Wutausbrüche beim Kleinkind – die Antwort

Gastbeitrag von Rita Messmer über ihren Ansatz: Biologie statt Psychologie

Im vorherigen Beitrag ging es um ein kleines Mädchen, das ein Eis nicht essen wollte, weil der Schokoladen-Überzug einen Sprung hatte. Seine Patentante sagte ihm, sie werde kein neues Eis kaufen. Sie legte das Eis auf das Papier und überließ dem Kind die Wahl, es zu essen oder nicht. Die Kleine rastete aus. Und schließlich kaufte der Vater ihr ein neues Eis.

Mit Rita Messmer, der Schweizer Therapeutin und Buch-Autorin, die mir diese Geschichte geschickt hatte, stimmte ich darin überein, dass auch ich dem Kind kein neues Eis gekauft hätte. Bei mir entstand nur die Frage, ob man nicht trotzdem tröstend beim Kind bleiben sollte. Bedeutet das Sich-Abwenden nicht Missachtung und Strafe? In meinen Augen: „Ja“!

Nun hat Rita auf meinen Beitrag geantwortet. Und es wird deutlich, dass sie einen komplett anderen Ansatz hat. Einen biologischen, keinen psychologischen. Aber lest selbst:

 

Gastbeitrag von Rita Messmer:

„Liebe Uta,

es hat jetzt ein bisschen gedauert, aber weil ich sehe, welche Gedankengänge und Überlegungen zu diesem – in meinen Augen recht simplen – Beispiel gemacht werden, will ich auch ausführlich antworten. Das Beispiel ist aber doch symptomatisch für das Verhalten vieler heutiger Kleinkinder, und das hat einen Grund: die Eltern! Und da möchte ich ansetzen, um grundsätzlich das Verhalten unserer Gesellschaft gegenüber Kindern zu hinterfragen. Heute Morgen gerade sagte mir eine Kita-Leiterin: Es ist zum Verzweifeln, was wir die Woche über mit den Kleinen aufbauen, zerstören die Eltern am Wochenende und am Montag fangen wir wieder bei Null an. Ähnliche Töne hörte ich, als ich kürzlich eine Weiterbildung für Kindergärtnerinnen und Kita-Leiterinnen in Deutschland gab… Für mich sind die Fragen, wie sie gestellt sind, falsch. Zuerst stelle ich hier ein paar Gegenfragen und dabei bitte ich, mal alles Psychologisieren beiseite zu lassen und aus dem Bauch heraus zu antworten:

Wie fühlt sich diese Situation für alle Beteiligten an? Wäre es nicht schöner…?

Da kamen mir die Worte in den Sinn, die mir meine Tochter erzählte, als sie aus Indien heimkam: Irgendwo in einer Stadt hatte sie sich ein Eis gekauft und aß es auf der Straße. Da war dieses kleine, zirka dreijährige Mädchen, das sie mit großen braunen Augen anschaute, wie sie genüsslich ihr Eis aß. Dieser staunende, sehnsüchtige Blick veranlasste meine Tochter, dem kleinen Mädchen das schon halb gegessene Eis zu überlassen. Meine Tochter sagte: „Du hättest sehen sollen, was für ein unglaubliches Glück dieses Kind empfand – es war, als ob ich ihm das Paradies aufmachte… Eine kleine Geste, ein Nichts für mich – und dann dieses Glück, dieses Strahlen in seinem Gesicht. Für mich ein Nichts – noch nicht einmal ein ganzes Eis –, für dieses Kind aber: das Paradies…“ Für mich wäre die Geschichte hier zu Ende – alles gesagt… Warum? Warum verhält sich ein gleichaltriges Kind in einer Gesellschaft so und in einer anderen geradezu entgegengesetzt? Warum schreien unsere Kinder fast bis zum Erbrechen, während anderen das Paradies aufgeht? Das sind die Fragen, die wir uns stellen sollten! Denn diese sind entscheidend, welche Antworten wir erhalten. Wie erhalten wir die Glücksfähigkeit unserer Kinder? Und wie erhalten wir die Freude der Gesellschaft und der Eltern an den Kindern?

Geben uns die Botschaften wie beispielsweise … aus Zeitungsartikeln („In der Schule ist jedes fünfte Kind verhaltensauffällig“), oder das Verhalten vieler Gastwirte, die ab 17.00h keine Kinder mehr ins Restaurant lassen, oder dass ich wöchentlich mindestens eine Mutter bei mir in der Therapie habe, die ihre Kinder am liebsten zurückgeben würde, nicht zu denken? Sollten wir da nicht aufhören zu psychologisieren und uns besser den Ursachen, nämlich der Biologie, zuwenden? Was treibt unsere Kinder dazu, sich so zu verhalten? Welche Informationen bekommt ihr Gehirn, ihr soziales Nervensystem und wie wirkt sich das auf ihr regulatives Nervensystem aus? Denn dieses Verhalten ist epidemisch und nicht mehr nur bei einzelnen Kindern zu beobachten. Überforderte Eltern – eine gelähmte Gesellschaft! Da stimmt doch etwas nicht mehr, wenn Kinder mit aller Achtsamkeit und Zuwendung aufgezogen und umsorgt werden und sich dann ihren Nächsten gegenüber, die für ihr Wohl sorgen, so verhalten? Fühlt sich das richtig an? Ist das im Sinne der Biologie? Macht es dann Sinn, noch achtsamer und noch sorgfältiger zu sein? Das ergibt doch keinen Sinn. Mir ist auch bereits aufgefallen, dass man in unserer Gesellschaft schon fast meint, dass Kinder nun mal einfach so sind – und sich damit abfindet. Wenn ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind – so sagt ein Lied –, dann sind wir jenseits von Eden!

Über Tibet sah ich kürzlich einen Film, da saßen sage und schreibe 200 Kinder in einem einzigen Schulraum, eng zusammengerückt, in jeglichem Alter, und haben aufmerksam einer einzigen Person gelauscht… Aber das ist nicht nur in Tibet so, das gleiche Bild könnte in Afrika, Zentral- und Südamerika, Asien, der Mongolei aufgenommen sein. Wieso verhalten sich Kinder bei uns so extrem anders als anderswo auf der Welt – in einer Kultur, wo es den Kindern noch nie so gut gegangen ist wie heute? Deshalb ist es für mich unglaublich tragisch und äußerst traurig, dass wir es mit unserer Erziehung so weit gebracht haben, dass Kinder so reagieren müssen! Deshalb habe ich mich bemüht, nicht einfach nur deine Frage, liebe Uta, zu beantworten, sondern eine fundierte Auseinandersetzung mit der ganzen Problematik zu geben. Und das geht leider nicht in zwei Worten.

Die Biologie kennt keine Psychologie. Da geht es immer nur um Ursache und Wirkung – und alles steht miteinander in Wechselwirkung. So ermöglicht die Biologie ein Gleichgewicht, das jedem Lebewesen die bestmöglichen Voraussetzungen für sein Dasein schafft. Wenn der Mensch dieses Gleichgewicht stört und die biologischen Abläufe verändert, dann sollten wir mittlerweile gelernt haben, dass das große Auswirkungen im ganzen System verursacht: Ein Grad Klimaerwärmung ist für das Individuum kein Problem, aber für den Planeten Erde bedeutet das ungeahnte Umwälzungen, die wir nicht mehr im Griff haben – gerade weil alles miteinander in Wechselwirkung steht und wir unmöglich alle Faktoren kennen. Dass eine soziale Gemeinschaft funktioniert, dafür sorgt die Biologie und nicht die Psychologie. Und die Biologie ist eben messerscharf und klar. Da gibt es nicht ein bisschen so und ein bisschen so. Alles funktioniert nach ganz klaren Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. Damit beispielsweise ein Wolfsrudel überlebt, muss jeder seinen Platz kennen, seine Aufgabe übernehmen, sonst steht das Überleben des ganzen Rudels auf dem Spiel – es ist von essentieller Wichtigkeit. Gemeinschaften haben sich in der Biologie gebildet, weil das Individuum einen Vorteil in der Gemeinschaft hat. Nun nimmt sich der Mensch davon nicht aus. Wir sind Teil dieser Biologie, auch wenn wir das zeitweise zu vergessen scheinen. Und deswegen sind Fragen nach Gefühlen und ob das jetzt eine Strafe oder eine Konsequenz bedeutet, unsinnig. Wenn ich ein Messer nicht richtig führe und ich schneide mich, tut es weh. Und das ist absolut richtig! Nicht das Messer ist böse oder schuld und es wird auch nichts daran ändern, wenn ich schreie wie ein Stier. Ich sollte einfach versuchen, das nächste Mal geschickter zu sein… Nun kommt ein wichtiger Begriff ins Spiel: die Homöostase. Mit Homöostase ist die Aufrechterhaltung des so genannten inneren Milieus des Körpers mit Hilfe von regulativen Systemen gemeint. Diese Systeme regeln beispielsweise den Kreislauf, die Körpertemperatur, den pH-Wert, den Wasser- und Elektrolyten- oder den Hormonhaushalt. Der Begriff wird sowohl in der Medizin als auch in der Psychologie benutzt. Unabgestimmte Systeme haben verunsichernde Auswirkungen auf die Psyche und das Verhalten von Lebewesen. Bei dem permissiven Elternstil ist ein ganz entscheidender Punkt zu beachten: Dadurch dass die Eltern sich so sehr um die Befindlichkeiten des Kindes kümmern, überträgt das Kind seine innere Steuerung nach außen und überlässt sie den Eltern. Dies hat frappante Auswirkungen. Anstatt dass die „hausinterne“ Steuerung (das regulative System) die Aufgabe des Herstellens des Gleichgewichtes (Homöostase) übernimmt, was biologisch richtig wäre, wird das jetzt nach außen verlagert oder übertragen und folglich auf die Eltern projiziert. Die Eltern sind für mein Wohlbefinden verantwortlich. Und das ist in diesem Prozess der entscheidende Punkt. Der Fehler passiert hier. Die Aufgabe der Eltern wäre, die Verantwortung für die Befindlichkeiten des Kindes an es zurückzugeben, also an sein regulatives System. Das heißt, sie müssen es gar nicht zurückgeben, wenn sie es erst gar nicht übernehmen. Das tun sie am besten, indem sie das Ganze einfach übergehen und ignorieren und nicht darauf eingehen, folglich nicht reagieren. Indem sie darauf eingehen, geben sie das Signal: Ich fühle mich dafür verantwortlich – dein Wohlbefinden ist meine Aufgabe. Wenn die Eltern dieses Signal geben, passiert Folgendes: Das Kind reagiert unmittelbar darauf und es will jetzt die äußere Steuerung kontrollieren. Es merkt, diese kennt andere Gesetzmäßigkeiten als die innere. Im Gegensatz zur inneren Steuerung lässt sich die äußere manipulieren, und somit sind wir bei dem Thema Macht angelangt. Denn hat man einmal Kontrolle über etwas gewonnen, will man das nicht wieder verlieren. Manipulation und Kontrolle haben mit Macht zu tun. Das Kind in diesem Alter kennt noch keine Empathie. Es kennt nur die biologischen Gesetzmäßigkeiten, und die setzt es jetzt ein: Jemand, den ich manipulieren und kontrollieren kann, gibt mir nicht den Halt und die Sicherheit, die ich brauche und suche. Es wird zu einem zutiefst verunsicherten und unglücklichen Kind. Und es schreit.

Auf der anderen Seite hat die Evolutionsbiologie den Eltern ein Mittel in die Hand gegeben, um das Kind ohne großen Aufwand und vor allem ohne Druckmittel sich ein- und anpassen zu können – eine soziale Ordnung kennen zu lernen und diese zu befolgen. Die Eltern müssen dazu lediglich das innere Bewertungssystem des Kindes stimulieren. Dazu brauchen sie nur ihr entsprechend richtiges Verhalten einzusetzen. Die Eltern sollten von Anfang an das Kind nicht in den Mittelpunkt setzen. Das Kind läuft mit. Es soll in den Alltag der Eltern integriert werden. Die Eltern geben nur so viel Aufmerksamkeit wie nötig. Dann wirkt Aufmerksamkeit belohnend und lohnend fürs Kind. Es fühlt sich gut an, von den Eltern beachtet zu werden. In dieser Form macht es das Kind glücklich. Wenn wir den ganzen Tag Schokolade essen, schmeckt sie uns da noch? Je sparsamer wir sie essen, desto mehr können wir sie genießen – oder nicht? Wenn wir nun ein bestimmtes Verhalten des Kindes nicht wollen, zeigen wir das an, indem wir uns von ihm abwenden und keinen Blickkontakt herstellen. Das ist das Signal für die Biologie: Dieses Verhalten ist nicht erwünscht. Der Körper des Kindes schüttet die entsprechenden Botenstoffe aus: Es fühlt sich für das Kind schlecht an. Vielleicht fängt es sogar an zu weinen; dann ist das sein regulatives System, das ihm hilft, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Das ist also eine äußerst normale und biologische Reaktion. Es gibt für die Eltern nichts zu tun. Sie müssen auch nicht trösten. Denn es gibt nichts zu trösten, sonst geben sie damit bereits wieder ein falsches Signal. Sie wollen ja, dass der Sprössling den Lernprozess macht und diese Handlung nicht wiederholt.

Es ist folglich völlig falsch, dem Kind die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen: Du quengelst, du gehorchst nicht, du bist laut usw. Das Kind trifft in meinen Augen nie Schuld. Das Quengeln, Ungehorsamsein, Lautsein sind oft Tatsachen – Kinder sind häufig so. Das heißt nun aber nicht, dass wir das einfach akzeptieren müssen oder sollen. Wie gesehen liegt es an den Erwachsenen, die richtigen Signale zu geben, um das Kind dahin zu lenken, dass das Leben auch für den Erwachsenen stimmig ist. Das Kind richtet sich immer klar nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung. Und diese sind gegeben und unterliegen folglich nicht dem freien Willen, den es für eine Schuld bräuchte. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, alles was ein Baby oder Kleinkind tut, dient immer einem Zweck. Es macht nichts Unnötiges. Es dient seiner Entwicklung. Es dient der Evolution. Deshalb sind alle Babys auf der ganzen Welt gleich, alle machen das Gleiche und folgen dem gleichen Muster. Was uns unterschiedlich werden lässt, ist das Verhalten des Umfeldes oder die Prägung, die das Baby durch seine anders geartete Umwelt erfährt. Das heißt, das Kleinkind reagiert auf unser Verhalten. Es kommt uns aber nur selten in den Sinn, dem Spiegel die Schuld an unserer krummen Nase zu geben. Warum tun wir es dann beim Kind? Es macht uns übellaunig, wir sind frustriert, ärgerlich, wütend, enttäuscht. Oder es gibt Eltern, die dem Kind sagen, dein Verhalten macht mich traurig – was nur Schuldgefühle weckt. Solche Gefühlsäußerungen sind ziemlich unsinnig, wenn wir bedenken, dass das Kind biologisch folgerichtig reagiert. Zudem sind sie eine große Verschwendung von Energie und Ressourcen. Diese kann die Biologie sehr viel sinnvoller einsetzen. Folglich sind Schuldzuweisungen unsinnig – auch die Evolution können wir nicht behaften. Der Einzige, den wir in die Verantwortung nehmen müssen, bin ich selbst.

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Tante hat also alles richtig gemacht. Ich selber wäre sogar noch einen Schritt weiter gegangen…ich hätte auf das Reklamieren des Kindes nur folgendes klares Signal gegeben (wohlverstanden ohne Gefühle wie Frustration, Wut, Aggression, sondern völlig gelassen und neutral): „Oh, dann esse ich das Eis.“ Mit diesen Worten hätte ich mich abgedreht und dem regulativen System des Kindes seinen Lauf gelassen, bis dieses seine Arbeit gemacht hätte, und mich erst dann wieder dem Kind zugewandt. Damit wäre aber auch alles gegessen gewesen: Das Eis und alles andere auch. Ihr könnt alle sicher sein, das Kind wird das nächste Mal anders reagieren.“

 

Soweit Rita Messmers Antwort.

Ganz schön viel Stoff für einen harmlosen Pfingstmorgen.

Einige meiner und sicher auch eurer Überzeugungen bürstet sie mit ihrem biologischen Ansatz gegen den Strich. Wir sind doch nun mal keine Enten oder Gänse, bei deren Küken sich ein schlichtes Nachfolge-Programm abspult, oder?

Aber vielleicht haben wir uns zu sehr von unserer Biologie und von dem, was für den kleinen Menschen artgerecht wäre, entfernt. Vielleicht gehen wir wirklich zu verkopft und psychologisierend an die Sache heran.

Ich merke, dass mich Ritas Ansatz einfach nicht los lässt. Etwas Wertvolles liegt für mich darin, auch wenn mir noch nicht klar ist, wie er sich in jeder einzelnen Situation anwenden lässt und wie er sich dem Groß- und Sich-bewusster-Werden der Kinder anpasst.

Wenn ich das aufgreife, geht es mir in keiner Weise darum, dass Kind im Sinne der Erwachsenen einfach besser funktionieren. Nein!

Mich „kriegt“ Rita mit dem Punkt „glückliches Kind“. Auch ich beobachte das Phänomen, dass Kinder, deren Eltern nicht so um ihre Befindlichkeiten kreisen, sondern es eher „mitlaufen lassen“, einen deutlich glücklicheren Eindruck machen. Und auch bei uns brachte es damals die Wende, als ich die Richtung veränderte: weg von „es geht immer nur um die Kinder“ hin zu „ich kümmere mich mehr um mich und um den Kurs der Familie als Ganzes als um die Befindlichkeiten des Kindes in all seinen Verästelungen“ und „ich kreise nicht um jedes Kind herum und versuche, es glücklich zu machen, sondern gehe beschwingt voran, dann haben wir das Glück viel eher im Schlepptau“.

Wie so ein Richtungswechsel praktisch aussehen kann, habe ich hier schon mal beschrieben.

Ich freue mich, wenn ihr das alles mal auf euch wirken lasst und mir schreibt, ob das Gelesene eine Resonanz in euch findet.

Und dir, Rita, ganz herzlichen Dank, dass du dich gestern hin gesetzt hast, um exklusiv für die Katzenklo-Blog-Leser diesen Gastbeitrag zu schreiben.

Immer fröhlich Pfingsten genießen und jedes Eis, ob mit oder ohne Sprung,

eure Uta

28 Kommentare

  • Dana sagt:

    Liebe Uta,
    ich konnte mit den Ansichten von Rita ja schon beim letzten Mal nicht wirklich warm werden. Auch dieser Text lässt mich immer wieder den Kopf schütteln: so will ich das nicht, so kommt es mir falsch vor. Natürlich finde ich es richtig, aus dem Eis-Thema kein Drama zu machen. Iss es oder lass es, ich hätte kein neues gekauft, es ist schließlich nicht zu Boden gefallen oder ähnliches. Was mir bitter aufstösst ist der Teil hier:

    „Wenn wir nun ein bestimmtes Verhalten des Kindes nicht wollen, zeigen wir das an, indem wir uns von ihm abwenden und keinen Blickkontakt herstellen.“

    Für ein Kind (eigentlich für jeden Menschen, oder?) ist Abwenden, Alleinlassen, sich Trennen eine Strafe, eine Bedrohung eigentlich schon. Wie soll es sein Leben allein schaffen in dem Alter? Also muss es „funktionieren“, damit es wieder zum Rudel dazugehören darf. So liest sich das zumindest für mich. Und das ist für mich kein entspanntes Dasein im Kreise meiner Familie sondern ein ständiger Kampf, ja alles richtig und zu Gefallen zu machen, um bloß nicht allein und ungeschützt zurückgelassen zu werden. Das Entenküken, das nicht auf Schnattern der Mutter reagiert und nicht schnellstmöglich hinterherschwimmt (vielleicht ist es einfach zu klein für das Tempo und die Geschwister sind kräftiger?), wird gefressen werden. Pech gehabt. War nicht schnell oder gehorsam genug.

    Genauso der Teil hier:

    „Dann wirkt Aufmerksamkeit belohnend und lohnend fürs Kind.“

    Wenn meine Aufmerksamkeit eine Belohnung für mein Kind darstellt, wird es immer wieder versuchen, sie sich einzufordern, wird versuchen, sie sich zu erarbeiten, sie sich zu verdienen. Wenn es das nicht schafft – Pech gehabt. Wenn das Entenküken sich in einem Strauch verheddert und piept und die Mutter es nicht hört oder einfach nicht reagiert…naja, hatten wir ja gerade.

    Es tut mir leid, dass ich so unfreundlich klinge, vielleicht berührt diese Art, Kinder zu sehen, etwas in mir, was schmerzt. Vielleicht mache ich mit meinen Kindern viel falsch und umflattere sie zu sehr. Aber meine Kinder sollen wissen, dass sie sich meine Liebe nicht verdienen müssen, sondern sie sollen sich deren sicher sein. Wenn unsere Kinder echten Blödsinn veranstaltet haben, fragen sie manchmal, ob wir sie noch lieb haben. Ich sage dann immer, dass wir sie immer noch genauso lieben, wie vorher, dass wir nur mit der Aktion/der Verhaltensweise nicht einverstanden sind bzw. uns darüber ärgern etc.

    Liebe Uta, ich hoffe, ich konnte mich verständlich machen und habe dich hiermit nicht angegriffen oder gekränkt (auch Rita nicht), ich hatte nur das Gefühl, ich muss und möchte versuchen, meine Gefühle und Ansichten dazu aufzuschreiben.

    Liebe Grüße
    Dana

    PS: Das mit den Kindern in der Schule ist mir auch schon aufgefallen. Wobei ich denke, dass Kinder in diesen Ländern oft garnicht so richtig Kinder sein können, weil sie daheim wie kleine Erwachsene zum LebensERhalt beitragen müssen oder weil die Familie wirklich am Limit lebt. Die Schule ist dann eventuell die einzige Möglichkeit, Kind sein und lernen zu dürfen, nicht nur funktionieren zu müssen?

    • Uta sagt:

      Dazu hat Rita mir noch eine Antwort geschrieben:

      Aber, die Argumente, die ich bei Dana sehe…es braucht so unglaublich viel Energie, um Eltern zu zeigen…
      Es geht doch überhaupt nie darum, dass sich diese Kinder die Liebe ihrer Eltern verdienen müssen und es tönt so, als ob es der Biologie (Evolution) scheissegal sei, wenn die Kleinen umkommen usw. Das stimmt doch überhaupt nicht. Tiereltern verteidigen ihre Jungen oft bis aufs Blut, sie tun alles, damit der Nachwuchs überlebt – wenn sie nicht alle füttern (Vögel) dann ist es so, dass nicht genügend Futter vorhanden ist und dann geht es darum, dass man besser nur einen Teil füttert, weil sonst alle nicht lebensfähig wären und zugrunde gehen würden – also auch äusserst sinnvoll!
      Und der letzte Abschnitt, dass diese Kinder in vielen Teilen der Welt nicht richtig Kinder sein können… Das ist der Grossteil der Menschheit. Wer definiert, was richtig Kindsein ist? Wir? Die westliche Welt? Wir, die wir alle Lebensräume aufs äusserste beanspruchen und alles andere Leben nicht nur gefährden, sondern zerstören!?….
      All diese Eltern tun einfach eines, sie versuchen ihr Bestes, um ihre Kinder lebensfähig zu machen, jeweils in der Welt, in die sie geboren wurden – das haben sie sich nicht ausgesucht.
      Und was machen wir? Machen wir unsere Kinder fit für die Welt, in die sie geboren wurden?
      Machen wir sie fit für unsere soziale Gemeinschaft?
      Werden sie später einmal Verantwortung übernehmen für andere, für alte Menschen, Behinderte, Randständige, wo doch immer nur ihr eigenes Wohl im Zentrum stand?

      Für das Kleinkind ist das Abwenden eben weder eine Ausgrenzung noch eine Strafe auch keine Bedrohung nichts dergleichen. Es ist das sinnvollste biologisches Signal auf ein soziales Nervensystem, das das Zusammenleben eines Lebensverbundes regelt, das ja einer Steuerung bedarf – wie denn sonst soll das passieren? Weder die Zuwendung noch die Abwendung wird in diesen Kulturen bewertet – es erfolgt ganz natürlich. Es gibt da weder Frustration, noch Wut, noch Ärger noch schimpfen oder strafen sie ihre Kinder und es gibt schon gar keinen Hass. Dies geschieht in völliger Liebe, denn es braucht diese Steuerung, damit das Kind in eine soziale Gemeinschaft hineinwachsen kann und deshalb ist Abwendung genauso positiv wie Zuwendung.
      Ist das so schwierig zu verstehen?
      Rita Messmer

    • Milli sagt:

      Liebe Alle

      Ich bin sehr überrascht, was da alles abgeht. Meines Erachtens überlegen und denken viele der heutigen Eltern viel zu weit. Ein Baby oder Kleinkind ist KEIN KLEINER ERWACHSENER – das ist ein sehr wichtiger Punkt, ansonsten werden viele fatale Fehler gemacht, welche bei einem Kind und später bei einem Erwachsenen nur noch schwer zu „korrigieren“ sind. Nicht zu vergessen, diese Personen haben es im Leben schwer und sind nicht glücklich, weil sie dauernd darauf angewiesen sind, dass sich ihr UMFELD nach IHNEN zu richten hat, weil das Mami und Papi doch auch immer so gemacht haben: „Ich will ein neues Eis und mache so lange Krach, bis ich eines kriege.“ Meiner Meinung nach ist es ziemlich klar, dass dieses Verhalten der Erwachsenen nicht korrekt ist. Auch die Reaktion des Vaters, dass sich das Kind nur bei einem neuen Eis beruhigen würde, finde ich sehr traurig: Er hat das Kind bereits aufgegeben. Wer wird diese Rolle später übernehmen: Die Lehrerin des Kindes, die Freundin, der Freund, der spätere Partner oder die spätere Partnerin? Möchtet ihr ein Partner/eine Partnerin mit dieser Rolle: Der Mann oder die Frau ruft aus und zwar so lange, bis ihr euch nach seinem/ihrem Wunsch gerichtet hat. Wenn später niemand diese Rolle im Leben des Mädchens übernehmen will, wird es sehr unglücklich sein, weil gemäss ihren Erfahrungen die „anderen sie nicht verstehen und immer wieder falsch reagieren“ – auf die Dauer macht das krank; ein Zusammenleben mit einer Person, welche so viel Macht in Anspruch nimmt, ist zu anstrengend. Es wird einsam und traurig werden. Die Spur, welche ihr in ihrer Kindheit als „richtig“ vorgegeben wurde, entpuppt sich im späteren Kindes- und Erwachsenenalter als nicht umsetzbar heraus. Das verwirrt, macht wütend und kann zu einem zerstörerischen Verhalten führen (wie dies in den heutigen Schulen beobachtet wird). Das führt nicht zu Erfolg oder Zufriedenheit.

      Viele Eltern leiden noch unter ihrem eigenen Trauma aus ihrer Kindheit: Zuwenig konnten sie früher am Esstisch oder in der Schule mitentscheiden oder mitdiskutieren, zu viel wurde über sie entschieden oder für sie bestimmt und das machte sie sehr traurig – nie würden sie das mit ihren eigenen Kindern machen. Heute geht der Pegel leider ins andere Extrem: Zu fest nageln die Eltern an ihren eigenen traumatischen Kindheitserinnerungen und nur wenn sie das Wort „führen“, „abwenden“, „Hirarchie“ hören, kommen diese Gefühle hoch – das ist etwas ganz natürliches, solange das eigene Trauma nicht erkannt, verstanden und dann aufgelöst wurde. Euer „Bauch“ sagt: „Nicht abwenden, beim Mädchen bleiben und es trösten“ – doch das sind eure negativen Erfahrungen, das ist euer inneres Kind, welches sich hörbar macht und nicht das Kind vor euch. Das Kind ist kein kleiner Erwachsener. Wenn das Abwenden in einer Ruhe und Natürlichkeit gemacht wird, hat das Kind kein Problem mit diesem Entscheid – es muss ja noch lernen, wie es sich in dieser Welt lebt bzw. was das Kind innerlich stärkt und selbstbewusst macht. Wenn es bereits als kleines Kind alles entscheiden kann, wird es stark verunsichert, weil es willkürlich reagiert. Mit „Führen“ ist kein Führen von morgens bis spät gemeint – das denken viele Eltern heute, weil sie u.a. selber erlebt haben: Das Kind soll Situationen haben, in welchen es seine Macht üben und weitergeben kann. Das Kind entscheidet, in welcher Hand es den Stift hält, wie es die Sonne ausmalen will, wie es sich die Haare frisiert – das ist persönliche Entfaltung und Freiheit. Doch in der anderen Situationen, wie derjenigen mit dem Eisessen, da benötigt das Kleinkind/Kind die Führung, weil es lernen muss, wie man sich verhält.
      Zusammengefasst:

      – Babys und Kleinkinder sind keine jungen Erwachsenen. Nicht mit dem eigenen inneren Kind verwechseln, wenn das „Bauchgefühl“ etwas anderes sagt.
      – Das Kind braucht Führung – auch hier nicht mit den eigenen negativen Emotionen aus der Vergangenheit verwechseln. Führen mit Spielraum (siehe oben).
      – Das Kind braucht viel Liebe, welche nicht gegeben ist, in dem man all seine Wünsche erfüllt oder im Laden etwas kauft, damit es ruhig ist. Das Kind immer mal wieder umarmen. Das haben wahrscheinlich viele in der eigenen Kindheit vermisst und genau da fand ein Abwenden statt – dieses Abwenden hat aber nichts mit dem Abwenden beim Eis zu tun.

      Vielen Eltern ist es heute mit ihren eigenen Kindern zu viel, weil diese tun, was sie wollen, wie die Eltern sagen. Das ist korrekt, doch man hat die Kinder gelassen zu tun, was sie wollen. Man wollte alle Bedürfnisse decken, doch das führt dazu, dass die Eltern sich immer den Kindern anpassen müssen, und das ist anstrengend und führt zur Überforderung. Eltern und Kind werden dabei unglücklich und was ausfällt, ist dann die Liebe: Die Umarmung und die Freude, ein Kind zu haben – das ist Abwendung, die nicht sein sollte. Die Abwendung beim Eis macht das Kind nicht unglücklich (nur wenige Sek. beim ersten Mal), doch die Abwendung auf sein Dasein, macht es sehr unglücklich, wenn nicht krank (später).

      Herzlichst
      Milli

  • Franziska sagt:

    Liebe Uta,
    ich hänge hier über Rita Messmers Buch und lese gleichzeitig den Artikel und mir geht es glaube ich ähnlich wie dir- da resonniert etwas in mir und ich frage mich, inwiefern all das psychologisieren sinnvoll ist oder einfach nur alles komplizierter macht.
    Danke für den weiteren tollen Beitrag,ich freue mich auf das Gespräch mit dir!

  • Linda sagt:

    Ich werde mit dem Text auch überhaupt nicht warm. Kohärent kriege ich es gerade nicht zusammen, aber einige Anstöße:

    – für welches Alter gilt diese Vorgehensweise? Wenn mein Neugeborenes mich mittels Schreien zu manipulieren versucht, es möglicherweise auf den Arm zu nehmen, wobei es doch satt, sauber, sicher und warm ist, dann lasse ich es liegen, ja? Wenn mein sechzehnjähriger Sohn Liebeskummer hat, dann ignoriere ich das, bis er sich wieder gefaßt hat? Wenn mein Mann grummelt? Wenn meine demente Oma schreit?
    Wenn ich mit einem gleichalten oder älteren Menschen nicht so umgehen würde, ihm stattdessen Empathie und ein offenes Ohr schenke, warum genau sollte ich es mit einem verzweifelten Kleinkind nicht tun? Weil ich seine Gründe für nichtig halte? Nun ja, den Ärger meines Mannes kann ich auch nicht immer nachvollziehen… aber dann kann ich mich in Zukunft getrost abwenden und ihm so ein wichtiges biologisches Signal geben.

    Die Geschichte mit dem Eis ist fraglos rührend. Was genau ist aber der Punkt? Daß die Kinder hierzulande zu verwöhnt sind? Es ihnen zu gut geht? Es gab da ein Kind, das dankbar war für ein Eis, und hierzulande gab es eines, das für das Eis nicht dankbar war?

    Das Entziehen von Aufmerksamkeit als Reaktion auf nicht genehmes Verhalten ist operantes Konditionieren. Für Hunde taugt das. Menschen lernen dadurch eher Hilflosigkeit.

    Die strikte Trennung von Biologie und Psychologie mag für Wolfsrudel und Entenküken gelten. Menschen sind komplexer als das. Etwas Wissen über das limbische System, die Entwicklung des Gehirns, die Bedeutung des präfrontalen Cortex täte hier gut. Leicht zugänglich sind hier die Autorinnen Seide/Graf oder Renz-Polster.

    • Katrin sagt:

      Liebe Linda, gut geschrieben! So sehe ich es auch!
      Viele Grüße
      Katrin

    • Hans sagt:

      Diese Reaktion auf den Text von Rita Messmer macht mich ratlos. Mein Gott, ist es denn so schwer zu begreifen, um was es hier geht? Es geht eben nicht um den Sohn mit Liebeskummer, auch nicht um den grummelnden Mann und auch nicht um die demente Oma. Es geht um ein Kleinkind, das Verhaltensweisen an den Tag legt, die ich nur dann wohlwollend betrachten oder gar gutheißen kann, wenn ich über ein gerüttelt Maß an Masochismus und Verantwortungslosigkeit verfüge. Da ist etwas ganz anderes notwendig.
      Und genau darauf zielt die Geschichte mit dem Eis. Der Punkt ist eben nicht, dass hier bei uns irgendein einzelnes Kind verwöhnt und in Indien irgendein einzelnes Kind dankbar ist – es ist mir völlig rätselhaft, wie man zu einer solchen Schlussfolgerung kommen kann. Nein, das Beispiel dient nur zur Illustration des derzeitigen Erziehungsnotstandes hierzulande. Und dass es sich um einen schlimmen Notstand handelt, können alle bestätigen, die sich Tag für Tag in Kita oder Schule abmühen und sich angesichts des Verhaltens vieler Kinder ihnen und der Klasse gegenüber wie der letzte Mülleimer fühlen. Zwei meiner Söhne sind Lehrer, und zwar leidenschaftlich gerne und aus Berufung. Bei einem von ihnen hat die Hälfte der Lehrerschaft zu Schuljahresende gekündigt, weil sie physisch und psychisch am Ende ihrer Kräfte sind. Eine immer größere Anzahl der Kinder ist verhaltensauffällig und unintegrierbar; ein halbwegs vernünftiger Unterricht ist immer weniger möglich. Noch ärger als die Kinder und das eigentliche Problem sind aber oftmals deren Eltern: Sie gebärden sich uneinsichtig, besserwisserisch und wollen – notfalls mit Druck – dem Lehrer vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat.
      Wie aber können die Kinder Respekt und Achtung vor den Mitmenschen gewinnen, wenn sie es nicht von ihren Eltern lernen und diese selbst zudem genau das Gegenteil praktizieren? Und genau da hinein passt die Story vom Kind und dem Eis. Es brüllt nicht, weil es verzweifelt ist, sondern weil es mit aller Gewalt seinen Willen durchsetzen will. Und darauf darf ich nicht einsteigen, sonst mache ich mich immer mehr erpressbar und verzichte auf jeden Respekt. Da hilft wirklich nur, in diesem Moment dem Kind meine Aufmerksamkeit zu entziehen. Das signalisiert ihm: Mit mir kannst du nicht so umspringen; ich bin nicht korrumpierbar. Auf den Gedanken, das Kind könnte traumatisiert werden und seelischen Schaden erleiden, kann nur jemand kommen, der sich der Religion der bedürfnisorientierten Erziehung unterworfen hat. „Artgerecht“ (diesen Begriff kenne ich ansonsten nur aus der Viehzucht) ist diese Erziehung mit Sicherheit nicht, denn hier liegt der Fokus nur auf den angeblichen Bedürfnissen des Kindes. Und was ist mit den Bedürfnissen der Eltern, der Geschwister, der übrigen Kontaktpersonen? Spielen diese keine Rolle? Nein, beim besten Willen kann ich diesen populistischen Quark nicht nachvollziehen. Dessen Ergebnisse sind bereits jetzt sichtbar: verstörte und lebensuntüchtige Kinder, Probleme in Familie und Kita/Schule, in der Folge erschreckende Perspektiven für die Gesellschaft. Wollen wir das wirklich?
      Es wird Zeit, dass unsere Eltern aus ihren Blütenträumen erwachen und sich der zugegebenermaßen nicht immer einfachen Realität stellen. Nur wenn unsere Kinder lernen, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, sondern Anforderungen und Herausforderungen bereithält, können sie so stark werden, dass sie das Leben souverän zu meistern verstehen. Ihnen diese Fähigkeit zu vermitteln – das ist wahre Liebe. Alles andere verdient diesen Namen nicht.

      • Merle sagt:

        Danke Hans!!

        Ich kann es auch nicht verstehen, wie man mit aller Gewalt den Text so missverstehen kann….

        Ich bin Mutter von drei Kindern und sehe so einige Eltern, die bedürfnissorientiert erziehen. Diese Kinder haben sehr sehr oft Probleme sich zu integrieren. Das möchte ich meinen ersparen. Und wie schon richtig gesagt, hat das NICHTS mit Liebesentzug zu tun.

  • Bianca sagt:

    Liebe Uta,

    was ich an Frau Messmers Ansatz mag, ist dieses „ohne wütend, enttäuscht oder gekränkt auf das Kind“ zu reagieren. Das finde ich wichtig, denn das kenne ich auch von mir, dass ich manche Verhaltensweisen meiner Kinder persönlich nehme, was so ja nicht gemeint ist. Und dann tappen wir gemeinsam in böse Fallen.
    Aber ansonsten ist mir das alles zu sehr operantes Konditionieren, um im Psychologenfachjargon zu bleiben. Mir stößt dieses „sich abwenden“ auch auf, weil es ein ganz klares Signal an das Kind ist: „Dein Verhalten gefällt mir nicht!“. Ich glaube aber, dass Kinder das so gar nicht übersetzen, sondern wenn das dauerhaft passiert (also dass es immer ignoriert wird, sobald es eine „falsche“ Verhaltensweise zeigt), das Kind dann irgendwann beginnt zu denken: „Ich bin nicht okay.“ Und das ist doch fatal.
    Auch das Beispiel mit den ErzieherInnen fand ich schwierig: ich weiß nicht, wie es in der Schweiz ist, aber in Deutschland mit seinem katastrophalen Betreuungsschlüssel sind die meisten Kitas auf Anpassung und nicht auf Kommunikation, Austausch und Diskussion angelegt.
    Und als letztes: ich glaube nicht, dass man Psychologie und Biologie voneinander trennen kann. Denn die Emotionen (Psychologie) werden doch von der Biologie des Gehirns gesteuert. Damit meine, dass es bis Mitte 20 dauert, bis alle Nervenzellen entwickelt sind, die zwischen Amygdala (Gefühlszentrum) und Frontalhirn (Vernunft, Impulskontrollsteuerung) vermitteln. Das heißt, ein Kind, was erstmal brüllt vo Wut, weil das Eis einen Riß hat, kann ja erstmal gar nicht anders (dass es natürlich irgendwann lernt, das Brüllen einzusetzen, wenn es daraufhin ständig ein Eis bekommt, ist unbenommen). Aber ich kann doch ein Kind, was hirnphysiologisch/biologisch gar nicht anders kann als so zu reagieren, dafür doch nicht bestrafen.
    Und auch, wenn Frau Messmer es nicht so meint, für mich klingt es wie Strafe. Kann auch sein, dass da bei mir was anklingt, aber es fühlt sich einfach so an.
    Und die Beispiele aus den anderen Ländern: bestimmt stimmt es und oft fehlt Eltern (auch mir bisweilen) die „Leitwolffähigkeit“ wie J. Juul das so schön sagt, aber in den anderen zitierten Ländern kann aus vielen Gründen gar keine richtige Kindheit gelebt werden. Das als Beispiel zu bringen, finde ich zynisch (nicht umsonst hat Japan z.B., wo sehr viele Kinder sehr still und sehr brav in der Schule sitzen, die weltweite höchste Suizidrate, um das mal ganz sehr zu verallgemeinern).
    In dem Zusammenhang empfehle ich mein neuestes Lieblingsbuch von Herrn Renz-Polster „Erziehung schafft Gesinnung“. Er beschreibt sehr schön, wohin z.B. das auf Anpassung, Konditionierung etc. ausgerichtete System z.B. in der DDR geführt. Und was mit Kindern in Ländern passiert, die sich ständig anpassen müssen … so, dass sie zu 200 in eim Raum sitzen und brav alles mitmachen.
    So, jetzt habe ich mich ein bisschen in Rage geschrieben :), ich hoffe, das ist okay. Was ich wirklich an Frau Messmers Ansatz schätze, das am Ende noch hinterher, ist der ruhige Umgang mit Kindern und die klare Aussage, dass nie die Kinder schuld sind. Das finde ich wunderbar. Nur die Art und Weise finde ich mehr als schwierig …
    LG
    Bianca

  • Bianca sagt:

    P.S. Ich sehe gerade, dass Linda den Autor auch empfohlen hat 🙂

  • Uta sagt:

    Ich danke euch für die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema!
    Es tut mir allerdings leid, dass Rita Messmer so gründlich missverstanden wird. Ihr geht es in keiner Weise um Missachtung, Sich-selbst-Überlassen oder Strafen von kleinen Kindern. Im Gegenteil! Sie ist die Begründerin der Windelfrei-Methode, bei der Mütter von Anfang an lernen, auf die Signale des Säuglings zu achten und ihn abzuhalten. Dieser Ansatz erfordert und trainiert in hohem Maße feinfühliges Eingehen der Eltern auf das Baby, fördert seine Selbstwirksamkeit und stärkt sein Selbstgefühl.
    Ich weise an dieser Stelle auf ihren unermüdlichen Einsatz für den „Windelfrei-Ansatz“ hin, um deutlich zu machen, dass es ihr von Herzen um die Stärkung von Kindern geht und nicht um Anpassung, Kader-Gehorsam oder ein strafendes Regiment der Eltern.
    Eure Uta

  • Uta sagt:

    Noch ein Nachsatz:

    In der Besprechung eines ihrer Bücher bei Amazon schreibt ein Arzt, wie er ihren Ansatz versteht. Vielleicht ist das noch hilfreich:

    „In diesem Buch wird – finde ich- gut erklärt, warum und inwiefern diese Diskrepanz auch für Reibungen in der Erziehung verantwortlich ist. Zum Beispiel, dass viele Eltern die zusätzliche Zeit, die uns durch unseren Wohlstand zur Verfügung steht, ganz dafür nutzen, ihre Kinder zu bespaßen, sie ständig in den Mittelpunkt zu setzen und letztlich zu kontrollieren und sie überall hin zu begleiten. Es ist ein Glaube entstanden, man müsse den Kindern sehr viel Zeit widmen und ihnen permanent „den richtigen Weg“ zeigen, da die Kinder sonst verwahrlosen und Schaden nehmen. Dadurch dass dieses Buch den evolutionären Hintergrund mit einbezieht, wird schnell klar: Wenn Kinder tatsächlich so unselbstständig und schutzbedürftig sind, wie konnte der Mensch die letzte Eiszeit überleben? Wie können Säugetiere, die genetisch zu 99% uns gleich sind, heute noch überleben, wenn Kindererziehung so schwierig ist?
    Trotzdem propagiert dieses Buch nicht, seine Kinder zu vernachlässigen und sich selbst zu überlassen. Im Gegenteil empfiehlt die Autorin, das Kind in den ersten 3 Monaten möglichst ständig am Körper zu tragen, um sein Urvertrauen in die Mutter aufzubauen. Schlecht sei nur, ihm ständig Aufmerksamkeit zu schenken und damit die Erwartung aufzubauen, es sei der Nabel der Welt – was früher oder später zu einem immer mehr Aufmerksamkeit fordernden Kind, überforderten Eltern und schlussendlich in Frustration enden würde.“

  • Bianca sagt:

    Liebe Uta,

    Sie schreibt ja auch in ihrem einen Buch, wie wichtig Tragen für das Urvertrauen ist. Das unterstütze ich bedingungslos (wobei das Urvertrauen jetzt umgekehrt im Kinderwagen auch nicht erschüttert wird ;)).
    Die Reibereien finden sich vielleicht eher im Kleinkindalter. So wie es auf Dauer schwierig wird, wenn dem Kind immer ein Eis gegeben wird, sobald es wütend wird, wird es auf Dauer – aus meiner Sicht – eben auch schwierig, wenn jedes „unpassende“ Verhalten mit Nicht-Achtung oder weggehen bestraft wird (zumal ja in dem Fall immer die Eltern bestimmen, was unpassend ist. Und schon das ist ja extrem individuell).
    Vielleicht sind einfach beide Seiten zu extrem: der (überzogene) bedürfnisorientierte/unerzogen-Ansatz und vielleicht auch der zu biologisch deterministische Ansatz von Frau Messmer.
    Die eine genannte Idee fand ich toll: das Kind fragen, was mit dem Eis jetzt passieren soll. Im besten Fall ist man so entspannt und klar in der Haltung, dass das Kind selbst eine Idee entwickelt und wenn nicht, kann ich das Kind (ohne ein neues Eis zu kaufen!) in seinem Ärger begleiten.
    Wenn ich in meinen Therapien mit Pat. an früheren Kindheitserinnerungen arbeite, dann nie daran, dass ein Kind kein Eis bekommen hat, sondern daran, dass der/die Patient/In sich in einer Situation emotional allein gelassen gefühlt hat. Da kommen natürlich dann immer viele Dinge zusammen (eine Sit. reicht Gott sei Dank nicht, um ein Kind zu traumatisieren), aber das Da-Sein, das Erfüllen des ersten und wichtigsten Bedürfnisses, nämlich nach Bindung ist eben notwendig.
    Und klar, Autonomie und Abgrenzung sind auch wichtig; eigene Erfahrungen machen, selbst etwas schaffen, nicht ständig bekreist und bespielt werden. Aber wenn man die Worte „nie, immer“ durch „hin und wieder, manchmal“ ersetzt, klingt doch alles schon ganz anders.
    Vielleicht sind das Problem auch ihre Beispiele aus anderen Ländern: das Beispiel mit dem indischen Mädchen z.B. fand ich nun schon sehr zynisch. Ohne die Hintergründe zu kennen: vielleicht kennt dieses Mädchen nur Eis einmal im Jahr – natürlich ist es dann viel, viel dankbarer als unsere Kinder. Die gezogene Schlussfolgerung finde ich an der Stelle seltsam.
    Ich finde es aber toll, dass Frau Messmer so ausführlich geantwortet hat; es war schon beim letzten Post einige kritische Stimmen da; dann trotzdem immer wieder zu antworten und Erklärungen und Gedanken zu äußern, finde ich toll!

    LG

    • Franziska sagt:

      Ich antworte jetzt mal auf diesen Kommentar hier,weil der Punkt des alleinlassens mit den Gefühlen genannt wurde. Ich bin jetzt fast am Ende des Buches „der kleine homo sapiens kanns“ angelangt und sie beschreibt an einigen Stellen,wie man Kinder in der Verarbeitung ihrer Gefühle unterstützen kann(Wutbild malen z.B.). Ich glaube,das sich abwenden bezieht sich mehr auf die ungewollten Aktionen (auf die man sonst vielleicht genervt reagiert). Meine Dreijährige hat mir vorhin in Dauerschleife und Jammerton gesagt,dass sie in den Kinderwagen will(wir waren zuhause).Nachdem ich ihr sagte,dass sie das kann wenn wir zum See gehen heute Nachmittag und sie weiter machte,wandte ich mich einem Buch zu. Nach einer halben Minute war das vorbei, ohne dass ich den Eindruck hatte,dass sie Schaden nahm und ich konnte mir mein Genervtsein sparen. Ich weiß nicht,wie das bei euch so ist aber ich habe schon den Eindruck, dass meine Tochter gelernt hat, durch ihre Gefühle ihre Umwelt zu lenken(ich bin immer auf ihre Gefühle eingegangen) und ich kann nicht behaupten,dass sie dabei wahnsinnig glücklich wirkt.
      Ich bin da auch noch am suchen aber nach dem Buch kann ich nicht bestätigen,dass es ein brutaler Ansatz ist.

  • JuSt sagt:

    Liebe Uta,
    Ich möchte mich in vielen Punkten meinen Vorrednerinnen anschließen.
    Biologie und Psychologie zu trennen macht für mich absolut keinen Sinn. Auch hier ist eben alles mit allem verbunden. Der Mensch hat eben auch Psyche (das wäre jetzt komisch wenn ich das als Psychologin anders sehen würde). Der Mensch übertrifft in Sachen Komplexität eben die Ente. Während das Entenküken eine Zukunft als Ente hat, so wie seine Mutter es erlebt, hat das Menschenkind eine Zukunft die völlig ungewiss ist in einer sich schnell entwickelnden Welt (Renz-Polster beschreibt das in „Menschenkinder“, S. 220).
    Den Vergleich mit dem Kind in Indien finde ich nicht gut. Die Situationen sind einfach schlicht nicht vergleichbar. Unsere Kinder haben (größtenteils) das Glück in Fülle aufzuwachsen, und das dürfen sie auch (ich finde es irgendwie zu „protestantisch“ das nicht genießen zu dürfen und mit Sparsamkeit zu kommen). Die Glücksfähigkeit meiner Kinder zeigt sich Zb dann eben nicht beim Eis, aber wenn sie ungestört mit Wasser und Matsch spielen dürfen. Ich glaube dass hier die „Gefahr“ für die Glücksfähigkeit eher darin begründet liegt, dass Kinder oft wenig Zeit frei zur Verfügung haben (s. wieder Renz-Polster).
    Erschreckend finde ich den Satz: „das Kind in dem Alter kennt noch keine Empathie“. Ich denke Kinder sind von Geburt an empathiefähig (auch wenn sich die Theory of mind erst später ausbildet – ich meine damit irgendwie dass ich nicht glaube, dass mein Kind mich manipuliert).
    Was das am Körper tragen etc betrifft sind für meinen Geschmack 3 Monate „zu kurz“. Liedloff Zb spricht hier auch von längerem Zeitraum.
    Das war jetzt viel Kritik… Positiv finde ich, dass sie die Verantwortung bei den Eltern sieht.
    LG JuSt

  • maria sagt:

    Ich frage mich ob die Kritiker überhaupt eine andere (wie z.B. Rita’s) Ansicht verstehen WOLLEN.
    Ich persönlich stehe absolut hinter den Theorien und habe zudem zwei Kinder bei welchen ich das FUNKTIONIEREN täglich miterlebe.
    Wärend ich vor rund zehn Jahren noch viel weniger nach diesen Prinzipien gelebt habe, übe ich Ritas Prinzipien bei meiner kleinen (2J.) Tochter täglich an. Mittlerweile sind es für mich nicht mehr Theorien welche ich nachlesen muss. Es ist viel mehr eine Grundeinstellung oder treffender: INTUITION.
    Für das Kind ist Verlässlichkeit von grosser Wichtigkeit. Nicht nur was Abmachungen anbelangt sonder auch Meinungen und Ansichten der Mutter.
    Genau die selbe Situation mit dem Eis hatten wir einen Tag vor dem Erscheinen des Berichtes.
    Meine Tochter durfte sich ein Eis aussuchen und begann dieses genüsslich zu essen. Kurze Zeit später wollte sie ihr gelbes gegen ein rotes Eis eintauschen, was ich verweigerte.
    Ich signalisiert ihr klar dass das nicht geht, legt Ihr Eis auf einen Teller (daneben einen Löffel, da ich wusste dass es wohl bis sie sich wieder davon überzeugt, schmelzen wird;-))……nach ein par wenigen Minuten Unzufriedenheit setzte sie sich bald darauf vor Ihr Eis, bzw. Ihre Sauce und ass genüsslich weiter.
    Ich sehe mich dabei überhaupt nicht als gefühlslos oder Diktator, im Gegenteil, meine Tochter fühlt sich sicher und weiss bei einer nächsten Situation dass Ihr Entscheid, welches Eis sie aussucht, geltend ist. Sie trägt also die Verantwortung für Ihren Entscheid.

    das geschilderte Beispiel vom weinenden Baby, das man liegen lässt, treibt mich zur Gänsehaut.
    es geht doch nicht darum das Kind einfach so zu ignorieren. Vielmehr geht es darum sich auf die Intuition der Mutter zu verlassen.
    Ich bin überzeugt dass eine Mama merkt um welches Schreien es sich handelt.
    Mein Sohn hatte zwischen 5-7 Jahren die Gewohnheit, dass wenn er nicht schlafen wollte immer wieder neue Bedürfnisse hatte. Hunger, Durst, Kopfschmerzen. Auch dabei bin ich überzeugt dass man als Mama spürt, wann es Bedürfnis und wann es Mittel zum Zweck ist.

    Liebe Kritiker, versucht doch beim nächsten Mal das Gelesenen vorerst zu verdauen. Windelfrei finde ich ein schönes Beispiel für welches heute die meisten kein Bild mehr haben und erstmals DARAUFLOS kritisieren…….haltet mal inne und denkt darüber nach!

  • Christina sagt:

    Worum es doch geht ist, dass Kinder lernen müssen sich in ein bestehendes System einzufügen. Dazu gehört natürlich, dass die eigenen Bedürfnisse mal zurück gestellt werden müssen, weil sie gerade nicht erfüllt werden können, ohne dass sich das ganze System verändert, um auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen zu können.
    Sonst kommt es nämlich zu den Situationen der überforderten Eltern, die alles für ihr (glückliches) Kind tun, selbst aber hoch frustriert sind.
    Und diesen Ansatz, den Frau Messmer beschreibt finde ich richtig und wichtig.
    Außerdem den, dass das Kind selbst für seine Gefühlslagen verantwortlich ist. Darum toben und trotzen doch Dreijährige. Sie lernen sich zu steuern und können das im weiteren Leben i.d. Regel anwenden.
    Wie so oft im Leben würde ich meine Erziehung nicht allein auf diese Basis stellen, die Mischung macht’s für mich, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir dringend weg müssen von der „kindzentrierten“ Erziehung, wenn wir nicht bald in einer Gesellschaft voller bedürfnisorientierter Egozentriker leben wollen, die zwar jeder für sich sehr gut wissen, was gut für sie ist und wie sie glücklich sein können, aber kaum bereit sind die eigenen Bedürfnisse für „das Gemeinwohl“ (siehe u.a. Schule!!) zurückzustellen.
    Viele Grüße Christina (die neue hier ist und mitten in eine spannende Diskussion platzt ;-))

  • Janna sagt:

    Liebe Uta,
    zuerst einmal, ich bin selbst Biologin. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man das Verhalten von Tieren und dem Menschen nicht gleich setzen darf. Nicht mal alle Menschenaffenarten verhalten sich gleich. Auch nicht bezogen auf ihren Nachwuchs. Warum also sollte der Mensch das Verhalten von Tieren imitieren und nicht sein eigenes Verhalten zeigen?

    Ich stehe Ritas Meinung sehr zwiespältig gegenüber. Auch ich sehe die Entwicklung dahin, dass Eltern glauben ihren Kindern etwas „bieten“ zu müssen. Ich denke nicht, dass sich der Alltag darum drehen sollte, wie man es schafft, dass beim Kind keine Langeweile aufkommt. Ich sehe das bei Freunden von uns und halte dieses Verhalten seitens der Eltern für problematisch.

    Ich selber habe mein Kind während des Studiums bekommen. Heute ist es fünf Jahre alt und viele Freunde und Bekannte sind beeindruckt, wie gut sich mein Kind alleine beschäftigen kann. Ich antworte darauf immer: Es ist kein Glück und keine Charaktereigenschaft. Es war zwingend notwendig, dass mein Kind lernt sich alleine zu beschäftigen und damit zufrieden zu sein. Ich habe noch studiert, war dazu fünf bis sechs Tage die Woche alleine mit meinem Kind. Ich hatte keine Zeit es zu beschäftigen.

    Ich glaube hier liegt der Punkt, an dem Rita uns alle berührt. Wenn wir den ganzen Tag um unser Kind „herumschlawenzeln“ weil es in unserer Lebenssituation unser Mittelpunkt ist, dann tut das unseren Kindern nicht gut. Was Kinder hier von Kindern in dritte Welt- und Schwellenländern unterscheidet sind die Umstände in denen sie geboren werden und der Fokus der Eltern.

    Wenn Eltern vor allem dafür sorgen müssen, dass ihre Familie ein Dach über dem Kopf und genügend zu Essen hat, müssen die Kinder im Leben der Eltern mitlaufen. Die Eltern können nicht aufhören zu arbeiten, nur weil dem Kleinkind sein Stock zerbrochen ist.

    Hier ist es heute aber so, dass Eltern meist einen festen, sicheren Job mit geregelten Arbeitszeiten haben. Und danach? Wenn die Eltern nach Hause kommen? Dann sind da die Kinder. Denn darum geht es ja beim Kinderhaben. Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Viele Eltern vergessen sich selbst dabei. Da geht es auch in der Freizeit nicht mehr darum: „was möchten WIR als Eltern machen?“ sondern „worauf haben unsere Kinder Lust?“
    Das ist die Entwicklung, die Kinder und Eltern gleichsam unsicher und unzufrieden macht. Den Kindern wird Macht gegeben, wo sie noch gar keine übernehmen können und sollten. Eltern werden unausgeglichen, weil sie kein eigenes Leben mehr haben, außer wenn einmal im Monat der Babysitter für einen Abend kommt.

    Unser Kind kommt mit, egal wo wir hingehen und egal, ob das schon etwas für Kinder ist, oder nicht. Natürlich nehmen wir es nicht mit in einen Horrorfilm oder etwas anderes, was unser Kind beeinträchtigen würde. Wenn wir aber eine Städtereise machen und in Museen gehen, eine Bustour oder ähnliches machen wollen, dann muss unser Kind halt mal zwei/drei Stunden mitmachen. Das heißt es sitzt auf seinem Stuhl oder läuft neben uns her und beschäftigt sich alleine. Ohne Handy, ohne Tablet…mit seinen Gedanken. Aber nicht, weil es so ein tolles Kind ist, dass so einen ungewöhnlichen Charakter hat und alles mitmacht, sondern weil wir als Eltern in solchen Momenten Elternzeit haben. Wir wollen etwas für uns machen und gehen voran. Also kommt unser Kind hinterher. Doch auch während dieser Zeit gehe ich liebevoll auf es ein. Wenn es Hunger hat, oder ihm die Beine weh tun, oder es hin fällt, oder oder oder. Ich ignoriere mein Kind nicht und werde seine Bedürfnisse nicht ignorieren. Ich weiß nur um den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen.

    Wenn mein Kind quengelt oder einfach irgendwann nicht mehr kann, bin ich trotzdem verständnisvoll, weil es dann auch schon eine lange Zeit etwas für mich getan hat.

    Ich finde den Entzug von Aufmerksamkeit und das Ignorieren von Gefühlsäußerungen des Kindes ganz einfach nicht richtig. Da widerspreche ich Rita vollkommen. Was bringe ich meinem Kind bei, wenn ich seine Gefühle ignoriere? Dass sie nicht wichtig sind? Dass Gefühle anderer Menschen egal sind? Mich erinnert dieser Teil von Ritas Pädagogik an die Schwarze Pädagogik und ich froh und dankbar, dass dieses furchtbare Kapitel im Umgang mit Kindern hinter den Kindern von heute liegt.
    Ich habe viel Kontakt zu sehr alten Menschen. Je älter ein Mensch wird, desto mehr rückt die Kindheit wieder in den Vordergrund. Ich habe öfter schon einen weinenden alten Herrn getröstet, der sich daran erinnerte, dass er als Kind nie weinen durfte. Dass seine Eltern seine Gefühle ignoriert haben und ihn nicht ernst genommen haben, hat ihn bis heute verfolgt.

    Der Nachfolgewille ist in jedem Kind, egal ob Tier oder Mensch, vorhanden. Diesen sollten wir als Eltern nutzen. Auch sollten viele Eltern wieder egoistischer werden und vor allem achtsamer mit sich selbst. Dennoch unterscheidet sich das menschliche Gefühlsspektrum von dem der Tiere. Es hat nicht mit „psychologisieren“ zu tun, darauf zu achten, welche Gefühle ein Mitmensch hat, egal ob klein oder groß. Es ist kurzsichtig gedacht eine große Wissenschaft, nämlich die Psychologie, einfach zu ignorieren. Natürlich ist es einfacher alles auf die Biologie herunter zu brechen, deshalb ist es aber noch lange nicht richtig oder auch nur wissenschaftlich. Fakten zu ignorieren, Studien nicht zu berücksichtigen ist unwissenschaftlich, auch wenn die Studien nicht der eigenen Disziplin entsprechen.

    Zusammenfassend hat Rita mit dem Nachfolgewillen etwas in den Mittelpunkt gerückt, was in der letzten Zeit viel zu sehr vernachlässigt wurde. Die Pädagogik muss wieder mehr darauf eingehen, dass nicht nur die Eltern ihr Leben an das der Kinder anpassen sollten, sondern sich Kinder in das Leben der Eltern einfügen müssen. Was Kindern durch ihre unglaubliche Anpassungsfähigkeit auch spielend gelingt. Die Folgerungen Ritas, wie man mit Kindern aufgrund des Nachfolgewillens umgehen sollte, halte ich aber für problematisch und kurzsichtig.

  • Linda sagt:

    Im Lesen der anderen Kommentare sind mir noch einige Sachen etwas klarer geworden. Deswegen möchte ich gern noch einmal schreiben:

    Die Grundidee – nicht beständig um die Kinder kreisen, Selbstwirksamkeit, ihnen etwas zutrauen – die ist völlig richtig. Da bin ich mir mit Frau Messmer total einig.

    Nur: ich bin überzeugt, daß ihre Verweigerung der Psychologie gegenüber dazu führt, daß sie die emotionale Leistungsfähigkeit oder auch Entwicklung der Kleinst- und Kleinkinder grob überschätzt. Sie erwartet Homöostase dort, wo Co-Regulation angezeigt wäre.

    Um beim Eis zu bleiben: ich hätte dem Kind auch kein neues gegeben. Ich hätte es auch nicht weggenommen.
    Im Idealfall allerdings wäre ich dabei geblieben, in vorsichtigem Kontakt. Hätte die erste Wutwelle abflauen lassen, dann gespiegelt (Mensch, das ist ganz schön blöd, Du wolltest ein ganzes Eis und jetzt ist es kaputt. Das kann einen schon mal sauer machen, oder?). Geschaut, ob Körperkontakt gewollt wird. Das Kind wäre ruhiger geworden. Und am Ende hätte das Kind (hoffentlich) gelernt: Man kann auch kaputte Eise essen. Man darf wütend darüber sein, daß etwas nicht so eingetreten ist wie geplant. Ich habe Worte für meine Gefühle erhalten. Die dürfen sein, ich darf sie äußern, trotzdem/deswegen bin ich immer noch Teil meiner Familie. Und über die Zeit werden wir gemeinsam altersgemäße, sozialkompatible Wege (GfK zB 😉 für Konflikte entwickeln.

    Schwarze Pädagogik wurde genannt und das war tatsächlich auch eine meiner Assoziationen. Du hast eine negative Emotion? Finde ich in diesem Moment nicht angebracht. Ich wende mich ab. Finde selber einen Ausweg, ich höre Dir jedenfalls nicht mehr zu. Erst wenn Du wieder lieb bist. Frau Messmer würde ihren Ansatz ganz bestimmt nicht so bezeichnen wollen, aber von außen betrachtet – wo ist da der Unterschied?

    Selbstwirksamkeit, eigenständiges Lernen, toll. Auch meine Kinder dürfen sich körperlich erproben, frühzeitig klettern, werden beim Sitzen/Krabbeln/Stehen/Laufen nicht ständig begleitet, um bloß jeden Sturz abzufangen – als Resultat (vermute ich zumindest ;)) sind sie motorisch wahnsinnig fit und fallen selten, wenn aber, dann kontrolliert. Aber das geht doch nicht dort, wo das Gehirn gerade von Streßhormonen geflutet wird – ein Zustand, in dem es nicht lernen KANN. Körperliches Können kann ich mir abschauen. Beherrschung der Emotionen muß angeleitet werden. Ich muss sie benennen. Ventile dafür zeigen. Regulationsmöglichkeiten zeigen (kuscheln, in Kissen hauen, stampfen, schreien, gewaltlos anschreien, you name it).

    Ich habe das Gefühl, daß Frau Messmer sich gerne bei sog. „Naturvölkern“ umschaut, was Erziehung angeht, und das ist ja auch hochgradig spannend. Vor kurzem habe ich hierzu einen Artikel gelesen, bei dem es um Konfliktbewältigungsstrategien bei einem nativen Volk weit im Norden ging (nicht die Inuit, aber ähnlich weit nördlich), die dort ab der frühen Kindheit ähnlich konstruktiv und begleitet gelehrt wurden wie ich es oben skizziert habe. Ich finde die Quelle gerade leider nicht wieder, aber vielleicht klingelt es bei der Beschreibung bei jemand anderem auch?

  • Hallo Uta,
    Wirklich eine spannende Diskussion!
    Ich habe ja in Brigitte Hannig meinen persönlichen Leitstern gefunden, was meinen eigenen Erziehungsstil anbelangt.
    Da geht es als erstes um die Bindung und damit einhergehend um die Bedürfnisbefriedigung (nach Maslow).
    Die in unserer Gesellschaft furchtbar vernachlässigten Bedürfnisse nach elterlicher Führung, Autorität, Familienhierarchie usw. lerne ich immer besser zu leben und auszufüllen, wenn ich sie selbst auch nicht mit der Muttermilch aufnehmen konnte.

    Allerdings fühlt sich diese Aufforderung zum Abwenden und Konditionieren der Selbstregulation beim emotional überwältigten Kleinkind nicht richtig für mich an.

    Nein, ich bin NICHT für die Gefühle meines Kindes verantwortlich, aber je kleiner es ist, umso mehr Beistand gebe ich ihm.
    Dass mein Sohn mit seinen knappen sechs Jahren inzwischen schon sehr oft, sehr gut seine Emotionen wieder allein reguliert kriegt, seine Bedürfnisse wirklich aufschieben kann, allermeistens sehr kooperativ, höflich, empathisch ist und sehr sozial auf jedes andere Kind zugeht, bestärkt mich doch, dass wir da einiges richtig gemacht haben. Auch wenn das in all den Jahren häufiges Gefühle gemeinsam aushalten, spiegeln, Dasein usw. Beinhaltet hat.
    Also ich glaube, haltgebende Erziehng, elterliche Führung ja, aber für mich definitiv mit mehr Kontakt zum Kind, wenn es in emotionaler Not ist.
    LG Jitka

  • Uta sagt:

    Noch eine Reaktion von Rita Messmer:

    Liebe Uta,

    du kennst mein Engagement und meine Einstellung und ich finde es schade, wenn es dann in solchen Diskussionen so verdreht daherkommt, als wolle ich zurück in die Schwarze Pädagogik. Aber, wir haben in der westlichen Gesellschaft mit Kindern defintiv ein Problem! Ich hatte gerade heute Morgen wieder ein Gespräch mit einer Kitaleiterin, die x frustrierende Beispiele erzählte, wie die Kinder ihre Eltern durch Schreien und Wutausbrüche in den Wahn treiben. Es war ja gerade dieses absurde Verhalten der Kleinsten in unserer Gesellschaft, das ich auch je länger desto mehr in meiner Praxis erlebte, was mich zum Schreiben des letzten Buches: „Der kleine Homo sapiens kann’s!“ veranlasste.
    In meinem ersten Buch: „Ihr Baby kann’s!“ beschrieb ich die Bedürfnisse eines Babys und wie sie bei diesen indigenen und traditionellen Kulturen befriedigt werden. Von mir stammt ja auch die Theorie der frühen Reinlichkeit bei Babys (windelfrei/hello nappy). Ebenfalls von mir stammt der Begriff und das Beschreiben des Nachfolgewillens. Ich sah und beobachtete diese Kulturen wie sie liebevoll auf diese Bedürfnisse ihrer Babys und Kinder eingingen und habe dabei auch beobachtet, wie Kinder sich scheinbar mühelos in eine Familiengemeinschaft hineinleben ohne Reibungen und Konflikte. Ich beobachtete auch wie glücklich diese Kinder waren, wie sie spielten, wie sie lachten, wie kommunikativ und entspannt sie waren. Das alles hat mich tief beeindruckt und das wollte ich in die westliche – unsere Welt bringen. Ich habe selber drei Kinder und es gab nicht einen Augenblick, den ich nicht gerne mit meinen Kindern verbracht hätte. Ich fühlte mich trotz meinen vielen Aufgaben mit meinen Kindern nie überfordert, sondern sie waren stets eine Bereicherung. Ich habe meine Kinder weder geschlagen noch hätte ich sie bestrafen müssen. Aber sie haben auch keine Wutanfälle und keine Schreiattacken gehabt. Deshalb habe ich in meinem ersten Buch auch beschrieben, dass wenn man auf diese biologischen Bedürfnisse eines Babys richtig eingeht die Trotzphase wegfällt. Ich habe nämlich weder in diesen Kulturen je eine Trotzphase der Kinder beobachtet noch später bei meinen eigenen Kindern.
    Deshalb war damals schon für mich Trotz kein wichtiger Entwicklungsschritt, wie von der Psychologie behauptet, sondern ein Korrektiv des Kindes auf eine „falsche“ Begleitung von Seiten der Eltern auf die das Kind mit Trotz reagieren musste.

    Wenn wir nun noch einen Schritt weitergehen. Dann müssen wir eingestehen, dass wir alles, was wir heute als Bedürfnisse des Babys ansehen von diesen indigenen und traditionellen Kulturen übernommen haben: z. BTragen, Co-Sleeping, Babymassage, Windelfrei, Nachfolgewille, Stillen (viele Mütter konnten nicht stillen, weil man das Baby nach Geburt gleich wegbrachte und die Mütter, das Baby nur alle vier Stunden gebracht wurde. Meine Mutter war davon betroffen). Das sind alles Dinge, die man bei uns nicht kannte und deren Wert man nach und nach erkannte.
    Nun zeige ich, wie diese Kulturen auch das soziale Nerven- und das regulative Nervensystem ihrer Babys und Kinder entsprechend stimulieren und will damit zeigen, dass es das braucht, damit sich Kinder in eine soziale Gemeinschaft einfügen. Das machen sie genauso liebvoll und gelassen wie alles andere auch: Mit Blickkontakt, Zuwendung oder Abwendung – mit keinem Gedanken an Bestrafung oder Gefühle zu verletzen, Abwertung usw., sondern als das Selbstverständlichste. Etwa so wie wir den Regen und die Sonne zum Leben brauchen. Obwohl uns die Sonne meistens besser gefällt, wissen wir alle ohne Regen wären wir schnell dahin. Denn in diesen Kulturen gibt es keinen Aufstand gegen die eigenen Eltern, denn dies würde unnötige und für andere Dinge wichtige Energie verschleudern und das macht deshalb biologisch keinen Sinn. Ich zeige, dass dafür alle biologischen Anlagen vorhanden sind, wie das auch bei Windelfrei und dem Nachfolgewille der Fall ist, dass es lediglich der feinen Signale schon zu Beginn des Lebens bedarf. Und dass es in diesem Stadium unnötig ist die Psychologie bemühen zu wollen, denn erstmal muss die Biologie richtig aufgebaut werden.
    Und wenn sich Kinder dann ruhig und angepasst verhalten, spielen und lachen und nicht schreien, wüten und trotzen, finde ich das für mich doch, wenn ich wählen darf, die schönere Ebene.

    Ich bin doch sehr erstaunt, dass man all die anderen „Dinge“ aus diesen Kulturen übernimmt und jetzt plötzlich, wo es ums Verhalten des Kindes geht, diesen Schritt nicht macht und nicht hinschauen will, was diese traditionellen Gesellschaften anders machen. Und wenn sie sich abwenden, dies psychologisiert und von Verletzungen und Verachtung und allem Möglichen spricht…

    Dass die Psychologie dazu gehört, ist mir auch klar. Aber wenn wir unsere biologischen Anlagen besser nutzen, brauchen wir später auch weniger Psycholgie. Deshalb sage ich, erst müssen wir um diese biologischen Anlagen des sozialen und regulativen Nervensystems Bescheid wissen. Dann wird auch klar, wieso Signale (Reize, Stimulation) von Augenkontakt (Zuwendung) und Abwendung im Gehirn des Kleinkindes wie verarbeitet und interpretiert werden und zu welchem Verhalten dies führt. Deswegen ist es falsch hier von Psychologie zu reden und von Gefühlen, die verletzt werden oder gar von Schwarzer Pädagogik. Da werden rein die vorhandenen biologischen Anlagen entsprechend stimuliert, damit ein sozialer Verbund sich problemlos gestaltet.
    Um eine Metapher zu geben: Wir haben alle biologischen Anlagen, damit wir die Sprache erlernen können. Werden diese Anlagen aber innert der sensiblen Phase nicht stimuliert, werden wir nie mehr sprechen lernen. Und das ist ein Fakt. Da nützt uns auch alle Psychologie später nichts mehr.
    In diesem Sinne haben wir ein soziales – und regulatives Nervensystem, das darauf angewiesen ist, die biologisch richtigen Impulse zu bekommen, damit ein Zusammenleben in der Gemeinschaft auch richtig funktionieren kann. Und diese Impulse von Zuwendung oder Abwendung in ihrer feinsten Form sind dabei der Schlüssel.

    Ich hoffe, damit ein bisschen mehr Klarheit geschaffen zu haben.
    Ganz herzlich
    Rita

    Rita Messmer

  • Janine sagt:

    Ich kenne Rita persönlich und bin mit meinen kleinen Kindern bei ihr im Coaching. Wer Rita in der Schwarzen Pädagogik sieht, hat sie nicht richtig verstanden. Ich persönlich bin sehr dankbar, dass sie uns einen Weg aufgezeigt hat, welcher für uns funktioniert. Danke Rita

  • Marie sagt:

    Vielen Dank für diese ganze Diskussion, und vor allem herzlichen Dank an Frau Messmer, die sich so rege beteiligt! Was für ein Gewinn! …mich inspiriert und pieckst dieses Thema ordentlich. Die Pieckser treffen sowohl den privaten, familiären Bereich, also auch den beruflichen. Ich bin Grundschullehrerin und kann diese notorische Unzufriedenheit mit allem und allen vieler Kinder tagtäglich mit erleben. Und was hat es seit Jahren für Fragezeichen in mir aufgeworfen, denn es waren bzw sind nicht unbedingt die Kinder, deren Eltern beruflich oder auch privat zeitlich sehr eingebunden/gefordert sind… Ich werde weiter nachdenken und mich piecksen lassen 😉 Herzliche Grüße!

  • JuSt sagt:

    Ich merke, wie mich die Diskussion hier tatsächlich sehr beschäftigt. Vielen Dank an Rita Messmer für die weiteren Antworten und die Unermüdlichkeit. Ich finde, im Verlauf wird nun deutlicher, um was es geht. Danke auch an Milli, ich finde dein Kommentar schlägt eine gute Brücke.
    Ich bin (vielleicht nur auf der Ebene der kommunizierten Worte) noch immer nicht d’accord mit der ersten Antwort von Rita Messmer. Habe aber den Eindruck, dass sich Wertvolles darin verbirgt.
    Ich werde es wie Marie weiter pieksen und in mir arbeiten lassen.

  • Astrid sagt:

    Rita arbeitet immer sehr würde- und respektvoll einem Kind/ Mensch gegenüber, von schwarzer Pädagogick kann da nicht ansatzsweise die Rede sein.

    Mit dem Wort Führung eckt man in der heutigen Gesellschaft sehr an, aber sie sagte mal so schön, man muss Chef sein, aber ein guter.

    Wir sind sehr dankbar, eine so kompetente Person an unserer Seite zu wissen…

    Danke Rita

  • Erfahrungen Messmer/Bedürfnisorientiert

    Danke Uta, Rita und allen Kommentatoren für die Gedankenanschubser!
    Ich möchte gerne mein Erfahrung sowohl mit bedürfnisorientiertem Ansatz als auch mit dem von Rita Messmer teilen.
    Wir haben zwei Kinder (5 1/2 und 1 1/2) und unser erstes Kind sehr bedürfnisorientiert aufwachsen lassen. Vor einem halben Jahr habe ich die Bücher von Rita Messmer entdeckt, und darin eine Erklärung und Lösung für viele der Probleme die sich in unserem Familienleben eingeschlichen haben.

    Ich hatte vor der Geburt meines ersten Kindes überhaupt keinen Kontakt mit Kinder , abgesehen von unrealistischen Darstellungen in Film und Fernsehen. Ich habe daher extrem viel gelesen, weil mir die Intuition = internalisierte Erfahrung fehlten. Die Bedürfnisorientierung und Auseinandersetzung mit Emotionen war für mich ein großes Aha-ERlebnis und ein Schlüssel zum positiven Umgang miteinander. Durch die Kinder und die Beschäftigung mit diesem Ansatz habe ich auch mich selbst und meine Gefühle erst wahrnehmen gelernt.
    Andererseits war die Zeit mit unserem ersten oft sehr anstrengend. Arbeiten neben dem Kind, Museumsbesuch oder auch nur Kaffehausbesuch extrem schwierig. Bei Liedloff habe ich vor kurzem den Satz gelesen: „Die Logik der Natur verbietet den Glauben an die Evolution einer Spezies, für die es charakteristisch ist, ihre Eltern millionenfach zur Raserei zu treiben.“. Das hat mich schon stark schmunzeln lassen. Weil einfach ist unser Sohn wirklich nicht.

    Als ich dann durch Uta vor einem halben Jahr auf die Bücher von Rita Messmer gestoßen bin, hat sich für mich so vieles geklärt. Bei beiden Kindern setze ich seitdem auf eine Kombination beider Ansätze und erlebe jetzt meine Kinder viel ausgeglichener, und das Familienleben viel weniger aufreibend.

    Ich denke dass der bedürfnisorientierte Ansatz sehr gut funkioniert, wenn man mit seinen eigenen Bedürfnissen in gutem Kontakt ist, und auch ein gute Gespür für ALLE Bedürfnisse der Kinder hat, auch für nicht so unmittelbare wie das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, Selbstregulation.
    Bei mir war beides nicht gegeben. Ich bin großgewachsen mit einer sehr liebevollen sich aufopfernden Mutter. Dieses Ideal der sich aufopfernden mutter erlebe ich in unserer Gesellschaft immer noch sehr präsent („Ich tue alles für meine Kinder.“ Meine Kinder kommen immer an erster stelle“, …) Man kann in Wahrheit aber nicht gleichzeitig bedürfnisorientiert erziehen und die Opferrolle einnehmen.
    Ich hatte immer sehr viel Geduld und Mitgefühl mit meinem Sohn und meine eigenen Bedürfnisse immer so lange wie möglich hinten angestellt. mir war das als Problem auch zum Teil bewusst, ich fand es aber schwer, daran etwas zu ändern, ist das doch ein über jahre antrainiertes muster. Durch Rita Messmers Buch habe ich ein paar einfache Grundgedanken für mich übernommen („das Kind folgt dem Erwachsenen, nicht umgekehrt“, „Mehr Taten weniger Worte“) die mir sehr weiterhlefen. Kombiniert mit dem Montessori Gedanken „Hilf mir es selbst zu tun“, trete ich jetzt für meine Bedürfnisse viel bewusster ein, übernehme ohne schlechtes Gewissen die Führung und versuche weniger an meinen Kindern zu ändern als ihnen Routinen eine vorbereitete Umgebung zu schaffen, in denen ein entspanntes Familienleben als konsequenz von selbst ergibt.
    Es ist work in progress, und ich probiere immer wieder aus / falle in alte Muster und versuche es erneut. Aber der Trend ist positiv 🙂 beide Ansätze haben mein Leben sehr bereichert, der bedürfnisorientierte Ansatz hat es tief verbunden gemacht, der von Rita Messmer Leichtigkeit und Einfachheit hineingebracht.

  • Christa sagt:

    Wir haben 4 Kinder im Alter zwischen 13 und 22 Jahren, also keine Kleinkinder mehr. Kurz nach der Geburt unseres ersten Sohnes besuchte ich einen Erziehungskurs bei Rita, dieser war einfach genial und es ist auch mir ein Rätsel, wie man Rita’s Erziehung «Artgerecht» so falsch verstehen kann.
    Wie alle Eltern lieben auch wir unsere Kinder über alles, haben sie viel getragen, abgehalten, teilen Sorgen und Ängste mit ihnen, sind für sie da. Unseren Alltag hat die von Rita beschriebene Erziehung enorm geprägt und tut dies heute noch. Vor allem der Nachfolgewille und das konsequente Umsetzen der Grenzen mit einer liebevollen Haltung erleichterten unseren Kleinkinderfamilienalltag sehr. Unsere Kinder hatten keine Trotzphasen aber auch sie waren natürlich manchmal über etwas traurig, hatten ihre Gefühle und Ängste und suchten die Grenzen innerhalb und ausserhalb der Familie.
    Meiner Meinung nach benötigen Kinder dringend Eltern, die ihnen Grenzen aufzeigen, ohne laute Worte, ohne Schlagen und ohne stundenlanges Diskutieren mit den Kindern eben genau so, wie dies Rita beschreibt. Diese Art, mit den Problemen (hier Glace) umzugehen ist sehr konsequent, einfach und klar und nur ein Beispiel von unzähligen Situationen, denen man sich stellen muss. Ist der respekt- und liebevolle Umgang miteinander gelegt, geht es nicht um Ignoranz oder Vernachlässigung, nicht um Strafe oder Konditionierung. Wenn man eine konsequente Erziehung lebt, können sie sich auf das Wort der Eltern verlassen und zwar bedingungslos. Dies bedeutet absolut kein Liebesentzug, im Gegenteil, mit dieser Erziehungsart sind sich die Kinder der Liebe der Eltern von Beginn weg sicher.

  • Isabel sagt:

    Die Diskussion hier ist nun bereits schon ein paar Tage her, ich möchte trotzdem gerne noch etwas hinzufügen, was mir beim Lesen nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Von den Autorinnen Graf/Seide (gewünschteste Wunschlind) stammt die folgende Passage, die mir unweigerlich bei der Situation mit dem Kind und dem zerbrochenen Eis in den Sinn kam:

    „(…) In diesem Artikel über den Entwicklungssprung mit 15 Monaten haben wir schon ausführlich besprochen, dass kleinere „Schicksalsschläge“, die immer wieder mal passieren, unsere Kinder unheimlich aus der Bahn werfen, weil sie von dem inneren Plan abweichen, den die Kinder im Kopf hatten. Zerbrechen beispielsweise eine Banane oder ein Keks, während sie ausgepackt werden, ist das etwas, mit dem das Gehirn unserer Kinder erst lernen muss, umzugehen. Ein spontanes Abweichen von einem einmal gefassten Plan ist eine kognitive Leistung, die erst nach und nach und mit viel Mühe erlernt wird.

    Zunächst werden die Kleinen wütend, weil sie gern eine ganze Banane oder einen ganzen Keks essen wollten und (noch) nicht verstehen, dass nicht alle Dinge, die kaputt gehen, auch wieder ganz gemacht werden können. Auch Luftballons, die zerplatzen oder wegfliegen, gehören in diese Kategorie von Schicksalsschlägen. Es ist ungünstig, dann aus Mitleid einen neuen Keks oder einen neuen Luftballon zu kaufen. Damit erklärt man nämlich dem Teil des kindlichen Gehirns, der dafür verantwortlich ist, dass man unvorhergesehene Vorkommnisse, die Schmerzen, nicht aushalten muss, sondern dass es besser ist, sich davon abzulenken. Das schwächt jedoch die Resillienz der Kinder! Besser ist es, die Kinder in diesem Moment in ihrer Trauer zu begleiten. Da zu sein für ihre Tränen und eine Schulter zum Ausweinen anzubieten. Denn neben der Wut über das Unabänderliche ist es vor allem Trauer, die da zu Tage kommt. Trauer um den schönen ganzen Keks oder den schönen verlorenen Luftballon. Lernen Kinder mit unserer Hilfe, diese Trauer und den dazugehörigen Schmerz auszuhalten, ist ihr Gehirn besser vorbereitet, wenn das Haustier stirbt oder die Lieblingspuppe verloren geht. Diese lassen sich nämlich nicht ersetzen…“

    Soweit was ich die Autorinnen dazu sagen. Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass man dem Kind in dem Beispiel von Frau Messmer unterstellt, es wäre undankbar und/oder ein undankbares Gör (siehe Vergleich mit dem Kind aus Indien). Vielleicht hat es (wir erfahren das genaue Alter des Kindes nicht) diesen wichtigen Entwicklungssprung, der oben schön beschrieben wird, einfach noch nicht gemeistert. Auch die Autorinnen sagen, dass es ein falsches Signal wäre, nun eine neue Banane/ein neues Eis zu geben ABER und jetzt kommt der für mich ganz entscheidende Unterschied: ich begleite mein Kind dann ohne Wenn und Aber durch diese Wut/Trauer und wende mich eben nicht ab. Ganz im Vertrauen darauf, dass mein Kind, sobald es gelernt hat, was da passiert und vor sich geht, anders reagieren kann. Außerdem muss man sich je nach Alter des Kindes auch nochmal vor Augen führen, dass das Kind seine Wut/Not in diesem Augenblick nicht verbalisieren kann und somit auf andere Art und Weise reagiert…

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