10 aus 20 Fragen an Lehrer: Frau Jule

Ich sende Müttern, Vätern, Omas, Opas und anderen Kinder-Experten 25 Fragen, von denen sie 10 oder mehr Fragen auswählen, auf die sie antworten möchten. Die Lehrer, wie hier Frau Jule, bekommen allerdings nur 20 Fragen, weil mir nicht mehr eingefallen sind.

 

Nein, das ist nicht Frau Jule, sondern Tobi, das Maskottchen ihrer Klasse in den vergangenen sechs Jahren. Frau Jule wollte nicht so gerne ins Bild, deshalb kommt das Stoffmonster heute hier zu Ehren. Frau Jule ist Sonderschullehrerin an einer weiterführenden Schule in Hamburg, allerdings macht sie gerade ein Sabbatical und einen eigenen Blog hat sie auch.

 

Wann wusstest du, dass du Lehrerin werden möchtest?

Als ich mit 17 im Rahmen meines Pflichtsozialpraktikums eine Förderschule betrat, wusste ich, dass das meine Berufung ist. Das war wie nach Hause kommen. Ich bin Sonderschullehrerin. Alle anderen Schulformen waren mir lange Zeit sehr suspekt. Ich wollte NIE Regelschullehrerin werden. Jetzt bin ich es dank Inklusion zeitweise doch und finde es ganz oft auch ganz toll.

Gab es in deiner Schulzeit eine Lehrerin/einen Lehrer, die/der Einfluss hatte auf dein weiteres Leben?
Ich hatte eine großartige Deutsch- und Englischlehrerin. Sie wusste immer, wann es Zeit war, streng zu sein, aber auf der anderen Seite auch, wann man mal locker machen und über andere Themen im Unterricht reden konnte. Das hat mich nachhaltig beeinflusst. Dieses Gefühl dafür, wann man mal die Arschbacken zusammenkneifen muss und wann man mal loslassen kann. So eine Lehrerin und ein Mensch wollte ich immer werden und ich glaube, dass mir das mittlerweile auch ganz gut gelingt.

Was waren die entscheidenden Faktoren, die dir geholfen haben, eine gute Lehrerin zu werden?

Meine Lernenden. Ich lasse mir immer Halbjahreszeugnisse von meinen Klassen und Kursen geben. Inklusive Verbesserungsvorschlägen. Funktioniert super! Das ist die beste Art der Fortbildung, Reflektion und Anpassung meiner Arbeitsweise.

Sollte man die Lehrerausbildung in unserem Lande so lassen, wie sie ist, oder hättest du Verbesserungsvorschläge?

Bitte nicht so lassen, wie sie ist. Als Sonderschullehrerin muss ich mir so oft anhören, Bitte nicht so lassen, wie sie ist. Als Sonderschullehrerin muss ich mir so oft anhören, dass ich „das“ mit den Förderlernenden ja könne und alle anderen nicht. So kann Inklusion aber nicht funktionieren. Auf der anderen Seite wurde ich nie gefragt, ob ich nichtbehinderte Lernende unterrichten könne, tue dies aber und ich glaube, auch gar nicht mal so schlecht. Das finde ich spannend. Es lässt in mir den Verdacht keimen, dass die Sonderschullehrausbildung um einiges fundierter ist als alle anderen Lehrämter. Inklusionslehramt für alle!

Was ist dein wichtigster Rat an Eltern eines Schulkindes?

Geduld und Ruhe. Sowohl mit den eigenen Kindern als auch mit den Lehrenden. Die meisten Probleme lösen sich von selbst.

Was war der schönste Moment mit deinen Schülern?

Da gibt es haufenweise. Positive Rückmeldungen zu meinem Unterricht, Lernende, die sich in meinem Unterricht ins Zeug legen, die großen und kleinen Fortschritte der Lernenden, ein „Moin, Frau Jule!“, das über den Schulhof schallt, weil man mich am anderen Ende entdeckt hat, Lernende, die mich wegen kleiner und großer Probleme um Rat fragen…
Bist du für oder gegen Hausaufgaben in der Grundschule?

Ich arbeite nicht an der Grundschule. Ich arbeite von Klasse 5-10. Dennoch finde ich Hausaufgaben höchst problematisch. Zum einen manifestieren sich mit den Hausaufgaben meistens soziokulturelle und soziale Unterschiede der Lernchancen. Es gibt Eltern, die helfen bei Hausaufgaben, stehen bei Problemen zu Seite und andere, denen das eben aus Gründen nicht möglich ist. Als Lehrerin kann ich Eltern schwerlich verbieten, bei den Hausaufgaben zu helfen oder diese zu kontrollieren. Das finde ich sehr ungerecht. Schule sollte diese Unterschiede nicht noch verstärken. Zum anderen finde ich es schwierig, Lerndenen, die dank Ganztagsschule schon bis 16h in der Schule sind, die paar Stunden Freizeit, die ihnen noch bleiben, auch noch mit Hausaufgaben zuzuklatschen. Für den Übungseffekt finde ich sie gut, aber ich denke, dass man sowas auch in Form von gemeinsamen Lernzeiten in die Schule verlegen könnte.

 

Wenn du dir vom Kultusminister etwas wünschen dürftest, was wäre das?

Für alle Lernenden, die es brauchen, das notwendige Fachpersonal und Material, um bestens gefördert und/oder unterstützt durch die Schule zu kommen. Im gleichen Atemzug auch die dringende Verpflichtung für alle Lehrkräfte mit diesem multiprofessionellen Kollegium zusammenzuarbeiten, bei gleichzeitiger Bereitstellung entsprechender gemeinsamer Beratungszeit. Knallharte Förderung von inklusiven Strukturen an Schulen, inklusive Abschaffung von Sonderschulen.

Wenn du dir die Kinder deiner Klasse vor deinem geistigen Auge vorstellst, was brauchen sie am meisten, um glücklich zu sein?

Respekt, Wertschätzung, Vorbilder.

Es gibt viele Filme zum Thema „Schule“. Welchen Film-Lehrer magst du am liebsten? Professor Crey aus der „Feuerzangenbowle“, John Keating aus „Der Club der toten Dichter“, Frau Müller aus „Frau Müller muss weg“ oder Zeki Müller oder Ingrid Leimbach-Knorr aus „Fack ju Göhte“?

Definitiv Zeki Müller. Von diesem Lehrer können sich einige eine dicke Scheibe abschneiden. Nah dran an seinen Lerndenen, Vorbild, nicht von oben herab, arbeitet Unterrichtsthemen ansprechend auf… Und ein bisschen John Keating für die Begeisterungsfähigkeit für den Lernstoff.

Bitte schreibe folgenden Satz fort: „Es war ein schöner Schultag, wenn …“.

…ich jedem Lernenden die Möglichkeit gegeben habe, sein persönliches Zückerchen in meinem Unterricht abzuholen. Funktioniert übrigens auch mit einer Klassengröße mit knapp 30 Lernenden.

Ein Tennispartner meines Vaters war Lehrer. Wenn er bei uns anrief, um eine Nachricht für meinen Vater zu hinterlassen, fragte er mich jedes Mal: „Ist das verstanden?“ Zeigen sich bei dir im Laufe der Jahre auch solche Marotten?

„Ich erkläre das nur ein Mal!“ und am Ende erkläre ich es doch noch zehn Mal. Ich habe von Kolleginnen sogar mal ein Shirt mit diesem Spruch drauf bekommen. Ich bekomme das einfach nicht raus….

Liebe Frau Jule, vielen Dank dafür, dass du dich meinen Fragen gestellt hast!

Sich als Lehrer immer fröhlich Zeugnisse von seinen Schülern ausstellen lassen. Dass sich Frau Jule dem Feedback der Klasse stellt, hat mir bei ihr besonders gefallen.

Eure Uta

5 Kommentare

  • Schön hier von Frau Jule zu lesen! Was sie zu sagen hat, ist wichtig und richtig! Spread the word. 😊 Danke für dieses Interview!

  • Inra sagt:

    Liebe Frau Jule,
    nach dem Interview hier habe ich ein wenig auf deinem Blog gelesen und dabei festgestellt, wie wichtig dir es ist, „dass es kein „die“ und „wir“ mehr gibt“. Das ist, denke ich, eine Voraussetzung für Inklusion und überhaupt für den Umgang mit Menschen, nicht nur, aber vor allem in Schulen. Ich verstehe darunter, dass wir Respekt voreinander haben. Ich finde aber auch, dass das ebenso für die Lehrenden gilt. Und da fehlt mir in deinen Worten der Respekt für die Regelschullehrenden, wenn du schreibst: „Es lässt in mir den Verdacht keimen, dass die Sonderschullehrausbildung um einiges fundierter ist als alle anderen Lehrämter. “ Meiner Erfahrung nach sind Regelschullehrende nicht unbedingt weniger, aber halt anders ausgebildet. Und lehren auch nicht schlechter, sondern anders. Letzten Endes kommt es drauf an, wie mit der wie auch immer fundierten Ausbildung im Alltag umgegangen wird. Da können wir sicher alle was voneinander lernen.

    Ein schönes Wochenende!
    Inra

    • Frau Jule sagt:

      nein, das soll das nicht heißen. ich habe durchaus großen spaß mit einigen regelschullehrenden und sehe da großartigen unterricht und pädagogik. ich werde auch nicht müde von diesen sternstunden zu schreiben. allerdings finde ich es nach wie vor faszinierend, dass es auf der anderen seite diese lehrenden gibt, die sich mit differenzierendem unterricht nicht beschäftigen möchten, denn dafür seien ja die sonderlehrenden da, die keine stunde ohne doppelbesetzung sein wollen/können. und hin und wieder bin auch ich mal fachlehrende. wenn ich dann nach einer doppelbesetzung frage, wird das von eben diesen menschen abgetan, weil ich das ja nicht bräuchte, weil ich das auch ohne doppelbesetzung könne, schließlich hätte ich „das“ ja gelernt. ich bin mir dann manchmal nicht ganz sicher, ob diese menschen dann merken, dass sie ihre eigene profession selbst diskreditieren…. dass mangelnder fortbildungswille im lehrendenberuf nicht gerade hilfreich ist, steht auf einem anderen blatt.
      desweiteren bin ich allerdings wirklich der überzeugung, dass das sonderschulstudium auf die heutigen anforderungen des lehrendenberufs besser vorbereitet als alle anderen lehrämter. zumindest bei mir war die ausbildung im unterrichtsfach genau die gleiche wie bei allen anderen lehrämtern, plus jeder menge (sonder)pädagogik und praktika. damit will ich auch gar nicht die regelschullehrenden angreifen. das liegt ja nicht in ihrem entscheidungsbereich…
      ich hoffe, ich konnte verdeutlichen, dass ich keine klare grenzen zwischen der fähigkeit von regelschullehrenden und sonderlehrenden ziehe.
      liebe grüße,
      jule*

  • Inra sagt:

    Liebe Frau Jule,
    natürlich ist es frustrierend, wenn man da so vor Wände läuft, wie du es beschreibst. Möglicherweise ist das in weiterführenden Schulen auch stärker ausgeprägt als in Grundschulen. Da sehe ich nämlich allenthalben den Willen und – trotz anderer Ausbildung – auch die Fähigkeit zur Differenzierung, sogar ohne Doppelbesetzung! : ) Und ich sehe auch immer wieder, dass es ganz viele verschiedene Wege gibt, es gut zu machen.

    Adventliche Grüße,
    Inra

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