Familien-Essen mit Kleinkind

Antwort auf eine Leserinnen-Frage 

Liebe Uta,
in unseren Haushalt ist vor sieben Monaten eine kleine Prinzessin eingezogen und ich merke, wie der Anspruch, sie immer glücklich zu machen, langsam schwierig wird. Jedoch halte ich ihr Meckern (bei richtigem Weinen reagiere ich meist umgehend) sehr schlecht aus. Ich bin mir im Klaren, dass das nicht gut ist, aber wie reagiert man feinfühlig? Indem man mit dem Kind spricht, aber trotzdem nicht hingeht, oder seine Dinge erst erledigt und dann auf das Kind zugeht?
Kleines Beispiel: wir sitzen am Tisch und essen, die zwei großen Brüder, der Papa, das Baby seit neuestem im Hochstuhl und ich. Die Mausi hat was zum Knabbern in der Hand und bekommt auch Essen von unseren Tellern. Nach zehn Minuten ist bei ihr die Luft raus (verstehe ich), aber ich bin noch nicht fertig. Sie meckert also rum und mir schmeckt es nicht mehr. Nehme ich sie aber raus, kann ich auch nicht weiter essen, denn dann kommen die kleinen Grabschhände und wollen meinen Teller. Wie reagiert man in so einer Situation feinfühlig, aber bestimmt?

Liebe Grüße
Anke

Liebe Anke,

vielen Dank für deine Frage! 

Ich greife das Beispiel von der Familienmahlzeit auf:

Mama, Papa, die beiden Brüder und Prinzessin sitzen am Tisch. Was für eine schöne und wertvolle Zeit! Und was für eine wichtige Erfahrung von Gemeinschaft für das Baby. Es erlebt nicht nur das Essen und das Stillen von Hunger, sondern auch die Gruppe, in die es hineingeboren wurde.
Wie reden sie? Wann lachen sie? Warum ist jemand traurig? Wie ist ihre Beziehung zu mir? Ich scheine auch ein Teil dieser Gruppe zu sein! Das fühlt sich gut an. Ich lerne jede Menge neuer Wörter kennen. Nie fällt es mir leichter, sie zu lernen, als wenn ich inmitten meiner Lieben sitze.

Der Mensch ist das sozialste Wesen, das es auf diesem Planeten gibt. Ja, auch Tiere kooperieren, jagen zusammen, holen sich gegenseitig die Läuse aus dem Pelz …, aber kein anderes Lebewesen kann zusammen mit anderen Pläne schmieden, die Pläne umsetzen und die Früchte der gemeinsamen Arbeit teilen. Das ist höchst anspruchsvoll und auch deshalb hockt der kleine Mensch so lange im „Nest“ wie kein anderes Tier. Diese Jahre sind nicht nur dazu da zu lernen, welche Bedürfnisse ich selbst habe und wie ich sie am besten befriedigt bekomme, sondern auch um zu lernen, wie ich am besten in eine bestehende Gruppe (meist Familie) hineinwachsen und lernen kann, auch die Bedürfnisse der anderen zu achten und zu erfüllen.

Der Verhaltensbiologe Michael Tomasello hat herausgefunden, dass nur der Mensch die Zeigegeste kennt, um Erlebnisse mit anderen zu teilen. Menschenaffen zeigen zwar auch auf Objekte. Aber sie deuten nur auf Futter und zwar, um es zu bekommen. Der kleine Homo Sapiens jedoch zeigt zum Beispiel auf ein vorbeifahrendes Auto. Und zwar im Sinne von: „Guck mal, Mama, wie erstaunlich!“ Schon Babys können und wollen das Erlebte mit ihren Liebsten teilen. (nach Fabienne Becker-Stoll u.a.: "Bindung. Eine sichere Basis fürs Leben", S. 124/125)

Ich schreibe diesen kleinen Exkurs, um die Haltung zu dem gemeinsamen Essen zu verändern.
Ich kann als Eltern die Haltung haben: „Oh, das arme Kind. Jetzt muss es so lange am Tisch sitzen. Das ist sicher schwer auszuhalten für die Kleine! Welches Bedürfnis mag hinter ihrem Meckern stehen? Welches muss ich befriedigen? Möchte sie vielleicht lieber diese oder jene Soße?“

Oder ich kann mir klar machen: Hey, welch ein Glück! Wir sind eine Familie. Wir gehören zusammen. Und die Mahlzeiten sind ein besonders wertvoller Moment des gemeinsamen Erlebens. Wie schön, dass unser Baby neuerdings schon mit am Tisch sitzen kann. In kaum einer anderen Situation wird mehr soziales Lernen stattfinden als in dieser. Ich genieße als Mama diese Zeit. Endlich können sich alle austauschen. Und das Baby sitzt mittendrin. Kaum eine Situation könnte sicherer und schöner für das kleine Mädchen sein.

So, jetzt habe ich schon mal eine neue Haltung. Ich kann die Situation mit neuen Augen sehen. Nicht mehr als Zumutung, sondern als unglaublich wertvoll für die kleine Prinzessin. Schon das wird langsam die Situation verändern. Denn kleine Babys sind hochsensibel für solche Signale.

Trotzdem wird sie nicht endlos in ihrem Hochstuhl sitzen wollen. Ist schon klar. „Ich kann dich jetzt nicht aus deinem Stuhl nehmen. Ich will noch fertig essen“, ist eine wichtige Ansage. Wieder was gelernt. „Mama hat auch Bedürfnisse und steht für sie ein.“ Dann nimmt Papa sie vielleicht auf den Schoß oder einer der Brüder holt etwas zum Spielen aus einer der Küchenschubladen. Und wenn Mama fertig ist, kann sie auf ihren Schoß rüber rutschen. Das alles geschieht sehr beiläufig. Endlich liegt der Focus auf der Gruppe. Man genießt das Essen und das Zusammensein. Ja, und sicher liegt ein besonderes Augenmerk auf dem kleinsten Familienmitglied, aber nicht nur. Welch eine Erleichterung für das Kind. Ich bin kein Sonderling mit Spezial-Bedürfnissen, sondern darf immer mehr dazu gehören. 

Kurz & knackig

  • Sich klar machen, wie wertvoll das Erleben von Gemeinschaft für Kinder ist.
  • Als Erwachsene das Essen, den Austausch, die Familie, die Freunde genießen.
  • Das Kleinkind sehen und einbeziehen, aber nicht seine Mikro-Bedürfnisse in den Vordergrund stellen.
  • Wertvoll ist der Wechsel zwischen Zeiten, in denen man ganz für das Kind da ist (z.B. Abendritual, gemütlicher Spaziergang von der Kita nach Hause …), und Zeiten, in denen der kleine Mensch erlebt, dass es nicht immer nur um ihn geht.
  • Möglichst für eine gemeinsame Mahlzeit am Tag sorgen. 

Liebe Anke, soweit meine Antwort auf deine Frage. Wie sie ausgefallen ist, hat mich selbst überrascht. Sie kommt weniger aus der Bindungsforschung als von Herzen. Ich hoffe, ich konnte dir damit weiter helfen.


Immer fröhlich auch an das Bedürfnis des Kindes denken, sich in eine Gruppe einzufügen,


Uta 


Photo by Craig Adderley from Pexels


Zum Weiterlesen:

Hier habe ich darüber geschrieben, warum sieben gemeinsame Mahlzeiten pro Woche bei Schulkindern das Suchtrisiko senken und warum ich selbst manchmal daran scheitere, alle an eine Tafel zu bringen. 

4 Kommentare

  • Nelli H. sagt:

    Vielen Dank für diesen Text! Ich hatte die Frage unter dem letzten Beitrag gelesen und war wirklich gespannt auf die Antwort.
    Denn bei uns waren die Mahlzeiten in den letzten Wochen so anstrengend. Ständig ausgekippte Saftbecher, Verweigerung des Essens, Weglaufen vom Tisch….
    Ich muss wieder dahin zurück, das gemeinsame Essen als Bereicherung und nicht als abzuhakende Sache zu sehen. Ich hoffe, es ändert sich was bei uns.
    Gruß
    Nelli

  • Sabine sagt:

    Liebe Uta,
    das ist ein so toller und hilfreicher Text. Warum schreibst du nicht ein Buch mit lauter solchen kleinen Alltagsbeispielen? Das würde ich allen frischgebackenen Mamas schenken. Meine drei sind vier bis zehn Jahre alt, und es läuft schon ganz gut, trotzdem hätte ich solche Tipps gerne gehabt, als sie sich vom Baby zum Kleinkind entwickelt haben. Ich glaube, dass Mama-Sein dadurch viel entspannter wird. Liebevoll Grenzen setzen ist so wichtig, sonst werden das lauter kleine Egozentriker, sehe ich jetzt bei den Klassenkameraden meines Ältesten.
    Liebe Grüße
    Sabine

  • Anke A. sagt:

    Liebe Uta, vielen Dank für deine Antwort, leider habe ich es erst nach dem Abendessen gelesen 😂. Aber lustigerweise sind die heutigen Mahlzeiten schon viel entspannter, obwohl die Prinzessin gerade sehr angespannt ist (steht seit gestern und muss den ganzen Tag üben).
    Es ist wirklich hilfreich, einen neuen Blick auf scheinbar schwierige Situationen zu werfen.
    Danke für deinen Blog, es tut immer wieder gut vorbei zuschauen 😊.
    Liebe Grüße
    Anke (aka Anja 😉)

  • Sarah sagt:

    Liebe Uta,
    ich kenne diese Situation aus unserer Familie auch. Zudem sitze ich, getrennt erziehend, auch häufig allein mit meinem Sohn an einem Tisch. Wenn wir doch zu mehreren sind, dreht er dann manchmal auch auf und ich dachte schon mal, wir strapazieren ihn vielleicht zu sehr mit unserer Forderung nach mehr Ruhe und Geduld. Ein Aha-Erlebnis für mich gerade, das Zusammensein und Am-Tisch-Sitzen-Dürfen in der Familienrunde als Privileg und Chance für ihn zu sehen und nicht als lästige Pflicht. Und ihn beiläufig zu beschäftigen, aber eben nicht, indem alle Gespräche enden und aller Fokus sich auf ihn richtet.
    Herzlichen Dank wieder einmal für deine Lebensklugheit und deine warmherzigen, klaren Worte!
    Lieben Gruß, Sarah

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