Aufstand geprobt

Wie Sadia meine Führungsqualitäten herausfordert.

Mit Sadia hat es sich so eingespielt, dass wir nach dem Frühstück zusammen Zähne putzen, sie sich anzieht und ich sie dann zur Vorschule bringe, wo sie zwei Stunden vormittags zur Eingewöhnung verbringt. Ist doch klar. Man braucht bloß feste Rituale, dann geht es ganz einfach. Dachte ich zumindest und formulierte schon den nächsten Post dazu. Am Montag aber kletterte sie mit Schuhen in die Dusche, hämmerte mit der Faust gegen die Glaswände und funkelte mich provozierend an. Zähne putzen? Keine Chance.

„Ah“, dachte ich, „sie probt den Aufstand. Das ist ein gutes Zeichen und auf jeden Fall besser als Heimweh.“ Ich ließ die Elektrische über die Backenzähne rotieren, also über meine Backenzähne, und mühte mich, den Krawall in der Duschkabine zu ignorieren. Es wurde aber zu doll. Sie schien wissen zu wollen, wie weit sie bei mir gehen konnte.

„Na! („nein“ auf Paschtu) Du kommst jetzt hier sofort raus!“ Ich hob sie aus der Dusche und setzte sie auf den Badezimmerteppich. Einen solch scharfen Ton war sie von mir nicht gewohnt und guckte betreten. Dann ließ ich sie aber in Ruhe und bearbeitete weiter meine Kau-Flächen, fest entschlossen, diesen kleinen Aufstand mit Gelassenheit und innerer Stärke für mich zu entscheiden. Es war klar, dass ich sie nicht zwingen würde, sich ihre Zähne zu putzen, aber Randale würde ich nicht durchgehen lassen.

Zeit verstrich. Unter dem Schopf mit dem seidigen schwarzen Haar schien es heftig zu arbeiten. Ich polierte die Amaturen, erneuerte die Handtücher und putzte das Waschbecken. Und dann kam Sadia. Sie liebt es, das Waschbecken zu putzen. Ich überließ ihr den Schwamm und sie ließ ihn mit viel Schmierseife durch das Becken kreisen. Wir versetzten Schaumberge, lachten, hatten wieder eine Verbindung. Als alles trocken poliert war, nahm sie sich unaufgefordert ihre Zahnbürste und putzte sich die Zähne. Anziehen war dann kein Thema mehr.

*

Vorgestern lief es wie geschmiert: Zähneputzen, Lachen, Haare kämmen, Haare-Ölen (scheint bei ihr zu Hause zur Körperpflege zu gehören), Anziehen und auf zur Vorschule. Ein bezauberndes Lächeln zum Abschied und ich fühlte mich wie die beste Gastmutter aller Zeiten.

*

Gestern morgen saß Sadia mit verschränkten Armen auf der Kinderbank und wollte sich weder die Zähne putzen noch die Kleider anziehen. Ich nahm einen kleinen Schweißausbruch bei mir wahr, den ich nicht den Temperaturen in die Schuhe schieben konnte. An der Hand folgte sie widerwillig nach oben, aber an Zähneputzen war nicht zu denken. Auch die Strategie von vorgestern funktionierte nicht. Sie rannte aus dem Bad und ließ mich allein mit meinen überdeutlich kreisenden Bewegungen in der Backe. Auch das nahm ich wieder als ein gutes Zeichen. Aus anderen, erfahrenen Gastfamilien weiß ich, dass manche Kinder versteinern und gar keine Gefühle zulassen, um die Zeit in der Fremde zu überstehen. Nein, ein Versteinern haben wir hier nicht. Das ist schon mal gut. Wenig später folgte ich ihr in das Esszimmer, nahm das Nähzeug, um ihren kleinen Schirm zu reparieren. Sie wollte auch Nadel und Faden, aber ich sagte ihr, sie solle sich erst die Zähne putzen, dann dürfe sie mir helfen.

Leider weiß ich ja nicht, wie viel sie schon versteht. Auf jeden Fall funktionierte es nicht, ihr diese Bedingungen zu setzen. So nahm ich sie mit in ihr Zimmer und probierte es mit Anziehen. Fehlanzeige. Ich versuchte es mit Humor, wollte ihr eine Puppenstrumpfhose anziehen, erntete ein Lachen, aber dann wieder Verweigerung. Puh. Bald 10 Uhr, die Zeit, die für Sadia mit der Vorschullehrerin vereinbart ist. Ich zog sie auf meinen Schoß, was sie sich gern gefallen ließ, wiegte sie und sang ihr alle Lieder vor, die mir einfielen. Sie schmiegte sich enger an mich. Und so saßen wir eine ganze Weile. Der Termin in der Schule war plötzlich unwichtig. Sie brauchte Nähe, kein Fluoridierungs-Programm. Schließlich wählte sie das wallende Kleid, das sie schon auf der Reise getragen hatte, und ließ sich helfen, es anzuziehen. Wir gingen Hand in Hand nach unten. „Komm, jetzt noch schnell Zähne putzen“, sagte ich sanft und war mir sicher, dass sie wieder kooperieren würde. „Dann bist du ganz fertig!“ – „Na!“, brüllte sie. „Na, na, na!“ So laut und so nah an meinem Ohr, dass ich fast um mich geschlagen hätte. Der Widerstand war wieder da wie eine große Wand. Ich beschloss, dass es so nicht weitergeht, zerrte sie auf meinen Schoß und putzte ihr die Zähne. (So viel zum Thema ‚Es war klar, dass ich sie nicht zwingen würde, sich ihre Zähne zu putzen, …‘ siehe oben). Danach war sie sauer auf mich, ließ sich aber zur Vorschule bringen und mich eine Runde durchatmen.

*

Glücklich war ich nicht über unser Ringen am Morgen. Sah ich denn nicht, wie viel Traurigkeit in diesem Kind fernab von Eltern und Geschwistern steckt? War ich zu hart gewesen? War Zahnpflege denn wichtig für ein Mädchen, dem eine Herz-Op bevorsteht? Und dort, wo sie im Sommer wieder hin zurückkehrt, eine umkämpfte Region südöstlich von Kabul, gibt es ganz andere Bedrohungen als Karies und Baktus.

Aber mir wurde auch klar: hier ging es um etwas anderes. Wenn ich mir aus Mitleid alles gefallen ließe, wäre ihr nicht gedient und die ganze Katzenklo-Familie wäre bald mit ihren Nerven am Ende. So bestehe ich also ruhig und beharrlich auf einmal Zähneputzen am Tag und es gibt ein paar Grenzen, die niemand bei uns überschreiten darf. Auch Sadia nicht. Immer wieder muss ich in diesen Tagen an den Satz denken, dass im Zumuten auch ein großes Zutrauen liegt. Und es gibt mir sehr zu denken, dass dieses kleine Mädchen, das Armut und Krieg erfahren hat, das hier zum ersten Mal Wasser gesehen hat, das aus der Wand fließt, das mit sechs Geschwistern aufwächst, die um die Gunst von Eltern buhlen, die sicher nicht Jesper Juul gelesen haben, dass dieses kleine Mädchen so stark und selbstbewusst ist. Ihr hättet mal sehen sollen, wie sie am ersten Tag in die Vorschule hier marschiert ist: Brust raus, Kopf hoch und keine Frage dazu, ob sie dort bleibt oder nicht.

 

Ich will nicht die Bedingungen verharmlosen, in denen Kinder in Afghanistan groß werden. Wenn ich Sadia und ihre Stärke sehe, frage ich mich aber, ob wir unsere Kinder zu sehr in Watte packen und damit schwächen.

Immer fröhlich auch mal was zumuten und aushalten lassen!

Eure Uta

10 Kommentare

  • Simone sagt:

    Wiedermal ein toller Bericht. Wirklich sehr interessant. Ich bin schon gespannt wie es weitergeht.

  • Inke Meier sagt:

    Ein spannender Bericht mit einer nicht weniger spannenden Frage am Ende.

  • Antje sagt:

    Liebe Uta,

    danke, du hast mich wie so oft zum Nachdenken gebracht.

    Ich frage mich, warum Sadia ihre Zähe nicht putzen möchte? Vielleicht überschretet das eine ihrer Grenzen? Aber ich vermute es ist auf Gund der unterschiedlichen Sprachen kaum herauszufinden… Vielleicht zeigt sie dir auf die ihr mögliche Art, dass es ihr nicht gut geht?

    Vielleicht ist ihre Stärke ihre Methode ihr verletztes Inneres zu schützen?
    Ich vermute, anders kann sie nicht überleben und wenn es viele Menschen gibt, denen es so geht, macht das unsere Welt nicht friedlicher.
    Für mich passt deswegen als letzter Satz:
    Immer fröhlich versuchen eine Lösung zu finden, die für alle in Ordnung ist.

    Herzlichen Gruß,
    Antje

  • Katharina sagt:

    Hallo Uta,

    ich lese Deinen Blog schon seit geraumer Zeit still mit. War Sadia schon mal beim Zahnarzt?
    Meine mittlere Tochter hatte mit vier eine Phase, in der sie sich vehement geweigert hat, die Zähne zu putzen – es stellte sich heraus, dass ein Zahn durch eine kleine Stelle Karies dermaßen druckempfindlich war, dass Zähneputzen ihr enorm weh tat. Das konnte sie so aber nicht äußern… also hat sie sich komplett verweigert, um dem Schmerz zu entgehen.

    Viele Grüße,
    Katharina

  • MissTie sagt:

    Mmh…. keine Frage, dass man seinen Kindern auch mal was zumuten soll und dass es stärkt, Dinge auszuhalten. Lese hier total gern und habe schon viel mitgenommen! Allerdings bereitet mir die Frage am Ende deines Artikels Bauchschmerzen!
    Durch echte Fürsorge werden Kinder stark und nicht durch Abhärtung!!!!

  • Saphira sagt:

    Liebe Uta,
    nun möchte auch ich mal kommentieren. Es ist spannend zu hören, wie du mit den Herausforderungen dieser Altersklasse in dieser besonderen Situation umgehst. Der Umgangston mit deinen großen Kindern klingt sehr respektvoll und einfühlsam. Viele hilfreiche Denkanstöße haben deine humorvollen Artikel bei mir ins Rollen gebracht. Danke dafür!
    In diesem Artikel klingen Töne mit, die ich von dir bisher noch nicht kannte. Einen Aufstand für sich entscheiden zu wollen klingt so, als ginge es um einen Kampf, einen Wettstreit um die Führungskraft. Aber vielleicht will Sadia gar nicht kämpfen, sondern nur dich und deine Grenzen kennenlernen? Vielleicht erscheint sie so stark, weil Ängste oder Schwäche zu zeigen einfach nicht erlaubt ist, dort wo sie her kommt?
    Meine Großeltern wurden auf der Flucht vor dem Krieg nicht in Watte gepackt. Das hatte in meinen Augen keine positiven Auswirkungen auf ihre emotionale Gesundheit und ihren Erziehungsstil.
    Viel Kraft für euch und Sadia für die weitere gemeinsame Zeit!

  • Trampeldino sagt:

    Liebe Uta,

    ich habe auch lange überlegt, ob ich kommentiere. Ich mag Deinen Blog sehr, habe auch Dein Buch verschlungen. Mir hat immer gut gefallen, dass Du einerseits bedürfnisorientiert und respektvoll mit Kindern umgehst, andererseits hast Du mir dabei geholfen zu erkennen, dass es einige (wenige) Dinge gibt, die ich als Elternteil entscheiden DARF ohne dabei dogmatisch werden zu müssen.
    Dieser Post von Dir hat mich allerdings auch sehr irritiert. Ich fand nicht mal so schlimm, dass Dir scheinbar „die Sicherung durchgebrannt“ ist und Du Sadia gegen ihren Willen die Zähne geputzt hast (auch wenn ich das schon eine deutliche Verletzung der Grenzen von ihr finde) – ich denke, das kennen viele von uns, dass man auch mal übergriffig wird. Aber dass Du es so wenig selbstkritisch reflektierst, finde ich ungewöhnlich von Dir – zumal Du in Deinem Buch ja auch schreibst: „keine Zähne putzen – keine Süßigkeiten“. Fertig, ohne Zwang.
    Ich denke auch eher wie meine Vorkommentatorinnen, dass Sadia sicher gelernt hat ihre Gefühle, Bedürfnisse zu verpacken. Ich finde, dass von ihr extrem viel verlangt wird – eine schwere OP in einem fremden Land ohne Eltern mit einer fremden Sprache. Niemals würde ich als Erwachsene das mit mir machen lassen …
    Aber ich finde es mutig, dass Du diesen Post veröffentlicht hast, Du hättest es ja auch „unter den Tisch fallen“ lassen können.
    Liebe Grüße, Bianca

  • Claudia sagt:

    Liebe Uta,

    ich verschlinge deine Berichte über dieses kleine starke Mädchen regelrecht. Und ich finde es ganz wunderbar, dass sie ihre kleine Persönlichkeit auch in der Fremde zeigt.
    Im Übrigen hätte ich es genauso wie du gehalten und bin über die anderen Kommentare etwas irritiert. Ich behandele als Kinderphysiotherapeutin häufig kleine Persönlichkeiten und sie wissen dass man mit mir lachen schmusen, Spaß haben kann, aber wenn ich „so“ sage, wird gearbeitet. Und auch wenn sie das doof/anstrengend/oder zum heulen finden, mögen sie mich danach immer noch.
    Und auch mein Teenie (chronisch an Diabetes Typ 1 erkrankt und zur Zeit mal wieder voller Spritzenangst…) sagte gestern zu mir : “ Ich hab dich lieb und es ist gut, dass du manchmal so streng bist und das durchziehst, wenn ich vergesse, was das richtige für mich ist“

    Liebe Grüße vom Deich
    Claudia

  • Antje sagt:

    Liebe Uta,

    ich habe im folgenden Beitrag gelesen, dass Sadia ihre OP gut überstanden hat, das freut mich sehr.

    Zum Thema Zähneputzen habe ich eine afghanische Kollegin gefragt; sie sagt, dass in Afghanistan die Zähne üblicherweise nicht geputzt werden. Die Menschen benutzen ein Holzstäbchen, um sich die Zähne zu reinigen. Trifft das bei Sadia viellicht auch zu? Vielleicht fand sie das Zähneputzen hier erst spannend, aber dann zu ungewohnt?

    Herzlichen Gruß und noch eine gute Zeit für Sadia und euch
    Antje

  • Esther sagt:

    Mich beruhigt es, zu lesen, dass du auch an deine Grenzen kommst. 😉
    Und ich glaube, es ist einfach eine große Herausforderung, von einem Tag auf den anderen wieder ein Kind bei sich zu haben, dass nur für eine bestimmte Zeit da ist, sprachlich nur schwer zu erreichen ist und aus einer ganz anderen Kultur/sehr anderen Lebensumständen kommt. Da kann nicht alles lösbar sein.

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