Der defizitäre Blick auf das Kind 

 17/04/2016

Wie Eltern von Erzieherinnen verunsichert werden können.

Heute möchte ich euch auf einen für mich alarmierenden Beitrag auf dem Blog „Mama chillt“ hinweisen. Die Kölner Journalistin Christina berichtet von ihrem ersten Elterngespräch im Kindergarten und wie schon dort der defizitorientierte Blick auf das Kind beginnt.
Sie endet mit einem Zitat des Düsseldorfer Kinderarztes Dr. Michael Hauch: “Gibt man Erzieherinnen Beobachtungsbögen an die Hand und hält sie an, auf mögliche Entwicklungsprobleme zu achten, werden sie irgendwann auch fündig. Was mich als Kinderarzt daran empört, ist der defizitorientierte Blick aufs Kind. … Jedes Kind hat seinen Entwicklungsfahrplan. Die meisten Sprach-, Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen verschwinden ganz von selbst – wenn Kinder liebevoll und aufmerksam begleitet werden, zu Hause und im Kindergarten.”
Hier geht es zu Christinas Erfahrungsbericht: Mama chillt

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Ich habe kein Bild von einem Kita-Kind zur Hand, aber von Tulpen in Dänemark.
Ich habe kein Bild von einem Kita-Kind zur Hand, aber von Tulpen in Dänemark.

 

Und hier noch ein Auszug aus dem Buch „Das Tao Te King für Eltern“ von William Martin, das für mich eine wichtige Kraftquelle geworden ist.

Du kannst mit Drohungen und Strafen

über deine Kinder gebieten.

So lernen sie, sich zu fürchten.

Du kannst ihr Verhalten

mit Lob und Belohnungen beeinflussen.

So lernen sie, Anerkennung und Wertschätzung

außerhalb ihrer selbst zu suchen.

Du kannst über jede ihrer Bewegungen wachen,

über jede Handlung, jede Entscheidung,

und dafür sorgen, dass sie es „richtig“ machen.

So lernen sie, immer an sich selbst zu zweifeln.

Oder du kannst lieben und führen

ohne zu gebieten oder dich einzumischen.

So lernen sie, auf sich selbst zu vertrauen.

 (aus: „Kein Grund zum Drohen“, Seite 34)

Ich wünsche euch einen fröhlichen Sonntag,

eure Uta

  • Liebe Uta,
    dein Beitrag kommt für uns genau zur richtigen Zeit. Ich schwanke gerade zwischen meinem Bauchgefühl, einen ’normalen‘ Jungen zu haben, der sich ganz in Ruhe individuell entwickeln soll, und der Meinung der Erzieherinnen mit jahrzehntelanger Erfahrung, die sagen, dass im sozialen und motorischen Bereich Defizite vorliegen. Ach so, und im sprachlichen auch! Ergotherapie und Logopädie wären gut und vielleicht hätte er auch eine Wahrnehmungsstörung. Er ist zwei (!) Jahre alt und im Moment würde ich mir Entwicklungsbögen wegwünschen.
    Danke dass du das Thema aufgreifst!
    Und einen lieben Gruß
    Su

  • Liebe Uta,
    in unserem Kiga gibt es keine Entwicklungsgespräche. Man kann immer, wenn man denn mag, zu den Erzieherinnen gehen und entweder kurz und knapp etwas besprechen oder einen Termin für ein längeres Gespräch vereinbaren. Ich glaube, ich bin die Einzige, die das in den letzten zwei Jahren zweimal gemacht hat (ein bisschen mehr darauf achten, könnte man dort schon, find ich). Einmal nach dem ersten halben Jahr und dann kurz nach dem vierten Geb. der Lütten. Weil es ziemliche Probleme zu Hause gab und ich mal hören wollte, wie es dort ist. Bögen haben sie bei beiden Terminen nicht dazugezogen. Ich weiß auch gar nicht, ob sie überhaupt welche ausfüllen …
    Lediglich für die Untersuchung der 4,5-jährigen an der Schule gab es als Vorbereitung solche Bögen und Gespräche im Kiga … Ich denke, ich werde kurz bevor die Lütte den Kiga verlässt noch ein Gespräch vereinbaren. Aber wieder ganz ohne Bögen …
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Ich bin Erzieherin. Arbeite stärkenorientiert, wertschätzend, ko-konstruktiv, partizipativ, weiß um die neuronalen Prozesse beim Lernen, weiß um die Wichtigkeit von Beziehung, weiß dass jedes Kind seinen individuellen Entwicklungsplan hat und schaue nach den Lernthemen, die das Kind mir vorgibt. Entsprechend sehen die Entwicklungsgespräche aus. Und da stehe ich bestimmt nicht alleine auf weiter Flur…

  • Ich stoße aktuell in Babyforen immer wieder auf Mütter, die sich Sorgen machen, ihr Kind könne bei der U7 beim Kinderarzt „durchfallen“. Da werden Tipps ausgetauscht, wie man die Kleinen dazu bringen kann, die Steckspiele zu lernen, und den Wortschatz auf die gewünschten 50 Worte zu pushen. Wohlverstanden, die Kinder sind da noch keine 2 Jahre alt! Aber schon die bloße Vorstellung, dass ihr Kind nicht in allen Bereichen der Norm entsprechen könnte, löst offenbar großflächig Verunsicherung und Angst aus. Dass solche Eltern sich dann durch entsprechende Berichte aus der Kita noch mehr aus der Fassung bringen lassen, ist naheliegend.
    LG, Julia

  • Liebe Uta,
    die Kita-Erzieherin unserer Herzbuben ist sehr Stärken-orientiert, entsprechend auch ihre Entwicklungsbögen, die sie sehr ausführlich ausgefüllt hat. So hatten wir beim Wechsel in die Schule schon etwas, was wir der dortigen Sonderpädagogin an die Hand geben konnte. Sie konnte daraus gut seine Entwicklung ablesen und noch mal genauer auf die Bereiche schauen, die gestärkt werden müssen.
    Bei dem kleinen Herzbuben sehe ich zwar so, dass er sich gut entwickelt und die Berichte sind nicht so wichtig für den Wechsel. Trotzdem bin ich sehr dankbar für den hohen Einsatz und auch die Gespräche mit der Erzieherin, die mir mit ihrer positiven Sicht so manche Sorge nehmen konnte bzw. mich eine andere Perspektive einnehmen ließ.
    Also in unserer Kita läuft’s. 😉
    Wie es sich anfühlt, mit Defiziten konfrontiert zu werden, weiß ich, die ein oder Aussage in der Schule hat mich schon getroffen. Aber wenn ich mir immer wieder vor Augen halte, was der große Herzbube schon alles geschafft hat, ist meine Welt wieder in Ordnung. Auch wenn er das „Klassenschlusslicht“ ist: Kinn hoch, Brust raus und sich über jeden kleinen Schritt freuen.
    Danke für das wunderbare Zitat,
    Frieda

  • Ich habe gerade einen tollen Satz gelesen, der alles ausdrückt, was ich mir von den PädagogInnen wünsche, die meine Kinder betreuen, beschulen, „co-erziehen“:
    „Schatzsuche statt Fehlerfahndung“.
    Ich glaube, ich muss mir das mal groß ausdrucken. Damit ich mich ab und zu selbst daran erinnere.
    Ganz liebe Grüße!
    Die SteffiFee

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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