Meine Sundance-Anteile

Gedanken zur freien Entfaltung von Kindern und Jugendlichen

Mich hat jemand gefragt, wie er es denn bloß schaffen könne, sein „Kind zu drehen“, dass es sich endlich anders verhalte, andere Charaktereigenschaften an den Tag legen würde, eben anders sei.

Im Auto auf dem Weg nach Hause dachte ich, dass das Problem genau in der Frage liegt. Genau darin, diese Frage überhaupt zu stellen.

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Ich habe vergangene Woche im Internet ein Interview mit Ka Sundance gehört. Der Blogger und Coach reist mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zwischen 2 und 14 Jahren um die Welt. Die Kinder werden zu Hause unterrichtet. Und eine Unterrichtsstunde kann so aussehen, dass alle auf Kamelen durch die Wüste reiten. Das mit dem „Home-schooling“ wäre nicht unbedingt meins, aber ich war so beeindruckt, wie Ka Sundance (hier ist wohl der Name Programm) im Interview darauf beharrte, dass er seinen Kindern vertraue. Immer wieder wurde er gefragt, wie er es zum Beispiel bei den älteren Kindern mit Computerzeiten handhaben würde, welche Regeln oder Tipps er anderen Eltern mitgeben würde. Und beharrlich wiederholte er, dass sie so etwas nicht bräuchten. Gerade steckten seine Ältesten mit Freunden in einer „Minecraft“*-Phase. Stundenlang würden sie spielen und er, der Vater, mittendrin. Er, Sundance, sei sich sicher, dass bald auch wieder eine andere Phase käme, Surfen vielleicht. Und dann dürfe das auch sein. Sein Geheimnis sei ganz schlicht: er vertraue seinen Kindern, zeige ganz viel Interesse für das, was gerade bei ihnen dran sei, gebe Nähe und Freiheit. Wenn man das wage, würden ihre Leidenschaften förmlich explodieren und sie in ein Lernfieber geraten.

Die Begeisterung dieses Vaters hat mich so berauscht, dass ich, die ich gerade am Bügelbrett und nicht auf einem Surfbrett stand, lauter neue Kellerfalten in eine Bluse sengte.

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Tun dürfen, was gerade dran ist, sich voll dem widmen, was einen gerade interessiert und dabei Menschen zur Seite haben, die einen dabei unterstützen. Zum Glück waren die „Sundance“-Anteile in mir aktiviert, als ich mit Kronprinz (18) ein Gespräch über seine Interessen führte. Ihn plagten Gewissensbisse, weil er zum Beispiel seine gute Kamera schon länger nicht mehr genutzt hätte oder auch die Ölfarben, die wir besorgt hatten, als er in seiner Mal-Phase steckte. Ich sagte, dass ich schon immer fasziniert gewesen sei von seinen Begeisterungsschüben und dass es für mich schön sei, wenn immer wieder etwas Neues dran ist, und dass er das eine oder andere ja auch verkaufen könnte, um Geld für neu aufkommende Interessen zu haben.

Glaubt mir, ich war nicht immer so. Ich hatte auch Phasen, in den ich schimpfte, wenn wir gerade Tennisschuhe gekauft hatten und sie weniger später im Kellerregal verstaubten.

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Bei den Interviews des Pubertätsexpertenkongresses hat mir auch eine Bemerkung von Maria Kageaki gut gefallen.  Die Gesundheitsberaterin und Mutter von fünf Kindern (es gab auch Referenten mit weniger oder gar keinen Kindern!) meinte, dass man in der Pubertät Gespräche nicht forcieren dürfe, sondern sich möglichst oft für sie bereit halten sollte. Leider wollten Jugendliche meist nicht zwischen Schule und Abendbrot mit den Eltern sprechen, sondern eher mal gegen Mitternacht. Das habe ich auch schon erlebt. Da denkt man, man erfährt so gar nicht, was bei ihnen läuft („Ach, du hast heute Physik geschrieben. Das wusste ich gar nicht!“) und dann kommen sie von einer Party wieder und breiten ihr Seelenleben vor einem aus als wäre Mama „best friend for ever“.

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Beim Cafeteria-Dienst in der Schule kam ich mit einer Mutter ins Gespräch, die eine schöne Metapher für den Umgang mit ihren Kindern nutzt. „Zu Mascha habe ich immer gesagt“, erklärte sie und schob die Knoblauchbrote in den Ofen,  „Mascha, als deine Mama gebe ich dir einen Rahmen vor. Am Anfang war das ein enger Rahmen und im Laufe der Zeit wird der Rahmen immer größer. Das Bild darin darfst du selber gestalten, aber der Rahmen, das ist mein Job.“ Als Beispiel für ihre Rahmen-Handlungen nannte sie die Zeiten, die sie festsetzt, wann Mascha in welchem Alter zu Hause sein muss.

In vielen Familien entstehen Probleme deshalb, weil entweder der Rahmen fehlt oder die Eltern zu sehr ins Bild hineinpfuschen. Aber man, das ist auch echt eine Kunst!

Immer fröhlich unterstützen, was gerade „dran ist“ bei den Kids!

Eure Uta

PS: Wofür „brennen“ eure Kinder gerade?

* „Minecraft“ = beliebtes Computerspiel, in der man seine eigene Welt aus kleinen Würfeln selbst gestaltet, so eine Art digitales Lego

7 Kommentare

  • Frieda sagt:

    Liebe Uta,

    dein erster Absatz spricht mir aus der Seele, zu oft lese ich von der Konditionierung von (autistischen) Kindern, damit sie den Erwartungen der Umwelt entsprechen. Gruselig.
    Vor Medienabhängigkeit fürchte ich mich allerdings, aber das hat noch Zeit.
    Der große Herzbube hat neulich Geräte aussortiert und am nächsten Tag wieder mit einer Erkenntnis zurück geholt: „Ohne Geräte geht es mir nicht gut.“ Am Wochenende sagte er, dass es ihm noch besser ginge, wenn er Geräte auseinander schraubt.
    Der kleine Herzbube brennt richtig für Malen und Basteln, darin kann er sich lange verlieren. Heute habe ich ein mehrseitiges Werk mit eigenen Malereien und sorgsam getackerten Seiten bekommen. Ich liebe diese Kunstwerke und die ganze Leidenschaft, die darin steckt.
    Ansonsten steckt er voller Ehrgeiz und Begeisterung, Neues zu erlernen.

    Liebe Grüße,
    Frieda

    • Uta sagt:

      Liebe Frieda, ja, die getackerten Bilderbücher, herrlich! Und beeindruckend, wie der große Herzbube reflektiert, was ihm gut tut und was nicht. Lieben Dank fürs Schreiben und herzliche Grüße, Uta

  • Anette sagt:

    Liebe Uta,
    vielen Dank für Dein heutiges Thema . Immer wieder überschneiden sich Deine Gedanken mit meinen im wahren Leben.
    Ein schönes – wenn auch für uns gerade komplexes -Thema: „Fröhlich unterstützen, was gerade dran ist“.
    Unsere 15jährige wird seit einem halben Jahr von einer Depression begleitet.
    Den vergangenen Sommer hat sie – auf eigenen Wunsch – in der offenen Psychiatrie verbracht; überversorgt mit Medikamenten. Sie war in den tiefsten Tiefen. Mehr oder weniger fröhlich haben wir sie in dieser schweren Zeit unermüdlich unterstützt.

    Nun „brennt“ in ihr der Wunsch nach einem Hund. Psychotherapeutin und Psychiaterin halten dies für eine gute Idee – ohne uns Eltern vorher (fröhlich) ins Boot zu holen.
    Unsere Tochter ist fest überzeugt, dass ein Hund ihr Kraft geben kann, so dass sie die Schule wieder besuchen und abschließen kann. Gerade eben zeigte sie mir eine „arme Socke“; blind, mit ernährungsbedingtem Hautausschlag und Schilddrüsenerkrankung, derzeit noch im Ausland.
    Nun ist unsere Tochter der Meinung, dass sie sich vorwiegend allein um einen – bzw. diesen… – Hund kümmern könnte. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir Eltern uns mehrzeitlich – immer im Einsatz und fröhlich! – um die Tiere (in der Vergangenheit Kaninchen, danach Ratten) kümmerten. Derzeit erfreuen uns in zwei Käfigen (jeweils groß wie ein Schrank) drei von den kleinen Nagern.

    Tiere sind für uns keine Austauschmodelle, nicht vergleichbar mit PC-Spielen, die man auf dem Flohmarkt verkaufen kann.
    In unserer Familie gibt es keine Hundeerfahrung, weder mit gesunden noch mit gesundheitlich beeinträchtigten Hunden.
    Natürlich möchten wir, dass es unserer Tochter wieder gut geht. Ein Hund ist jedoch keine Ratte: Das ist unser verantwortungsvolles und gar nicht einfach-fröhliches Dilemma mit zwei berufstätigen Elternteilen …

    Liebe Grüße,
    Anette

    …und nein: Einen Hund zum Ausführen finden wir nicht … in der Vergangenheit bereits versucht…

  • Uta sagt:

    Liebe Anette,

    über den Satz „ohne uns Eltern vorher (fröhlich) ins Boot zu holen“ musste ich sehr lachen, auch wenn das Thema ja weniger zum Lachen ist. Vielen Dank, dass du so tapfer über euer „nicht einfach-fröhliches Dilemma“ geschrieben hast.
    Ganz herzlichen Dank und alles Gute für euch! Uta

  • Die Steffi Fee sagt:

    Bei uns brennt der Große für Minecraft (er darf aber täglich nur eine Stunde seine Welten bauen) – er baut für uns alle eigenen „Luxusvillen“ und Achterbahnen und und und. Voller Begeisterung + Stolz zeigt er uns, was er gebaut hat (aber eigentlich finde ich es höchstens halb so spannend wie er…)
    Der Kleine ist im StarWars- Fieber, ohne jemals auch nur eine einzige Minute davon gesehen zu haben. Aber es geht gerade im Kindergarten rum, alle haben diese Sammelbildchen und es wird nur noch gekämpft mit selbstgebauten Lichtschwertern aus Pappröhren.
    Das Poster, das dem Sammelalbum beilag wurde sofort im Kinderzimmer aufgehängt. Heute morgen musste ich es abhängen, weil Junior Angst vor Yoda und Co. hatte.
    Die Mittelmädchen liebt gerade Meerjungfrauen und wartet voller Sehnsucht darauf, dass das Christkind ihr ein Kostüm bringt, aber bitte mit Muschelbikini-Oberteil! Die Weihnachtswichtelmama sitzt also abends vor Pinterest und sucht nach Schnittmustern und Anleitungen.
    Manche Leidenschaften unterstütze ich mehr als andere, zugegeben.
    Es grüßt Die SteffiFee

  • Lolo sagt:

    uuuh,,dann hab ich von allem das Schlimmste gezogen: Star wars UND minecraft!???? Ja, der Große, 91/2, steht da grad voll drauf – drei Stunden pro Woche wollten wir ihm geben, aber nur,,wenn die Hausaufgaben fertig sind. Leider teödelt er so rum, dass er nicht bis dahin kommt. So wichtig kanns dann nicht sein hab ich mir im Stillen gedacht. Er liest stundenlang, bevor er mal Hausis macht. Oh, das kann auch nerven – also lesen ist toll, nur naja das Zeitmanagement ungünstig. Möge die Phase bald vergehen und das Lesen einen günstigeren Platz finden! Zu Weihnachten hat er Lesen und minecraft vereint und wünscht sich alle Anleitungsbücher.

    Alles Liebe Lolo

  • Lotti sagt:

    Danke Uta für deine vielen schönen Artikel! Auch diesen!
    Deinen wohlwollender-vertrauender Blick auf Kinder und Jugendliche finde ich inspirierend! Immer wieder schön zu lesen!

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