Gefühlsmanagement

Alltagshilfen, entdeckt in neuer Literatur.

In dem neuen Buch von Jesper Juul gibt es gleich am Anfang eine schöne Stelle. Eine Mutter berichtet, dass sie ratlos den Wutausbrüchen ihrer fünfjährigen Tochter gegenüber stehe. Neulich habe sie Lara aus dem Kindergarten abgeholt. Alle Kinder hätten einen Info-Zettel für die Eltern bekommen, ihre Freundinnen einen grünen Zettel, nur Lara einen Blauen. Weil sie unbedingt auch einen Grünen wollte, sei sie richtig ausgeflippt. (Jesper Juul: Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, diamehr an sich denken. Basel 2017, Seite 29)

Jesper Juul empfiehlt in einer solchen Situation, die Kinderperspektive einzunehmen. „Mein Gott, eine Katastrophe! Das ist furchtbar, wie kann so etwas passieren? Die ganze Welt weiß doch, du willst grün! Und jetzt hast du einen blauen Zettel bekommen!“ Der Vorschlag lautet, für das Kind zu formulieren, worin die Katastrophe besteht. Dann könne die Wut nachlassen, weil das Kind sich verstanden fühlt.

Erst einmal musste ich sehr lachen über „Die ganze Welt weiß doch, du willst grün!“. Im Kern geht es aber um Folgendes:

  • die Gefühle und Wünsche des Kindes ernst nehmen, nicht als Bagatelle abtun
  • Wünsche ernst nehmen, bedeutet jedoch nicht, sie erfüllen zu müssen
  • also nicht alles in Bewegung setzen, damit Prinzessin Lara doch noch einen grünen Zettel oder zum Ausgleich irgendetwas anderes bekommt, denn an Widerständen wächst die Widerstandskraft des Kindes
  • innerlich solche Gelegenheiten (wenn die Eisdiele geschlossen ist, es die Lieblingsbonbons nicht gibt, die Schaukel besetzt ist …) als Weiterentwicklungsmöglichkeiten für das Kind begrüßen

Die Gefühle und Wünsche des Kindes ernst zu nehmen, bedeutet, bei ihm zu bleiben, sein Verständnis auszudrücken, Nähe und Körperkontakt anzubieten, vielleicht eine Schulter zum Ausweinen, aber auch zu akzeptieren, wenn das nicht gewünscht ist. Das Ganze dauert  – ich schätze mal – fünf Minuten. Ich muss das Kind nicht eine halbe oder eine Stunde lang „in seiner Wut begleiten“, wie ich es neulich gelesen habe. Das ist der Weg in die Totalerschöpfung von Eltern. Und es ist auch für das Kind das falsche Signal. Sonst steigert es sich in seine Gefühle hinein und verrennt sich total darin.

Von Eltern, die ihre Gefühle ernst nehmen, aber nicht überhöhen, lernen Kinder ein gesundes Gefühlsmanagement. „Ja, manchmal bin ich wütend. Das darf auch sein. Aber die Welt dreht sich weiter. Ich komme damit klar, als einzige einen blauen Zettel bekommen zu haben.“

 

Hier scheint es zu klappen mit dem Gefühlsmanagement – Illustration von Sabine Frielinghaus für unseren Familienplaner 2018, der – auf eure Anregung hin – wirklich ein Planer wird mit ganz viel Platz für Termine. (Ab Herbst im Handel!)

*

Am vergangenen Wochenende habe ich das Buch „slow family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt zu Ende gelesen. Es war schön, daran erinnert zu werden, dass es ein paar wirkungsvolle Ideen gibt, die verhärtete Fronten zwischen Eltern und Kindern aufweichen und sofort für gute Stimmung sorgen können.

  • Verkehrte Welt: Wenn es bei euch ein Thema gibt, das immer wieder für Streit sorgt, tut es allen gut, die Welt einmal auf den Kopf zu stellen. Ihr seid es leid, die Kinder von Süßigkeiten fernzuhalten? Dann erklärt den nächsten Tag zum Tag der Süßigkeiten. Dann ist alles verboten, was gesund ist. „Was? Du willst eine Gurke? Viel zu gesund. Hier, iss endlich deine Schokolade auf.“ – „Vollkornbrot, Äpfel? Bist du des Wahnsinns? Das gibt es erst, wenn du das letzte Gummibärchen aufgegessen hast.“ Irgendwann können alle nichts Süßes mehr sehen, haben Bauchschmerzen vor lauter Lachen und die Eltern können das Experiment abbrechen. („Slow family“, Seite 207/208) Meistens ist der Widerstand gegen die Regel am anderen Tag deutlich geringer und auch die Eltern nicht mehr so verbissen.
  • Verkehrte Welt geht auch bei jedem anderen Thema. Als meine Nachbarin Kind war, legte ihre Mutter größten Wert auf Tischmanieren, aber alle paar Wochen gab es eine Schweine-Mahlzeit, bei der sich alle so schlecht benahmen, wie sie nur konnten.
  • Schimpfwörterwettbewerb: Im Vorschulalter finden Kinder es großartig, sich gegenseitig mit schlimmen Wörtern zu überbieten und die Erwachsenen damit zu provozieren. Je mehr Mama oder Papa sich darüber aufregen, umso Spaß bringt es. Warum nicht einsteigen in das Spiel und einen Schimpfwörterwettbewerb ausrufen? Stinkmotte, Glubschaugenwurm, Eiterblasenauswurf, Kackspinne, Pisskellerassel … Das nimmt den Ernst und die Dramatik aus dem Thema. Meine Nachbarin von gegenüber wurde mal von einer Erzieherin zum Gespräch in die Kita beordert, weil ihr Sohn so viele Schimpfwörter benutzte. Und ich dachte nur: Wie lange ist die Frau schon Erzieherin? Seit gestern? „Kack auf solche Gespräche“, hätte Prinzessin früher gesagt, als sie im Alter der schlimmen Worte war.
  • Machtumkehrspiele: Sich auf dem Spielplatz vom Kind fangen lassen, Schnappatmung vortäuschen und dramatisch zu Boden sinken. Das Kind ist der Starke, der Erwachsene ängstlich, langsam und schwach. Das geht auch bei der Kissenschlacht zu Hause. Papa lässt sich überwältigen von den Zwergen und winselt um Gnade. Mama zittert vor Angst vor der Plastikspinne, Oma weigert sich strampelnd, ihre Tablette zu nehmen … Für Kinder ist es eine riesige Entlastung, die Erwachsenen mal als schwach zu erleben und herzhaft über sie zu lachen. „Die meisten stellen erstaunt fest, dass die Gewaltbereitschaft nach solchen Aktivitäten merklich nachlässt, während die Kooperationsbereitschaft wächst. Das liegt daran, dass die Kinder die Gelegenheit erhalten, starke oder schmerzliche Gefühle wie Frustration, Wut, Angst und Machtlosigkeit freizusetzen.“ (aus: Aletha Sollten: Spielen schafft Nähe, Nähe löst Konflikte. zitiert in „Slow family“, Seite 206/207)
  • neues Wortbewusstsein: Nicola Schmidt beschreibt in „Slow family“, wie sie sich in Streitigkeiten mit ihrem Sohn verrennt, weil er zum Schulgottesdienst einen Pullover anziehen will, den sie für den Anlass nicht angemessen findet. Darauf sagt die Oma: „Nicola, ist das notwendig? Sprich: Wendet es eine Not?“ („Slow family“, Seite 218). Sollten wir mal wieder so einen Konflikt haben, werde ich mich auch fragen: „Wendet es eine Not, darüber zu streiten?“

 

Soweit die Erträge eines regen- und erkenntnisreichen Wochenendes!

Immer fröhlich den Ernst aus dem ganzen Erziehungskram nehmen und die Wut der Kleinen nicht zu einem Psycho-Thema aufblasen.

Eure Uta

2 Kommentare

  • Anita sagt:

    „Ich muss das Kind nicht eine halbe oder eine Stunde lang „in seiner Wut begleiten“, wie ich es neulich gelesen habe. Das ist der Weg in die Totalerschöpfung von Eltern.“

    Vielen Dank für diese Positionierung! Ich weiß wohl, wo du das gelesen hast – und so sehr ich die beiden schätze, war hier auch genau das mein Gedanke: Das ist der sichere Weg ins Burnout. Gerade, wenn dann noch andere Kinder da sind, die ggf. in das Geheule einsteigen, weil es nicht voran geht. Da kann man ewig im Kreis begleiten…

    Ich versuche es meist genau so, wie du beschrieben hast: Ich erkenne den Schmerz und die Wut an, versuche im Kontakt zu bleiben, versuche zu gegebener Zeit aber auch die Situation (bzw. den Ort) zu verändern, so dass es wieder voran gehen kann.

    Die Idee mit der verkehrten Welt gefällt mir richtig gut. Das merke ich mir mal, wenn es hier wieder klemmt. Vielen Dank für Deine tollen Anregungen!

    Anita

  • Antje sagt:

    Liebe Uta,

    ich frage mich warum Lara sich über einen blauen Zettel so aufregen muss?

    Vielleicht hat sie an dem Tag schon einige Situationen erlebt, in denen ihre Wünsche nicht beachtet werden konnten? Oder sie ist aus anderen Gründen belastet, so dass der Zettel ausreicht, um sie wütend werden zu lassen?

    Wenn die Wut so groß ist, finde ich es nicht verkehrt nach einer Lösung zu suchen. Lösungen suchen ist meiner Meinung nach ein gutes Gefühlsmanagement.

    Vielleicht würde es Lara wieder ins Gleichgewicht bringen wenn ihre Mutter versucht einen grünen Zettel für sie zu bekommen?
    Wichtig wäre der Grund, aus dem ihre Mutter so handeln würde.
    Wenn sie die Wut so abstellen möchte, weil ihr ein wütendes Kind unangenehm ist, ist das kontraproduktiv, weil Lara sich nicht ernst genommen fühlen würde.
    Wenn die Mutter Lara sagen würde, dass sie spürt wie wichtig der grüne Zettel für sie ist und dass sie versuchen kann einen für sie zu bekommen, kann es sein, dass Laras Welt wieder ins Gleichgewicht kommen würde. Der grüne Zettel könnte zu viele Situationen, in denen Laras Wünsche nicht beachtet werden konnten, ausgleichen.

    Vielleicht ist Lara aber auch so aus dem Gleichgewicht, dass der blaue Zettel nur ein äußerer Anlass ist, um sich zu entladen. Dann muss sie wütend sein und das ist wahrscheinlich auch nicht nach 5 Minuten vorbei. Jeder Mensch lebt seine Wut anders aus und braucht unterschiedlich lange dafür.

    Den Satz von Herrn Juul würde ich gerne verändern in: „Das ist ja ärgerlich für dich. Die wussten nicht, dass du einen grünen Zettel haben möchtest und jetzt hast du einen blauen Zettel.“ So erscheint es mir authentischer.
    Die andere Formulierung hätte bei meinem 5-jährigen Sohn dazu geführt, dass er sich nicht ernst genommen gefühlt hätte, ihm wäre sofort klar gewesen, dass natürlich nicht die ganze Welt weiß, dass er einen grünen Zettel haben möchte.

    Für mein Gefühlsmanagement war es gut zu lernen, dass ich die Wut bei meinem Sohn lassen kann und das so lange, wie sie eben da ist. Und wenn er sehr verzweifelt war und uns keine andere Lösung eingefallen ist, dann musste es oft auch ein Eis zum Trost sein.
    Er kann sich trotzdem oder gerade deswegen gut in andere Menschen hineinversetzen, kann Rücksicht nehmen und lässt eigenes Unglück, wie ich es bei großen und kleinen Menschen oft erlebe, sehr selten an anderen aus und ich hoffe sehr, dass das so bleibt.

    Den Satz von Nicolas Mutter “Wendet es eine Not?“ liebe ich sehr.

    Herzliche Grüße
    Antje

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