Irgendwie gut durchs Leben

Wenn Kinder unter unserem Optimierungsdruck leiden.

Vor Wochen hatte ich für Prinzessin (15) einen Kontrolltermin bei unserer Zahnärztin ausgemacht. Am Vorabend sagte sie mir, sie würde das alles nicht schaffen: bis drei Uhr Schule, später Nachhilfe, dann lernen für die Französisch-Arbeit am anderen Tag. In der Regel würde ich sagen: „Du weißt seit Tagen von der Klassenarbeit und seit Wochen von dem Zahnarzttermin. Da hätte man sich ja vielleicht mal darauf vorbereiten können.“

Sie fing an zu überlegen, wie sie ein Ausfallhonorar für die Zahnärztin zusammenkratzen könnte, wollte dem Nachhilfe-Lehrer schreiben und um Aufschub bitten und sah total gestresst aus.

„Ach, komm“, dachte ich, „das ist es doch alles nicht wert!“ Ich sagte Prinzessin, dass ich am anderen Tag mit der Zahnärztin telefonieren würde und sie sich keine Sorgen machen solle. Sichtlich erleichtert ging sie schlafen.

Meine Reaktion ist einem Interview zu verdanken, das der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort dem „Spiegel“ (aktuelles Heft) gegeben hat. An einer Stelle sagt er:

„In den meisten Familien herrscht das Gefühl dauerhafter Anstrengung vor. Es spiegelt sich auch in den Fallzahlen wider: Psychische Störungen kommen heute bei Kindern insgesamt nicht häufiger vor als vor zehn Jahren, die Zahl der Erschöpfungsdepressionen und Schmerzsyndrome bei Kindern aber hat zugenommen.“ (Der Spiegel, Nr. 8/20.2.2016, Seite 59)

Schulte-Markwort beschreibt, wie sehr Kinder heute unter Optimierungsdruck stünden. Von fast allen wird erwartet, dass sie Abitur machen und studieren. Alles darunter wird mit der Vorstellung verbunden, das eigene Kind werde sozial abgehängt, verliere den Anschluss. „Die Kinder wachsen mit der Vorgabe auf,“ so der Klinikleiter, „dass Leistungssteigerung für ihr Leben enorm wichtig ist. Dadurch bekommen sie das Gefühl, nie zu genügen.“

„Nie zu genügen.“ Eine schlimmere Hypothek kann man Kindern nicht mit auf dem Weg geben. Das Gefühl, dass es nie ausreicht, so zu sein, wie man ist, ist der Auslöser für Burnout und Depressionen schlechthin.

Noch einmal Schulte-Markwort:

„Zahlreiche Mütter und Väter haben tatsächlich das Vertrauen verloren, dass ihr Kind schon irgendwie gut durchs Leben kommen wird. Also versuchen sie mit maximalem Einsatz, diesen Mangel an Zuversicht auszugleichen …“

Das ist eine unheilige Kombination: die Erfahrung, kaum etwas alleine auf die Reihe zu bekommen, und kein Vertrauen von den Menschen, die einem am wichtigsten sind.

Was hilft?

  • Genau hinschauen und sich wieder mehr auf die eigene Intuition als Mutter oder Vater verlassen: Ist mein Kind vielleicht permanent überfordert (oder unterfordert)? Passt die Schulform? Hat es dort die Chance, Erfolgserlebnisse zu erzielen?
  • Nehmen wir die Schule vielleicht zu wichtig? Wird unser Kind womöglich glücklicher, wenn es nicht studiert, sondern eine Ausbildung macht?
  • Wer ist unser Kind? Wann erleben wir es befreit und im Flow? Wann ist es unbeschwert? Wo kann es Kraft tanken?
  • Das Kind fragen: Welche Unterstützung wünscht du dir von mir?
  • Ruhe bewahren! Vielleicht handelt es sich nur um einen entwicklungsbedingten Durchhänger (gerne in der Hochphase der Pubertät). Nicht noch mehr Druck aufbauen, sondern sich im Kalender in acht Wochen eine Notiz machen, dass man über das Thema noch einmal spricht. Hat sich etwas verändert? Haben wir neue Ideen, wie wir unser Kind wirksam unterstützen können?
  • Michael Schulte-Markwort fragt seine Patienten oft nach den „Quellen ihrer Freude“ und die Familien nach „Inseln der Gemeinsamkeiten“. Viele seien so ausgebrannt, dass sie auf diese Frage nur mit den Schultern zucken könnten. Dabei sei es wichtig, dass man gemeinsam etwas habe, aus dem man Kraft und Zuversicht tanken könne.

 

Kraftquelle Katze

Kraftquelle Katze

 

Wie nehmt ihr Stress aus dem Familienleben? Was sind eure „Quellen der Freude“?

Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick halten.

Eure Uta

PS1: Ich danke der netten Zahnarzthelferin für ihr Verständnis und ihre guten Wünsche für die Französisch-Arbeit.

PS2: Ich danke meinem Mann für sein Vertrauen in unsere Kinder. Wie häufig sagt er Sätze wie: „Ich bin so sicher, dass der Kronprinz seinen Weg gehen wird.“ – „Über Prinzessin mache ich mir gar keine Sorgen. Mit ihrer gewinnenden Art wird sie sich durchsetzen.“ Glaubt mir, das ist die halbe Miete!

 

 

 

 

13 Kommentare

  • Daniela sagt:

    Hallo,

    was für ein toller Beitrag du da geschrieben hast, es ist mitten aus meinem Herzen, wie selten dürfen noch Kinder Kinder sein, und wie hoch ist in der heutigen Zeit der Leistungsdruck von den Eltern an die Kinder.
    Habe es schon so oft von Freundinnen meiner Kinder mitbekommen.
    Wir selber haben hier ein besonderes Kind, das mit fast 10 Jahren gerade so mal lesen kann, aber auch er wird seinen Weg gehen. Bei ihm sind wir froh, dass er überhaupt lebt. Ihc finde es für die Zukunft meiner 4 Kinder wichtig, dass sie mal einen Beruf haben, den sie mit Herzblut und Freude ausüben, egal was sie machen.
    Viele Grüße
    Daniela

    • Uta sagt:

      Liebe Daniela, ich bin so dankbar für deinen Satz „Bei ihm sind wir froh, dass er überhaupt lebt“. Das bringt doch alles in das richtige Maß. Viele Grüße, Uta

  • Frieda sagt:

    Liebe Uta,

    du hast wieder ein Glanzstück geschafft. Gut gemacht!
    Das Gefühl, nicht zu genügen, kenne ich zu gut. Es wurde mir nicht aktiv vermittelt, ich habe es eher für mich so erschlossen. In meiner Familie ist den Frauen vor allem Schlanksein wichtig und dieses Ziel wird teilweise auch krankhaft verfolgt, ein männlicher Part verfolgt mit seiner Hochintelligenz in allen Bereichen intelektuelle und anspruchsvolle Pfade. Ich bin weder schlank noch außergewöhnlich intelligent. Und obwohl mir meine Eltern immer Vertrauen in mein Tun gegeben haben, habe ich noch heute das Gefühl, nicht zu genügen (Burnout inklusive).
    Was meine eigenen Herzbuben angeht, denke ich wie Daniela. Auch unser großer Herzbube wird mit Glück in der 3. Klasse lesen. Sein besonderes Sein nimmt mir und den Herzbuben den Druck, dass sie immer besser, schneller, höher, weiter sein müssen. Ich kann sie leichter lassen. Wobei beim Fußballtraining immer die Pferde mit mir durchgehen, das ist aber erblich bedingt. 😉
    Neulich erzählte mir eine Freundin vom Lernentwicklungsgespräch mit der Lehrerin ihrer Tochter (1. Klasse). Die Lehrerin berichtete von außergewöhnlichen Versagensängsten des Mädchens und dass sich diese enorm unter Druck setzen würde. Das hätte ein Ausmaß, das die Lehrerin so noch nicht erlebt habe. Vielleicht Folge des Zwanges, ein Musikinstrument erlernen zu müssen, der allabendlichen Schwimmtrockenübungen im Kinderzimmer, damit das Seepferdchen so schnell wie möglich geschafft wird. Auf jeden Fall traurig.
    Kraftquelle für uns ist eindeutig Zeit. Und für die Herzbuben momentan vorlesen. Wenn wir nachmittags gemeinsam auf dem Sitzsack liegen und kuscheln und lesen – das genießen sie ungemein.
    Liebe Grüße,
    Frieda

  • Miriam sagt:

    Habe inspiriert von Jesper Juul, angefangen eine halbe Stunde täglich mit meiner Tochter zu spielen.
    Es ist nicht so, dass ich nicht mit ihr gespielt habe vorher, nur habe ich nebenbei Haushalt gemacht und Einkaufsliste geschrieben oder sonst Wichtiges erledigt. Gar nicht aus Bosheit, das war mir gar nicht bewusst.
    Jetzt stellen wir uns, wann immer es geht, einen Wecker für 1/2 Stunde (manchmal gehen auch nur 10 Minuten, aber die gehören dann ihr) und spielen „Playmo“ (Playmobil).
    Sie ist jetzt geradezu süchtig nach Playmobil und bittet mich immer und immer wieder mit ihr zu spielen. Das ist wohl gerade unsere „Quelle der Freude“.
    Morgen werde ich mal gar nichts ausmachen, damit wir ausreichend Zeit haben für Playmo…
    Ich finde es erstaunlich, wie viel ihr dieses wenige anscheinend gibt.
    Und auch erstaunlich dass ich überhaupt so gut mit ihr spielen kann – dachte das kann nur der Papa so gut. Habe gar nicht gemerkt, dass ich durch Haushalt und „To-Do´s“ abgelenkt war…

  • Uta sagt:

    „Ich finde es erstaunlich, wie viel ihr dieses wenige anscheinend gibt.“ Das ist doch toll, Miriam, oder? Wie schön, dass du davon berichtet hast. Und wie schön, dass Playmo auch eine Quelle der Freude für dich ist. Ich müsste da passen. Liebe Grüße, Uta

  • Monika sagt:

    Liebe Uta,
    vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Du sprichst mir aus dem Herzen! Mein Sohn ist momentan in der dritten Klasse und ich habe das Gefühl, dass sich jetzt schon alle Gespräche unter den Eltern nur noch darum drehen, auf welches Gymnasium die Kinder gehen werden, eine andere Schulform kommt schon gar nicht mehr in Frage. Da hört man dann von alten Proben die kopiert wurden und Übungsheften, die die Schüler zusätzlich zu den eigentlichen Hausaufgaben machen müssen. Wo soll das nur hinführen, wenn wir jetzt schon immer daneben sitzen und „mitlernen“. Wir versuchen unseren Kindern zu vermitteln, dass man sich natürlich so gut wie möglich anstrengend sollte, dass dann aber jedes Ergebnis gut ist. Und dass unser Lebensglück und das unserer Kinder weder von den Noten noch von der Schulform abhängig ist.
    Unsere Quellen der Freude sind die unverhofften Faulenz/Gammel-Zeiten, wenn man ewig im Schlafanzug vor sich hinwursteln kann oder ein Nachmittag auf einmal wie im Fluge vergeht, obwohl keine „Veranstaltungen“ stattgefunden haben, sondern jeder einfach mal zu Hause war und nichts musste.

  • Sabine sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel, er spricht mir aus dem Herzen und trifft voll ins Schwarze!
    Einfach mal alles sein lassen! Helft den Kindern, den Druck von aussen an sich abprallen zu lassen.
    Mein Sohn geht jetzt in die 4. Klasse, aber zum Glück in der Schweiz, er wird also bis inkl. 6. Klasse mit allen Mitschülern zusammen bleiben und hat hier keinen Druck.
    Ich lass meine Kinder immer wieder scheitern ( Kleinigkeiten, z.B. zu wenig Gitarre geübt für die nächste Stunde, zu wenig gelernt für eine Schulprüfung, weil krank etc.), erkläre ihnen aber ganz klar, dass dies vorkommen kann und nicht schlimm ist!!! Wir müssen nicht immer unser Bestes geben, wir müssen uns anstrengen, aber es muss uns auch weiterhin Freude bereiten, mal mehr, mal weniger!
    Unsere Kraftquellen sind unser Hund, wenn er morgens alle völlig wertungsfrei freudig begrüsst, wochenends „herumschlumpeln“ ohne Ziel und Zweck und kleine und grosse Abenteuer in der freien Natur.

  • karen sagt:

    Liebe Uta, neben dem tollen Artikel wollte ich noch mal loswerden, dass du einen sehr attraktiven Sohn hast!

  • Anett sagt:

    Liebe Uta, danke – danke, dass Du mich immer wieder berührst und aufrüttelst. Ich lese schon eine Weile deinen Blog, hab Dein Buch gelesen und fühle mich so ermutigt. Den Artikel hab ich mir ausgedruckt und ins Schlafzimmer in meinen Schrank gehängt, damit er mich jeden Tag neu erinnert.

    Ich bin nämlich auch so eine Mutter, die gar nicht merkt, wie viel Druck sie ihren Mädels (5. und 7. Klasse) immer wieder macht. Und dabei wünsch ich mir nur, dass sie glücklich werden und bin davon überzeugt, dass eine Welt nicht nur aus Ärzten und Anwälten bestehen kann. Wir brauchen doch auch Floristen, Künstler, Altenpfleger, Kindergärtner und Clowns. Und ich bin glücklich, wenn meine Kinder aus vollem Herzen lachen. Zum Glück lassen sie sich von mir nicht allzu sehr unter Druck setzen – die Große antwortet auf meine Vokabel-Lernen-Bitten pragmatisch: „Mama, das merk ich mir doch eh niemals! Wenn ich groß bin, mach ich was ohne Englisch.“

    Herzliche Grüße – Anett

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