Neues Trauma oder Durchbruch? 

 16/10/2018

Meine Gedanken zum Dokumentar-Film „Elternschule“.

Am Wochenende habe ich in einem Hamburger Programm-Kino den Dokumentar-Film „Elternschule“ gesehen. Darin geht es um die Station „Pädiatrische Psychosomatik, Allergologie und Pneumologie“ der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen und die Arbeit des leitenden Therapeuten Dietmar Langer. Er und sein Team behandeln Eltern, die sich mit ihren Kindern bis zur völligen Erschöpfung verkämpft haben im Umgang mit Neurodermitis oder Allergien, aber auch mit Alltagsthemen wie Zu-Bett-Gehen, Schlafen und Essen. Es kommen Mütter mit Kindern, die mit drei Jahren noch keine Nacht durchgeschlafen haben, die Stunden am Stück schreien, die nur Essen, was ihren Spezialwünschen entspricht (zum Beispiel nur Wurstenden) oder jede Nahrung wieder erbrechen, nach ihren Eltern schlagen, beißen …
„Puh, so viel Geschrei!“ Prinzessin (17), die mit mir ins Kino gegangen war, fand Eltern und Kinder in dem Film gleichermaßen anstrengend. Auch mich hat die „Elternschule“ sehr mitgenommen, weil die Beispiele extrem und die Behandlungs-Methoden drastisch sind. Die gezeigten Mamas und Kinder waren wirklich am Ende, als sie Hilfe in der Klinik suchten.
Die Reaktionen auf den Film und die Therapie in der Gelsenkirchener Klinik reichen von „begeistert“ bis  „Kindesmisshandlung“. Das Publikum ist gespalten. Ich kann das nachvollziehen. Denn zum einen sieht man, wie die Kinder am Ende der mehrwöchigen Therapie glücklich über den Flur toben, zum anderen muss man miterleben, wie die Kleinen vorher zum Essen oder Alleine-Schlafen gezwungen werden.
Auch wenn es für die Eltern und Kinder sicher kein einfacher Weg ist, kann Dietmar Langer in der Doku für mich nachvollziehbar vermitteln, dass es in so verfahrenen Situationen kaum Alternativen zu einem Schlaf- oder Essen-Lern-Programm gibt. Die meisten Kinder dort kommen mit einer längeren Kranken- und Therapiegeschichte, leiden unter Neurodermitis, Asthma oder sind stark untergewichtig. Dass eine Mama allen Wünschen des kleinen Patienten nachgibt, damit das Kratzen aufhört, oder dass sie – mit dem Löffel in der Hand – hinter ihrem Kind durch die Wohnung springt, damit es einen Bissen, bitte, wenigsten einen Bissen in sich aufnimmt, ist verständlich. Auch Langer sagt in den Elterngesprächen, wie sehr er die Reaktion dieser besorgten Eltern nachvollziehen kann. Nur habe der Impuls, dem Kind immer mehr zu helfen, in den chronischen Stress geführt. In Gelsenkirchen werden die Eltern ermutigt, wieder mehr auf sich zu schauen. Zu sehr haben die Monate und Jahre mit einem Kind, das so bedürftig war oder ihnen so über die Maßen bedürftig erschien, an ihnen gezehrt. Jetzt soll das Kind in seine eigene Kraft kommen und die Eltern das Loslassen lernen.
Darin erkenne ich wieder, was Rita Messmer in ihrem Buch „Der kleine Homo sapiens kann’s“ beschrieben hat (siehe auch mein Beitrag „Lieber Fels in der Brandung als Küstenwache“): wie wichtig es ist, dass sich die Richtung ändert. Weg von der Fixierung der Eltern auf das Kind, hin zu einem Voranschreiten mit dem Kind im Gefolge. So zeigt der Film, wie Dietmar Langer längere Zeit mit einem etwa vierjährigen Mädchen und einem vielleicht dreijährigen Jungen in einem Raum verbringt. Auf dem Boden liegen weiche Matten und Kissen zum Toben und Turnen, in Kisten könnten die Kinder Spielzeug finden, aber sie sitzen passiv an der Wand. Das Mädchen guckt traurig, jammert ein wenig. Der Therapeut unternimmt nichts, um die beiden aufzumuntern. Er tut nur, was ihm selbst Freude macht. Er spielt allein mit einem Ball, probiert Töne aus auf einem Xylophon, baut sich eine Höhle. Nach wirklich langer Zeit – die drei waren an mehreren Tagen hintereinander in diesem Raum – ist es, als hätte das Mädchen im Kopf einen Schalter umgelegt. Plötzlich beteiligt es sich am Spiel, wird munter, hat Spaß. Langer verlässt den Raum. Und die Kameraaufnahmen zeigen, wie auch der kleine Junge sich schließlich anstecken lässt von dem Spiel des Mädchens. Er gibt seine Verweigerungshaltung auf, ohne dass auch das Mädchen ihn aktiv ermuntert hätte.
In Gelsenkirchen lernen die Mütter (die Väter sind hier eher im Hintergrund) loszulassen, damit das Kind seinen eigenen Antrieb wiederfindet, eigene Kräfte mobilisiert und zum Beispiel Krankheit nicht mehr „braucht“, um das Dauer-Kümmern aufrecht zu erhalten.
Würde ich nur den Film kennen, wäre ich skeptisch. Aber meine gute Freundin Caro war vor Jahren mit ihrem Sohn Jakob zur Behandlung auf Dietmar Langers Station. Jakob litt als Kleinkind stark unter Neurodermitis. In der Kinderklinik lernte Caro, Jakob wieder als Jakob zu sehen und nicht nur als Neurodermitis-Kind. Eine Ernährungsumstellung und dieser Haltungswechsel habe dazu geführt, erinnert sich Caro, dass ihr Sohn Monate später kaum noch Symptome zeigte. Bis heute ist sie für diese Therapie sehr dankbar.
Der Film „Elternschule“ hat mich in den vergangenen zwei Tagen gedanklich sehr beschäftigt und ich bin froh, eine Arbeit machen zu dürfen, die diese Extrem-Situationen für Familien zu vermeiden hilft.
Aus meinen Coachings haben sich folgende Punkte als unterstützend erwiesen:

  • Mir ist noch einmal klar geworden, wie wichtig es ist, ein Kind von Anfang zu führen, liebevoll und klar. Wenn ich einen Zweijährigen frage, ob lieber Mama, Papa oder Oma Inge ihn ins Bett bringen soll, ist das Stress für den Knirps. Woher soll er das wissen? Er kann sich das Buch aussuchen, aus dem vorgelesen wird, und am anderen Tag wählen zwischen dem grünen und dem roten Gummibärchen, aber die Abläufe in der Familie zu gestalten und zu gewährleisten, das ist mein Job als Mama oder Papa.

 

  • Ich gebe vor, wann es zum Beispiel Abendbrot gibt und dass es in den nächsten 20 Minuten am Tisch eingenommen wird. Wer in dieser Zeit nur mit dem Essen gespielt hat, hatte wohl keinen Hunger. Danach ist die Küche geschlossen. Das Tolle ist: Wenn der Kurs einmal klar ist, kann ich mit Freude von ihm abweichen. Ja, warum dann nicht mal die Pizza vor dem Fernseher essen?  Warum nicht spät noch eine Stulle schmieren, wenn das Fußball-Training des Jüngsten heute in die Verlängerung ging? Nur durch eine Grob-Struktur, auf die sich alle verlassen können, entstehen wunderbare Ausnahmen, die wir feiern können.

 

  • Wenn es Kämpfe und Geschrei gibt, erhöhe ich nicht den Druck, sondern ich trete einen Schritt zurück. Ich atme dreimal tief durch und mache erstmal nichts. Im Sturm ziehe ich die Segel ein, aber ich verlasse nicht das Boot und auch nicht meinen Kurs.

 

  • Im Film sieht man den Therapeuten Dietmar Langer mit einem etwa fünfjährigen Mädchen durch einen Park laufen. Als Langer sagt, sie müssten zusammen zurückgehen, weil es irgendwo auf dem Weg seine Mütze verloren hat, weigert es sich. Der Therapeut und das Mädchen sitzen und stehen den Konflikt aus. Langer schimpft nicht, er droht nicht, es gibt kein Geschrei und kein Hinter-sich-her-Zerren. Langer wartet, das Kind wartet. Schließlich ist es bereit, mit ihm zurückzugehen. (Das meine ich mit „Segel einziehen, aber nicht das Boot und meinen Kurs verlassen.“)

 

  • Ja, und das braucht Zeit. Alles andere wäre Augenwischerei. Kinder brauchen unsere Zeit und unsere Präsenz.

 

  • Kennt ihr das auch? Ein Kind will das rote Auto, nein, doch lieber den Bagger, es will die Kuscheltiere ins Bett, aber in der richtigen Reihenfolge, es will noch eine Geschichte hören und noch ein Lied singen, etwas trinken, lieber den anderen Schlafanzug, das Schlummerlicht aus, das Schlummerlicht an … Als Eltern denkt man: „Okay, wenn dann endlich Ruhe ist. Kein Problem. Dann mache ich das halt schnell und das auch noch, sind ja nur Kleinigkeiten.“ Aber der Stress wird immer größer und keiner von beiden, weder das Kind noch der Erwachsene, genießt das Zusammensein. Die kostbare Zeit, in der man zusammen mit seinem Kind den Tag ausklingen lässt, wird zu einer Zeit, die man fürchtet. Kampfmodus. Totale Erschöpfung. Und obwohl man sich als Mama oder Papa – und übrigens auch als Kind – Arme und Beine ausgerissen hat, um zu tun, was der jeweils andere möchte, haben alle das Gefühl zu scheitern.

 

  • Dabei geht es gar nicht um das korrekt gedimmte Schlummerlicht oder den Teddy in der richtigen Bettecke. Das sind nur Requisiten auf der Oberfläche des Problems. Das Kind strampelt sich ab, um einen Erwachsenen zu erleben, der endlich weiß, was er oder sie will. Wie soll es in diese Welt hineinwachsen, wenn es keine Begleitung und Schutz bei den Großen findet? Es hat jemanden an der Bettkante sitzen, der auf die Ansagen des Kindes focussiert ist. Also kooperiert das Kind, tut dem Erwachsenen den Gefallen, reklamiert einen Wunsch nach dem anderen und erlebt schließlich eine Mama oder Papa, die plötzlich gar nicht mehr liebevoll, sondern völlig genervt ist, es vielleicht sogar anschreit … Was hat es bloß getan? fragt sich das Kind. Die Eltern wollten doch ein Kind, das selbstbewusst seine Wünsche auslebt. Sie wollten sich doch als Eltern erfahren, die ihr Kind nicht einschränken. Warum werden sie denn plötzlich so böse?

 

  • „Soll ich denn meinem Kind nicht noch den Bären bringen, wenn es den so gerne neben sich liegen hat?“, werden sich nun einige fragen. Natürlich! Darum geht es nicht. Es geht um die innere Haltung, mit der ich neben dem Bett sitze. Sitze ich da als Hampelmann oder als Führungskraft, besorgt oder voller Zutrauen in mein Kind, bereit, auch Fehler zu machen, den Kurs zu korrigieren, aber immer am Steuer zu sitzen. Mit dieser Haltung kann ich auch noch die zweite Geschichte lesen, wenn mir danach ist, dann sehe ich auch, ob das mit dem Schlummerlicht ein echtes Bedürfnis meines Kindes ist, oder ob wir zusammen rum-eiern, weil nicht klar ist, wer vorangeht und wer folgt.
  • Bei meinen Coachings empfinden Eltern es als hilfreich, ein Kursbuch anzulegen. Sie lehnen sich zurück und fragen sich oft nach Monaten oder Jahren zum ersten Mal: Wie wünsche ich mir denn ein Abendessen in der Familie? Was brauchen wir Eltern, um es genießen zu können? Wann haben wir eine schöne Zu-Bett-geh-Zeit? Wie möchte ich dieses Ritual gestalten, damit es für alle schön wird? Vielleicht sehen die Gedanken so aus: „Ich brauche es, dass mein Kind um 19:30 Uhr im Bett liegt. Mein Kind braucht es gerade, dass ich immer ‚Mama Muh‘ lese. Toll, dabei haben wir wirklich Spaß. Mehr als 45 Minuten darf das Ritual für mich nicht dauern, sondern entsteht bei mir Stress. Mein Kind wünscht sich Rückenkratzen. Das mache ich gerne, aber eine zweite Geschichte kommt für mich nicht in Frage.“ Ich beschließe den Plan unter Mitwirkung meines Kindes und setze mir zum Ziel, dass er in drei Wochen zu einem stressfreien Ritual geworden ist. Ich weiß, dass Rückschläge dazu gehören, ich weiß, dass ich nicht zu starr an meinem Plan kleben sollte, aber jetzt habe ich eine Orientierung und ich weiß, dass ich meinem Kind etwas Essentielles mit auf den Weg gebe, wenn ich für meine eigenen Grenzen einstehe.“

 

  • Als ich gestern aus dem Film kam, zerbrach ich mir den Kopf, welche Maßnahme ich wohl gutheißen kann und welche nicht. Was würde Jesper Juul dazu sagen? Würde Herbert Renz-Polster es artgerecht finden?  Würde Alfie Kohn vor dem Kino demonstrieren, Jean Liedloff sich im Grab umdrehen? Als die Eindrücke sich in mir gesetzt hatten, wurde mir klar, wie furchtbar ich dieses Lager-Denken finde. Meine Work-Shop-Kollegin erzählte mir neulich, dass es im Netz Kommentar-Gefechte zwischen den Jesper-Juul-Anhängern und den Bedürfnis- und Bindungsorientierten gebe. Viele kämpfen um die Reinheit der Lehre, der sie anhängen. Wir brauchen so sehr das Gefühl, es „richtig“ zu machen mit unserem Kind. (Mir geht es nicht anders.) Manches Einschlaf-Programm und Ess-Training, das in dem  Film „Elternschule“ gezeigt wird, verträgt sich nicht mit den Auffassungen Kohns und – ich vermute mal – auch nicht mit denen Jesper Juuls. Allerdings haben wir es hier auf der Station in Gelsenkirchen mit extremen Fällen zu tun, mit Familien, die keinen Ausweg mehr wissen, die kurz davor waren, ihr Kind in ein Heim zu geben, und die eine Intervention brauchten, damit ein neues Miteinander zu Hause möglich wird. Aus schreienden Nervenbündeln – so vermittelt es der Film – werden stabile Kinder, aus ausgebrannten Eltern Mamas und Papas mit mehr Klarheit und Gelassenheit. Und egal, welchem „Lager“ ich angehöre, habe ich aus diesem Film mitgenommen, dass Führung zu den Grundbedürfnissen von Kindern gehört und dass man in eine Sackgasse gerät, wenn man als Eltern nur noch um das Kind kreist.

„Führung“ ist für mich das aktuell spannendste Thema im Umgang mit Kindern. Wie schrieb es mir meine Leserin Charlotte:

Unsere Generation muss lernen, den richtigen Mittelweg zu finden zwischen dem gefühlstauben Prügelpeitsch früherer Generationen und flächendeckender vorauseilender Traumaprophylaxe.

Vielleicht kann der Film eine erkenntnisreiche Debatte darüber auslösen.
Immer fröhlich und undogmatisch über „Elternschule“ diskutieren,
eure Uta

  • Hallo Uta,
    Das war super interessant zu lesen! Und hat, ehrlich gesagt, sehr große Dankbarkeit in mir ausgelöst. Dankbar dafür, dass unsere Kinder gesund sind und wir diese extremen Probleme nicht haben. Aber gerade heute war so eine Situation… die Mittlere, 2 Jahre und heute Mittag todmüde, wollte partout nicht ins Bett zum Mittagsschlaf. Stattdessen Gebrüll und Gestrampel auf dem Boden. Ich konnte sie nicht mal anfassen. Ich war so überfordert… da ist mir das mit der inneren Haltung in den Sinn gekommen. Hab ich schon öfter hier bei dir gelesen. Ich habe also ihren Schnuller und ihr Lieblingskuscheltier neben ihr auf den Boden gelegt und mich um das Baby gekümmert, das inzwischen auch angefangen hatte zu weinen, bin aber bei der tobenden Tochter geblieben. Hab sie nicht berührt, nichts gesagt, sondern war einfach da und habe ohne die Verzweiflung, die mich schon wieder einholen wollte, abgewartet. Und plötzlich ist sie aufgestanden, hat ihre Sachen genommen und ist allein ins Bett geklettert. Da konnte ich sie dann noch ein wenig streicheln bevor sie fast sofort eingeschlafen ist, meine Hand von ihrer festgehalten. Das war ein gutes Erlebnis. Learning by doing sozusagen.
    Ich finde deine Beiträge toll!
    Gruß
    Nelli

    • Liebe Nelli, danke für deine Anerkennung. Ich freue mich riesig über deinen Satz “ …und habe ohne die Verzweiflung, die mich schon wieder einholen wollte, abgewartet“. Viele Grüße und alles Gute für euch! Uta

    • Ja, liebe Melanie, das hatte ich dann inzwischen auch gelesen. Trotzdem danke für den Link! Ich finde seinen Hinweis wichtig, wie wenig Unterstützung-Angebote es offenbar für Eltern gibt, die so mit dem Rücken zur Wand stehen. Und er erwähnt Forschungen in Münster, die offenbar eine Weiterentwicklung der Methoden in Gelsenkirchen darstellen. Das interessiert mich sehr, da werde ich mal forschen. LG Uta

  • Guten Tag, vielen Dank für die Rezension. Leider haben Sie einen Themenbereich vollständig ausgeklammert: die gezeigte Gewalt an Kinder. Zwangsfütterung, Fixierung und Einzelhaft oder Kampf beim Essen, Festhalten und stille Ecke. Je nach Grundhaltung. Mich würde sehr interessieren, wie Sie das betrachten und bewerten. Fridolin Frosch

    • Ja, das ist heftig. Wie gut, dass der Film so eine breite Diskussion anstößt und hoffentlich auch dazu führt, dass es mehr Angebote für Eltern gibt, die so verzweifelt sind, wie die Gezeigten. Ein Thema, das der Film berührt, finde ich sehr wichtig: dass Eltern ihre Kinder in ihre eigene Kraft kommen lassen, statt sich in die Vorstellung zu verrennen, sie seien über die Maßen bedürftig und schwach. Wie heißt es so schön: „Im Zumuten liegt auch ein Zutrauen.“ Die Frage ist allerdings auch für mich, ob in der Gelsenkirchener Klinik die Zumutung zu groß ist und ob es nicht andere Wege gäbe, den Familien aus ihren stressigen Mustern zu helfen. Danke für den Kommentar und viele Grüße! Uta

      • Hach. Schade. Vielen Dank für Ihre Antwort. Und ja, es ist bewundernswert wie eloquent Sie das Thema wechseln und positiv bleiben. Gleichzeitig haben Sie leider meine Frage nicht beantwortet. Und keine Stellung bezogen zur Frage der gezeigten Gewalt an Kindern. Ich schätze Ihren Blog sehr und hätte mir von Ihnen eine klare Positionierung gewünscht.

        • Lieber Fridolin Frosch, bin ich ausgewichen? Mich wundert eher, wie viele Menschen sich so schnell ein Urteil bilden, ohne das ganze Setting zu kennen. Unten schrieb ich schon in einer Antwort, dass ich in einem Artikel gelesen habe, wie die Kinder auf der Station in Gelsenkirchen auf das Alleine-Schlafen angeblich den Tag über vorbereitet wurden, was man im Film nicht sieht. Diskussionswürdig ist das Gesehene auf jeden Fall. Ich weiß nur auch von Not-Fällen, wo eine solche Intervention die einzige Lösung war. Aber wie gerne lasse ich mich gerade in diesem Punkt eines Besseren belehren. Viele Grüße, Uta

  • Oha…der hier eher positive Kommentar über den Film überrascht mich doch sehr.
    Bedürfnisorientiert, die Führung behalten hin oder her. Ich finde den Film entsetzlich weil dort Gewalt an Kindern statt findet! Kinder werden fixiert und mit Zwang gefüttert, werden in der „Mäuseburg “ abgegeben ohne Eingewöhnung und werden schreien gelassen, werden abends in ein dunkles Zimmer im gitterbett geschoben und schreien gelassen. Ich finde das hat wenig mit Führung übernehmen, eher mit brechen zu tun. Kinder werden traumatisiert und bindungsgestört und wenn sie nach 3 Wochen resignieren wird das als Erfolg der „Therapie“ verkauft.
    Dieser Film wird beworben mit dem Spruch „so geht Erziehung richtig“.
    Mir liefen die Tränen bei den schlimmen Bildern…
    Herbert Renz-Polster hat übrigens 2 tolle Beiträge zum Film verfasst und positioniert sich klar gegen den Film!
    Ebenso hat sich Familiylab/Jesper Juul klar gegen den Film positioniert, sowie viele weitere…
    Ich hatte hier ehrlich gesagt auch damit gerechnet.
    Das muss ich erst mal sacken lassen jetzt

    • Liebe Karina, dass der Film mit „so geht Erziehung richtig“ angekündigt wird, finde ich auch daneben. Das ist, als würde man eine Vorsorge-Behandlung mit einer Not-OP vergleichen. Was die Doku als Ganzes betrifft, bin ich hin und her gerissen. Ich kann mir Fälle vorstellen, in der eine dreiwöchige Intervention wie in Gelsenkirchen besser ist, als das, was den Kindern sonst „blühen“ würde, bin aber froh, wenn der Film auslöst, dass man da neue Wege findet. Danke fürs Schreiben und viele Grüße, Uta

  • Liebe Uta!
    Danke für den tollen Artikel!
    „Im Sturm die Segel einziehen, aber nicht das Boot verlassen“ finde ich toll beschrieben! Aber wie funktioniert das im Alltag??? Wie verhält man sich wenn sich Kinder zum Beispiel beim Essen nicht an Regeln halten und auch schon mal das Essen durch das Eßzimmer werfen? Es läuft darauf hinaus, daß ich als Mutter das Essen für das Kind als beendet erkläre und das Kind daraufhin erst recht ausflippt. Z.B. mit der Folge, daß es auch andere Dinge umherwirft, kaputtmacht oder anfängt anderen Familienmitgliedern wehzutun. Und dann???
    Herzliche Grüße,
    Sabrina

    • Liebe Sabrina, da ich nicht weiß, was vorher geschehen ist und wie ihr so im Allgemeinen miteinander seid, wäre es unseriös, irgendwelche allgemeinen Tipps zu geben. Sollten die Leichtmatrosen weiterhin mit Essen werfen, könntest du ja auf meiner Coaching-Seite (http://coaching.wer-ist-eigentlich-dran-mit-katzenklo.de) gucken, ob eines meiner Angebote für dich passt. Liebe Grüße und danke für die „Flaschenpost“! Uta

  • Liebe Uta,
    in meinem Kommentar soll es nicht um den Film selbst gehen, sondern um deinen Beitrag darüber.
    Ich finde, dass aus deiner Besprechung klar herauskommt, dass die gezeigten Methoden im relativ normalen Familienalltag nicht nötig sind, wohl aber in Extremsituationen nötig sein können. Alle anderen Wege wurden wohl schon begangen und haben nur dahin geführt, dass Kinder und Eltern ausgebrannt sind.
    Wenn wir zu unterschiedlichen Ansätzen Bücher lesen, Workshops besuchen, Methoden ausprobieren, unterschreiben wir keinen Exklusivvertrag. Wir verpflichen uns nicht, das jetzt „nur noch so und genau so“ zu machen. Zu unserer Aufgabe als mündige Eltern gehört auch auszuwählen, was in welcher Situation für unsere Familie am besten passt, egal, wer es gesagt hat oder was welcher Erziehungsansatz dazu sagen würde. Das macht es oft eher schwerer. Wie viel einfacher wäre es manchmal, wenn wir wüssten, das ist jetzt der Erziehungspapst (oder -päpstin) und was der/die sagt, ist gut und richtig. Aber Erziehung ist eben keine Religion, zum Glück.
    Also suche ich mir munter aus verschiedenen Konzepten die Ideen heraus, die zu meiner Grundhaltung passen und lasse mich so wenig wie möglich von Meinungen irritieren, die von mir die Reinheit der Lehre fordern.
    Offensichtlich machst du dir solche Gedanken auch, sonst würdest du nicht darüber schreiben. Und immer wieder kommst du dabei zu Schlüssen, die möglicherweise überraschen.
    Dass du dich dabei nicht in ein Erziehungsrichtungsschema pressen lässt, ist einer von vielen Gründen, die dein Blog für mich so lesenswert und wertvoll machen.
    Danke dir!
    Inra

  • Liebe Inra, danke für den Satz „Wie viel einfacher wäre es manchmal, wenn wir wüssten, das ist jetzt der Erziehungspapst (oder -päpstin) und was der/die sagt, ist gut und richtig. Aber Erziehung ist eben keine Religion, zum Glück.“ Und danke auch für die ganzen anderen Sätze. Hach, wir Eltern wollen es doch alle „soooooo richtig“ machen. Egal, welcher Philosophie wir anhängen – ich bin immer so gerührt, wie sehr sich Mamas und Papas den Kopf zerbrechen, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Danke für deine anerkennenden Wort! Herzliche Grüße, Uta

  • Liebe Uta, ich lese hier schon lange mit und immer wieder lese ich Sätze, die mir die Augen öffnen. Und schon oft hat ein Tipp mir im Alltag tatsächlich geholfen. Hier in diesem Beitrag ist es auch der Punkt mit dem „im Boot bleiben“ wie bei einigen anderen. Das werde ich sicher probieren.
    Bis hierher erstmal ein herzliches Dankeschön für diesen Artikel und die vielen anderen.
    Und dann komme ich zu dem, was für mich am schwierigsten ist: Wie kann ich so einen Ansatz durchhalten? Frisch gelesen denk ich dran, wie ich es probieren wollte, sehe vielleicht auch kleine Erfolge. Und dann kommt der ganze Stress des Tages, alle drei Kinder gleichzeitig, oder ein eher schlechter persönlicher Tag und schon ist man in alten Mustern. Nichts geht mehr und am Ende sind alle genervt, gestresst und schlecht gelaunt.
    Vielleicht ist es möglich, mal paar Tipps aufzuschreiben, wie man durchhalten kann?
    LG von TAC

    • Liebe TAC, danke für deine Frage! In mir klang nach, warum es ein „Durchhalten“ ist. Das klingt so, als bräuchte es sehr viel Disziplin, um die Mutter sein zu können, die du gerne wärst. Hängt die Latte vielleicht sehr hoch? Ich gucke mal, ob ich in den nächsten Tage dazu komme, mal ein paar Fragen aufzuschreiben, mit denen mal selber untersuchen kann, warum es manchmal stressig wird. Viele Grüße und danke für die liebe Rückmeldung! Uta

      • „Durchhalten“ meine ich im Sinne von „dranbleiben am guten Ansatz“. So lange ich dran denke, schaffe ich es, manchmal, eine schwierige Situation auf gute Art zu meistern. Mit sanfter Führung und Kooperation des Kindes. Aber dann kommt irgendwann der Moment, wo es eben nicht klappt, weil irgendwas dazwischen steht. Hach ist schwer zu beschreiben.
        Die selbst gelegte Latte ist nicht so hoch, würde ich sagen. Eher die, die vom Alltag und Umfeld gelegt wird. Nur in Kurzform zu unserer Situation: fast 12jährige Tochter (mitten in der Pupertät, ADS-Diagnose in der 1. Klasse, keine Medis, totale Chaotin, Messie, 6. Klasse Gymnasium mit guten Leistungen), 8jähriger Sohn (dringender Verdacht auf Asperger, wir rennen von Arzt zu Arzt, kommen aber nicht voran, sehr ausgeprägter eigener Wille, verweigert v.a. schriftliche Aufgaben, ist deshalb derzeit 3. Klasse an einer Schule mit Schwerpunkt soz.-emot. Entwicklung, sehr intelligent, aber sehr langsam), 1,5jährige Tochter (zu Hause, in der Trotzphase), wir leben derzeit in einer Übergangswohnung (kein eigenes Bad) bei meinen Eltern, räumen unser Haus aus, da die Bausubstanz zu alt und schlecht war, wollen an gleicher Stelle neu bauen (sind in der Genehmigungsphase), ich bin Hausfrau, ehrenamtlich tätig, fahre derzeit viel Kindertaxi, von der Umgebung wird erwartet, dass ich endlich arbeiten gehe, Mann voll berufstätig, muss ab und an spontan für 2-4 Stunden arbeiten.
        Meine selbst gelegte Latte will, dass eine Grundordnung herrscht, der Alltag mit seinen Terminen einigermaßen läuft, ich Zeit für die Kinder habe und es dann nicht nur Zeit für schulisches ist.
        Das Umfeld meint, ich müsse mich aktiv um Sohnemanns Diagnostik kümmern, Anträge stellen, Selbsthilfegruppen besuchen, meine Mittagspause weg lassen und in der Zeit den Haushalt schmeißen,…
        „Andere Frauen gehen voll arbeiten und schaffen das auch alles.“ hab ich schon oft gehört.
        Ach so, das „im Boot bleiben“ hat gestern bei Sohnemann nicht wirklich funktioniert.
        Ist sehr lang geworden und nicht mehr beim ursprünglichen Thema…
        LG von TAC

        • Liebe TAC,
          ich bekomme schon Schweißausbrüche, wenn ich nur lese, was du alles auf dem Zettel hast. Und dann hörst du so Sätze wie „Andere Frauen gehen voll arbeiten und schaffen das auch alles.“ !? Unglaublich.
          Wollen wir nicht mal telefonieren, um das alles auseinander zu dröseln. Du findest alle Beratungs-Möglichkeiten auf meiner Seite unter „Familiencoaching“ im Header ganz rechts. LG Uta

  • Liebe Uta,
    was in der Klinik-Praxis und in vielen anderen Anlaufstellen für Eltern in Not (zum Glück nicht in allen) verloren geht, ist der liebevolle Blick auf die Eltern und auch die Kinder in Not. Krieg kann man vielleicht durch Krieg beenden, aber nicht lösen.
    Ich habe einen sooo tollen Kinderarzt – da müssen die Kinder auch mal durch, wenn es unangenehm ist. Aber in der Behandlung – und wir haben auch so unsere Probleme – sieht er
    immer, wirklich IMMER den Wert des Kindes und seine Bedürftigkeit und würde niemals auf die Idee kommen, durch Härte etwas durchzusetzen.
    Ich wünschte wirklich von Herzen, es gäbe mehr Menschen, die mit liebevoller Konsequenz in sich ruhend eine eingefahrene Situation begleiten könnten.
    Dafür müsste es aber auch mehr Menschen geben, die sich in dieser Haltung sicher sind.
    Der Film spiegelt unsere unsichere Gesellschaft, die zwar festgelegt hat, dass Gewalt nicht ok ist, praktisch aber nicht verstanden hat, wie es ohne gehen soll.
    Ich sehe die Gefahr darin, dass Menschen aus dem Film rausgehen und wie bei der Supernanny damals glauben, sie seien im Recht, wenn sie hart blieben.
    Ich fürchte, dass so ein Film uns gesellschaftlich weiter zurückwirft.
    Gut, dass es auch klar denkende Menschen gibt, die in die Diskussion gehen. Es gibt sogar eine Petition gegen die Ausstrahlung des Films.
    Gut auch, dass es inzwischen so tolle Blogs gibt, die einem WIRKLICH helfen, die liebevolle klare Haltung einzunehmen, so wie bei dir.
    Vielen lieben Dank für Deine Arbeit!! Sie ist so viel Wert!
    Beste Grüße,
    Marie

    • Liebe Marie, was für ein kluger Satz von dir: „Der Film spiegelt unsere unsichere Gesellschaft, die zwar festgelegt hat, dass Gewalt nicht ok ist, praktisch aber nicht verstanden hat, wie es ohne gehen soll.“ Ja, und die Gefahr sehe ich auch, dass Menschen aus dem Film rausgehen und nicht verstanden haben, dass Therapie gezeigt wird und keine Methoden für den Familien-Alltag.
      Allerdings rücken die Praktiken in Gelsenkirchen für mich in ein etwas anderes Licht, wenn ich lese – ich glaube, es war in der Rheinischen Post – , dass die Kinder den Tag über schrittweise auf das Alleineschlafen nachts vorbereitet wurden, was im Film nicht gezeigt wurde.
      Und ich glaube, man darf es sich auch nicht zu einfach machen mit der Beurteilung der gezeigten Therapie und der Frage der Macht-Ausübung über Kinder. Ich habe hier mal geschrieben, wie ich unser afghanisches Gastkind gezwungen habe, sich die Zähne zu putzen. Das tut mir heute leid. Das würde ich nicht mehr so machen. Ich habe aber auch Macht ausgeübt (nicht Gewalt angewendet), um ihr das Fahrradfahren bis zur Abreise beizubringen. Ich habe das Rad nicht eher in den Kofferraum gepackt, bis sie bereit war zu üben. Das hat den ganzen Nachmittag gedauert. Am Ende war sie überglücklich, Rad fahren zu können. In diesem Fall bin ich froh, Macht ausgeübt zu haben. Manchmal ist es eben auch Liebe, etwas zu tun, was für alle Seiten unangenehm ist.
      Danke für deine Wertschätzung meiner Arbeit und danke für deine reflektierten Gedanken zum Film! Liebe Grüße, Uta

  • Danke für diese offene und vorurteilsfreie Beschreibung des Films. Ich habe ihn selbst noch nicht gesehen. Die beschriebenen-angeblich gewalttätigen- Szenen klingen wirklich krass… Ich habe aber den Eindruck, dass hier viele Menschen „Äpfel mit Birnen vergleichen“. Ich meine damit, dass solch drastische Maßnahmen natürlich nicht für jede Familie gelten. Ich verstehe das als absolutes Notprogramm. Mein Eindruck ist, dass sich immer weniger Eltern trauen (und zwar aus Überzeugung, dass es so besser für die Kinder ist) die Führungsrolle in der Familie zu übernehmen, sondern dies sofort mit „schwarzer Pädagogik“ in Zusammenhang bringen. Vielmehr folgen die Eltern reflexartig ihren Kindern. Diese Haltung kann man sich ja auch jederzeit in zahlreichen Blogs und Facebookgruppen bestätigen lassen. In meiner Arbeit als Tagesmutter erlebe ich aber immer wieder Kinder aus solchen Familien, bei denen eine Eingewöhnung fast unmöglich wird. Die Kinder sind so verunsichert und eben nicht glücklich und selbstbewusst, sondern von einer großen Unruhe und Verunsicherung getrieben und können sich kaum dem entspannten Spiel zuwenden, da sie immer wieder ihre Umgebung kontrollieren müssen. Mir macht diese Entwicklung zunehmend Sorge. Ich glaube, dass da eine ganze Elterngeneration gerade etwas über das Ziel hinaus schießt… Umso mehr freut mich Ihre differenzierte Arbeit in Ihrem Blog. Danke!

    • Du schreibst „Mein Eindruck ist, dass sich immer weniger Eltern trauen (und zwar aus Überzeugung, dass es so besser für die Kinder ist), die Führungsrolle in der Familie zu übernehmen, sondern dies sofort mit „schwarzer Pädagogik“ in Zusammenhang bringen.“ Das finde ich sehr treffend formuliert. Das ist auch mein Eindruck. Und ich musste als Mama auch erst in diese Führungsrolle hineinwachsen. Es ist schwer zu erklären: es bedeutet ein Loslassen in vielen Details und gleichzeitig ein sehr stabiles In-seiner-Mitte-Stehen. Danke, dass du von deinen Erfahrungen als Tagesmutter geschrieben hast! LG Uta

  • Es wurde schon so viel Kritik geäußert über diese entsetzlichen Praktiken, der ich nur zustimmen kann. Hier in den Kommentaren möchte ich nur noch hinzufügen, dass man wohl kein Kind und erst recht nicht so ein kleines darauf „vorbereiten“ kann, des Nachts alleine in ein dunkles Zimmer gestellt und dort bis zum nächsten Morgen und völliger Erschöpfung schreien gelassen zu werden. Ich finde es zynisch so zu denken. Und für mich spiegelt sich die Unsicherheit der Gesellschaft darin, dass wir überhaupt noch diese Debatten führen. Es gibt selbstverständlich bessere Alternativen.

    • Danke für diesen Kommentar! Ich frage mich nämlich auch die ganze Zeit, wie man ein so kleines Kind tagsüber darauf vorbereiten kann, dass es nachts alleine in einem Gitterbett in einem dunklen Raum alleine schlafen soll und wenn es aus Angst nach seinen Eltern ruft, dass keiner kommt und es tröstet. Ich finde das wirklich grausam! Die Petition gegen die Ausstrahlung dieses Films habe ich auch unterschrieben.
      LG, Tatjana

  • Ich bin gerade ehrlich gesagt erschüttert! Ich lese diesen Block seit der Geburt meines ersten Kindes und fast immer sehr gerne. Er regt mich zum Nachdenken, Hinterfragen und noch weiter Recherchieren an. Dank meines fachlichen Hintergrundes werden hier und da vergessene Ideen neu entdeckt oder mein Horizont erweitert. All das genieße ich und dafür bin ich dankbar.
    Doch wie ein solcher Film so verharmlost werden kann ist mir unverständlich. Klinikalltag hin oder her, hier werden in der Fachwelt umstrittene Methode für Extremfälle alltagstauglich gemacht. Training ist nicht Entwicklung und das gilt für mich beim Schlafen genauso wie beim Essen oder sozialem Verhalten.
    Die Kraft des Vorbild sein ist hier gar nicht zu wenig zu nennen und die Methoden wenig vorbildlich! Ich glaube diese Kraft ist Dir eigentlich bewusst?! Genauso zeigen Studien ein klares kooperatives Verhalten von Kindern (Kooperation ist immer freiwillig!!) und erweist solche Maßnahmen folglich als unwürdig.
    Ich unterstütze deine Idee der liebevollen!!! Führungskraft, doch wenn ich als Eltern über Monate und Jahre einen Weg gegangen bin der uns als Familienkonstrukt nicht gut getan hat, muss ich als Elternteil die Verantwortung übernehmen und meine Familie und vor allem den Kindern eine sanfte Umkehr ermöglichen. Wieso muss mein Kind unter höchsten Schmerzen, Druck und Beziehungsverlust wieder zurechtgebogen werden, wo ich/wir es über Monate und Jahre verbogen haben. Warum müssen die Kinder die Konsequenzen tragen, wo wir lange Zeit keine Verantwortung übernommen haben?
    Ich bin nicht der Meinung, dass die Ankündigung des neuen Schlafrituals das Ritual selbst rechtfertigt. Genauso wenig wie die Distanzierung vom Kind sobald es sich unerwünscht verhält. Es lernt dadurch nicht, sich in einem miteinander zu bewegen und auf seine Umwelt Rücksicht zu nehmen, sondern dass es nur geliebt wird, wenn es sich verhält wie ich es will. Wird solch ein Mädchen Grenzen setzen können, wenn es (noch) keinen Sex möchte, keine Drogen probieren oder wird es den eigenen Kindern ein gesundes Führungsverhalten vorleben können (es gilt natürlich gleiches für Jungen). Ich habe meine Zweifel und es macht mich traurig.
    Wenn jemand eine Fehlhaltung der Beine entwickelt hat, besucht er eine Physiotherapie über Wochen und Monate, bekommt Einlagen und Übungen für Zuhause. Man bricht ihm nicht den Fuß.
    Wir als Gesellschaft sollten meiner Meinung nach aufhören zu prägen, dass Kinder und Familie immer nur einfach sein müssen. Ein Baby weint, wacht nachts auf, möchte die Nähe zu Beziehungspersonen.. wenn wir aufhören uns gegenseitig beweisen zu wollen welch tolle Mütter wir sind (es sind meistens Mütter), dann können wir uns wieder gegenseitig unterstützen und akzeptieren. Das bedeutet auch zu sehen, dass es mehr als einen Weg gibt, auch bei der Frage wie Kinder aufwachsen sollen. Das Extrem welches im Film vermittelt wird, halte ich jedoch wie (fast) jedes Extrem als inakzeptabel!
    Ich selbst habe mit Kindern aus kritischem Umfeld gearbeitet. Allem voran brauchen sie Beziehung, Gehör und Vertrauen – auch darin dass sie meine Grenzen hören und wahren möchten (auch wenn es nicht immer gleich gelingt). Ich habe die Petition unterschrieben und lade herzlich dazu ein dies auch zu tun. Solch ein Film darf nicht Werbung für höchst fragwürdige Erziehungsmethoden sein. Und eigentlich wünschte ich, Dein Blog wäre es auch nicht!

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

    >