Die üblichen Schnellschüsse

Fragen helfen, wenn Eltern aufgebracht sind.

Vor ein paar Wochen wollte sich Prinzessin (16) mit ihrer Clique in unserem Wohnzimmer treffen. Wir hüllten unser Sofa in Tücher, brachten die Glasvasen in Sicherheit und verkündeten unsere Bedingungen zum Umgang mit Alkohol. Der Abend verlief prima. Es wurde sogar noch abgespült und wir Eltern sanken nach Kino- und Bar-Besuch erleichtert ins Bett. Als sie bald danach fragte, ob sie sich wieder bei uns treffen dürften, wurde ich unwirsch: „Geht das nicht auch mal bei den Eltern von x? Was ist mit dem Wohnzimmer von Y?“ Prinzessin wurde sauer. Ich hatte ihr kaum Zeit gelassen, einmal Luft zu holen und ihr Anliegen näher zu erklären. Ich hatte meine „Munition“, meine Vorstellungen von den anderen Eltern und meine Wertungen von anspruchsvollen Jugendlichen direkt abgefeuert.

Ging während der Party lieber in den Keller: unser Kater Gulliver

 

Wie oft machen wir das, dass wir nicht richtig zuhören? Dass wir nicht einmal nachfragen, worum es dem Kind genau geht? Dass wir uns unsere Meinung schon gebildet haben, bevor wir wirklich wissen, was Sache ist? Dass wir keine Pause lassen zum Nachdenken?

Diese Pause ist ein wichtiges Instrument. Hier habe ich schon mal darüber geschrieben, über den Raum zwischen Reiz und Reaktion.

Das zweite wichtige Instrument vor allem im Umgang mit Jugendlichen ist die Frage. Keine vorwurfsvolle und unechte Frage wie „Geht das nicht auch mal bei den Eltern von x?“, sondern echte Fragen.

Dabei meine ich nicht Abhörfragen: „Hast du Mathe heute zurück bekommen? Welche Note hat Benjamin? Wie war der Klassenschnitt? Was hat Frau Maier dazu gesagt?…“, sondern Fragen des Einfühlens und Verstehens, Fragen, die auf die innere Landkarte des anderen ausgerichtet sind.

„Ich merke, es ist dir wichtig, dass es morgen und bei uns stattfindet. Was ist dir daran so wichtig? Worum geht es genau?“

So hätte ich fragen können.

Man muss kein Psychotherapeut sein, um so nachzufragen, sondern kann üben, die üblichen Schnellschüsse zu vermeiden. Das gilt besonders, wenn man aufgebracht ist: Nicht werten, verbieten, lospoltern, sondern FRAGEN!

Und natürlich kann man dann zu dem Anliegen „nein“ sagen. Aber wie oft sagen wir schon „nein“, ohne recht zu wissen oder auch je zu erfahren, worum es eigentlich geht. Und dann wundern wir uns, warum unsere großen Kinder so unkommunikativ sind und wir ihnen jedes Wort aus der Nase ziehen müssen.

Bei Prinzessin war das Thema, dass ein Teil ihrer Freunde wegen gewisser Verbote, die in ihrem Zuhause gelten, sich gar nicht trauen, ihre Eltern zu fragen. Das konnten mein Mann und ich verstehen und waren ganz froh, ihnen diese Möglichkeit bei uns geben zu können.

Immer fröhlich einen Raum lassen zwischen Reiz und Reaktion und empathisch fragen!

Eure Uta

7 Kommentare

  • Liebe Uta,
    ich bin immer wieder angetan von deiner Fähigkeit dich selbst zu reflektieren und uns deine Ergebnisse dann auch noch mitzuteilen. Danke für den Input!
    Lg Sternie

  • Seifenfrau sagt:

    Liebe Uta,
    die hier beschriebenen Situationen kommen mir so oder ähnlich aktuell sehr bekannt vor.
    Das mit der PAUSE scheint mir richtig zu sein.

    Hier bei uns wissen wir allerdings, dass ich, um uns alle zu einem Konsens zu bringen, solche Fragen wie zB „Könnt ihr nicht auch mal bei jemand anderem feiern? Wieso immer bei uns? Welche Note hat denn Dings?“ herauspfeffern muss. Ich meine das nicht böse, es ist so eine Art mütterliches Gegenfrageritual, teilweise ein bisschen theatralisch. Hüstel. Immer raus damit!

    Wir wissen das alle, und danach bin ich auch wieder pädagogisch, und es kann geredet werden “ Du kennst doch die Mutter von X und Y, da weisst du doch genau, das das dort nicht geht…Wir könnten doch in den Garagendachboden…“ etc pp…und so finden wir meistens eine gute Lösung.

    Aber erst, wenn ich ein bisschen „die Mutter rauslassen“ konnte!
    😉

    Liebe Grüße!
    😉

  • Charlotte Dupuis sagt:

    Liebe Uta,

    Vielen Dank wieder einmal für einen sehr inspirierenden Artikel!!! Das mit dem Nachfragen hat Henry uns beigebracht. Irgendein unschuldiger und gutartiger Plan steckt meistens hinter seinen Aktionen (wie die Befreiung des „gefangenen“ Seifenspenders durch kräftiges Rütteln an der Wandhalterung, oder die Zugabe von Spülmittel in die Suppe, weil man nicht so fettig essen soll). Und wenn er auf direkte Kritik den „Aber ich wollte doch nur…“-Satz bringt, dann hoffe ich immer, dass er nie mit seinen Erklärungen aufhört, weil sie mich jedesmal daran erinnern, dass ich besser erst einmal nachgefragt hätte, warum er macht, was er macht. Neulich hat eine Logopädin eine eventuelles Problem mit seinem Gedächtnis angedeutet. Ich habe angefürchtet mit ihm Memory gespielt und war entsetzt, welche Pärchen er sich alle nicht merken konnte. Als ich ihn gefragt habe, ob er sich denn wirklich nicht daran erinnern könne, wo das zweite Eichhörnchen ist, stellte sich heraus, das er nicht Memory spielt, um am meisten Pärchen zu haben, sondern, um seine Lieblingstiere zu ergattern. Dazu gehören definitiv nicht Eichhörnchen, und auch keine Hasen, eklige Kröten oder langweilige Enten. Er wusste ganz genau, welches Tier wo liegt und welche Karte er daher nicht aufdeckt. Ich war schon kurz davor, mir Sorgen zu machen.

    Checken vor Meckern: muss ich mich immer wieder dran erinnern. Danke, dass Du das mit Deinem Blog auch nochmal getan hast, kann man gar nicht genug hören.

    Ganz herzliche Grüße aus Brüssel,

    Charlotte

  • Maike sagt:

    Himmel, ja, Du hast so recht – ich raunze auch manchmal erst mal los und tu dem kleinen Stöpsel dabei nahezu immer unrecht. Nicht immer, aber wirklich allermeistens. Ich frage mich, warum es eigentlich scheinbar weniger Energie erfordert, blindlings rumzupoltern, statt dem anderen aufmerksam und offen zu begegnen. Zum Glück klappt Letzteres oft genug, dass es als der Normalfall empfunden wird, und wenn ich dumm rumpoltere, verdreht der frisch Sechsjährige die Augen, schüttelt den Kopf und sagt: „Hör mir richtig zu, Mama!“ Für das Korrektiv bin ich sehr dankbar, es fühlt sich nämlich danach immer wirklich doof an, und ich bin froh, wenn er mich rasch ausbremst und „wach macht“. Es ist so viel schöner, wenn man richtig miteinander redet und einander zuhört. Das andere, das Rumpoltern, das unwillige Gnarzen, auch mal nicht voll da sein (was ja auch Kinder gut können, nicht nur Eltern), das gehört allerdings auch manchmal dazu und ist nicht schlimm, wenn man umschalten kann und wenn es eben MAL passiert, nicht immer. Und wenn der Lütte mir dann mal ganz entspannt sagt: „Entschuldige bitte, da war ich eben ein bisschen blöd“, so wie ich es auch manchmal tu, dann merke ich, dass in solchen Fällen eine Entschuldigung, das Wahrnehmen des anderen und seiner selbst, in solchen Fällen auch im Nachhinein alles wieder gutmacht. No harm done.

    Liebe Grüße
    Maike

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