Berlin to go

Wie wir nach Abbruch einer Klassenreise weitere Strafmaßnahmen für die Schüler abwenden konnten.

Prinzessin (16) war mit ihrer Klasse zur Abschlussreise der 10. Klasse in Berlin. An einem Dienstagmorgen habe ich sie zur S-Bahn gebracht. Am Mittwochmittag habe ich sie dort schon wieder abgeholt. Mehr als Dreiviertel ihrer Klasse ist vorzeitig wieder nach Hause geschickt worden, weil die Schüler dabei ertappt worden waren, wie sie sich gleich in der ersten Nacht im Hostel nach Mitternacht nach draußen schleichen wollten. Die Klasse wollte geschlossen gehen, aber die fünf Schüler, die in einem anderen Stock schliefen (oder besser nicht schliefen), waren nicht schnell genug. Sie durften mit der Parallelklasse weiter in Berlin bleiben.

„In Prinzessins Klasse scheinen sie eine gute Klassengemeinschaft zu haben“, meinte meine Schwägerin trocken.

Lehrer und Schulleitung sahen das anders. Deshalb mussten mehr als 20 Schüler nach Hause fahren, am anderen Tag für vier Stunden Mathe in die Schule kommen, ein paar der Jugendlichen, die einen Geschichtspreis gewonnen hatten, durften diesen nicht entgegennehmen, anderen Schülern wurde von einem der Lehrer gedroht, ihr „unsoziales Verhalten“ habe Konsequenzen für die wenig später anstehende Segelreise. Zudem sollten die Frühheimkehrer einen Schulverweis-Eintrag in ihre Akte bekommen. (Bei zwei weiteren Verweisen fliegt man dann von der Schule.)

Wir Eltern hatten die Gelegenheit, anlässlich der anberaumten Klassenkonferenz schriftlich Stellung zu beziehen. Zusammen mit den Eltern einer anderen Prinzessin haben mein Mann und ich eine Email aufgesetzt. Wir schrieben:

Sehr geehrte Frau Maier (Schulleiterin), sehr geehrte Frau Lessing (Klassenlehrerin), sehr geehrter Herr Schroeder (Deutschlehrer)*,

ein großer Teil der Klasse 10 b, darunter unsere Töchter, sind gestern vorzeitig von der Klassenreise in Berlin nach Hause geschickt worden, weil sie entgegen den vereinbarten Regeln in der Nacht die Unterkunft verlassen wollten bzw. haben.

Wir Eltern begrüßen diese Konsequenz ausdrücklich. Der Abbruch der Reise und die Übernahme der daraus entstandenen Zusatzkosten durch die Kinder ist die Folge ihrer Regelverletzung.

Lehrer haben eine Aufsichtspflicht und wir sind froh, dass sie diese zum Schutz unserer Kinder so ernst nehmen, wie das geschehen ist.

Wir halten unsere Kinder dazu an, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, und begrüßen es, wenn auch die Schule Kinder und Jugendliche die Konsequenzen ihres Handelns tragen lässt.

Mit dem Abbruch der Klassenreise haben unsere Kinder die direkte Folge ihres Fehlverhaltens getragen. Zudem haben sie sich – so wurde uns berichtet – für ihr Verhalten entschuldigt.

Damit … ist für uns Eltern der Regelverstoß ausgeglichen.

Weitere Maßnahmen, wie ein Schulverweis-Eintrag, halten wir weder für den Regelverstoß noch für unsere Kinder und ihr bisheriges Verhalten in der Schule, für angemessen.

Wir bitten darum, von weiteren Disziplinierungen abzusehen und die Entschuldigung der Schüler seitens der Lehrer anzunehmen.

Mit freundlichen Grüßen

(unterzeichnet von den Eltern der beiden Prinzessinnen)

 

Als wir uns vorher bei einigen anderen Eltern und auch bei den Elternvertretern erkundigten, ob wir uns gemeinsam für unsere Kinder einsetzen wollten, meinten einige, sie fänden es richtig, die Kinder zu bestrafen. Eine Mama setzte sogar noch eins drauf und verbot ihrer Tochter den Besuch einer Geburtstagsparty. Andere Eltern wiederum fanden Folgen, die über das Nachhause-Schicken hinaus gingen, auch überzogen, meinten aber, es sei zwecklos, sich dagegen zu wehren. So haben wir die Mail nur zu Viert unterschrieben.

Berliner Ampelmännchen, gekauft bei einer früheren Berlin-Reise. Diesmal war keine Zeit, Souvenirs zu kaufen.;-)))

Nun kam gestern schriftlich ein Brief der Schulleitung. Darin heißt es: „Wir sprechen euch keinen Verweis aus, ergreifen also keine förmliche Ordnungsmaßnahme, weil wir der Ansicht sind, dass ihr mit der frühzeitigen Abreise und dem Schultag hier bereits eine angemessene und spürbare Folge erfahren habt.“

Unser Schreiben scheint also gewirkt zu haben. Zumal es im Satz vorher heißt: „Einige wenige (Stellungnahmen) liegen uns vor, die uns aber auch überzeugen konnten.“

Was schließe ich daraus:

  • Ich bin froh, dass wir uns für Prinzessin eingesetzt haben. Nicht nur mit dem Brief, sondern auch vorher. Als mein Mann von den Vorfällen hörte, schrieb er auf WhatsApp: „Wir stehen hinter Prinzessin, egal was passiert!“ Ich zeigte ihr diesen Satz und sie strahlte über das ganze Gesicht.
  • Es war gut, die Sachlage zu klären. Wenn so etwas passiert, machen sofort Gerüchte die Runde. Von einem Schulverweis, der im Zeugnis erscheint, war die Rede. Dabei konnte durch eine Mail an die Lehrerin und einen Blick ins Schulgesetz binnen weniger Stunden geklärt werden, dass der angedrohte Schulverweis zu der Kategorie gehört, die nicht im Zeugnis sichtbar wird. Immer die Fakten klären! Dann kommt man schneller aus Konflikten heraus oder sie entstehen erst gar nicht.
  • Es ist wichtig, erst zu schreiben, wenn die größte Aufregung abgeklungen ist. Am besten eine Nacht darüber schlafen.
  • Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Lehrer ihre Pflicht tun, dass sie für Verletzungen der Aufsichtspflicht haften und dass sie aus Sorge um unsere Kinder handeln. Immer auch die andere Seite sehen, den anderen ins Recht setzen und dann die eigene Position beziehen (in unserem Fall: direkte Konsequenz ja, aber keine weitergehenden Strafmaßnahmen).

Weil ich so froh bin, dass das so gelaufen ist, wollte ich mit euch teilen, was funktioniert hat – zumindest um noch weitere Strafaktionen für die Kinder abzuwenden. Die Reise war ja leider nicht mehr zu retten.

Immer fröhlich und sachlich Position beziehen!

Eure Uta

* Namen geändert

8 Kommentare

  • Frau Jule sagt:

    Wow! Als Lehrerin würde ich mir mehr Eltern von eurer Sorte wünschen. was für eine coole Reaktion! Da hätte ich ähnlich reagiert, wie diese Schulleitung. Danke für dieses Beispiel.
    Liebe Grüße,
    Jule*

  • Sabrina Barbara sagt:

    Liebe Uta,

    ich bin so dankbar, dass du solche Dinge mit uns teilst und wir ( also ich meine damit zumindest mich) davon profitieren und lernen können. Wäre ich froh so eine weise Freundin / Bekannte in der Nähe zu haben, so oft weiß ich nicht wie reagieren. auch wenn meine 2 noch nicht zur Schule gehen, merkt man sich solch tolle Reaktionen. Hut ab, so eine Mama wünscht man sich.

  • M. sagt:

    Die Lehrer hätten Utas Rat befolgen sollen und erst eine Nacht darüber
    schlafen sollen! Aber der Ratschlag kam ja auch erst danach! Man
    lernt nie aus, auch Lehrer nicht! M.

  • BerlinBound sagt:

    Super gemacht. Nur schade, dass die Reise nicht mehr gerettet werden konnte. Danke fürs Teilen!

  • Ann Cathrin sagt:

    Liebe Uta, liebe Kommentatoren,

    die beschrieben Situation ist für mich als Lehrerin ein zweischneidiges Schwert. Ich stimmt voll zu, dass die Konsequenz der abgebrochenen Reise vollkommen ausreicht und weitere Konsequenzen überzogen gewesen wären.
    Von der Aussage des Ehemannes „Wir stehen hinter Prinzessin“, genauso wie von der „… schade, dass die Reise nicht mehr gerettet werden konnte“ bin ich allerdings schockiert. Diese Eltern möchte ich mal hören, wenn genau ihrem Kind während einer Klassenfahrt etwas zustößt. Da werden die Schreie nach unterlassener Aufsichtspflicht sofort laut und die Lehrer können sich kaum schützen. Nachts aus dem Hostel zu schleichen ist definitiv mehr als über die Stränge geschlagen und wie könnte eine adäquate Reaktion der Verantwortlichen denn aussehen? Ab jetzt werden die Zimmertüren von außen abgeschlossen, ihr dürft nur noch Händchen haltend durch die Stadt laufen wie Kindergartenkinder, jegliche freie Zeit wird gestrichen? Hier musste doch ein deutliches Zeichen her. Wenn auf die Jugendlichen so wenig Verlass ist, dann kann niemand mit ihnen derartige Unternehmungen tätigen. Und ganz ehrlich, das muss auch vom Elternhaus entsprechend thematisiert werden und da sollte wenig Verständnis da sein, sondern Akzeptanz für die Reaktion der Lehrer und der Versuch, den Jugendlichen die Gründe zu verdeutlichen.
    Die Vorstellung, ich wäre auf dieser Fahrt verantwortliche Begleitperson gewesen und gehe meine letzte Runde durch die Zimmer und auf einmal sind alle leer, macht mir sofort Bauchschmerzen.
    Die einzig richtige Konsequenz war in meinen Augen der Abbruch.
    Herzliche Grüße,
    Ann

  • Ich als Vater zweier Kinder, die mal mehr, mal weniger pubertieren, bin über die Strafen zum Teil erstaunt, zum Anderen kann ich die Situation der Lehrer allerdings auch sehr gut nachvollziehen.
    Die angedachten Strafen erscheinen mir schon überzogen, zumal wenn ich bedenke, welche Regelverstöße ich mir erlaubt habe als ich in dieser schwierigen Phase war und wie unaufgeregt damals meine Umgebung vom Lehrer bis zu den Eltern reagierte.
    Mir gefällt der Satz des Vaters „Wir stehen hinter Prinzessin, egal was passiert!“. Ich denke, Kinder müssen nicht von allen Seiten Strafen erhalten, um zu verstehen, dass sie eine Grenze überschritten haben.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

  • Anna sagt:

    Ich möchte noch etwas zu Wolfgangs Kommentar loswerden: ich bin selber Lehrerin und sehe den Abbruch der Fahrt nicht nur als Strafe sondern als zwingende Konsequenz der nächtlichen Aktion. Wie sollen so Ausflüge in eine Großstadt unternommen werden, wenn so wenig Verantwortungsbewusstsein da ist. Das kann man als Lehrer kaum verantworten (Aufsichtspflicht). Aus solchen Gründen und entsprechend geringer Wertschätzung der Eltern für die Arbeit und große Verantwortung die man auf solchen Fahrten trägt, kann ich leider immer besser verstehen, dass viele Kollegen dazu nicht mehr bereit sind. Es ist quasi eine 24h-pro-Tag-Arbeitswoche…
    Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich einiges seitdem ich selber Mutter bin, etwas ,milder‘ sehe und auch verstehe bzw. zum Teil positiv srhr, dass die Eltern sich schützend vor ihre Kinder stellen. Viel sinnvoller wäre es doch, wenn alle zusammen arbeiten können. Denn letztlich wollen (meist) beide ,Seiten‘ doch das beste für die Kinder.
    Danke Uta, für den Einblick in Ihre Sicht der Problematik!

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