Wie Pflaster-Abreißen

Unser stressiger Schnell-Abschied von Prinzessin am Flughafen.

Ich fühle mich wie der alte Indianer, der neben den Bahngleisen sitzt und sagt:

Wenn du an einen neuen Ort gelangst, warte!

Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.

An einen neuen Ort bin ich nicht gereist, aber in eine neue Lebenssituation. Heute morgen haben wir Prinzessin (16) zum Flughafen gebracht. Sie ist jetzt auf dem Weg zu ihrem Internat in Kanada.

 

Bobo – Teenager-Gefährte ohne Visum und Ticket für Kanada.

 

Wenn man innerlich noch einen Widerstand hat, dann scheint man unbewusst, das Ereignis zu boykottieren. Mit Sadia, unserem Gastkind aus Afghanistan, war das auch so. Als ich sie zum Flughafen bringen sollte, bin ich an der Ausfahrt vorbei gefahren. An der Ausfahrt, die ich schon zigmal zuvor genommen hatte, auf einer Strecke, die ich im Schlaf fahren könnte. Aber an dem Tag des Sadia-Abschieds bin ich an dem Flughafenschild vorbei gerauscht. Mit schwitzigen Händen am Lenkrad war ich gezwungen, dutzende von Kilometern in die falsche Richtung zu fahren, bis endlich eine Ausfahrt kam und ich die vergeblichen Kilometer wieder zurückspulen konnte. Obwohl wir mit einem riesigen Zeitpuffer gestartet waren, kamen wir gerade noch rechtzeitig zum Terminal.

Heute Morgen ein ähnliches Erlebnis. Mein Mann, Prinzessin und ich waren zeitig aufgebrochen. Prinzessin herzte final die Katzen und sagte „Tschüss Haus!“ Dann schlenderten wir zum Auto, weil wir so viel Zeit hatten. Den Stau auf der A 7 haben wir gelassen genommen. Der war fest eingeplant. Aber mit den geschätzt 80 Leuten vor uns am Lufthansa-Schalter hatten wir nicht gerechnet. Mein Mann und ich sprachen verschiedene Mitarbeiter der Airline an, fragten, ob allein fliegende Prinzessinnen mit interkontinentalen Anschlussflügen vorgelassen würden. „Bitte! Geht das? Bitte!“ -„Nein!“

Schnell-Check-In am Automaten wurde erwogen (da war die Schlange etwas kürzer), aber dann hätte sie in Frankfurt das Gepäck nochmals aufgeben müssen. Und das beim ersten Flug allein! Schweißausbrüche. Gegenseitiges Beruhigen. Aber was war nur los heute am Flughafen? Mein Mann, beruflich Vielflieger, hat solche Schlangen wie heute beim Check-In noch nicht erlebt. Zähneknirschend ließ man uns schließlich an den First-Klass-Schalter. Die Rettung. Wir atmeten auf, jagten mit Prinzessin zum Eingang der Sicherheitskontrolle. Aber auch da eine Schlange, die sich in mehrfachen Biegungen bis zu den Bändern wand, auf die man in Plastikwannen sein Handgepäck legt. „Geh schnell!“ Keine Zeit für Abschied. Augen unter Wasser. Aber es war wie Pflasterabreißen. Schnell schmerzt es weniger.

Wir sahen den Kopf unserer Tochter in der kriechenden Schlange. Bei jeder Biegung, die geschafft war, warfen wir Kusshände, schielten nervös auf die Uhr. „Wann schließt das Gate noch einmal?“ Schließlich keine Kusshand, sondern heftiges Gestikulieren und Rufen:  „Papa, der Rucksack, der Rucksack!“ Von den ganzen Verhandlungen und der Rennerei gestresst hatte mein Mann Prinzessins Rucksack mit Board-Karte, Reisepass, den Visums-Unterlagen, Geld und Laptop noch über der Schulter hängen. Wären wir damit zum Auto marschiert, hätte sie ihren Flug vergessen können. Aber zum Glück hatte sie es gemerkt. Und der Rucksack wurde durch die Reihen zu Prinzessin durchgereicht. Völlig geschafft standen wir in der Halle, bis kein Zipfel von ihr mehr zu sehen war.

Es war wie bei Sadia. Als wäre ein Teil von uns und der halbe Flughafen noch nicht bereit gewesen, sie gehen zu lassen.

Und jetzt sind wir wieder zu Hause, angekommen in einem neuen Lebensabschnitt. Aber nur körperlich. Auf das Seelische warten wir noch wie der alte Indianer neben den Gleisen.

Immer fröhlich weiter voranschreiten.

Eure Uta

14 Kommentare

  • Johanna sagt:

    Liebe Uta,
    Als ich mit 17 (vor 16 Jahren!) zu meinem Auslandsjahr nach Kanada aufbrach, saß ich nach dem Abschied Rotz und Wasser heulend im Flieger und las die Widmung, die mein Papa mir in Alice Herdan-Zuckmayers „Die Farm in den grünen Bergen“ geschrieben hatte. Meine tapferen Eltern und Bruder entschieden kurzerhand, einen Tagesausflug nach Ravensburg zu machen, weil sie sich nicht vorstellen konnten, gleich wieder zu einem zu Hause ohne mich zurück zu fahren. Wir haben das getrennte Jahr gut überstanden, viel telefoniert, Kehrpakete geschickt und Fotos. Es war ein tolles Jahr. Alles Gute deiner Tochter und euch allen für diesen neuen Abschnitt!
    Liebe Grüße Johanna

  • Esther sagt:

    Hach! Ich fühle mit! Und wenn du mal nicht so fröhlich unterwegs bist, ist das auch okay – Abschiede dürfen auch in dunklen Gefühlsschattierungen nachhallen…

    • Uta sagt:

      Ja, das mit dem „immer fröhlich“ schreibe ich ja auch mit Augenzwickern. Neulich habe ich gelesen, dass sich auch bei einem glücklichen Menschen die verschiedensten Gefühle und Stimmungen wie eine Wimpelkette durch den Tag, die Woche, das Leben ziehen. Bunt eben. Und das Bunt kommt auch besser zur Geltung, wenn Grau und Schwarz dazwischen sein darf. Viele küchenphilosophische Grüße von Uta

  • Ehlers sagt:

    Liebe Uta,
    wie gut kann ich Eure Gefühle nachvollziehen! Als unsere Tochter Lina für ein 3-monatiges Praktikum in die USA flog,
    fühlte ich mich leer, traurig und es dauerte seeehr lange, bis ich das emotional angenommen hatte. Ich bin immer wieder zu unserem See gegangen, um den wir seit sehr vielen Jahren regelmäßig spazieren gehen… das hat mir geholfen, diese neue Lebenserfahrung anzunehmen.
    Liebe Grüße
    Rüdiger

    • Uta sagt:

      Lieber Rüdiger, wie schön, dass du schreibst und mit uns fühlst! Prinzessin hat schon ein Selfie vom Zielflughafen gesendet, auf dem sie müde, aber glücklich aussieht. Das freut uns gerade sehr. Herzlichst, deine Uta

  • Was für ein Tag!
    Alles Gute Euch Indianern!
    Und herzliche Grüße aus Paris (wo der Sohn heute mit der Uni begonnen hat, allerdings ohne sonstige spürbare Veränderungen)

  • Puhh… da muss man erstmal Luft holen, allein schon nach dem Lesen liebe Uta.
    Ich wünsche euch viel Geduld mit euch selbst und einen guten Start in diesen neuen Lebensabschnitt. Da ist wirklich viel passiert bei euch, eben hattet ihr noch drei Kinder im Haus, nun keines mehr.
    Alles Liebe für euch alle
    Sternie

  • Berit sagt:

    Oh…diesen Indianerspruch werd ich mir notieren. Habe selber schon öfter gemerkt das man Zeit braucht um in neuen Situationen anzukommen. Und mich dann leer und seltsam gefühlt. Nun hab ich die Erklärung 🙂
    Lese so gerne immer wieder stumm hier mit und fühle mit euch.
    Danke für die vielen schönen Zeilen in den letzten Monaten.
    Gruß

  • Alexandra sagt:

    Liebe Uta, nach dem Lesen Deines Berichts hab ich zwei wichtige Erkenntnisse. Zum einen, ich scheine in den Wechseljahren angekommen zu sein, denn ich hab direkt aus Solidarität ein paar Tränchen mit verdrückt, das müssen die Hormone sein. 😉 Zum anderen, unser Tochterkind wird demnächst 16 und Dein Bericht zeigt, wie schnell es plötzlich geht, dass sie möglicherweise außer Haus ist. Und wie wichtig, dass man die Momente, wo man zusammen sitzt und irgendwie schon so tolle Gespräche wie unter Erwachsenen führt, noch mehr zu genießen! Aber klar ist, als Mutter oder Eltern kriegt man schon so diverse „Lerngeschenke“, wie so ein Abschied auf Zeit, mit denen man auch erst mal umgehen muss! 🙂 liebe Grüße und eine tolle Zeit für Eure Tochter

    Alexandra

  • Dorthe sagt:

    Ach, liebe Uta, das war ja ein Abschied … da beginne ich beim Lesen schon vor Angst zu schwitzen (und fast zu weinen).
    Jetzt gerade nach der Einschulung mag ich an so etwas gar nicht denken, obwohl es soooo toll ist, wenn die Kinder sich das trauen … oder? Ich hätte es gern gemacht … und hab mich nie getraut …
    Ich wünsche euch und Prinzessin eine ganz tolle Zeit! Ihr schafft das 😉
    Alles alles Liebe sendet Dorthe

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