Wenn die Freude kippt

Eltern brauchen Entlastung und keine Anti-Schrei-Tipps.

Kann es passieren, dass man seine Kinder mal anschreit? Ja, das passiert.

Ich erinnere mich an eine Situation mit den Thronfolgern, als sie im Grundschulalter waren. Ich hatte gerade eine teure Glaskugel an einem Band in den Flur gehängt, trat verzückt ein paar Schritte zurück, um mein Werk zu bewundern, als die beiden an mir vorbei stürmten und die Kugel auf dem Boden zerschellte. Eine Minute lang hatte es schön ausgesehen. Eine Minute lang war der Flur so, wie ich ihn mir vorstellte. Endlich war ich mal zu etwas gekommen, was mir mehr Freude machte, als stinkige Socken zu entknubbeln, endlich … Und dann bin ich ausgerastet. „Immer musst du alles kaputt machen“, schrie ich den Kronprinzen an. „Immer musst du so wild sein!“ – „Könnt ihr nicht einmal ein bisschen Rücksicht auf mich nehmen.“ Ich trat gegen die Scherben, nahm einen Schuh und schleuderte ihn an die Wand. Mir war alles egal. „Einmal nur, einmal!!!“ – „Ist das denn zu viel verlangt?“ Ich sank heulend auf dem Läufer zusammen, neben mir in Schockstarre die Kinder.

Warum habe ich geschrieen? Weil ich überfordert war, weil ich mir die ganze Woche und den ganzen Tag schon zu viel vorgenommen und abverlangt hatte. Die kaputte Kugel brachte das Fass zum Überlaufen. Das kennt jeder.

Neulich habe ich das Buch „Erziehen ohne Auszurasten. Wie ich aufhörte, meine Kinder anzuschreien – und wie Sie das auch schaffen“  zur Besprechung bestellt. Sheila Mccraith, die Autorin, ist Mutter von vier Jungen. Als sie die vier – damals alle unter sechs Jahren – wieder einmal anschrie, bekam ein Handwerker ihren Ausraster mit. Das war Mccraith so peinlich, dass sie ihrer Familie am nächsten Morgen verkündete, sie werde von nun an 365 Tage am Stück nicht mehr schreien. Und sollte sie doch wieder schreien, würde sie wieder bei Null anfangen.

Mir gefällt es gut, dass sie die Verantwortung für ihr Verhalten übernimmt und sich selbst weiter entwickeln möchte, statt ihre Jungs für schwer erziehbar, hyperaktiv oder sonst etwas zu halten. Und ich glaube auch, dass man sich so etwas angewöhnen kann: Schreien als Reaktion auf alles Mögliche, Ausrasten bei jeder Kleinigkeit oder sich ständig im Mecker-Modus befinden und es gar nicht mehr zu merken. Die meisten Eltern sind zutiefst erschreckt, wenn sie im Film sehen, wie sie mit ihren Kindern sind. Schreien und Meckern aus Gewohnheit. Je häufiger man es macht, desto mehr legt es sich wie eine Tonspur unter den Alltag. So schreibt auch Sheila Mccraith: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine brüllende Mutter sein würde. Aber nach Jahren des Rumschreiens konnte ich es mir anders gar nicht mehr vorstellen.“ (Seite 18)

Bis zu jenem Tag, an dem sie beschloss, 365 Tag am Stück nicht mehr zu schreien. Sie nennt es ihre Orange-Rhino-Challenge. Das Nashorn und die Farbe Orange sollen sie an ihren Vorsatz erinnern. Ihre Jungen rufen ihr von nun an „orange rhino“ entgegen, wenn sie sehen, dass sich hinter Mamas Stirn etwas zusammenbraut. Orangefarbene Blumen in der Küche, Post its in der Küche und die Kinder, gekleidet in Orange, gemahnen an ihr Gelübde.

Puh!!! Die junge Frau betreut ohne Unterstützung vier kleine Jungen unter sechs Jahren. Das ist mehr als Experten als Betreuungsschlüssel in Kitas empfehlen. Auf diese riesengroße Anforderung packt sie noch eine weitere oben drauf: den Anspruch nicht zu schreien. In einen solchen Alltag ist der Burn Out mit eingebaut. Wenn sie doch schreit, geißelt sie sich selbst, gesteht dem Leser Seite um ihr Seite ihr Versagen als Mutter und versinkt in Schuld und Scham. Und dann rappelt sie sich wieder auf (was ein Wunder ist bei so viel Selbstgeißelung), schreibt Listen mit ihren Schreiauslösern („Trigger“), zündet abends im Bad eine Duft-Kerze an (das beruhigt), knuddelt ihre Jungs (das entspannt), hängt Babyfotos an Stellen im Haus, wo es oft knallt (das hemmt), und wenn der Drang zu schreien wieder aufkommt, schreit sie lieber in den Kleiderschrank oder ins Klo, als ihre Kinder anzuschreien.

Das alles ist rührend, geht aber am Kern des Problems vorbei: dass sich jemand in eine überfordernde Situation gebracht hat, eine Situation, die mit Duftkerzen, Gelassenheits-Zitaten und Entspannungsübungen etwas aufgehübscht wird, aber im Wesentlichen unverändert bleibt. Es ist einfach alles zu viel. Der einzige Tipp, der grundlegend etwas an der Situation ändern könnte („Bitten Sie andere um Unterstützung. Hilfe hilft!“) nimmt nur zweieinhalb von 212 Seiten ein.

Wozu lade ich mir in mein Leben Umstände ein, die mir ständig widerspiegeln: „Ich bin nicht gut genug!“ oder „Ich schaffe das nie?“

Vier kleine Kinder alleine zu betreuen, ist so eine Situation. Oder aber Baby+Beziehung+Beruf. Oder noch härter: Baby+keine Beziehung+Beruf.

Die Zeitschrift „Eltern“ hat Rose Volz-Schmidt interviewt. Sie ist Gründerin von „wellcome„, einer Organisation*, die Familien in der Babyzeit unterstützt. Auf die Frage, was für junge Eltern heute die größte Herausforderung ist, antwortet Volz-Schmidt:

„Viele Probleme sind dieselben wie früher: einschlafen, schreien, füttern, abstillen … Aber es ist ein ganz wichtiges Thema dazugekommen: Wie mache ich das mit meiner Arbeit? Oft melden sich die Frauen schon in der Schwangerschaft für einen Krippenplatz an, aus Sorge, sonst leer auszugehen. Diese Gedankenwelt ist neu, zumindest in dem frühen Stadium: Wann soll ich wieder anfangen zu arbeiten? Werde ich das hinkriegen – Job und Familie? Das treibt junge Frauen schon in einer Phase um, in der sie gedanklich früher noch ganz beim Baby waren. Oft führt das dazu, dass die schöne Zeit mit dem Baby nicht unbeschwert ist, manchmal kippt die Freude an der Elternschaft komplett.“

Und zum Ende des Interviews sagt sie:

„Es ist doch verrückt zu glauben, man könnte alles ganz allein schaffen: Kinder, Haushalt, Job – das ist zu viel für zwei junge Leute. …Und weil die Zeiten der Großfamilie vorbei sind, müssen wir uns eben andere Netzwerke aufbauen.“

 

Die Sonne genießen, Leben statt nur zu überleben, mit Hingabe tun, was gerade anliegt, keine Angst vor „abgefahrenen Zügen“. Es kommen neue Züge. Alles zu seiner Zeit.

 

Immer fröhlich sich fragen „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“, „Tue ich, was meinen Werten entspricht, oder was andere, die Eltern, der Arbeitgeber oder die Gesellschaft von mir erwarten?“, „Will ich Tag für Tag ins Klo schreien oder mir und der ganzen Familie Bedingungen schaffen, die uns gut tun?“

Eure Uta

PS 1:

*“wellcome ist ein Angebot für alle Familien, wird nach einem Social-Franchise-Verfahren bundesweit verbreitet und verbindet bürgerschaftliches Engagement mit fachlicher Hilfe. Derzeit sind rund 250 wellcome-Teams in 14 Bundesländern sowie in Österreich und in der Schweiz aktiv (Stand 01/2016). Weitere Standorte sind in Planung.“ (Zitat von der wellcome-Seite)

Die Organisation  vermittelt ehrenamtliche Helferinnen für das erste Jahr nach der Geburt eines Kindes. Und zwar unabhängig vom sozialen Status einer Familie. So eine Helferin geht mit dem Baby spazieren, spielt mit den großen Geschwistern oder vermittelt Kontakte im Stadtteil und entlastet so die Eltern in der ersten Zeit mit einem Baby. Mehr Infos hier: wellcome

 

PS 2: Ich danke dem Trias-Verlag für die Bereitstellung des Rezensions-Exemplars!

13 Kommentare

  • Liebe Uta

    vielen Dank für diesen Beitrag und für die kritischen Worte zu dem Buch. Ich habe es vor etwa zwei Jahren gelesen und mich dabei und danach unzureichend gefühlt – wenn eine Frau mit vier Jungs unter 6 Jahren es schafft, nicht zu schreien, warum schaffe ich es nicht mal bei Einem?
    Die Frage nach den Bedingungen stelle ich mir auch gerade, und merke dann, WIE priviligiert ich bin – die Wahl zu haben, meinen Teilzeitjob zu machen oder nicht. Laden wir (als in wir alle) wirklich diese Umstände in unser Leben ein? Also, alleinerziehend und berufstätig zu sein zum Beispiel?

    Herzliche Grüße
    Daija

    • Uta sagt:

      Liebe Daija, danke für deine Rückmeldung!
      „Laden wir wirklich diese Umstände in unser Leben ein?“
      Nicht im Sinne von: „Die ist schuld, die hat das so gewollt.“, sondern in dem Sinne, dass das Leben unsere tiefsten Überzeugungen spiegelt und wir die Ergebnisse erhalten, die Ausdruck unserer Einstellungen sind.
      Viele Grüße
      Uta

  • Ines sagt:

    Ich habe auch vier Jungs (mittlerweile zwischen 10 und 16 Jahren) und habe auch gemeint, alles alleine schaffen zu müssen. Der Druck von außen ist enorm – man will ja allen Ansprüchen genügen. Wahrscheinlich hätte ich mich von so einem Buch auch noch weiter unter Druck setzen lassen.
    Heute bin ich froh, dass ich mir Unterstützung geholt habe: Haushaltshilfe eingestellt, Mitarbeiter gesucht und freie Zeit – anfangs nur Sonntagnachmittag, dann immer mehr – für mich geschaffen.
    Ganz ohne Schreien habe ich es nicht geschafft; zum Glück hielt es sich aber in Grenzen. Heute ist es sehr viel leichter und die Jungs sind schon eine große Unterstützung (von Teenie-Allüren abgesehen…)
    Liebe Grüße und danke für diesen Post!!
    Ines

  • Dorthe sagt:

    Liebe Uta,
    puh … bin ich erleichtert.
    Zuerst dachte ich beim Lesen deines Posts nämlich an Ned Flanders von den Simpsons. Der durfte früher nie ausrasten. Auch als Erwachsener tat er es nie. Bis zu jenem Tag … an dem all seine angestaute Wut aus ihm herausplatzt … wunderbar …
    Ähm … zurück zu deinem Post … jedenfalls bin ich erleichtert, dass du nicht „verlangst“, auf keinen Fall zu schreien 🙂
    Ja, ich meckere viel. Und meist (nicht immer) spielt Erschöpfung und Überforderung eine Rolle dabei … das habe ich schon gelernt 😉
    Und ich neige ja leider dazu, viele Dinge (allein) schaffen zu wollen … die Arbeit von wellcome find ich echt toll (ich wusste bisher überhaupt nicht, was die Tolles machen – obwohl die im selben Gebäude arbeiten wie ich …) Man muss sich dann „einfach“ mal dazu durchringen, so eine Hilfe anzunehmen…
    Danke für diesen Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Dorthe

    • Uta sagt:

      Liebe Dorthe, ja, warum sich nicht helfen lassen? Zeichen von Schwäche? Ich denke, eher von Stärke und die Kinder profitieren sehr von entspannten Eltern. Liebe Grüße, Uta

  • Annette sagt:

    Hallo Uta, ich lese hier schon eine Weile mit, heute kommentiere ich zum ersten Mal, wohl weil das Schreien mich „triggert“.
    Es gab eine Phase – die Große gerade 2 und ich beim Wiedereinstieg – da habe ich viel geschrieen, vor allem geflucht. Bis irgendwann die 2-Jährige mit „verdammte Scheiße“ zurückfluchte. Sie spiegelte mich, und führte mir vor Augen, wie es aus dem Ruder gelaufen ist. Ich bemühte mich, weniger zu schreien und fand für mich heraus, dass es vor allem der Druck war, ständig irgendwo superpünktlich zu sein, der mich so aggressiv machte. Und so ist auch heute mein Schreien für mich ein Indikator, dass irgendwas gerade zu viel ist – oder zu wenig, meist der Schlaf. Ich glaube aber nicht, dass man sich das Schreien ganz abgewöhnen kann, und ich möchte mich auch so nicht verstellen müssen. Oft reflektiere ich mit dem Kind später, warum ich so laut geworden bin, und entschuldige mich auch.
    Ich schreie auch, weil ich als Kind das Gegenteil erlebt habe. Meine Mutter schrie nicht. Sie schwieg. Sie redete einfach nicht mehr mit uns, wenn ihr irgendwas nicht passte. Manchmal tagelang. Dann lieber einmal raus damit, da weiß auch mein Kind woran es ist, und wir können die Sache bereinigen, wenn der Ärger verflogen ist.
    Vielen Dank für Deine Texte, sie sind immer wieder Augenöffner.

    • Uta sagt:

      Liebe Annette, interessant, dass du als Kind das Gegenteil erlebt hast. Und ständig Termine einhalten zu müssen, stresst mich auch. Pünktlich zu sein, finde ich wichtig aus Respekt vor denen, mit denen ich verabredet bin. Wer aber zu viele Termine in seinem Leben hat, kann gar nicht in den beglückenden Flow kommen. LG Uta

  • Nicky sagt:

    Recht interessant. Das viele jung Mütter solche probleme, bzw gedanken haben, habe ich durch mein Freunde/Bekanntenkreis mitbekommen. Daher habe ich mich irgendwann Angeboten den zweimal die Woche den Haushalt zu schmeißen wenn sie mit der Arbeit wieder einsteigen oder auch mal das Baby zu betreuen, wenn es krank ist & sie nicht frei machen können. Von einer ganz lieben Bekannten wurde ich auch schon gerufen weil sie krank war & nicht weiter konnte.
    Ich möchte mich damit nicht groß machen, es ist wichtig das man sich gegenseitig unterstütz, wenn man die möglichkeit hat. Der Arbeitseinstieg ist schon schwer genug, da freut man sich sein Kind zusehen & nicht erst den Haushalt zu machen, da kann man helfen.
    Mit Unterstützung geht alles viel leichter, grade wenn man keine Verwanden hat die helfen können. Auch ist man stressfreier & brüllt nicht wegen jeder kleinen Sachen.

    Okay, ich persönlich muß mindesten einmal im Monat austicken. Aber wenn, dann sind die Kinder nicht da & ich brüll in der ganzen Wohnung rum wie kacke grade alles ist, mir das zuviel ist, ich den Haushalt hasse usw. Aber danach geht es mir besser & ich fühle mich frei.

    Jeder braucht mal einen Moment der erlöst & man seine Gefühle freien lauf lässt.

    Stressfrei leben ist schwer, aber man kann sich viele Momente vereinfachen & dann ist es auch leichter weniger zu brüllen.

    Lg Nicky

    • Uta sagt:

      Liebe Nicky, danke für deinen Kommentar! Mal kurz zu brüllen, das tut gut, das finde ich auch. Ich achte jedoch darauf, dass ich mich nicht hineinsteigere, sonst wird aus der Wut immer mehr und ein richtiger Groll (tolles Wort). LG Uta

  • Septembermama sagt:

    Danke!
    Mal wieder hast du mich geerdet.
    Wenn der Druck zu hoch wird noch mehr Druck aufzubauen kann nicht funktionieren.

  • Uta sagt:

    Danke für die Rückmeldung! LG Uta

  • Katharina sagt:

    Hallo Uta,
    ich bin erst vor kurzem auf deinen Blog gestoßen und lese mich seitdem immer wieder fest, vielen Dank für die vielen Anregungen und Denkanstöße!
    Das mit dem Schreien empfinde ich auch so, dass es auf jeden Fall wichtig ist, es rauszulassen. Immer zu schlucken, um bloß nicht laut zu werden, ist viel schlimmer. Kinder können meiner Erfahrung nach viel besser damit umgehen, wenn eine Bezugsperson mal laut wird als damit, wenn Frust, Ärger und Wut immer nur diffus im Raum „schwebt“ und nicht zu Greifen ist. Wichtig finde ich beim Schreien den Unterschied zwischen das-Kind-anschreien und seine-Wut-herausschreien. Wenn man es lernen könnte, im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation sein nicht erfülltes Bedürfnis herauszuschreien („Das war meine Lieblingsvase!“, „Das ist mir zu viel!“ – oder so ähnlich…) und nicht jemand anderen fertig zu machen, das wäre – denke ich – viel wert.
    Und es gibt einfach Situationen, und das wissen auch Kinder, da hilft einfach nur lautes Fluchen und Schreien. Wenn Kinder damit nicht allein gelassen werden und am Vorbild lernen können, wie man Wut herauslassen und auch um Entschuldigung bitten kann, wenn man zu laut geworden ist, dann wäre doch schon viel gewonnen, oder?
    Herzliche Grüße aus Berlin, Katharina

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