Countdown

Wie es sich anfühlt, wenn die Kinder das Haus verlassen.

Ende August beginnt der Kronprinz sein Studium in Rheinland-Pfalz, Anfang September fliegt Prinzessin für ein Schuljahr nach Kanada (zum Glück mit Weihnachtspause bei uns). Sadia, unser afghanisches Gastkind, lebt wieder bei ihrer Familie in Kabul. In vier Wochen werden mein Mann und ich ohne Kinder sein (aber mit zwei Katzen und geschätzt 50 Nacktschnecken im Garten).

Ohne Kinder. Und das wir! Wir, die wir immer fanden, dass es das Größte ist, Eltern zu sein. Freundinnen, die solche Umbrüche schon hinter sich haben, begegnen mir mit einem fragenden Blick. Der Blick fragt: Wie werden sie wohl damit zurecht kommen? Haben sie schon eine Ahnung, wie sich das anfühlt? Wollen wir wieder häufiger etwas zusammen machen? Kino, Literaturkreis, Damenkränzchen?

Manche berichten, dass sie die Zeit als Paar wieder intensiver genießen, dass es Männer gibt, die aufblühen, neue Reisen planen, sich freuen, Zweiertische im Restaurant zu buchen, die Frau wieder für sich zu haben, bei ihr an erster Stelle zu stehen – wie einst, als es nur sie beide gab.

Mein Mann ist anders als diese Männer. Ihm fällt es deutlich schwerer als mir, die Thronfolger aus dem Haus zu lassen. Am liebsten würde er die Uhr zurückdrehen und nochmal der Papa sein, der abends Geschichten vorliest, beim Sonntagsfrühstück Schoko-Croissants auf Kinderteller legt und mit Prinzessin an der Hand zur Grundschule läuft.

Vielleicht bin ich deshalb abgebrühter, weil ich durch meine Arbeit zu Hause das Privileg genossen habe, deutlich mehr Zeit mit ihnen zu verbringen als er.Vielleicht bin ich deshalb (bisher!) abgebrühter, weil die Rolle mit dem Abschiedsschmerz schon vergeben ist und es jemanden braucht, der daran erinnert, wie dankbar wir sein können, dass unsere Kinder für neue Ziele brennen und sie mit den Füßen scharren, um endlich raus zu kommen aus Klein-Bullerbü in der Doppelhaushälfte.

Der Kronprinz fährt mit einem Transporter quer durch die Republik, baut allein Bett, Schreibtisch und Schrank in seiner WG auf, wird zum Kassenwart ernannt für seinen Uni-Jahrgang, eröffnet hier ein Konto, löst dort ein anderes auf. Können wir noch etwas raten? Ist unser Wissen, unsere Weisheit überhaupt noch gefragt? Wenn wir gemeinsam etwas unternehmen, nutzen wir längst seine Hilfe: Mit dem Smartphone in der Hand die Staustellen in der Stadt umfahren? Das kann nur der Kronprinz. Bei der Stadterkundung in Kopenhagen mit Kreditkarte das E-Bike bezahlen und in Gang bringen? Ohne die Hilfe unseres Sohnes wären wir aufgeschmissen. In der Stadt den richtigen Bus finden, weil die S-Bahn ausgefallen ist? Mit Prinzessin an meiner Seite geht das viel schneller.

Die Rollen vertauschen sich zunehmend. Es hört auf, als Eltern alles besser zu wissen als der Nachwuchs. Selbst wenn man vermieden hat, den Besserwisser zu geben – so langsam fehlt einem das Wissen dazu, irgendeine Überlegenheit auszuspielen. Auch die Sprache entfernt sich voneinander. In einem Gespräch im Urlaub wurde klar, dass unseren Kindern die Worte „Plackerei“ und „ein Stück Land urbar machen“ noch nie begegnet waren. Umgekehrt muss ich fragen: „Was heißt eigentlich ‚cute‘? Was genau bedeutet ‚fancy‘?“ Und wenn sie sich schief lachen, ob dieser Fragen, fühle ich mich, als würde mein Rollator schon um die Ecke parken.

Ja, die Rollen vertauschen sich. Und wenn wir demnächst alleine sind, werden wir selbständig. Wir lernen, allein mit dem Rechner klar zu kommen, der sich aufgehängt hat, wir erschließen uns neue Smartphone-Funktionen und wissen blind, auf welchem Bahnsteig die Anschluss-S-Bahn abfährt.

Der Countdown läuft. Noch 10 Tage ist der Kronprinz zu Hause, knapp vier Wochen Prinzessin. Um diese Zeit zu genießen, haben wir eine Liste angelegt, was wir noch alles zusammen unternehmen wollen: Freunde zu einer Gartenparty einladen, zusammen Shoppen gehen, Tischtennisturnier ausrichten, Kuchen essen im Literaturhaus-Café, eine Woche zu Viert in Dänemark verbringen, DVD-Abend mit Beauty-Programm (Prinzessin), Burger-Essen mit Cousin und Tante, …

Gerade komme ich zurück vom Kaffeetrinken im Hamburger Literaturhaus-Café mit dem Kronprinzen. Das war schon seit vielen Monaten unser Plan. Dem bevorstehenden Abschied verdanken wir es, dass wir uns endlich die Zeit dafür genommen haben. Das war schön.

Da geht er, der Kronprinz.

Immer fröhlich Veränderungen annehmen.

Eure Uta

PS: Noch eine Veränderung steht ins Haus. Nach fünfeinhalb Jahren ohne Werbung wird es auf meinem Blog demnächst ein oder zwei Anzeigen geben. Sie werden klar vom Inhalt getrennt und als Werbung gekennzeichnet sein. Nur damit ihr nicht überrascht seid.

11 Kommentare

  • Birgit Reshef sagt:

    Liebe Uta, ich habe fünf Töchter. Als meine große Tochter noch sehr jung war, vielleicht sechs Jahre alt, habe ich beschlossen, dass ich ab ihrem zehnten Lebensjahr anfangen muss zu lernen und zu üben, mich von ihr zu verabschieden, sie loszulassen.
    Es hat funktioniert, ich liebe sie sehr, jede auf ihre Art, und alle fünf sind sehr selbstbestimmt und selbständig.
    Die große Prüfung ist für mich, nach drei Jahrzehnten mit Kindern / Jugendlichen im Haus, das Leben nur mit meinem Partner.
    Danke für Deine inspirierenden Texte!
    Birgit

  • Seifenfrau sagt:

    …das hast du schön beschrieben mit dem „Rollenvertauschen“.
    Seufz.Seufz. Seufz.

    Liebe Grüße!

  • Karin Bethke sagt:

    Liebe Uta,
    ui, gleich beide zur fast selben Zeit? Bei mir lag zumindest ein gutes Jahr zwischen dem Auszug des Großen (vor 4 Jahren) und der Kleinen. Was soll ich sagen: Als ich sah, wie sehr mein Sohn brannte, neue Ufer anzusteuern, wusste ich: „Es ist gut, wie es ist. Und außerdem haste ja noch die Kleine.“ Etwas mulmig wurde mir dann schon, als auch ihr Auszug bevorstand. Aber es geht prima! Ich habe es übrigens ähnlich gemacht wie Birgit R. ;o)
    Sehr schmunzeln musste ich, als ich las, dass Kronprinz („in die große weite Welt“) nach Rheinland-Pfalz zieht. Da komme ich her. Und für mich ist H-U (nördlich von Hamburg) schon seit 25 Jahren Heimat und „durch die Nähe zu HH deutlich weitere Welt als Rhld.-Pf. Ich hoffe, er kommt klar mit de Schlappeflicker, die wo Grumbääre esse. Wo genau zieht er denn hin? Mainz? Kaiserslautern?
    Freu mich auf Deine Antwort und danke Dir sehr für Deine immer wieder inspirierenden Beiträge.
    Herzensgrüße
    Karin

  • Uta sagt:

    Liebe Karin, Koblenz!
    Vielen Dank für deine Geschichte! LG Uta

  • Sabine sagt:

    Mein 8-jähriger Sohn meinte gestern Abend, dass er bestimmt erst mit 30 Jahren auszieht, weil er mindestens noch 22 Jahre bei mir bleiben will 😁
    Der Schritt wird bestimmt riesengross, wenn die Kinder tatsächlich ausgezogen sind. Ich sehe da aber auch beide Seiten und freue mich auf wieder mehr ‚Freiheit‘.

  • Theresa sagt:

    Was auch verrückt ist, dass ich hier angefangen habe mitzulesen, als die Prinzessin 11 war, glaube ich. Das kommt mir gar nicht lang vor und vor allem war sie immer ungefähr so alt wie mein Ältester. Da wird mir fast ein bisschen mulmig, denn ich habe schon großen Respekt davor, wie es ist, plötzlich ohne Kinder in diesem Haus zu sein.
    Zum Glück wurde letztes Jahr noch ein kleiner Junge in unsere Familie geboren, sodass die Uhr wieder von neuem losläuft. 🙂
    Alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!
    LG
    Theresa

    • Uta sagt:

      Liebe Theresa, stimmt! Als ich anfing zu bloggen, war Prinzessin gerade 11 geworden. Das berührt mich sehr, dass du schon so lange mitliest. Danke, dass du mir das geschrieben hast, und danke für die guten Wünsche! Liebe Grüße, Uta

  • Isa sagt:

    Ich weiß, was du meinst 💙💙💙

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