Den Bestimmer spielen

Online-Coaching, Anna und Christopher, Teil 1
Familien-Coaching online, geht das? Das war die Frage, die mich veranlasst hatte, im vorletzten Post einen Aufruf zu starten. Zahlreiche Leser hatten sich gemeldet, um mir als Coachees zur Verfügung zu stehen. Ausgewählt habe ich zwei Mamas und ein Elternpaar. Jeder hat eine zentrale Frage gestellt und wir haben eifrig hin und her geschrieben. Die Familiensituation wurde geschildert, ich habe gefragt und hinterfragt, um den Kern des Problems mehr und mehr herauszuschälen.
Im Wesentlichen sind es nicht die Ereignisse, die unser Leben bestimmen, sondern die Schlussfolgerungen, die wir aus dem Erlebten ziehen.
Folgt man diesem Satz, macht es Sinn, die Schlussfolgerungen zu überprüfen und Neue zu treffen, wenn die alten Schlüsse und Bewertungen für unser Leben nicht funktionieren, wenn wir Stress haben und immer wieder Streit. Deshalb geht es beim Coaching weniger darum, Ratschläge zu erteilen, als dem Coachee durch intensives Nachfragen eine neue Sicht auf seine Familiensituation, seine Kinder und sein eigenes Verhalten zu ermöglichen. Diese neue Sicht vermag, eingefahrene Situationen nachhaltig zu verändern.

Geht das auch beim Online-Coaching?

Kann dieser Austausch per Mail einen Unterschied machen im Leben von Familien?

Und profitieren meine Blog-Leser von den Aufzeichnungen des Mail-Wechsels?

Das sind die Fragen, die sich mir stellen.

Nun sind die Coaching abgeschlossen und ich bedanke mich herzlich bei meinen Probanden, dass sie sich so intensiv darauf eingelassen haben.

Bei den Protokollen mache ich nun den Anfang mit Anna und Christopher, die sich gemeinsam meinen Fragen gestellt haben. Unseren Austausch bis zur Abschluss-Mail mit meinen Empfehlungen werde ich in den nächsten Tagen in mehreren Teilen veröffentlichen, damit es lesefreundlicher ist.

Los geht’s:

Als sich Anna und ihr Mann Christopher um das Coaching bewarben, schilderte Anna zunächst ihre Familiensituation.

Anna:
Wir haben zwei Kinder, einen Sohn (6,5 Jahre alt) und eine Tochter (2,5 Jahre alt). Mir fiel in den vergangenen Wochen auf, dass der Ton meines Mannes unserem Sohn gegenüber zusehends „kommandohafter“ wurde, in der Hoffnung, dass dieser dann besser auf Anweisungen jeglicher Art hören möge. Und nun sind diese Anweisungen nicht mehr so kommandohaft, aber dafür motzig und genervt. Das finde ich schwer zu ertragen, vor allem weil ich mitbekomme, dass es in die falsche Richtung geht. Denn auch unser Sohn hat nun immer häufiger einen motzigen Ton…und am Ende werden beide Seiten laut und unglücklich. Als ich das meinem Mann sagte, entgegnete dieser, dass er sich so große Sorgen mache, dass unser Sohn Nils Probleme in der Schule bekomme, wenn er weiter so „schlecht  hört“. Nils kommt in diesem Sommer in die erste Klasse. Wir arbeiten beide als Lehrer und kennen die Situation gut, dass es Schüler gibt, die immer diskutieren und per se „nein!“ denken und fühlen. Klassische Situationen sind bei uns zu Hause (wie auch bei anderen): Sich anziehen und ausziehen, weil es irgendwo hin geht, Zähneputzen, Händewaschen usw. Es sind nicht viele Situationen, aber diese dafür regelmäßig und häufig. Richtige Reizthemen. Mein Mann ist über diese Machtkämpfe sehr unglücklich. Ich sehe das Ganze etwas entspannter, beschäftige mich aber viel mehr mit dieser Thematik. Unglücklich bin ich, weil ich sehe, dass mein Mann zusehends hilflos und unglücklich in diesen Momenten ist und mir mein Sohn sehr leid tut. Nils ist ein Kind, das eigentlich immer gut kooperiert, wenn man mit ihm ganz authentisch ins Gespräch geht, ohne den „Bestimmer“ oder die „Bestimmerin“ zu spielen, je authentischer einem das gelingt, desto besser. Das ist aber manchmal schwer. Sobald Nils merkt, dass man persönlich nicht mehr über den Dingen steht, sondern selbst genervt ist (weil selbst müde, überarbeitet o.ä,) und einfach eine Pause haben möchte und das möglichst schnell, klappt es nicht bzw. nur schleppend und mit einem traurigen Gefühl über die Situation im Nachhinein.
Diese Art der Auseinandersetzungen werden ja mit zunehmendem Alter der Kinder nicht weniger. Von daher wäre es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass wir das Ganze (ich auch!) lieber jetzt schon angehen.
Unsere Frage lautet: Was können wir tun, wo müssen wir bei uns selbst ansetzen, damit klassische Situationen (Doch! Nein! Doch! Nein! Nils, es kann nicht sein, dass wir JEDEN Tag darüber streiten… NEIN! (Tränen)) vermieden werden bzw. so erlebt werden, dass nicht das flaue Gefühl in unserem Bauch bleibt, etwas grundlegend falsch gemacht zu haben?
Wir beide, mein Mann ist im Boot, würden uns sehr über ein Online-Coaching freuen! Denn gut geht es uns grad beiden nicht.
Herzliche Grüße von
Anna und Christopher
 Hier sind die ersten Fragen mit den dazugehörigen Antworten:
Uta: Was meinst du mit „authentisch ins Gespräch gehen“? Wie sieht das aus?
Anna: Für mich ist es authentisch, wenn ich frei mit meinem Kind spreche – habe ich grade Mitleid und weiß genau um die Tatsache, dass Nils furchtbar müde ist, eigentlich im Stehen einschlafen könnte und jeder Gang, jedes An- und Ausziehen eigentlich zu viel sind, zeige ich das mit Wort und Stimme und hole ihn dadurch ins Boot und er kooperiert schneller bzw. besser. Würde ich aber 3m entfernt stehen und sehr bestimmt, etwas zu laut plus genervt kommandieren „Ausziehen!“, „Ins Bad!“, „Mund auf!“, würde Nils einfach kapitulieren und heulen: „Ich will nicht mehr! Ich putze keine Zähne! Ich wasche keine Hände!“ und ich würde wütend und noch genervter werden.
Uta: Ist es nicht authentisch, wenn Christopher mal ein Kommando gibt? Ist das vielleicht seine Art, authentisch zu sein?
Anna: Kommandos: Ja, das ist manchmal sicherlich authentisch und auch völlig okay! Lange diskutieren bzw. meinen Standpunkt ewig deutlich machen, davon halte ich auch nicht in jeder Situation etwas. Aber wenn Christopher eigentlich selbst Mitleid hat, was der Fall ist, ihm die ganze Situation leid tut (wir haben zu spät gegessen oder das Kind zu spät aus dem Garten geholt, Kind klappt schon halb zusammen), könnte Christopher das einfach zeigen und deutlich machen. Davon wird Nils nicht langsamer und unkooperativer, im Gegenteil. Nils geht eher in eine Art Machtkampf. Ich glaube, das ist auch normal: Christopher: „Zähneputzen!“ Nils „Ich putz mir nicht die Zähne! Das ist Arschlosch!“ oder macht einfach ganz zu, weint und zetert.
„Motzton“: Authentisch ist auch kein Motzton. Davon schrieb ich ja, dass der Umgangston plötzlich genervt und teilweise motzig ist. Wir haben auch herausgefunden, warum. Jetzt wird es lang, entschuldige bitte! Aber es ist DIE Erkenntnis!
Es gab vor ein paar Wochen eine Zeit, da war ich stressbedingt schnell genervt und habe diese Stimmung Nils entgegen gebracht, obwohl er nichts damit zu tun hatte. Ich bin oft zu laut geworden und habe auch mal gebrüllt. Vorher eigentlich nie. Die ersten Male waren seltsam und mein Gebrüll hat mich erschreckt. Es tat mir leid im Nachhinein, es war ein doofes Gefühl, aber währenddessen war es tatsächlich etwas befreiend. Die nächsten Male waren aber schon gar nicht mehr so seltsam, es fiel mir leichter, laut zu werden und so wurde ich es öfter. Christopher war davon ziemlich perplex, sprach mich öfter an, sagte mir, dass das überhaupt nicht angemessen war für die jeweilige Situation. Nils „Fehlverhalten“ sah er jedoch auch. Hatte aber keine Idee, wie man besser darauf reagieren könnte. Und ganz unbewusst hat er sich gedacht: muss man wohl so machen. Das wurde uns aber erst jetzt klar! Ich habe mich aber nach einiger Zeit besonnen (ohne Christopher das mitzuteilen, der Alltag ging einfach weiter), habe meinen Ton geändert und mir wurde bewusst, dass das mein ganz eigenes Problem war und Nils eigentlich völlig okay ist, vor allem sehr normal für einen Sechsjährigen. Christopher währenddessen begann nun seinerseits damit (erstmals) einen motzigen, patzigen und viel zu lauten Ton anzuschlagen.  Er wurde immer lauter. Ich sprach ihn an und war völlig entgeistert (mein voriges Verhalten hatte ich da schon vergessen). Er wehrte aber ab und sagte, dass das alles nicht so weiter ginge. Wir müssten härter durchgreifen. Wenn er so unkooperativ sei, würde er wirklich Schwierigkeiten in der Schule bekommen und sofort in eine entsprechende Schublade gesteckt werden. Ich war völlig entgeistert. So sah ich das Ganze nicht. Es lief so weiter, wir meckerten uns gegenseitig an. Bis zu dem Abend, als es mir zu viel wurde und ich zufällig deinen Aufruf las. Wir sind uns nun ziemlich sicher, auch wenn sich das komisch anhören mag, dass Christopher sich meine Stimmlage abgeguckt und etwas modifiziert hat. Diese Einsicht hatte übrigens Christopher zuerst. Du sprachst in einem Artikel davon, dass sich das Geschrei wie eine Tonspur unter den Alltag legt. Zack, das ist uns hier passiert! Das doofe: Nils hat es sich ziemlich sicher nun von uns abgeschaut. Sein Ton ist immer öfter und immer heftiger motzig, laut und unfreundlich. Natürlich nicht immer!
Uta: Welche Bewertung hast du über Kommandos?
Anna: Wenn sie in dem Moment nötig sind, okay. Aber nicht als Prinzip, nicht angewöhnt, nicht als Grundton! Sondern dosiert.
Uta: Was denkst du darüber, wenn eine Mutter oder ein Vater den „Bestimmer spielt“?
Anna: Den Bestimmer „spielen“ finde ich doof und nervt mich sehr. Sieht man ja öfter auf dem Spielplatz. Bestimmer „sein“, in gewissen Momenten, finde ich wichtig! Aber auch hier – nur wenn es die Situation verlangt.
Uta an Christopher: Wie kommst du zu der Annahme, dass Nils in der Schule nicht auf den Lehrer hören wird?
Christopher: Die Frage kann ich nur schwer beantworten. … Die aktuelle Situation in der Vorschule lässt mich in diese Richtung denken.
Nils besucht derzeit eine Vorschulklasse einer Waldorfschule (Stadt), ab kommendem Schuljahr dann die reguläre 1. Klasse hier bei uns im Dorf. Er musste bereits zwei- bis dreimal  „Sanktionen“ erleben, da er sich beispielsweise nicht an Regeln beim Frühstück halten konnte und den Ermahnungen der Lehrerin nicht gefolgt ist. Er musste dann im Nebenraum alleine frühstücken. Dies mag er in der Situation „cool“ hinnehmen, zu Hause bricht er dann nach einer längeren „Ausbrützeit“ heraus und er ist tief unglücklich, erschrocken und traurig.
 – – ab hier nun keine direkte Antwort mehr auf die Frage, aber die Begründung meiner Befürchtung – –
Die neue 1. Klasse (andere Schule) werden zwischen 30 und 34 Kinder besuchen. Die Lehrkräfte dort sind eher oldschool und Schüler werden vorschnell in Schubladen gepackt. Dies wissen wir von einer engen Freundin, die dort Lehrerin ist. In so einer großen Gruppe, bei einem solchen pädagogischen Konzept wird die Klasse sehr eng geführt werden, das „Mitmachen“ und „Regelnbefolgen“ wird für die Lehrkraft von hohem Wert sein.  Zudem weiß ich als Lehrer und als Mensch, dass leider die ersten Wochen den Eindruck entscheidend prägen. Ich befürchte, dass Nils durch sein Verhalten, durch das häufige (befürchtete) „Nein“ und seine „coole“ Art, mit der er seine weiche Seite verdeckt, Attribute zugeschrieben werden, die sich in der Meinung der Lehrer, der Mitschüler und schließlich auch bei ihm selbst festsetzen und auf Jahre bestehen bleiben. Vor allem das „vor die Tür setzen“ brandmarkt einen Schüler natürlich, da sichtbar und wahrnehmbar für alle.
Uta: Hast du die Erfahrung gemacht, dass Nils nicht mit Menschen außerhalb der Familie kooperiert?
Christopher: Zum Teil, ja. Auch beim Umgang mit seinen Großeltern oder wie beschrieben in der Schule. Dies erfahren wir dann nur über die Lehrkraft oder Nils, wenn uns berichtet wird, dass er z.B. in den Nebenraum musste, um dort zu frühstücken.
 Vielen Dank, Anna und Christopher, für eure Antworten!
Im nächsten Teil des Coaching-Gesprächs mit Anna und Christopher geht es darum, was genau in der Vorschule vorgefallen ist, um das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Mamas und Papas und darum, den Kern des Problems näher einzukreisen.
Immer fröhlich weiter lesen!
Eure Uta

3 Kommentare

  • Janine sagt:

    Das klingt interessant mit dem „Motzton“. Ähnliches passiert hier leider auch. Und wie schon beschrieben, vorwiegend unter Stress. Ich bin auf die Fortsetzung gespannt!

  • Mia sagt:

    Ich bin schon gespannt wie es weiter geht, das Problem kenne ich. Ich bin leider auch oft zu motzig und beobachte, dass sich meine Kinder den Ton abschauen. Das macht mich sehr unglücklich, theoretisch will ich natürlich ganz anders mit den Kindern reden, aber gerade in Stress-Situationen fällt man zurück in solche Muster.
    Mein Urteil also schon jetzt: Ja, das Protokoll des Online-Coaching ist interessant. Ob es hilft, kann ich später sagen🙂.
    Liebe Grüße,
    Mia

  • Charlotte sagt:

    Vielen Dank an Euch beide diesen Austausch zu veröffentlichen. Auch ich finde uns in dieser Thematik wieder, genauso, auch in der Rollenverteilung zwischen meinem Mann und mir. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Das Interessante hier ist für mich die schrittweise Entwicklung des Problems und der Lösung. Eine sehr gute Idee, das Online Coaching.
    Viel Kraft Dir, Anna, und Deiner Familie, und vielen Dank Dir Uta, für die hilfreiche Idee.
    Eure Charlotte aus Brüssel

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