Zeit für Kopfgeburten

Wie sehr Kinder einen Nachmittag ohne Termine brauchen.

Die Reitlehrerin hat angerufen und mit Prinzessin (14) gesprochen. Sie sucht eine Betreuerin für ein Pferd mit Dressur- und Springausbildung bestimmter Stufen. Es fielen mehrere Fachbegriffe, die bei Prinzessin großes Entzücken auslösten. Es scheint eine Ehre zu sein, diesem Champion auch nur die Exkremente aus den Hufen zu kratzen. Und diese Ehre sollte Prinzessin gleich dreimal die Woche zuteil werden.

Habe ich erwähnt, dass sie bis Ende September zum Hip Hop geht und sich in einem Fitnessstudio anmelden möchte? Selbstverteidigung sollte sie auch lernen, findet mein Mann, und ich möchte gerne, dass sie einen Tanzkurs besucht. Der neue Stundenplan lässt aber nur einen Nachmittag frei. Was tun?

Prinzessin hat mit der Reitlehrerin vereinbart, dass sie erst einmal abwartet, wie sie mit dem Stundenplan  zurecht kommt, ehe sie dem Champion ihre Aufwartung macht. Ich werde ihr im Stall dicht auf den Sporen bleiben. Denn mit Pferden ist das wie mit Welpen. Kaum haben sie einen angeschaut aus ihren braunen Kulleraugen, ist man ihnen schon verfallen. Da braucht man so einen klar denkenden und nüchternen Menschen (hüstel) wie mich an seiner schwachen Seite.

Ehrlich gesagt, habe ich keine Bedenken, dass Prinzessin sich ihre Freizeit vernünftig einteilen wird. Wenn es ihr zu viel wird, wird sie die richtigen Entscheidungen treffen. Das weiß ich. Und sie weiß, dass ich das weiß.

Bei Teenagern finde ich es gut, wenn sie neben der der G8-Schule ihre Hobbies nicht aufgeben. Ja, selbst wenn – hier mögen einige zusammenfahren – die Schule etwas darunter leiden sollte. Mir ist es lieber, sie ist aktiv und hat einen Ausgleich, als dass sie nach dem Schulstress nur noch vor Bildschirmen dämmert.

Bei kleineren Kindern hingegen fahre ich immer zusammen, wenn ich höre, dass sie komplett verplant sind. Egal wie lehrreich oder spaßig die Aktivitäten sein mögen, egal, ob sie augenscheinlich gerne hingehen oder nicht – es sind von Erwachsenen geplante und angeleitete Aktivitäten.

Die kanadische Kinder- und Erwachsenentherapeutin Shimi Kang unterscheidet zwischen „Delphin“- und „Tiger“-Eltern. Während „Delphin“-Eltern ihre Kinder unterstützen, indem sie ihre Impulse aufgreifen und sie selbständig werden lassen, treiben „Tiger“-Eltern ihre Kinder fortwährend an, überwachen die Hausaufgaben, buchen zusätzliche Kurse, erwarten sportliche und musische Aktivitäten. Gerne werden zur Motivation Geschenke in Aussicht gestellt oder es wird Druck ausgeübt oder sogar gestraft, wenn Kinder sich den Erwartungen der Erwachsenen widersetzen. Wir kennen diese Szenarien in ihrer extremsten Ausprägung aus dem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ von Amy Chua. Als Tiger-Eltern bezeichnet Shimi Kang aber auch Eltern, die ihre Kinder zu sehr beschützen.

Helikopter-Eltern = sie kreisen ständig über ihrem Nachwuchs

Schneepflug-Eltern = sie räumen ihren Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg

In-Watte-Packer = sie laufen ihnen morgens mit der Mütze hinterher, haben ständig Angst, sie könnten sich erkälten oder ihnen könnte sonst irgendein Unbill zustoßen.

Kinder von Tiger-Eltern jeder Couleur wachsen mit zu viel externer Kontrolle auf und sind deswegen davon überzeugt, dass ihr Kontrollzentrum außerhalb von ihnen liegt. Diese Kinder werden stark abhängig von äußeren Umständen und äußeren Belohnungen, es fehlt ihnen an innerer Kontrolle und Selbstmotivation. Eltern haben sicherlich nie die Absicht, ihre Kinder ihrer inneren Kontrolle zu berauben, die wohl der Schlüssel zu lebenslangem Glück und Erfolg ist. Aber leider tun viele von uns genau das. (Dr. Schimi Kang: Das Delfin-Prinzip. Gute Erziehung – glückliche und starke Kinder. München 2014, Seite 40)

 

Warten auf ein Kind, das die Seele baumeln lassen darf.

Warten auf ein Kind, das die Seele baumeln lassen darf.

Es spricht ja nichts dagegen, mit der Fünfjährigen zum Turnen zu gehen oder den Siebenjährigen im Fußballverein anzumelden. Im Gegenteil. Nur einen „Nachmittag des Nichts“ sollte es geben, einen Nachmittag ohne Betreuung, ohne Logopädie oder Malkurs, einen Nachmittag ohne Mütter-mit-anderen-Kindern-Verabredung, einen Nachmittag ohne Fernsehen und Computerspiele, einen Nachmittag, der mit Langeweile oder innerer Unruhe beginnt und in versunkenem Spiel endet, einen Nachmittag für Kopfgeburten.

Immer fröhlich an das Weniger denken: weniger Kontrolle, weniger Behütung, weniger Unterweisung, weniger Termine.

Eure Uta

8 Kommentare

  • Seifenfrau sagt:

    Wieder ein toller Beitrag, Uta!
    Ich bin ganz bei Dir…
    Allerdings befürchte ich, dass ich Anflüge von allen
    Mütter-Typen hatte/habe…
    😉
    Bei mir war das Hinterherrennen mit Sonnenmilch
    immer sehr ausgeprägt…Sie verdrehen jetzt noch die Augen…
    Nun höre ich (innerlich grinsend) zu, wie meine Tochter mir Anweisungen zu Enkeltochter und Sonnenmilch gibt…)
    😉

    Es ist gerade sehr spannend. Die Enkeltochter sieht (momentan) aus wie meine Tochter damals, ist auch so eine Hummel…Deja vu…

    Der Sohn kommt im neuen Schuljahr in die Oberstufe. Er sagt, das Punktezählen beginnt.

    Work-Life-Balance überall…

    Liebe Grüße!

  • *grins* musste bei deinem beitrag etwas schmunzeln… habe zwar keine eigenen kinder, musste aber an mich denken, wie ich im gleichen alter wie prinzessin war.
    bis dahin gab es außer schule keine festen termine. sport mochte ich nicht. wollte mich lieber mit freunden treffen… mit 14 ging es dann los. einmal die woche tennis, klavier, zweimal fechten, zweimal inline-hockey… dazu glaube ich sogar noch der erste nachmittagsunterricht. in den jahren drauf haben sich dann die interessen mehr fokussiert und die termine wurden wieder weniger.

    liebe grüße und einen guten start in die woche.

  • DreiPunkteWerk sagt:

    Aus der Seele gesprochen. Bei aller Wichtigkeit und allem Wert von Bildung: Ein Hoch auf die Langeweile!
    Ich wünschte, ich käme auch mal bis zur Langeweile…
    Liebe Grüße,
    Kathrin

  • Martina sagt:

    Schon schön verrückt, wie sich unsere Welt verändert hat. Ich bin ganz stolz drauf, dass ich meine Kindheit überlebt habe, so ganz ohne Vereine und Verpflichtungen… Ich durfte einfach nur Kind sein, dafür bin ich dankbar. Und Schule war eben ein notwendiges Übel. Bei meinen Kindern war ich immer darauf bedacht, viel draussen mit ihnen zu sein. Wenn sie von der Schule heimkamen und wir gegessen hatten, schickte ich sie erst mal ein halbes Stündchen raus, das wollten sie nicht, weil sie nicht wussten, was sie spielen wollten. Als ich sie dann gerufen habe, wollten sie nicht wieder rein : )
    Ich frage mich immer, was wir damit erreichen wollen, wenn Kinder rund um die Uhr beschäftigt sind? Werden sie dadurch bessere Menschen? Warum nimmt man den Kindern den Raum mit sich selber zu sein, einfach zu spielen, sich zu langweilen oder wasauchimmer. Das ist es doch, was das Kind sein ausmacht.
    Liebe Grüße

  • R. sagt:

    Ich frage mich, wie ELtern mit mehreren kleinen/jüngeren Kindern es schaffen, wenn mehrere Termine pro Woche stattfinden *lach*
    Die Freundin der Großen geht Montags schwimmen, hat Dienstag frei, Mittwoch nach der Schule noch AG, Nachmittags dann Reiten, Donnerstag Christenstunde und Samstag nochmal schwimmen…
    Gut, dass da keine Geschwister auch wohin wollen^^

    Meine Große hat Ergotherapie und Klettern/Bouldern… hat aber rausbekommen, dass an ihrer neuen Schule Blockflöte und Fußball angeboten werden, die ganzen anderen schönen AGs hat sie noch nicht entdeckt ^^ Ich will nicht zuviel Programm, es muss auch Zeit bleiben um draußen rumzustrolchen!
    Und ich will ja auch mal was mit ihr machen…

    Der Kleine hat bislang nur 2 mal Therapie die Woche, das reicht uns für einen 4 Jährigen…

    Generell merk ich aber, dass ich selber als Kind nicht in einen Verein konnte, Geld knapp und so…
    Ich möchte aber, dass meine Kinder was machen, am liebsten ein was sportliches und ein was musikalisches…dem einen Kind liegt musikalisch aber noch nicht und das andere ist aber bewegungstechnisch noch nicht ausgereift ^^ wir werden sehen wohin die Freizeitwege führen werden und hoffen, wir schaffen es, einen überschaubaren Terminkalender zu behalten und meine Erwartungen/Wünsche in ihre Grenzen zu halten *lach*

    Liebe Grüße

  • Dorthe sagt:

    Liebe Uta,
    die Tochter einer Bekannten geht seit einer Woche in die 5. einer Stadtteilschule. Ihr Lehrer war der Meinung, sie könnte auch das Pensum auf dem Gymnasium schaffen, müsste sich aber mehr reinhängen und lernen. Die Eltern haben sich gegen das Gymnasium entschieden, u.a. weil die Tochter halt ihre Hobbys hätte aufgeben müssen und die Schule so zu viel Gewicht bekäme. Ich find das eine tolle Entscheidung.
    Für die Lütte suche ich gerade einen Ersatz für das Eltern-Kind-Turnen (dafür ist sie langsam zu alt). Sie hat neben dem Turnen noch Spielgruppe (die sie auch für eine neue Turngruppe o.ä. nicht aufgeben möchte). Wenn neben diesen beiden Terminen noch Arzt oder Verabredungen kommen, ist die Woche voll. Manchmal ist das viel. Manchmal haben wir mehr freie Nachmittage. Die Phase mit den vielen Terminen soll in Zukunft noch weniger werden. Mal sehen, wie es klappt. Einmal die Woche ein „Sport-Termin“ wäre auch weiterhin sehr wichtig. Aber ich bin auch für weniger. Ist ja nicht nur für die Lütte stressig 😉
    Ach so, wir haben jetzt seit ein paar Wochen endlich eine Schaukel 🙂
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Frieda sagt:

    Wow, liebe Uta! Das Beste, was ich diese Woche gelesen (natürlich abgesehen von deinem Buch) – so viele wichtige Aussagen. Bitte in das nächste Buch aufnehmen!
    Momentan feiern der große Herzbube und ich jeden Nachmittag das große Nichts. Zeit, die wir seit der Elternzeit noch nie so hatten.
    Alle Nachmittage sind frei, wobei er immerhin bis drei Uhr in der Schule ist, also ein etwas eingeschränktes „frei“, nur freitags geht er zum Schwimmen. Wir lümmeln viel herum, fahren mit dem Rad im Stadtteil und er erzählt mir großartige Räuberpistolen und klettert auf Bäume.
    Leider muss der kleine Herzbube lange in der Kita bleiben, das ist momentan der große Preis, den wir zahlen.
    Liebe Grüße,
    Frieda

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