Im Netzstrumpf neben dem Auto

Mit Ritualen eine warme Basis schaffen.

Wir waren gestern auf dem Land bei Kartoffel-Willi einen Weihnachtsbaum schlagen, nein, motorsägen. Seit 11 oder 12 Jahren fahren wir dorthin: die Nachbarn mit ihren zwei Kindern und dem Hund und wir vier von der Katzenklo-Familie. Ihr dürft euch keinen idyllischen Wald vorstellen, sondern eine Nordmann-Tannen-Monokultur. Beide Familien schwärmen aus und es gibt einen internen Wettbewerb, wer die schönere Tanne findet. Für die Ehen ist das ein kleiner Belastungstest („Nein, auch wenn du die Fülle unten wegnimmst und oben Zweige in vorgebohrte Löcher steckst, wird aus dieser Missgeburt kein Weihnachtsbaum!“), aber wenn wir alle lange genug über die Stümpfe von den Vorjahren gestolpert sind, haben beide Familien schließlich eine grüne Tannenwurst in einem Netzstrumpf neben dem Auto liegen. Dann gibt es noch „Thüringer“ und Glühwein in Kartoffel Willis neuer Holzhütte, Wurstschießen mit einem Luftgewehr und wir fahren auf der Autobahn wieder nach Hause: die Nachbarn mit beiden Tannen im Jeep und wir mit den Kindern und dem Hund hinterher.

Als ich gestern mit dem Glühweinbecher in der vertrauten Runde stand, musste ich denken, wie sehr ich dieses Ritual liebe. Angefangen hat es, als die Kinder noch in Schneeanzügen steckten und wir sie in Hockhaltung übers Unterholz hielten, wenn sie mal mussten. Heute stehen sie mit uns in der Holzhütte. Zwei von ihnen fahren jetzt selber Auto. Und wenn wir Schlange stehen vor dem Grill, sieht jeder, dass ich inzwischen die Kleinste bin.

Nicht immer sind alle mitgefahren. Gestern wollte Prinzessin (14) lieber zu Hause bleiben. In den Vorjahren waren auch die Nachbarskinder mal verhindert. Dann haben wir zwischendurch eine andere Schonung ausprobiert, sind aber doch wieder zu Kartoffel-Willi zurückgekehrt.

Wir halten eisern fest an unserem Ritual. Und gestern musste ich denken: ja, das gibt einem Halt in einer Welt, die morgen schon wieder auf dem Kopf stehen kann. Fühlt man sich anfangs mit kleinen Kindern noch wie ein Satellit der Ursprungsfamilie und rangelt mit dem Partner, welche Traditionen sich durchsetzen dürfen („Wie? Ihr esst Kekse schon vor dem 1. Advent? Bei uns lagen sie erst Heiligabend auf dem Teller! “ Es folgte ein sehr unheiliges Rechthaben über familiäre Weihnachtsgepflogenheiten.) Wo war ich? Ach, ich wollte sagen, dass wir inzwischen unsere ganz eigenen Weihnachtstraditionen haben. Dass wir jetzt die warme Basis sind und die Kinder langsam zu Satelliten werden. Das mit der warmen Basis gibt mir ein gutes Gefühl.

Was habt ihr für ganz eigene Rituale entwickelt? Oder braucht ihr das gar nicht? Was gibt euch Halt?

Fröhliche Grüße (auch ein Ritual)

Eure Uta

11 Kommentare

  • Anett sagt:

    „Dass wir jetzt die warme Basis sind und die Kinder langsam zu Satelliten werden. Das mit der warmen Basis gibt mir ein gutes Gefühl.“ … oh yes!! Wenn ich es mal von dieser Seite betrachte, wird mir erst wieder bewusst, wie sehr wir die Kindheit unserer Kinder mitgestalten. Die großen Reibereien darum, wie es Weihnachten zugehen soll, haben wir schon eine Weile hinter uns. Und so langsam breitet sich Sicherheit aus – so ist es bei uns zu Weihnachten. Und so wollen wir das auch – wir alle. Danke für deine Worte – sie machen aus „immer-das-gleiche“ ein warmes Ritual.

  • R. sagt:

    huhu,
    also bei uns gibt es tatsächlich erst ab dem 1. Adventswochenende Weihnachtssüßkram und Kekse- davor weigere ich mich! ^^
    Und an dem Wochenende wird auch erst geschmückt. Da werden die Dekokisten vom Dachboden geholt (in denen auch die ganzen Weihnachts-CDs liegen), CDs gehört, es gibt Kakao mit Schlagsahne und Zimt obendrauf….

    Ein Ritual, was im Umbruch ist, ist das Weihnachtsessen…. bei meinem Mann gab es immer Kartoffelsalat mit Würstchen, in meiner Familie immer was anderes… Aber Kartoffelsalat finde ich so unweihnachtlich… Wir versuchten den Kindern Serviettenkloß, Rotkohl und Gulasch schmackhaft zu machen- Fehlanzeige! Im Jahr drauf wieder überlegt und Heiligabend beim Gemotze der Kinder festgestellt dass wir die Kombination Serviettenkloß, Gulasch und Rotkohl doch schon probiert hatten *lach*
    Nun fragte ich am Wochenende die Kinder, was sie denn für Vorschläge hätten für Heiligabend:
    Die Große (8) ruft: Pizza!!!!
    Der Kleine (5) kreischt los: Nein, Pizza ist eklig! Ich will HotDogs!

    Wir suchen also noch ein Traditionsweihnachtsessen, was allen schmeckt und mir festlich genug ist *grins*

    Und seitdem wir hier am Stadtrand wohnen fahren wir unseren Baum auch gemeinsam holen… manchmal mit Freunden gemeinsam, manchmal auch alleine…letztes jahr hatten wir einen neuen Standort für den Baum, der konnte also richtig groß werden… weil alle mitwollten/sollten sind wir mit beiden Autos gefahren, weil so ein großer Baum ja kaum mit 2 Kindersitzen ins Auto passt etc.
    Haha, wir hatten die Größe vom Auto gewaltig unterschätzt und hätten auch alle zusammen in ein AUto gepasst ^^
    Dieses Jahr haben wir ein neues Auto, aber es wird passen und wir fahren alle zusammen in einem Auto!

    Geschmückt wird der Baum hier immer am 23. Dezember…

    also ja, es gibt ein paar Traditionen, auf manche freue ich mich auch immer so richtig! Manche sind mir persönlich nicht so wichtig, von mir aus könnte der Baum auch schon am 22. gecshmückt werden, aber da ist mein Mann pingelig, der wiederrum auch schon im November stollen essen würde… ich denke wir haben für uns als Familie die richtigen Traditionen gefunden, außer beim Essen, da suchen wir noch ^^

    Und was wir am allerliebsten und schönsten finden: Wenn die Kinder Heiligabend zufrieden in ihren Betten schlummern, dann setzen wir uns mit warmen Kakao auf die Terrasse und genießen die Ruhe und Stille, weil alle Leute drinnen in ihren Häusern sind…. das haben wir schon vor den Kindern in unserer ersten gemeinsamen Wohnung so gemacht und das ist herrlich! Wenns dann noch schneit…

    Liebe Grüße!

    • Uta sagt:

      Liebe R., danke für den tollen Bericht! Das ist ja lustig, dass ihr an Heiligabend noch draußen auf der Terrasse sitzt. Die große Essensfrage haben wir gelöst mit unserem „Büfett der Lieblingsspeisen“. Jeder darf sich für den Weihnachtsabend eine Speise wünschen. Die Kombination ist für viele Leute wahrscheinlich sehr unweihnachtlich, aber für uns gehört sie dazu wie Krippe und Baum: also Kartoffelsalat und Würstchen (mein Mann), Mini-Pizzen (die Kinder), eingelegtes Gemüse, Vitello Tonnato (ich), Schafkäse-Zigarren (Kronprinz), Eis (Prinzessin), Tiramisu (ich), Kaffee und Lebkuchen und Kekse (wir alle). Alles lässt sich vorbereiten bzw. kaufen, deshalb ist es auch so stressfrei. Liebe Grüße, Uta

  • Dorthe sagt:

    Liebe Uta,
    ich liebe solche Rituale und brauche sie, brauche Beständigkeit. Ich merke immer wieder, dass ich sonst wahnsinnig werde.
    Wir kreisen allerdings noch als Satelliten um die Ursprungsfamilie (schönes Bild übrigens). Und eigentlich immer um meine. Die Familie des Mannes hatte da selbst einfach nicht so viele Rituale. Gerade an Weihnachten sind wir also selbst als Kinder bei meinen Eltern und alles ist so wie früher. Das brauche ich auch irgendwie. Meine Schwester feiert schon länger ihr eigenes Weihnachten. Für mich fühlt es sich noch aber gut an bei meinen Eltern. Ich kann mir gar nicht richtig vorstellen, dass der Mann, die Lütte und ich mal unser eigenes Weihnachten haben. Ohne Helgoland und alles. Aber trotzdem wäre es bestimmt wichtig. Schließlich sind wir eine eigene kleine Familie und ich müsste mich wohl mal von der Basis lösen, um selbst eine zu werden…
    Mal sehen, in diesem Jahr freuen wir uns auf jeden Fall wieder riesig auf Helgoland!
    Danke Uta! Liebe Grüße, Dorthe

    • Uta sagt:

      Liebe Dorthe, der Satz „ich müsste mich wohl mal von der Basis lösen, um selbst eine zu werden…“ ist herrlich. Wenn man aber Eltern auf Helgoland hat, ist man wahrscheinlich länger Satellit. Draußen tobt der Wintersturm, ein oder zwei Schiffe sieht man nur als schaukelnde Lichter, drinnen wärmt ein Glas Grog die Finger, am Tannenbaum hängt noch ein wenig Seetang … mir geht die Phantasie durch, aber ich stelle es mir sehr romantisch vor. Woher kommen eigentlich auf Helgoland die Tannenbäume? Liebe Grüße, Uta

  • Antje sagt:

    Hallo Uta! Die Weihnachtszeit ist eine gute Gelegenheit, einmal „Danke“ zu sagen für deine immer so entspannte und erfrischende Sicht auf den ganz normalen Familienwahnsinn.
    Unsere Weihnachtsrituale sind gerade im Umbruch – wir sind im Sommer mit unseren zwei jüngeren Kindern in die USA umgezogen. Neben unserem ganzen Weihnachtskram, der ein Stück weit auch wie eine Baumscheibe unserer Familienleben widerspiegelt, ist auch unser ältester Sohn in Deutschland geblieben. Es wird sich definitiv anders anfühlen dieses Jahr…
    Die Kinder (14 und 16) wünschen sich hier ein „echt amerikanische bling-bling Weihnachten“, wir werden sehen. Zwei Weihnachtstraditionen, die wir auch hier gerne weiterführen würden:
    Wir sind an jedem 24.12. morgens frühstücken gegangen, und zwar in einer Shopping mall – da haben wir dann gestresste Ehemänner mit Douglas oder Christ Tüte gezählt ( beides an einem Gatten gibt doppelte Punkte)…
    Und wir haben jedes Jahr, meist im Herbsturlaub, zusammen einen neuen Baumanhänger ausgesucht, in der Regel ein eher schräges Teil, da die Kinder in der Überzahl waren. Wir haben Ort und Jahr draufgeschrieben und beim Baumschmücken immer viele „weisst-du-noch…“-Momente gehabt…
    Liebe Grüße aus Michigan,
    Antje

  • Gesa sagt:

    Rituale.. auch bei pekip.. mit meinem Sohn saß ich vor kurzem in einer neu gefundenen, fröhlichen pekip Runde. Vorstellung. Guten Tag, ich heiße Gesa, bin 39, das ist Leevi und ich habe drei weitere Kinder. Die Nächste- ich bin Katrin und meine Frau und ich haben unseren zweiten Sohn. Die Dritte, Hallo, das ist Pelle und er ist nicht mein Sohn, ich bin die Tagesmutter in Vollzeit. Folgend, Hallo ich bin Saskia, 20, und das ist Jules mein erster Sohn…
    Kurz musste ich daran denken, was meine Großmutter wohl dazu gesagt hätte, dass es Babykurse gibt an denen gleichgeschlechtliche Frauen und Kindermädchen neben Spätgebärenden und alleinerziehenden Jungmüttern teilnehmen. Ich denke es ist ein riesiges Geschenk, heute leben zu können und sich weitestgehend sein Leben auszusuchen und quitschbunt zu machen.
    Und egal wie anders das Leben der Frauen dort im Kurs ist, jede freut sich auf das Ritual, mittwochs zum pekip zu kommen, um mit den Kinder Spaß zu haben.

  • tanja sagt:

    Liebe Uta, dieses Post hat mich sehr berührt. Schön ist eure Tradition! Wir feiern in diesem Jahr das erste mal ohne meinen Vater, dafür kommt aber meine Mutter das erste mal heilig Abend zu uns. So das wir zu acht sein werden, von der Uroma an (88) bis hin zu unseren nästhäckchen (1) unser Baum wurde wie immer heute geschmückt und es ist so schön zu sehen wie die großen Mädels (12 u.10) die kleine mit Begeisterung anstecken.
    Ich wünsche dir und deinen lieben ein schönes friedliches und gesundes Weihnachtsfest. Und freue mich schon auf deine neuen Artikel.

    Liebe Grüße
    Tanja

  • Toni sagt:

    Liebe Uta, endlich bin ich mal wieder dazu gekommen, in deinem Blog zu stöbern! Ich finde die Tradition auch ganz toll und kann es gar nicht mehr abwarten, dieses Jahr wieder mit dabei zu sein!
    Ich war mal wieder begeistert von deiner schönen Schreibweise, musste zwischendurch echt lachen und freue mich jetzt noch mehr, euch alle bald (in 2 Monaten) wiederzusehen!!! Alles alles Liebe von Toni

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