Die Hölle im Kopf

Wie ich darauf achte, es mir nicht künstlich schwer zu machen.

Es begann, schon wieder stressig zu werden. Ein bisschen wie mit den eigenen Kindern damals. Mütteralltag. Ich wollte, dass Sadia, unser afghanisches Gastkind, morgens früher als 10 Uhr in die Vorschule geht, damit ich wieder mehr zum Arbeiten komme und überhaupt: das musste doch zu schaffen sein. Wenn sie nur am Abend früher einschliefe und der Rhythmus sich besser einpendeln würde. Wenn sie doch nicht darauf bestehen würde, erst einzuschlafen, wenn ich neben ihr liege und bliebe die ganze Nacht. Wenn …

Ich wollte es richtig machen, besser machen, zog mich damit runter, dass ich es nicht hinbekam, alles miteinander zu vereinbaren: Sadia liebevoll zu betreuen, Elternberatung, Lernen für die Coaching-Prüfung, mehr Blogbeiträge schreiben, Hecke schneiden, mal afghanisch kochen, Zeit haben für Prinzessin (16), Filterwechsel beim Kaffeeautomaten ….

„Ich hatte im Kopf die Hölle an“, sagte eine Freundin neulich, als sie von einer stressigen Situation erzählte. Ja, so ist es wirklich. Die Hölle gibt es nur in unserem eigenen Kopf und ich schalte sie selbst ein.

Den Ausschalter fand mein Mann. Mit einem einfachen Satz. Wir saßen ganz spät noch bei einem Schluck Wein und er meinte: „Nur noch vier Wochen mit Sadia.“

Nur noch vier Wochen???!!! Dann fliegt sie zurück nach Kabul, reist mit ihrem Vater zurück in ihr Dorf irgendwo auf dem Land. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir sie je wiedersehen.

Der Satz legte einen Schalter um in meinem Kopf. Wir haben nur noch vier Wochen mit ihr. Die Zeit wird nie wieder kommen. Wie blöd, nicht jeden Tag einfach zu genießen. Dann geht sie eben später in die Vorschule oder auch gar nicht. Es ist alles richtig so genau, wie es kommt. Arbeiten, Spaß haben, spät einschlafen, früh einschlafen, zwei oder drei Eis am Tag, Zähneputzen oder nicht, die Dinge nehmen, wie sie kommen, locker bleiben, die Bewertungsmaschine abstellen, aufhören, sich chronisch zu fragen, was man noch optimieren könnte, sich hingeben den Aufgaben, die jeder Tag so stellt.

Wie anders dann alles wird. Wie Glücksgefühle einen durchströmen bei den einfachsten Sachen. Sadia sitzt mit ihrem Tee und ich mit meinem Kaffee draußen auf der Terrasse. Es fängt an zu regnen. Wir quetschen uns mit dem kleinen Tisch und den kleinen Stühlen unter das Vordach, holen uns Schirme und bleiben einfach draußen mitten in einem Schauer. Sie äfft mich nach, wie ich die Regenluft einsauge. Und wir lachen, bis uns die Bäuche weh tun.

Sadia mit Obama-Maske und Hamburger Schiffermütze.

Nur noch vier Wochen. Wir wissen ja nie, wie viel Zeit uns bleibt mit anderen. Ob das Sadia ist, deren Abflugtermin fest steht, oder die anderen Menschen, die wir lieben. Deshalb werde ich achtsam, wenn mein Kopf auf Hölle schaltet.

Immer fröhlich bleiben!

Eure Uta

7 Kommentare

  • Frau Jule sagt:

    Ja, das denke ich mir auch oft. Wahlweise: Was wäre, wenn das heute mein letzter Lebenstag wäre? Würde ich ihn dann so verbringen?
    Liebe Grüße,
    Jule*

    • Frau Jule – ja und nein!
      Gott sei Dank wissen wir nicht, wann unser letzter Tag ist – es würde uns überfordern, den Tag zu kennen und wir würden nur selten das tun können, was wir wirklich wollen, weil wir nicht mit Gelassenheit daran gehen könnten, weil „das“ zu groß ist.
      Und ja, wenn man nicht weiß, wann der letzte Tag sein könnte und das wirklich bewusst lebt, über Tage, Wochen, Monate, dann würde man sich den Alltag wünschen, nur mit mehr Gelassenheit!

      So ist zumindest meine Antwort darauf!
      Wie Uta sehr schön beschrieben hat – manchmal reicht ein kleiner Satz, der Schalter, der Regen zum Erlebnis werden lässt. Wir müssen uns nur entscheiden, ob wir glücklich sein wollen, oder ob der Ärger uns den Tag vermiest.
      Am Ende wollen wir aber alle glücklich sein!

      Liebe Grüße

  • Antje sagt:

    Wow, was für ein Glück für alle, dass der Schalter umgelegt werden konnte und durfte…

    …eine beste Zeit und herzliche Grüße
    Antje

  • Claudia sagt:

    So einen, der meinen Schalter umlegt, brauche ich auch manchmal…
    Aber ich habe auch früh gelernt (aus traurigen Anlässen), dass es wichtig ist, sich Zeit für schöne Dinge zu nehmen und immer wieder zu genießen!

    Liebe Grüße vom Deich und ich freue mich, das es Sadia gut geht!

    Claudia

  • Maria sagt:

    Immer diese tollen Artikel – mit diesen so wichtigen Botschaften. Danke für die Worte! Ich freue mich jedes mal so sehr über einen neuen Artikel. Wir wünschen gute vier Wochen mit Sadia! Mit und ohne Vorschule:-)

  • Irmi E. sagt:

    Liebe Uta, ich lese seit langem Deine Blogeinträge und so gut wie immer ist Dein Blick auf die Dinge eine Bereicherung für mich. Manchmal muss ich lachen, oft auch ein paar Tränen weinen, aber es berührt mich immer. Daher ein riesengroßes DANKE an Dich und noch viele schöne Tage mit Sadia! Liebe Grüße aus Wien von Irmi E.

  • Dorthe sagt:

    Liebe Uta,
    ja – ich habe ganz oft die Hölle im Kopf und bräuchte dringend einen Aus-Schalter. Mal klappt das gut … mal leider überhaupt nicht …
    Allerdings finde ich, dass es einfach auch Dinge gibt im Alltag, die sein müssen. Wenn ich die Lütte immer nach ihrem Tempo machen lassen würde, wäre ich ständig zu spät auf der Arbeit und auch der Kiga fände das sicher nicht gut. Genauso beim Zähneputzen oder oder oder … ich kann nicht immer sagen: „Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt …“ obwohl auch ich weiß, dass so schnell alles vorbei sein kann …
    Aber ich verstehe schon, wie du das meinst. Prioritäten setzen und mehr schöne Zeit miteinander verbringen.
    In diesem Sinne … ich gehe mal fix malen 😉
    Liebe Grüße,
    Dorthe

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