Lauter Kuchen auf der Weide

Wie ein Kind sich unsere Sprache aneignet und warum es so beglückend ist, ein „Herzbrücke“-Kind bei sich aufzunehmen.

Ab jetzt darf ich Kawsar alias Sadia auf meinem Blog zeigen und bei ihrem richtigen Namen nennen. Vorher hatte ich die Auflage von ihrem gesetzlichen Vormund in Hamburg, das Kind im Internet nicht erkennbar abzubilden, so lange es sich in Deutschland aufhält. Das ist verständlich und ich habe mich gerne daran gehalten. Aber jetzt ist sie gut wieder in Kabul gelandet und ihr dürft sie sehen.

… und hat Spaß.

Was für eine Bereicherung, Kawsar kennen zu lernen! Wir hatten anstrengende, aber ebenso beglückende zwei Monate mit der kleinen Paschtunin. Selten so viel gelacht, selten so viel Hüttenkäse, Senf und Putenbrustaufschnitt gekauft, selten so unruhig geschlafen, selten so viel Münzgeld in schwachsinnige Fahrgeschäfte versenkt, selten so viel Fußcreme verbraucht und so viele Seifenblasen in den Himmel geschickt.

Am schwierigsten fand ich den ersten Abend und die erste Nacht: das Kind am Flughafen in Empfang zu nehmen und mit ihm im Dunkeln zu uns nach Hause zu fahren. Sich vorzustellen, dass alles für sie fremd ist: die Umgebung, die Menschen, die Sprache. Sich vorzustellen, wie sie sich fühlt. Und nichts sagen zu können zur Aufheiterung oder zum Trost. Unbeholfen die Hand und den Arm im Autositz neben einem zu streicheln. Besser als nichts.

Alles war neu für sie: in einem Flugzeug fliegen, Rolltreppe fahren, eine Toilette benutzen, fließendes Wasser aus der Wand, Duschen, Unterwäsche tragen, an einem Tisch sitzen, Lichtschalter, Katzen, die im Haus sein dürfen, ….

 

Warum ist es so beglückend, ein Kind, vermittelt von der Hamburger Stiftung „Herzbrücke“, bei sich aufzunehmen?

  • Weil man als ganze Familie persönlich und konkret einen Beitrag leisten kann.
  • Weil es so eine Freude ist zu sehen, wie schnell die Kinder nach der Operation genesen, wie aus schwächlichen, herzkranken Kindern mit dunklen Ringen um den Augen, Kinder werden, die gar nicht mehr aufhören, auf dem Trampolin zu hüpfen oder einem Ball nachzujagen.

Dank an die Nachbarn, dass Kawsar auf das Trampolin durfte!

  • Weil es schön ist zu erleben, dass einem Eltern, mehrere Tausend Kilometer entfernt, aus einem völlig anderen Kulturkreis ihr Kind anvertrauen.
  • Weil – und das bittet mein Mann zu ergänzen – es wohl tut, in dieser verrückten Welt für einen Menschen so konkret etwas tun zu können: helfen gesund zu werden, vorlesen, trösten, Spaß haben, Radfahren lernen, lieb haben.
  • Weil man so eine tiefe Freude empfindet, wenn man einander immer mehr versteht und sich jubelnd in den Armen liegt, weil man nach etlichen Fehlversuchen endlich begriffen hat, dass das Kind nicht den Schwamm, sondern die kleine Nagelbürste will, um seinen Körper abzuschrubben.
  • Weil einem neu bewusst wird, was wir Kindern hierzulande alles bieten können: Trampolin, Fahrradfahren, Bücherhalle, Schwimmbad, Zoo, Rudern, Spielparadies. Plötzlich zieht man los und sieht die eigene Welt mit neuen Augen. Als wir mit Kawsar einen Tag an der Ostsee waren, riss sie vor Begeisterung die Arme hoch, als sie zum ersten Mal das Meer sah. Und das war nicht der einzige Moment, in dem sie plötzlich über irgend etwas jubelte (Rasensprenger, Kinder-Einkaufswagen im Supermarkt, Entdeckung der Handy-Kamera …)
  • Weil es schön ist zu sehen, wie die eigenen Kinder Verantwortung übernehmen für den Gast, sich Spiele überlegen, sich neu freuen, nach Hause zu kommen, weil ihnen die kleine afghanische Schwester in die Arme fliegt, und wie sie sich beklagen, weil wir Eltern bei ihnen angeblich viel strenger gewesen wären.
  • Weil es schön ist zu erfahren, dass man sich auch ohne Sprache verstehen kann, dass es Momente des Nichtverstehens und der Verzweiflung gibt und dass In-den-Arm-nehmen völkerübergreifend tröstet.
  • Weil es sehr aufregend ist, einen siebenjährigen Menschen beim Erlernen einer neuen Sprache zu erleben, zu hören, wie der Wortschatz immer größer wird und die ersten Sätze sich fügen, wie Worte falsch verstanden werden („Eva, eva“, statt „Hilfe, Hilfe“, wenn wir sie um den Tisch jagten).
  • Weil es so lustig ist, wenn jemand ganz selbstverständlich annimmt, die Mehrzahl von „Kuh“ sei „Kuchen“. (Auf der Fahrt zur Ostsee: „Guck mal, da sind Kuchen!“)
  • Weil man demütig wird, wenn man selbst versucht, die andere Sprache zu lernen, im Rachen einfach nicht genug Reibeisen vorfindet, um diese kehligen Laute zu erzeugen, und weil es so lustig ist, wenn sich die kleine Sprachlehrerin bei jedem Fehlversuch ausschüttet vor Lachen.
  • Weil man sich so irre freut, wenn ein 15-Kilo-Mensch nach dem dritten Teller Linsensuppe in kehligem neuen Deutsch sagt: „Boooor, das ist lecker!“ und am Tisch ein Wettbewerb ausbricht, wer den dicksten Bauch hat.
  • Weil man Familien kennen lernt, die schon das zehnte oder elfte Mal ein Kind aus Afghanistan bei sich zu Hause aufnehmen und keine große Sache daraus machen, die dann beim Abschied am Flughafen stehen und darüber lachen, dass sie sich auf ihrem Smartphone nicht mehr zurecht finden, weil ihr Gast damit rumgespielt hat und man es noch eine Weile wird putzen müssen, bis es nicht mehr klebt.
  • Weil man einen Herz-Chirurgen und seine Frau kennen lernt,  für die es so selbstverständlich geworden ist, fast bei jeder „Herzbrücke“ (zweimal im Jahr 10 Kinder!) auch ein Kind bei sich aufzunehmen, dass er seine Frau erst am Flughafen fragt. „Wo liegt denn diesmal die Matratze?“
  • Weil man einen Professor erlebt, der so begeistert ist von seinem Fachgebiet und von den Kindern, denen er das Leben rettet, dass er auch dem größten Laien zwischen den Koffern geduldig erklärt, welche Klappe er geschlossen und welche Engstelle er beseitig hat. Und wenn man vor der Operation ganz verängstigt ist, ob der Schnitte, die da gewagt werden, lächelt er und sagt: „Das, was wir da haben, ist ein richtig schöner Befund.“

 

Am ersten Morgen nach der Ankunft, noch in den Kleidern der Reise, nur die Jacke ist von uns.

 

Erster Besuch im Einkaufszentrum, Schuhe und Puppe gekauft, Franzbrötchen probiert.

 

Warten auf die OP.

 

Kurz nach der OP.

 

Es geht bergauf.

 

 

Keine zwei Wochen nach dem Eingriff.

 

 

An vielem merkt man, dass dieses Kind in Afghanistan viel im Haushalt hilft: sie wäscht ab, schält, schneidet, knetet Teig wie eine Erwachsene.

 

8 der 9 Kinder, die in diesem Frühsommer erfolgreich in Hamburg operiert wurden. Ein Junge ist nicht im Bild, weil er wegen einer Darmverschlingung im Kinderkrankenhaus nachbehandelt werden musste. Aber auch er konnte am Montag mit zurück fliegen. (Zweite von links: Kawsar)

 

Seit 2005 sind in Hamburg auf Initiative der Stiftung „Herzbrücke“ 157 Kinder operiert worden, die in Afghanistan aufgrund ihres Herzfehlers nur geringe Chancen haben, das Erwachsenenalter zu erreichen. Die Behandlung eines „Herzbrücke“-Kindes kostet zwischen 10.000 und 25.000 Euro und wird aus Spenden finanziert.

Wenn ihr in Hamburg lebt und euch vorstellen könnt, bei einer der nächsten „Herzbrücken“ ein Kind für etwa 8 Wochen in eurer Familie aufzunehmen, könnt ihr euch melden bei:

Dr. Sabine Pfeifer, Albertinen-Stiftung, Tel.: 040/5588-2348, herzbruecke@albertinen-stiftung.de

Weitere Infos hier: www.albertinen-stiftung.de

Spenden sind natürlich auch willkommen, nicht nur für die Operation der Kinder, sondern auch für die Weiterbildung von Ärzten in Afghanistan:

Albertinen-Stiftung, Bank für Sozialwirtschaft, Stichwort: Herzbrücke, IBAN: DE27 2512 0510 5588 0558 80, BIC: BFS WDE 33 HAN

Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch auch jederzeit an mich wenden: mail@wer-ist-eigentlich-dran-mit-katzenklo.de

Immer fröhlich was für Kinder tun!

Eure Uta

11 Kommentare

  • FrauWind sagt:

    Danke für die Blicke auf dieses Wunder, auf das Kind, in eure Familie und in eure Herzen. Es heilt so nicht nur ein Herz, wenn eines operiert wird.
    FrauWind

  • Ich bin begeistert, dass in unserer Zeit, so etwas noch möglich ist. Ein sehr schöner Artikel, ich wünsche der kleinen Patientin alles Gute. Toll, wenn den Kindern so geholfen wird.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

  • Roxanne sagt:

    Hallo,
    Ich freue mich, dass alles so toll gelaufen ist!
    Die Herzbrücke Organisation ist toll und dass es Familien gibt, die dieses Abenteuer wagen ist wunderschön!
    Das könnte ich mir tatsächlich auch gut vorstellen, wenn meine Pflegekinder größer sind. Sowas gibt’s ja bestimmt nicht nur in Hamburg sondern mit anderen Fachgebieten in anderen Regionen,oder?

    Liebste Grüße!

  • Ehlers sagt:

    Liebe Uta,
    Du schreibst wunderbar und deine Schilderungen berühren mich sehr!
    Danke😃!
    Liebe Grüße
    Rüdiger

  • Frau Jule sagt:

    was für ein wunderbarer bericht und was für schöne fotos von einem so kleinen und doch schon so starken mädchen. ich konnte wahrhaftig mitfühlen. ich habe auch die berichte vorher sehr interessiert verfolgt. wie schön, dass ihr so etwas ermöglicht habt!
    liebe grüße,
    jule*

  • Seifenfrau sagt:

    Danke fürs Teilhaben-dürfen, liebe Uta.
    Wunderbar, dass eure Familie da mitgeholfen hat!
    Liebe Grüße…

  • Esther sagt:

    Jetzt würde ich am liebsten noch Kawsars Bericht zu ihrer Zeit in Deutschland lesen – das wäre bestimmt sehr unterhaltsam!!
    LG

  • Antje sagt:

    … wie schön und berührend!

    Herzlichen Gruß
    Antje

  • Danke, dass du uns hast teilhaben lassen.
    Dein Mann hat Recht, so unmittelbar helfen zu können, muss wirklich schön sein.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

  • Mamachillt sagt:

    Liebe Uta, ich habe alle deine Berichte über Kawsar verfolgt und finde es großartig, was für eine schöne Zeit ihr dem Mädchen bei euch zuhause bereitet habt. So schön, jetzt diese Bilder von ihr zu sehen. Ihr habt da etwas Tolles geleistet als Familie. Und auch selbst viel gelernt und profitiert, wie du es ja öfter geschrieben hast. Du und deine Familie werden bestimmt immer in Kawsars Herzen sein. Buchstäblich. Liebe Grüße, Christina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.