Die Hindukusch-Hitparade

In der Klinik mit Sadia.

Wir waren mit Sadia zur MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) in der Klinik. Dort wurde ihr vorher ein Injektions-Zugang in die Armbeuge gelegt, um ihr ein Narkose-Mittel spritzen zu können, falls sie in der Röhre nicht still liegen geblieben wäre. Das Pieksen mag sie gar nicht. Sie wird starr vor Angst, wenn der Gurt um den Oberarm stramm gezogen wird, um das Blut zu stauen.

Oberarm? Nein, das ist ein zu gewaltiges Wort für diesen Puppenarm mit dem kleinen Muskelpäckchen. Ein Wunder, dass man da irgendetwas zum Hineinstechen findet. Aber schnell war es geschafft. Und Prinzessin (16) und ich konnten aufhören, hinter der Anästhesistin lustige Grimassen zu schneiden.

 

Vor dem MRT mussten die Armreifen ab.

 

In der lauten Röhre zu liegen, fand Sadia dann offenbar nicht mehr so schlimm. Sie bekam Kopfhörer mit afghanischer Kindermusik auf die Ohren. Und der nette afghanische Arzt, der wie sie Paschtu spricht, durfte in dem Raum mit der Röhre an ihrer Seite bleiben.

Auf dem Heimweg im Auto sang sie vor Erleichterung. Wir fuhren außen rum über die Landstraße, vorbei an Wiesen voller Löwenzahn und im Ohr diese Hindukusch-Hitparade, gesungen von einem kleinen Mädchen. Ganz aufgeräumt kamen wir zu Hause an und ich rief „Hallo-hallöchen“ die Treppe hinauf, um den Kronprinzen zu begrüßen. „Hallo-hallöchen!“ hörte ich hinter mir ein Echo. Das war Sadia mit ihrem ersten deutschen Wort.

Unsere innere Verbindung begann vielleicht in diesem Moment im Flur. Oder ein paar Minuten später, als wir am großen Tisch schweigend nebeneinander saßen. Sie mit ihrem Hüttenkäse-Brot (sie liebt Hüttenkäse), ich mit einem großen Becher Milchkaffee. Draußen prasselte der Regen auf den Gartenweg. Sadia blätterte in ihrem geliebten Pixi-Heft, ich in einem Wohnbuch und genoss die Seligkeit, die mich durchströmte. Nicht nur die ersten Untersuchungen waren geschafft, sondern auch die ersten 10 Tage und Nächte mit einem Kind, das alles Recht der Welt hatte, schwer traumatisiert zu sein: von der Reise ohne Eltern, von der für sie völlig fremden Welt, in der sie gelandet ist, von den Klinik-Besuchen und der bevorstehenden Operation.

Wie dieses Kind auf so große Herausforderungen reagiert, wie sie Heimwehschübe hat, aber sich – wie heute Abend – auch ausschütten kann vor Lachen, wirft für mich ganz neue Fragen zur Resilienz (Widerstandskraft) von Kindern auf.

Dazu bald mehr!

Immer fröhlich fasziniert von Kindern bleiben!

Eure Uta

4 Kommentare

  • Seifenfrau sagt:

    Es ist so großartig, dass ihr Sadia momentan bei euch aufgenommen habt! Viel Glück der Kleinen! Ich drücke die Daumen!

  • Inra sagt:

    Liebe Uta,

    ganz besonders wunderbar zu allem, was ihr tut, finde ich, dass deine Kronprinzessin und dein Kronprinz da so mittun und Sadia auch aufgenommen haben in eure Familie; dass es nicht nur die Angelegenheit von euch Eltern ist.
    Da ist ganz eindeutig was richtig gut gelaufen. : )

    Liebe Grüße,
    Inra

  • Doris sagt:

    Liebe Uta
    Wie schön, dass Sadia einen Platz in einer so wunderbaren Familie gefunden hat. Grossartig, wie ihr das macht!
    Herzliche Grüsse und ein schönes Wochenende
    Doris

  • Claudia sagt:

    Meine Hochachtung!! Die kleine Maus wäre in dieser schweren Zeit nirgends besser aufgehoben, als in eurer Familie. Ich gratuliere euch für diese verantwortungsvolle und großherzige Entscheidung und kann das nur von ganzem Herzen bewundern.
    Ganz liebe Grüße
    Claudia.

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