Mein Weihnachten als Kind

Wie man als Kind die Stunden bis zur Bescherung herumbringt und mit dem Spaniel unter der Wohnzimmertür schnüffelt. Denn nie ist ein Tag so lang wie der, der Heiligabend heißt.

Weihnachten ist für mich ein bestimmter Duft, ein kühler Hauch von Tanne und selbst gemachtem Rosenwasser-Marzipan. So einen Duft kann dir niemand auf ein Kärtchen sprühen, damit fächeln und „Es weihnachtet“ rufen.

Diesen köstlichen Duft gab es nur bei mir zu Hause. Und es gab ihn nie wieder. Er wehte unter der abgeschlossenen Wohnzimmertür in unserem Mittelreihenhaus. Meine Puppe Fabiola, deren Haare grün waren, seit ich sie mit Schuppenshampoo gewaschen hatte, das „Schlummerle“ mit der Blinddarmnaht und Ben, der Bär – sie alle lagen bäuchlings vor der Tür und mussten mit mir den Duft einsaugen. Und alle, die vorbei kamen, mussten sich auch auf den Perser legen und sagen, dass es Weihnachten so riechen muss. Genau so.

Bei uns zu Hause brachte das Christkind die Geschenke. Deshalb auch die kühle Zugluft unter der Tür. So knapp vor der Bescherung stand das kleinere der beiden Wohnzimmerfenster offen. Da war ich mir sicher. Zwar war das Fenster immer geschlossen, wenn ich auf die Straße rannte. Aber bestimmt stand das Christkind auf einem Mauervorsprung und presste sich an die Wand, dass die Flügel schmerzten. Und wenn ich zurück lief und drinnen vor die verschlossene Tür robbte, war da wieder diese heilige Zugluft.

Der Hund kam auch vorbei und schnüffelte. Aber das war eher so ein Kaninchen-Bau-Schnüffeln. Nichts Feierliches. Er stand auf Apfelsinen. Deshalb musste er von Zeit zu Zeit prüfen, ob das Christkind mit Zitrusfrüchten gelandet war. Das erste Jahr mit dem halben Kringel Fleischwurst war ein Flop, deshalb brachte es dem Hund jetzt eine Apfelsine. Die lag dann geschält auf einem Teller vor der Krippe. Und weil der Cockerspaniel – wie wir alle – auf die Bescherung warten musste, bis das letzte Lied gesungen war, tropfte bei jeder Strophe etwas mehr Speichel auf den Teppich. Spanielspeichel, versteht sich. Wir anderen konnten an uns halten.

Der Tag heißt „Heiligabend“ und das ist für ein Kind eine ganz schlimme Verzerrung der Tatsachen. Denn dieser Tag ist der einzige Tag im Jahr, an dem es nie Abend werden will.

Zwanzigmal den Duft gerochen, die letzten Geschenke gebastelt, von den Schinkenröllchen genascht, die Strumpfhose hochgezogen, deren Schritt nie da hängt, wo er hingehört. Noch ein Geschenk für die Geschwister gebastelt. Für meinen Vater die Krawatte eingepackt, die ich in der Schule gestrickt hatte. Viel Tesafilm musste ich verkleben, weil die Krawatte so stramm gestrickt war, dass sie immer wieder aus der Schachtel federte.

Oma kam und die beiden unverheirateten Großtanten. Alle im schwarzen Persianer. Weihrauch von der Christmette hing noch in ihren Seidentüchern und das unvermeidliche „Tosca“, das mindestens eine von ihnen benutzte.

Gegessen werden musste auch noch. Und es musste – zum alljährlichen Entzücken der Persianer-Fraktion – Block-Flöte gespielt werden. Alles vor der Tür der Türen, die immer noch verschlossen war. „Kommet ihr Hirten“, „Zu Bethlehem geboren“, das ganze Programm. Dass „Tochter Zion“ diese Längen hat, war für den Spaniel und mich eine Qual.

Aber irgendwann trat meine Mutter mit dem Schlüssel an die Wohnzimmertür und sagte, sie müsse gucken, ob das Christkind überhaupt da gewesen sei. Die Blockflöten wurden weggestopft, Oma guckte verschwörerisch. Der Stummelschwanz vom Spaniel wischte in höchster Frequenz über das Parkett.

Das Klingeln eines Glöckchens kam aus der Tiefe des Wohnzimmers. Wir durften eintreten: der Hund, die Kleinste (das war ich), die drei Schwestern, die Persianer-Fraktion, mein Vater. Alle schoben durch die schmale Tür, die 24 Stunden verschlossen war.

Welch ein Glanz, welch ein Duft, und überall Kerzen und bunte Päckchen. Die Zweige der Tanne reichten bis über die Krippe. Da kniete Maria im Stall und ihr blaues Gewand ergoss sich auf das Moos mit den Schafen darauf.

Selig saß ich zwischen den Rollschuhen und den neuen Puppenmöbeln, die ich bekommen hatte. Der Hund leckte den Apfelsinensaft vom Teller. Ich sah zum kleinen Wohnzimmerfenster hinüber. Nichts klapperte, nichts wehte. Kein Flügel eingeklemmt. Bis zum nächsten Jahr.

 

Mit dieser Geschichte über mein Weihnachten früher zu Hause möchte ich euch ein wunderschönes Fest wünschen.

Vielen Dank meinen Leserinnen und Lesern für all die netten Rückmeldungen und eigenen Geschichten, die ihr mir 2015 gesendet habt!

Und vielen Dank an die Blogger-Kolleginnen, die mein Buch auf ihrer Seite besprochen und gewürdigt haben. Ich konnte und kann es kaum fassen, wie positiv ihr mein Werk aufgenommen habt. Mit eurer Hilfe war die Resonanz so groß, dass schon die zweite Auflage erscheinen konnte. Vielen Dank für euren Zuspruch und eure Unterstützung! 

Immer fröhlich Weihnachten feiern!

Eure Uta

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