Die süße Zeit der Pflichtfreiheit 

 27/06/2015

Wie man es langfristig schafft, dass Kinder gerne helfen.

Für meine Kurz-Rezensionen auf meiner Bücherliste habe ich nach längerer Zeit wieder Jesper Juuls „Die kompetente Familie“  gelesen. Und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich eine Sache damals überlesen haben musste.
„Erlegen Sie Ihren Kindern bis zum Alter von etwa 14 Jahren niemals Pflichten auf.“
Niemals Pflichten?
Da rackert sich unsereiner ab, um die Thronfolger zu wertvollen Elementen dieser Gesellschaft zu formen, und dann kommt dieser gemütliche Däne und behauptet, die Kinder würden viel hilfsbereiter, wenn wir sie einfach spielen ließen.
Der Unterschied ist mal wieder, ob ich wirklich Hilfe brauche oder ob ich in pädagogischer Mission unterwegs bin. Ich habe hier einen, den Kronprinzen (17), der 100 Meter gegen den Wind riecht, ob Mutter ihm eine Lektion erteilen will oder ob unser kleines Gemeinwesen tatsächlich Unterstützung braucht.
Beispiel:
a) Ich lasse den Abwasch stehen und sage: „Wenn du stundenlang vor dem Computer sitzen kannst, dann kannst du gefälligst auch mal das Geschirr abspülen. Offenbar hast du ja Zeit in Hülle und Fülle.“ (Merke „gefälligst“ und „offenbar“ sind Signalwörter für pädagogische Lektionen; das „offenbar“ leitet einen ironischen Satz ein, der eine massive Abwertung enthält. Übersetzt heißt er: „du fauler Hund!“)
Erfolgsquote:  abhängig vom Druck, den man aufbaut
Stimmung: garantiert schlecht
b) Ich habe einen Termin und nicht daran gedacht, noch die Wäsche aufzuhängen. Tatsächlich sehr gestresst ruft Mutter die Treppe hoch: „Kannst du bitte die Wäsche aufhängen? Ich habe es total vergessen und muss jetzt dringend los.“
Erfolgsquote: 90 Prozent.
Stimmung: gut, Mutter ist aufrichtig dankbar für die Unterstützung, Kind fühlt sich wichtig, weil es einen echten Beitrag leisten kann.
Also: realer Arbeitsbedarf hilft und – ein weiterer Aspekt – überspringende Freude kann ebenfalls helfen.
Als ich am vergangenen Wochenende große Lust hatte, einen Rhabarberkuchen mit Baiserhaube zu backen, meinte Prinzessin (14) spontan: „Komm, ich helfe dir beim Rhabarberschälen.“
Nun war unser Thema ja eigentlich ‚Kinder unter 14 Jahren‘. Unsere Kinder sind jetzt 14 und 17 Jahre alt und ich habe die süße Zeit der Pflichtfreiheit mit ihnen glatt verschlafen. Manche Auseinandersetzung hätte ich mir sparen können.
Unsere Thronfolger mussten nie wirklich viel machen. Trotzdem würde ich mir im nächsten Leben mit einem solchen Freibrief aus Dänemark einige Scharmützel und viele Selbstzweifel schenken können.
Aus Lesestoff und Erfahrung ziehe ich für mich folgende Erkenntnisse:

  • Kleine Kinder helfen von Natur aus gerne. Machen lassen! Den Unterschied von Arbeit und Spiel kennen sie gar nicht. Erst von uns Erwachsenen lernen sie ihn mit der Zeit – leider.
  • Aufgaben, die unmittelbar mit ihnen selbst zu tun haben (die eigene Jacke aufhängen, den eigenen Kram wegräumen, Zähne putzen) muss man mit ihnen einüben, sollte man aber auch nicht zu verbissen sehen.
  • Aufgaben für die Gemeinschaft sollte man ihnen im Alter zwischen 3 und 13 Jahren nicht künstlich auferlegen.
  • Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen für ein schönes Zuhause zu sorgen.
  • Man kann sie um Unterstützung bitten, wenn sie einen realen Beitrag leisten können. Dann sind sie stolz und es stärkt die Gemeinschaft. Und wenn ihre Art, den Rasen zu mähen, nicht unseren Standards entspricht, muss man da durch. Es wird von Mal zu Mal besser werden.
  • Ab etwa 14 Jahren – so Juul – beginnt eine neue Phase. Jetzt sind sie Mitbewohner mit Rechten und Pflichten.
  • Wenn ich einfach voraussetze, dass Teenager sehen, was an Arbeit anliegt, führt das zu vielen Missverständnissen. Wir müssen klar sagen, was wir von ihnen erwarten. (Bei uns sind das so Sachen wie: nach Benutzung der Dusche die Glaswände der Duschkabine „abziehen“, nach dem großen Kochen am Sonntag beim Abwasch helfen, gelegentlich die Spülmaschine ausräumen, die eigenen Socken aus der Wäsche sortieren, das Katzenklo natürlich …)
  • Teenager hassen es, gemaßregelt zu werden.
  • Sie hassen Unterstellungen und sind sehr empfindlich bei Abwertungen jeder Art.
  • Aber auch in ihnen steckt eine große Hilfbereitschaft, wenn sie ihnen nicht frühzeitig durch Druck und Moralpredigten ausgetrieben wurde.

Besonders schön finde ich, wie Juul die eigene Freude an Arbeit (hier in der Küche) ins Spiel bringt.

„Je mehr Sie Ihre Tätigkeit genießen, desto eher wird die Küche zum Magneten werden, von dem sich alle angezogen fühlen. Sie können der Hilfe gewiss sein, wenn es Ihnen gelingt, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen.“ (Jesper Juul: Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung. München 2009, Seite 67)

Um unseren Großen die Mitwirkung zu erleichtern und selbst im Wäschekeller „eine bestimmte Atmosphäre“ zu schaffen, habe ich Textilpflege-Symbole über unserer Waschmaschine aufgehängt.
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Weil ich unseren Wäschekeller jetzt viel schöner finde, bin ich neuerdings gerne dort und warte darauf, dass er seine magnetische Wirkung entfaltet.
Immer fröhlich die Arbeit genießen.
Eure Uta
 
Textilpflege-Symbole hier gefunden.
Bilder-Rahmen: IKEA

  • Meine Kinder werden dir danken;) ich denke meist: sie haben eh zu wenig Zeit zum spielen, da müssen sie nicht auch nich helfen….. Aber jetzt kann ich mein schlechtes Gewissen aufgeben und einfach noch ein paar Jahre abwarten…..
    Deine Beiträge sind so Klasse!!! Danke Silke

  • huhu,
    hihi, bei uns fragt regelmäßig die Freundin von der Großen (7), ob wir nicht Wäsche in den Kelle rzur Waschmaschine bugsieren müssten…
    Wir sammeln nämlich die Wäsche in den Badezimmern auf Etage 1 und 2…und haben eine offene Treppe…damals beim Einzug hatte ich ein noch im Treppesteigen unsicheres Kleinkind und wollte dann auf den glatten Stufen nicht noch mit einem Wäschekorb rumbalancieren- so entstand hier das Wäsche runterschubsen: einfach durch die unterste Stufe immer eine Etage weiter runter… von ganz oben in die 1. Etage, von dort ins Erdgeschoss und dann in den Keller…
    Und das ist irgendwie so beibehalten worden- die Kinder lieben es und finden es so lustig, dass selbst die Freunde schon nach unserer Wäsche fragen ^^
    Die Wäsche landet quasi von selbst unten… sonst dürfen sie immer mal mithelfen: Müll rausbringen, Geschirrspüler ausräumen, Wäscheklammern anreichen, die Große staubsaugt auch gerne mal selber…
    Das einzige, was die Große wirklich muss ist, sich um ihre Meerschweine kümmern. Sie wollte gerne ein eigenes Haustier, sie muss beim Ausmisten helfen, nachschauen, dass immer Heu da ist und übernimmt 85% der Fütterungen (da Meerschwein Nummer 2 allen Familienmitgliedern gehört, beteiligen wir uns ^^)
    Nein, ich finde es schon wichtig, dass die Kinder mithelfen und auch helfen dürfen( das wird ja oft abgelehnt, weils länger dauert oder dann nicht so gründlich gestaubsaugt ist, wie man es selber gerne hätte etc.).
    Trotzdem gehört die Verantwortung dazu, wenn ein Kind wie bei uns unbedingt ein Haustier haben möchte- das klappt aber reibungslos, weil wir das vor dem Einzug der Meerschweine gut besprochen haben und die Kinder eben beim Hund auch sehen, dass man sich kümmern muss. (Die Meerschweine werden nun seit einem Jahr wirklich gut umsorgt von der Großen, ich bin wirklich stolz, dass sie das so gut macht!)
    Und ich finde auch, dass es den Kindern nicht schadet, wenn sie grade eh rausgehen, dann schnell noch ne Mülltüte mitnehmen können…
    Ich würde nun aber nicht auf die Idee kommen zu sagen: du kannst erst rausgehen zum spielen, wenn du dies oder jenes erledigt hast (kenne ich auch!)
    Liebe Grüße

  • Liebe Uta,
    da bin ich sehr beruhigt 🙂
    Wobei die Lütte ja noch in dem Helfen-Wollen-Alter ist. Und sie kann eine richtig, richtig große Hilfe sein … wenn wir sie lassen. Da kommt dann wieder dieser fiese Zeit-Stress-Gedanke „allein geht’s schneller“ …
    Bei Dingen, die ich von ihr verlange (wie Jacke aufhängen), hat sie eher wenig Lust … aber das sehe ich, seit wir da mal drüber gesprochen haben, auch nicht mehr so eng. Wobei … manchmal, wenn auch noch der Papa alles liegen lässt, raste ich schon ziemlich aus … aber das ist ja ein anderes Thema 😉
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Da bin ich das allererste Mal nicht einer Meinung mit Herrn Juul.
    Ich verstehe Familie als Team und in einem Team helfen alle nach Zeit und Fähigkeiten zusammen und das nicht erst ab 14 Jahren.
    Das ist wie bei einem Fußballteam. Wenn die Mannschaft nicht zusammenhält und nur einer die Arbeit macht, macht es keinen Spaß.
    Wenn Kinder vorher nie im Haushalt Aufgaben erledigt haben, dann werden sie das auch nicht mit 14 Jahren machen.
    Bei uns heißt das, dass nicht die Eltern bzw. die Mutter für alles zuständig ist. Die Tochter wischt Staub (nicht nur ihr Zimmer), putzt auch schon mal Toiletten, ist für ihre Tiere zuständig, legt ihre Wäsche zusammen und saugt schon mal die Böden.
    Aufgaben werden am Sonntag Abend an alle verteilt und jeder macht das, was er bzw. sie sich ausgesucht hat und zwar eigenverantwortlich.
    Ich finde, wenn Kinder auch Aufgaben übernehmen, werden sie selbständig und verantwortungsvoll.

  • In einem anderen Buch (Das Familienhaus glaub ich heißt es) relativiert Juul das Gesagte. Er meint , sofern ich es richtig erinnere, dass Kinder in der Familie Pflichten haben und dass ein 12jähriger durchaus in der Lage ist, alleine für sich zu sorgen (erzählt auf: kochen, Wäsche waschen, bügeln, für den eigenen Transport sorgen).
    ich verlange auch nicht viel Mithilfe (anders als ich es oft in amerikanischen Blogs lese – die „Chore Cards“ schon für Kleinkinder), aber „Basics“ wie Aufräumen, die Klamotten und Schuhe an ihren Platz hängen/stellen, eigenen Papierkorb leeren, Wutzerei beitigen, wenn man gekleckert hat und so weiter.
    Was soll bitte am 14. Geburtstag für ein Inititationsritus ablaufen, dass man vom „Kind ohen Pflichten“ zum vollwertigen „Familien-Teammitglied“ aufsteigt?
    LG SteffiFee

  • Na ja, ob man das nun mit den 14 Jahren so genau nimmt… da hilft mal wieder selber denken und fühlen. Wichtig ist doch, und das nehme ich aufatmend und erleichtert dem Post: locker nehmen, keinen Machtkampf oder Prinzipienreiterei draus machen. In die Falle tappe ich auch immer wieder.
    Danke Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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