würde in ihren Konflikt, haben sie mich bald auch nicht mehr damit behelligt.
  • Wenn nicht Gefahr an Leib und Leben besteht: sich zurückziehen, im Bad einschließen, eine Runde um den Block spazieren. Die meisten Scharmützel sind zu Ende, wenn wir heimkehren. Dann haben auch wir neue Kraft getankt und sagen oder tun nichts Unüberlegtes.
  • Wir verstehen uns richtig: bei kleinen Kindern gehe ich vielleicht in ein anderes Zimmer, bei Größeren kann ich auch mal das Haus verlassen. Je älter, desto weiter kann ich mich entfernen.
  • Wenn es im Auto Streit gibt, kann ich am Straßenrand halten und sagen, dass ich erst weiterfahre, wenn Ruhe ist.
  • Seid ruhig mal ungerecht: auf Dauer verbünden sich dann die Geschwister. Was will man mehr?
  • Bis das Sich-nicht-mehr-Einmischen Wirkung zeigt, dauert es etwa zwei Wochen.
  • Wenn ich das Gefühl habe, dass eins meiner Kinder gerade viel einstecken muss, kann ich mir in einer Situation, die nichts mit dem Geschwisterstreit zu tun hat, Zeit für es nehmen: mich abends länger an sein Bett setzen, mal zusammen puzzeln, etwas basteln … So beiläufig und friedlich wie möglich eine Situation schaffen, in der es sein Herz ausschütten kann. Manchmal wundert man sich, und da ist gar nichts zum Ausschütten oder etwas ganz anderes, als man vermutet hat.

Immer fröhlich sich darin üben nicht einzugreifen.

Eure Uta

Andrea Kästle, Mathias Voelchert: „Ich geh aber nicht mit zum Wandern! Die 50 häufigsten Familienkonflikte und wie Sie da gut wieder rauskommen. München 2015, Seite 147

4 Kommentare

  • „Ich will nicht wissen, wer angefangen hat. Viel wichtiger ist, wer zuerst aufhört.“ Wow, das sind ja weise Worte! Wenn ich die Kinder Nachmittags abhole, bringe ich meist was Kleines zum Vesper mit. Ich habe festgestellt, dass ich sie lieber selber teilen lasse, als es vorher gerecht aufzuteilen. Gut möglich, dass die Kleine dann weniger bekommt. Aber beide sind zufrieden.
    Danke für die Gedankenanschubser!
    Liebe Grüße,
    Kathrin

  • Karin sagt:

    Hallo Uta,

    das ist ja eine schnelle Reaktion auf die Ergebnisse deiner Themenumfrage 🙂

    Mein Problem liegt gleich beim ersten Punkt der Auflistung: „Gefahr an Leib und Leben“. Meine Grenze ist da einfach drunter, zumindest solange einer (zweijährig) sich noch nicht wirklich wehren kann oder auch mal anfängt, so dass er nicht IMMER der „Verlierer“ ist. Und es fühlt sich auch nicht gut an, das „Verliererkind“, das weinend zu mir gerannt kommt, „nur“ zu trösten.

    Aber ich sehe auch, dass es nicht IMMER so ernst ist, wenn er zu mir läuft, und ich schaffe es inzwischen oft ganz gut, erst mal abzuwarten, wie ernst es wirklich ist, wenn es Geschrei und Tränen gibt.

    Einige der anderen Punkte könnte ich dafür durchaus mehr beherzigen. Wieder mal eine gute Erinnerung, danke dafür!

    Denn das Fernziel – so in 15 Jahren oder so – sind ja doch Geschwister, die sich gut verstehen und nicht mehr streiten 🙂

    Viele Grüße
    Karin

  • Julia sagt:

    Mei Danke!! Ich wusste das eigentlich schon alles, aber ich hab auch das Gefühl, dass man das mir immer wieder sagen muss!

  • Tanja sagt:

    Vielen Dank liebe Uta für die guten Tipps! Bei uns zermürbt das ständige Gezeter der großen Mädels echt die Gemüter. 🙁 ich werde es morgen direkt mal anwenden.

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