Digitale Diät

Wie feste Smartphone-Zeiten auch Jugendlichen helfen, wieder in den Flow zu kommen.

Am Wochenende saß ich für mehrere Stunden im Zug auf dem Weg nach Süddeutschland. Ich hatte mich auf die Bahnreise gefreut und wollte in aller Ruhe lesen. So der Vorsatz.

Kaum sitze ich im Zug, fange ich mit dem ersten Buch an. Allerdings zieht es mich nicht in seinen Bann. Also checke ich Emails, klicke mich ein wenig durch die Bloggerwelt, aber dann wird das Internet schlechter, ich schiebe das Handy in die Tasche, greife nach einem anderen Buch. Dann wieder Handy, mir einen Kaffee geholt, Whatsapp mit dem Kronprinzen (18) zu Hause, in der Süddeutschen über Waffenlieferungen der Bundesregierung nach Saudiarabien gelesen und mich empört. Zur Beruhigung ein „Bounty“ gebraucht und ein paar Seiten in Fräulein Ordnungs Büchlein „Sieben Tage für ein aufgeräumtes Leben“. Auf dem Handy ploppt wieder eine Nachricht auf. Die Thronfolger daheim finden das Kästchen mit der Nagelschere nicht. „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Kassel-Wilhelmshöhe ….“ Ich tippe die Nagelscheren-Antwort ins Smartphone, bekomme einen neuen Sitznachbarn, der nicht grüßt. Neuer Anlauf mit dem dicken Buch. Einen Wagen weiter gibt es einen Tumult. Die Zugführerin fragt, ob Polizisten an Bord sind. Polizistin? Nein, bin ich nicht, und auch sonst nicht wehrhaft. Nachdem die Nagelschere zu Hause gefunden wurde (dritte Whatsapp-Nachricht innerhalb von zehn Minuten) ist offensichtlich, dass ich völlig unbewaffnet reise. Ich werde bei dem Handgemenge in Wagen 28 keine Hilfe sein und zwinge mich weiter zu lesen.

Das Buch fängt an, mich zu interessieren. Es ist „Digitaler Burnout“ von Alexander Markowetz. Als Prophetin der Leichtigkeit kann ich Bücher, die warnen und uns eine düsterne Zukunft verheißen, überhaupt nicht leiden, deshalb lief es anfangs schleppend mit dem Werk. Aber bald erreichte ich Passagen, die mir wichtige Impulse für meinen Alltag gaben. Markowetz schreibt, dass wir im Schnitt 15 Minuten brauchen, um bei einer Arbeit in den berühmten „Flow“ zu kommen. 15 Minuten, um uns ganz in etwas zu versenken, die Welt zu vergessen und hoch konzentriert zu arbeiten. Flow eben. Wer das erreicht, sprüht vor Ideen, ist hochproduktiv und empfindet mitunter tiefe Freude.

Markowetz hat eine Erhebung gemacht und herausgefunden, dass intensive Smartphone-Nutzer alle 14 Minuten auf ihr Handy schauen, jugendliche Teilnehmer seiner Studie sogar noch schneller. Das bedeutet, sie können den ganzen Tag über so gut wie nie in einen Flow kommen. Sie kennen kaum das Gefühl, etwas wirklich zu durchdringen, den Rausch, eins zu sein mit ihrem Tun, beseelt davon, etwas aus sich selber schöpfen zu können. Wie schade!

Im Grunde ging es mir in der ersten Zeit an Bord des ICE 881 genauso. Je häufiger ich mein Smartphone in der Hoffnung auf Nachrichten von Zuhause oder Kommentare von euch entsperrte, desto unkonzentrierter und unzufriedener wurde ich. Plötzlich ging mir auf: auch im Alltag war es in letzter Zeit ähnlich. Seit ich mir angewöhnt hatte, Mails und Kommentare auch zwischendurch auf dem Smartphone zu checken (selbst beim Einkaufen – ich gestehe es), war ich abends müde und ausgelaugt.

Ja, man denkt: Es sind doch nur wenige Sekunden oder Minuten, die man braucht, um eine hereinkommende Nachricht zu lesen. Aber sie stoppen den Flow-Aufbau. Und die meisten Menschen brauchen wieder 15 Minuten, um in ihre ursprüngliche Aufgabe zurückzufinden.  Das bedeutet: jede noch so kleine Unterbrechung kostet mich jedes Mal mindestens 15 Minuten meiner produktiven Zeit. Und am Ende des Tages kann es sein, dass ich trotz stundenlanger Aktivität abends unzufrieden bin, weil da dieses Gefühl ist, irgendwie nichts so richtig auf die Reihe bekommen zu haben.

Warum machen wir das?

Alexander Markowetz erklärt:

„Wir schauen regelmäßig in unseren E-Mail-Account, nicht weil dort tatsächlich immer eine wichtige Nachricht ist, sondern weil sie dort sein könnte. Wir lesen unentwegt die Onlinenews, nicht weil es dort immer eine brisante Meldung gibt, sondern eben nur manchmal. Wir blättern durch die Profile bei Tinder, nicht weil wir zuverlässig eine Traumfrau nach der anderen entdecken, sondern weil sie sich vielleicht dort befindet.“ (Seite 38/39)

Ähnlich wie bei den Einarmigen Banditen in der Spielhölle löst erst die Möglichkeit, gewinnen zu können, die Dopamin-Ausschüttung und damit die Sucht aus. Würden die Spieler immer oder nie gewinnen, wäre der Kick weg. Auch der Absatz von Überraschungseiern ließe sich wahrscheinlich noch steigern, wenn nur gelegentlich ein kleines Geschenk darin zu finden wäre. Diese kleinen Kicks sind es also, die uns immer wieder nach dem Smartphone schielen lassen. Aber eben nur müde machende Kicks und keine tief empfundene Freunde, kein länger wärmendes Glück.

Um das wieder zu finden, empfiehlt Markowetz die „Pomodoro-Technik“: bei einer wichtigen Arbeit das Ziel formulieren, einen Wecker auf 25 Minuten einstellen, in dieser Zeit alle Ablenkungen ausschalten und nur an dieser einen (!) Aufgabe arbeiten. Danach fünf Minuten Pause. Wieder 25 Minuten konzentriert arbeiten. Nach vier solcher Einheiten eine Pause von 15 bis 20 Minuten einlegen.

So straffte ich mich in meinem ICE-Sessel, nutzte das Smartphone nur noch, um die Stoppuhr zu stellen, las in konzentrierten 25er Einheiten und kam beseelt von dem Buch, mit einer Liste neuer Ideen für meinen Arbeitsalltag und glücklich am Zielort an.

Zwischendurch fragte ich mich, wie ich auch unsere Kinder davon überzeugen könnte. Wie sehr wünschte ich mir, dass sie wahre Meister des Flow würden und im Leben ihr Glück fänden. Folgender Plan entstand auf der Innenseite des Buchdeckels:

  • Ich mache selber eine Digital-Diät. Denn wenn ich selber nicht Vorbild bin, brauche ich auch den Thronfolgern keine Vorträge zu halten.
  • Ich bearbeite Mails und Kommentare nur noch morgens vor der Arbeit, mittags nach der Arbeit und einmal am Abend. Dazwischen klemme ich alle online-Nachrichten-Kanäle ab.
  • Nach der Mail-Bearbeitung morgens fahre ich den Computer runter und starte ihn für das Schreiben oder andere Tätigkeiten neu. Das hat den Vorteil, dass das Mail-Fach inaktiv ist und das rote Feld nicht hochploppt, wenn eine neue Nachricht eingegangen ist. (Das rote Feld ist ein schlimmer Suchtfaktor, genau wie die Häkchen bei Whatsapp, ob jemand die Nachricht erhalten hat oder nicht.)
  • Ich erzähle meiner Familie von dem Buch, vor allem von den 15 Minuten, die es braucht, um in den Flow zu kommen.
  • Ich erzähle möglichst vielen Eltern davon, damit sie Zeit-Fenster einrichten, in denen sie sich ungestört ihren Kindern widmen oder zusammen eine Arbeit tun, bei der sie sich von nichts und niemandem stören lassen.

Immer fröhlich eine Digital-Diät ausprobieren.

Eure Uta

PS1: Für alle Hamburger! Am kommenden Donnerstag, 5. November, 19:30 Uhr lese ich im Café Lilla Loungen, Schenefelder Landstraße 185, aus meinem Buch.

Eintritt frei. Mit Buchverkauf.

PS2: Vielen Dank an den Droemer-Verlag, dass er mir ein Exemplar des „Digitalen Burnout“ zur Besprechung geschickt hat.

 

10 Kommentare

  • Dorthe sagt:

    Liebe Uta,
    sehr schön geschrieben. Ich kenne hier jemanden, der DRINGEND eine Digital-Diät braucht! Mit der Lütten spielen und dabei ständig whatsapp-Nachrichten bekommen, lesen und beantworten – das treibt mich zum Wahnsinn und uns regelmäßig in einen riesigen Familienstreit. Oder beim Spazierengehen schnell was googeln. Oder Siri fragen, wie das Wetter wohl ist … Boah! Mach doch einfach mal die Augen auf!
    Gestern Nachmittag hat er tatsächlich sein Handy zu Hause gelassen. Zum ersten Mal seit … seit … der Erfindung der Handys? Ich weiß es nicht. Wir haben uns unterhalten. Draußen. Das klingt jetzt nach nichts, ist für mich aber absolut viel, viel mehr 🙂
    Liebe Grüße,
    Dorthe
    PS: wegen der Lesung hast du eine Mail 🙁

  • Seifenfrau sagt:

    Hallo Uta,
    da fühle ich mich ja jetzt wieder mal ein bisschen ertappt….
    Bewusste digitale Pausen täten mir auch gut.
    (Und „anderen“ sowieso noch vieeeeel mehr…;-))
    Das ist interessant, dass man so lange braucht, um in den Flow zu kommen. Ja, wenn ich nachdenke, kann ich das irgendwie bestätigen.
    (Hust.)
    Dein Blog ist sehr anregend.
    Meistens lese ich alles mit Eifer zuende.

    Liebe Grüße!

  • Nicolle sagt:

    Liebe Uta,
    herzlichen Dank für diesen wunderbaren Text!
    Habe bereits begonnen, die Pomodoro (Hat das was mit Tomaten zu tun??)- Methode anzuwenden und siehe da, es scheint, als könne sie sogar hartnäckige Schreibblockaden zum Einsturz bringen …
    Bewundere Dich zudem für Deine Gelassenheit, die Du angesichts der Polizistensuche im Zug behalten hast. Ich hätte vermutlich die Notbremse gezogen oder mich im Klo eingesperrt …
    Auf bald und viele liebe Grüße,
    Nicolle

    • Uta sagt:

      Ja, es hat tatsächlich was mit Tomaten zu tun. Francesco Cirillo, der Student, der die Methode erfand, verwendete einen Küchenwecker in Form einer Tomate 🙂
      So schön, von dir zu hören! Ich freue mich sehr über deinen Kommentar! Liebe Grüße, Uta

  • Susanne sagt:

    Liebe Uta,
    danke – mal wieder schön auf den Punkt gebracht, was mir auch schon ständig verschwommen im Kopf wabert. Und die Info mit den 15 Minuten – Gold wert! Werde nach dem Mittagessen eine kleine spontane Familienkonferenz einberufen und aus deinem Blog zitieren … denn auch im Hause S. (HA – wer hätte das gedacht?!:)) tut immer wieder neues Überlegen gut.
    Ehrlich gesagt zieht mich das Thema Smartphone und digitale Welt an den meisten Tagen ziemlich runter, weil es mich stresst, mich und andere ständig deshalb reglementieren zu müssen. Schon das Wissen, wie sehr sich die Welt mit diesen Dingern bereits geändert hat und noch ändern wird, macht mich ganz depressiv. Noch mehr die Aussicht, dem Ganzen auch in der hintersten sibirischen Höhe nicht mehr entfliehen zu können…
    Um so dankbarer bin ich, wenn ich wie jetzt mal wieder eine klare Ansage an die Hand kriege, die Hintergrund hat und ausprobierwürdig ist. Auf dich ist eben Verlass. 🙂
    Lieben Gruß vom Handy 😛
    Susanne

    • Uta sagt:

      Ich hörte gestern von einer Familie, die ihren Sommerurlaub auf einem Bauernhof in Masuren verbrachte. Es gab zwar WLAN, aber auch eine Wirtin, die jeden Gast anherrschte, wenn er sich in digitalen Welten statt in analogen Weiden und Wiesen verlor. Da muss ich auch hin! Viele Grüße und danke fürs Schreiben! Uta

  • R. sagt:

    huhu,
    ich lese meine Mails nur am Laptop und nicht am Smartphone… und meine Freunde beschweren sich, dass es manchmal ewig dauert, bis ich Nachrichten auf dem Smartphone lese oder beantworte…
    Ich lege mein Smartphone auf den Schrank oder Tisch und dann kann es auch mal piepen (oder ich hab den Ton gar nicht erst an ^^) und mache, was ich machen möchte/muss…
    Meinem Mann prophezeie ich, dass er mal gegen einen Baum läuft, wenn er mit dem Hund draußen ist… denn selbst da liest er irgendwelche online news^^ und ich nutz es draußen in der regel nur, um Fotos zu machen ^^
    Fakt ist, dass mein Mann letztes Jahr komplett weggebrochen ist, alles zuviel war und dieses immer erreichbar sein müssen eine große Belastung zu Job, Freunden und Familie war…

    ABER man muss das auch erstmal lernen, dass man bewusst nicht erreichbar ist, die Hand nicht mit dem Smartphone verwachsen ist…

    Wir machen aber seit Jahren schon im Urlaub handyfrei…wir lassen das Smartphone von einem von uns gleich in der Unterkunft, das andere ist für den Notfall im Rucksack und da bleibt es auch… nur abends gucken wir nach Nachrichten.
    Das haben wir angefangen, als meine Arbeitskollegen meinten mich in Österreich wegen nix anrufen zu müssen (also nix, was nicht noch 10 Tage hätte warten können)
    Den ersten Tag ist das ungewohnt, aber dann ist es toll und man erlebt viel bewusster was um einen herum los ist.

    Auf der anderen Seite habe ich unterwegs eben auch das Smartphone mit… für den Fall, dass bei den Kindern in Schule oder Kindergarten irgendwas ist… wie haben das die Eltern nur früher gemacht? ^^ (und ehrlich muss ich sagen, dass in den ganzen Jahren nur 2 Mal was war)
    Und wenn ich dann Wartepausen habe, guck ich gerne auch ins whats app oder so ^^

    Liebe Grüße

    • Uta sagt:

      Ja, liebe R., da muss ich auch immer dran denken, dass unsere Eltern ja auch kein Handy hatten. Mein Smartphone hat jetzt häufiger mal Hausarrest. Danke für deine Erfahrungen und Gedanken! Viele Grüße, Uta

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