Coaching-Finale 

 22/11/2017

Teil 3 und Ende des Coachings mit Hanna und Lasse in Dubai

Für den Blog fasse ich ein paar Ideen zusammen, die sich aus meinem jetzigen Kenntnisstand ergeben haben und die Hanna und Lasse ausprobieren können.

  • Nico wieder neu vertrauen

Wenn Lasse so eine Freude daran hat, etwas für Nico oder generell für seine Familie zu besorgen, sehe ich keinen Grund, sich da zurückzunehmen. Warum es nicht genießen?
Mein Eindruck ist, dass die Geschenke in eurem Fall kein Ersatz für Liebe oder Zeit sind, sondern dass ihr euch einfach gemeinsam daran freut und dass das „Besondere-Dinge-Erbeuten“ für Lasse ein wichtiges Medium ist, Nico seine Liebe zu zeigen.
Es ist sicher richtig, dass Verknappung dazu führt, dass man das Seltene mehr schätzt. Ich halte aber nichts von künstlicher Verknappung. Letztendlich würde darin ein Misstrauen Nico gegenüber liegen. Denn dann misstraut ihr seinem Charakter und haltet ihn für verderblich durch Geschenke.
Vertraut ihr Nico?

Ist er wirklich ein Egoist?
  • In aller Klarheit stoppen
Ich würde die Freude des Schenkens weiter genießen und Nico in aller Klarheit stoppen, wenn er meckert oder diskutiert, sobald er etwas nicht bekommt oder etwas nicht klappt. Lasst euch nicht auf Diskussionen ein. Eltern verfallen so schnell in eine „Erkläreritis“.
Es macht Freude, Kindern das Sonnensystem, den Nutzen von Regenwürmern oder den Stromkreislauf zu erklären. Im Konfliktfall aber reicht ein Argument.
 „Nico, das Klettergerüst ist sonntags geschlossen. Ich verstehe, dass du darüber traurig bist. Wir hatten uns alle gefreut und sind jetzt enttäuscht. (Verständnis, seine Gefühle und ihn „sehen“, Umarmung, wenn er es zulässt). Aber nach höchstens 5 Minuten: „Du hörst jetzt auf zu meckern.“ und sich nicht in weitere Diskussionen verwickeln lassen.
Hier habe ich den Eindruck, dass es euch schwer fällt, Nicos Frust auszuhalten. Begrüßt den Frust innerlich. Der Frust ist für Nico genauso wichtig, wie die Freude über Geschenke. Das wird sicher seine Zeit dauern, bis er merkt, dass ihr darauf nicht mehr anspringt, dass ihr dafür „keine Öffnung mehr habt“, wie man im Coaching sagt, aber es wird sich lohnen.
Jesper Juul schreibt, dass Eltern dafür verantwortlich seien, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen, aber nicht auf die Regung jeder Lust zu reagieren. Das Klettergerüst steht hier für die Lust, ‚Zusammen Frust aushalten“ steht für ein Bedürfnis, das ihr für Nico (und wahrscheinlich auch Louis) hier befriedigen könnt und von dessen Erfahrung er langfristig profitieren wird. So lernt er Gefühlsmanagement.
  • Verwirrende Doppelbotschaften
Nun komme ich zu einem Punkt, von dem ich denke, er könnte der Kern eurer Schwierigkeiten sein.
Mein Eindruck ist, dass Nico verwirrende Doppelbotschaften von euch, besonders von Lasse, empfängt. Papa lebt vor, dass er das Unmögliche möglich machen kann und dass er sehr erfolgreich darin ist, seine Interessen und die seiner Familie und Freunde durchzusetzen. Nico folgt seinem Vater in diesem Verhalten und zeigt große Durchsetzungskraft. Mit Charme, Intelligenz und guten Argumenten weiß er, die Menschen für sich einzuspannen. Als Siebenjähriger jedoch auf eine noch etwas unausgereifte Art. Und dann gibt es Ärger und Strafen. Für Nico muss das verwirrend sein. „Ja, soll ich mich denn nicht für meine Interessen stark machen?“ – „Papa, ist doch deshalb auch stolz auf mich?“ – „Und jetzt soll das auf einmal nicht richtig sein?!“
Lasse könnte sich fragen, was seine Werte genau sind und was er seinen Kindern vorleben möchte. Das soll nicht heißen, dass seine Werte falsch oder schlecht wären. (Da steht sowieso niemandem ein Urteil zu.) Nur stellt sich die Frage, warum Nico für ein Verhalten bestraft wird, was ein anderes Mal vorgelebt oder bewundert wird. („Naja, ein paar Zusatzspieleinheiten hat er sich doch ergaunert.“) Ich könnte mir vorstellen, dass diese doppelte Botschaft, die Nico empfängt, ihn manchmal sehr wütend und verzweifelt sein lässt.
  •  Mut zu mehr Führung
 Ich habe die Vermutung, dass sich Nico in manchen Situationen überfordert fühlt, weil ihm mehr Verantwortung aufgebürdet wird, als ein Siebenjähriger tragen kann.
Dabei beziehe ich mich auf die Stelle, als Lasse offenbar mit Nico darüber gesprochen hat, ob die Familie nach Deutschland zurückgehen soll oder nicht. („Auf die Frage, ob wir zurück gehen oder bleiben sollen: „Papa, entscheide du!“ In Deutschland habe ich die besseren Freunde, aber hier bietet die Schule mehr; Schule mit Schwimmbad, Fußball bei den Großen, Auswahl an AGs.“)
Ich kenne nicht den größeren Zusammenhang, in dem das Gespräch stattgefunden hat. Aber offenbar wurde Nico der Eindruck vermittelt, er könne bei dieser Frage mit entscheiden. (Ein weiterer Hinweis ist seine Idee, er könnte die Farbe des Familienautos mit bestimmen, wozu es dann ja aber nicht kam. Hier scheint es jedoch bei den Eltern wieder eine innere Bereitschaft („Öffnung“) zu geben, Nico bei Erwachsenen-Themen einzubeziehen.)
Sollte dem so sein, ist das eine Nummer zu groß für einen Siebenjährigen. Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie sich bei so weitreichenden Entscheidungen auf ihre Eltern verlassen können. Selbst wenn der kleine Wolf schon Alpha-Tier-Qualitäten zeigt, braucht er dringend einen Papa, der als Leitwolf voran geht und nicht den Welpen fragt, wo das Rudel abbiegen soll.
Ähnlich in der Situation, in der es beim Besuch der Cousins und Cousinen darum ging, vier Controller unter fünf Kinder zu verteilen, und Nico sich als einziger nicht abwechseln wollte. Warum als Eltern und Gastgeber nicht klar vorgeben, wie die Situation gelöst wird? Warum es Nico aufbürden, eine Lösung zu finden? Es könnte sein, dass er dann innerlich sehr mit sich kämpft. „Was erwarten meine Eltern jetzt wohl? Die soziale Variante oder dass ich das Rennen gewinne? Mama wünscht sich vielleicht was anderes als Papa. Von Onkel und Tante empfange ich auch Schwingungen. Die Cousins machen auf super-kooperativ, aber was sagen sie wohl nachher im Auto?“ Stress pur.
Ich finde, es ist etwas anderes, wenn die Kinder unter sich sind und zum Beispiel draußen Fußball spielen. Dann können sie ihre Konflikte selbst regeln. Wenn ich aber dabei bin und jede Menge Erwartungen (auch von Onkel und Tante) nach einem sozialen Verhalten im Raum „hängen“, dann würde ich als Eltern und Gastgeber auch die Verantwortung dafür übernehmen und es regeln. Das könnte Nico sehr entlasten. Er hat dann nicht den „schwarzen Peter“. (Auch hier wird er sich erst an eine neue Ausrichtung der Eltern gewöhnen müssen. Seid nicht enttäuscht, wenn es nicht gleich bei den ersten Malen klappt.)
  • Mehr körperliche Nähe
 Der australische Familiencoach Steve Biddulph schreibt, dass Jungen in den ersten Jahren das Gefühl brauchen „Ich bin Mamas Junge!“ und dann orientieren sie sich, je älter sie werden, sowieso immer stärker an Papa.
Vielleicht hat Nicos rationale Art den Eindruck erweckt, er bräuchte nicht mehr auf den Schoß. Vielleicht war die Aufteilung ‚Mama kümmert sich mehr um Louis, Papa mehr um Nico‘ für euch praktisch. Vielleicht könnte es Nico aber helfen, ausgeglichener zu werden, wenn er gelegentlich auftanken kann bei Hanna. Vielleicht sitzt du mit ihm einfach zusammen auf dem Sofa, wenn Louis mal nicht da ist, und ihr kuschelt, du kraulst ihm den Kopf und lässt dir eins von seinen lustiges Disney-Taschenbüchern zeigen.
Vielleicht machst du das längst. Keine Ahnung. Falls nicht, wäre das ein Versuch wert.
Zusammenfassend meine Ideen:
  • nicht bestrafen, wenn das Kind dem folgt, was ihr vorlebt oder von dem ihr innerlich überzeugt seid (doppelte Botschaft)
  • kein Diskutieren im Konfliktfall („Erkläreritis“ ist ansteckend)
  • mehr Bereitschaft und Mut zur Führung (Leitwolf sein)
  • mehr körperliche Nähe und exklusive Zeit mit Mama
Könnt ihr damit etwas anfangen?
Wäre das etwas, was ihr ausprobieren wollt?
Habt ihr dazu noch Fragen?
Herzliche Grüße
Uta
Vielen Dank an Familie Niemeyer und herzliche Grüße nach Dubai ;-)!
  • Oh, ich bin gerade ganz erleichtert über das, was Du zu den Geschenken schreibst. Bei uns ist es nämlich ganz ähnlich – der Mann und ich lieben Spielzeug, vor allem Lego, ich bin mit dem Kind häufig auf dem Flohmarkt, wo wir besonderen Funden beide selten widerstehen können, und wir (also die Eltern, nicht das Kind, das fragt sich das mitnichten 😀 ) haben uns schon oft gefragt, ob wir das nicht deutlich runterregeln sollten. Müssten. Allerdings freut sich unser Sechsjähriger wirklich sehr auch über Kleinigkeiten und kennt jedes seiner Spielzeuge mit Vornamen, sozusagen, weiß selbst von Sachen, die er schon sein halbes Leben lang besitzt, noch ganz genau, woher sie stammen, und spielt wirklich sehr viel damit, am Wochenende versinkt er mitunter über Stunden in wilden Phantasiewelten.
    Deine Gedanken zu der Frage, welche Motivation hinter Geschenken steckt, wirft ein neues Licht auf das Ganze, ich beziehe das mal in unsere Überlegungen mit ein. Dankeschön!
    Liebe Grüße
    Maike

  • „Es ist sicher richtig, dass Verknappung dazu führt, dass man das Seltene mehr schätzt. Ich halte aber nichts von künstlicher Verknappung.“
    Ich glaube, so ganz verstehe ich noch nicht, was du unter natürlicher oder künstlicher Verknappung verstehst. In unserer (kranken) Konsumgesellschaft, die an jeder Ecke voller Überfluss steckt, da ist doch jede Entscheidung gegen einen Kauf erstmal künstlich von mir als Mutter bestimmt, oder nicht? Und meine Werte, mein Streben nach einem nachhaltigeren Leben zum Beispiel mit dem ständigen Reduce-Reuse-Recycle-Upcycle im Hinterkopf, sind die auch ein künstlicher Umstand oder wie siehst du das?
    Ich hätte schon das Geld. mir selbst oder meinem Kind viel mehr Sachen zu kaufen, aber das empfinde ich in Anbetracht der globalen Herausforderungen unserer Welt als völlig obsolet.
    Und was ich bisher so lese und höre, sagt mir, der Psyche tut der übermäßige Konsum, von Essen, von Dingen, von Medien, von Menschen auch nicht gut. Die gesamte Minimalismusbewegung als Gegentrend zum Konsumwahn setzt ja gerade auf Wertschätzung durch Einfachheit und Reduzieren. Eigentlich auch nichts anderes als künstliche Verknappung, oder doch?
    Geht es am Ende nur um meine Einstellung als Mutter? Wenn ich dahinter stehe, dass es besser für die Gesundheit ist, heute kein drittes Eis mehr zu erlauben, obwohl es im Gefrierfach noch welche hätte, dann ist es nicht künstlich? Oder wenn ich außerhalb von bestimmten Anlässen kein großes neues Spielzeug kaufen will, egal ob ich die finanziellen Mittel dazu hätte?
    Wo fängt es an, wo hört es auf?
    Fragende Grüße
    Jitka

    • Liebe Jitka, danke für deine Frage, die eine spannende Grat-Wanderung berührt.
      Mit „künstlich“ meine ich, wenn Eltern Realitäten erschaffen, um Kindern eine Lektion erteilen. Wenn Eltern sich zum Beispiel Luxus im großen Stil erlauben, ihr Kind aber knapp halten, weil es ja noch ein Kind ist und lernen soll, auch mit wenig zurecht zu kommen.
      Einem Kind vorzuleben, mit Ressourcen schonend umzugehen, dagegen ist nichts einzuwenden. Wegen des Vorlebens zeigt dieses Verhalten eine große Integrität. Ich würde dem Kind allerdings nicht das Gefühl geben, es sei böse, wenn es sich mal nicht an den Ressourcen-Spar-Vorgaben hält. Zu viel Konsequenz kann zu Widerstand und dazu führen, später genau das Gegenteil zu leben: endlich nicht immer so ökologisch korrekt, endlich Spaß ohne Reue …!
      Liebe Grüße, Uta

  • Liebe Uta, tausend Dank, das macht Sinn. Und hier ist auch trotz viel Idealismus noch viel Luft nach oben – also gegönnt wird sich hier bei groß und klein auch immer mal was, wir sind weder dogmatisch noch militant auf unserem Weg 😉

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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