Ein ganz anderes Level

8 wesentliche Gedanken zum Leben mit Kindern.

Wir waren eine Woche in Dänemark und ich hatte zwei Erziehungsbücher dabei, um mir neue Anregungen zu holen für meinen Blog und für mein Coaching. Die Familie schlief noch, in den Dünen pickte ein noch kinderloses Fasanenpärchen und ich kämpfte mich durch Kapitel, die sich damit beschäftigten, wann das Verhalten von Eltern ein Liebesentzug ist und wie man bedingungslos liebt und trotzdem Grenzen setzen kann. Und von der Psychoanalytikerin Alice Miller las ich, man könne ein Kind hingebungsvoll lieben – und trotzdem könne es passieren, dass man ihm nicht die Art von Liebe schenkt, die es braucht.

Puh! Mir rauchte der Kopf. „Nein“ aus Liebe, „ja“ aus Liebe. Liebe, die da ist, aber nicht ankommt. Ich schleuderte das Buch auf den Couchtisch. Das ist es doch alles nicht.

 

"Unser" Strand in Nord-Jütland.

„Unser“ Strand in Nord-Jütland.

 

Aber was ist es dann?

  • Wenn du dich damit plagst, ob du alles „richtig“ machst mit dem Kind, kannst du davon ausgehen, dass du selbst aufgewachsen bist mit einer Liebe, die an Bedingungen geknüpft war. Das ist Gift für ein gesundes Selbstgefühl. Und du kannst jetzt entscheiden für dich und deine Kinder, komplett auszusteigen aus diesem Konzept.
  • Strafen, Auszeiten, „stiller Stuhl“, Quetschen mit Gefühlen (Liebesentzug), also schlechte Stimmung, wenn das Kind angeblich „böse“ oder „bockig“ war … das sind alles Methoden aus dem gängigen Konzept von Kindererziehung. Und ich habe das – phasenweise – auch gemacht mit meinen Kindern. Davon geht die Welt nicht unter, aber eine neue erschafft man damit nicht.
  • Mit Lob manipulieren, sagen „das hast du gut gemacht“, nicht aus spontaner, ehrlicher Anerkennung, sondern weil ich dieses „gute“ Verhalten wieder will, mit Süßigkeiten belohnen, weil das Kleinkind aufs Töpfchen ging, Aufkleber fürs Klavierüben, Smileys für fleißiges Vokabellernen … Das alles ist das „Zuckerbrot“ aus dem Prinzip „mit Zuckerbrot und Peitsche“. Und ich habe das auch gemacht. Ein ganzes Gratifikationssystem aus zauberhaften Aufklebern hatte ich.
  • Klar ist das deutlich harmloser als Strafen, aber es liegt ihm das gleiche Prinzip zugrunde: man vollführt Dressurnummern mit seinen Kindern. Für den Kronprinzen hatte ich früher ein Strichsystem für jede halbe Stunde Klavierüben, bis ich merkte, dass das seiner und meiner nicht würdig war. Bald hörte er auf mit Klavierunterricht, suchte sich eine Schule mit Big Band, in der er Saxophon spielen konnte, und ich genieße, wie er heute gelegentlich auf dem Klavier improvisiert.
  • Ja, soll man denn alles laufen lassen? Nein. Es ist wie bei einem Fußball-Spiel: Klar brauche ich Regeln, aber die stehen nicht im Vordergrund. Der Kern ist die Freude am Spiel. Viele Eltern zäumen das Pferd von der falschen Seite auf, sie denken, wenn ich endlich diese oder jene Regel durchsetze, bekommen wir endlich ein schönes Familienleben, wenn mein Mann endlich genauso erzieht wie ich, wenn …wenn  ….. Es geht umgekehrt! Wir haben ab sofort ein schönes Familienleben, wir genießen gemeinsam unterwegs zu sein auf einer spannenden Reise und zwischendurch kann man das eine oder andere zurechtruckeln. („Du-bringst-jetzt-den-Müll-runter-danke!“)
  • Wenn ich unterwegs bin als Teufelsaustreiber, wenn ich mir einbilde, alles läuft aus dem Ruder, wenn ich das Kind (den Partner …) nicht „zivilisiere“, dann habe ich ständig Machtkämpfe und Streit.
  • Wovon ich hier schreibe, ist ein ganz anderes Level, das ist, als würde man in grauer Vorstadt ein Tor aufstoßen in einen schönen Garten. In diesem Garten ist kein Platz für Debatten von autoritär bis antiautoritär. Unser Umgang miteinander hat einfach nichts damit zu tun. Es ist auch kein fades Zwischending, es ist kein „gestern-war-ich-streng-dann-bin-ich-heute-mal-ein-bisschen-nachgiebiger“. Es ist schon gar kein „einfach-alles-laufen-lassen“, „sich-nicht-kümmern“, Desinteresse.
  • Es hat auch nichts mit Verwöhnen zu tun. Ja, das Schreckgespenst des Verwöhnens. Da kann ich mir schon ein Kreuzchen im Kalender machen, weil zuverlässig alle paar Monate ein sogenannter Experte durch die Talkshows gereicht wird, der/die behauptet, die nächste Generation sei verloren, weil Eltern nicht genug Grenzen setzen und ihre Kinder verwöhnen würden. Da sitzen wir dann wieder in der grauen Vorstadt und es ist nicht nur grau, sondern wir haben auch noch das Gefühl, alles falsch zu machen. On Top kommt Mutter* oder Schwiegermutter* um die Ecke und fragt, ob man das auch gesehen hat: Frau Soundso bei Anne Will oder Günther Jauch. Und sie hätte ja immer schon gemeint, der Tim oder die Paula bräuchte eine härtere Hand.

Als ich mich da so echauffierte auf der Ferienhaus-Couch, ging mir eine Situation mit einem meiner Neffen nicht mehr aus dem Kopf. Finn, damals zehn Jahre alt, besuchte meinen Mann und mich übers Wochenende. Wir waren damals noch kinderlos, beide im ersten Job und wohnten in einer Altbau-Wohnung in Frankfurt. Und Finn war ein aufgeweckter Junge, so aufgeweckt, dass man als Eltern froh sein konnte, auch mal eine kleine Finn-Pause genießen zu dürfen.

Ich weiß noch, wie ich mit Finn aus dem Zoo nach Hause ging, die Tür aufschließen wollte und er das Papier von seinem Eis in den Vorgarten warf. Ha! (Fanfare) Ein Situation wie gerufen für die angehende Super-Mum, für die Tante, die der Verwandtschaft mal zeigen wollte, wie gut sie mit diesem Kind zurecht kommt.

„Das hebst du auf!“ – „Nein!“ (ein herausforderndes Blinzeln in seinen Augen) – „Du hebst das auf!“ – „Nein!“ – „Dann kannst du gleich auch nicht fernsehen.“ – „Mir doch egal!“ – „Dann kannst du leider nicht mit nach oben kommen.“ – „Na und?“ Und so weiter. Ich ging also nach oben, wartete fünf Minuten, ging wieder runter, und dann hob er zähneknirschend doch das Papier auf und ging mit mir in die Wohnung.

Glück gehabt! Er hätte ja auch weglaufen können.

Ich bin mir sicher, dass es gar nicht zu der Situation gekommen wäre, wenn ich mich nicht als pädagogisch begabte Tante hätte aufspielen wollen. Wenn ich Finn und das Zusammensein mit ihm einfach genossen hätte, wenn wir unseren Spaß gehabt hätten, hätte er nicht testen müssen, wie ich wirklich zu ihm stehe. Dafür haben Kinder sehr feine Antennen. Und die Schwingungen, die sie aufnehmen, sind entscheidend für die Situation. Natürlich brülle ich bei der Kissenschlacht „Hömma, geh mit den Schuhen von meinem weißen Sofa runter!“ und weiter geht die Schlacht, natürlich kann ich sagen „Hänge deine Jacke auf!“ oder „Heb das Papier auf!“ Entscheidend ist wieder diese Grundeinstellung zum Leben und zu meinem Kind, Beziehung oder Erziehung, Garten oder graue Vorstadt.

Immer fröhlich auf Dressurnummern mit Kindern verzichten und an den Kern der ganzen Sache denken: Freude!

Eure Uta

PS: Wie sagt Jesper Juul so schön:

„Ein robustes Kind kann etwa sechs bis sieben Stunden Pädagogik am Tag aushalten.“

 

* Meine Mutter und Schwiegermutter nicht, aber ich höre immer von welchen, die es tun.

 

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