Vom Schulstress, Pralinen-Post und Quinoa-Salat 

 20/05/2015

Wie mein Post über das „System Schule“ doch noch eine andere Wendung bekam.

Heute habe ich einen Text begonnen, der etwa folgende Grundstruktur haben sollte:
Schüler sind überlastet.
Lehrer sind überlastet.
Eltern sind überlastet.
Wegen der ganzen Überlastung gehen alle aufeinander los.
Als Beleg für die Schüler-Überlastung hätte ich meinen Neffen (15) zitiert, der neulich sagte: „Ich sehne mich so danach, dass ich irgendwann Abitur habe und dieser ganze Stress endlich zu Ende ist.“
Ich wollte eine Zeile Platz lassen und noch mal sein Alter nennen: 15. Und wie wild auf die Taste mit dem Ausrufungszeichen hämmern.
Als Beleg für die Überlastung der Lehrer wollte ich berichten, dass eine meiner beiden Schwestern, die Lehrerinnen sind, nur noch mit Eltern spricht, wenn ein Kollege als Zeuge dabei ist.
Außerdem passte ganz gut ein Zitat, das ich in dem Burn-out-Buch von Michael Schulte-Markwort gefunden habe:

Ist es nicht bezeichnend, dass in keinem Beruf so viele Mitarbeiter in den Vorruhestand gehen, ihre Arbeitskraft nicht bis zum Rentenalter reicht, sie nicht durchhalten (…wie Lehrer an der Schule, Ergänzung der Bloggerin)Sind die Strukturen, die Lehrkräfte zum Ausbrennen bringen, nicht dieselben, unter denen unsere Kids leiden? (Michael Schulte-Markwort: BURN-OUT-KIDS, Seite 200)

Ja, die Strukturen. Also sind weder die Kinder schuld, noch die Eltern, noch die Lehrer. Es ist mal wieder das System.
Ich schrieb dann den Satz, dass alle die Verantwortung für ihr Ausgebranntsein übernehmen sollten, und ging dann lieber nach unten zum Spülmaschine-Ausräumen, weil ich nicht wirklich glücklich war über diese Floskel. Ich schmiss die Löffel in ihr Fach. „Die Verantwortung für ihr Ausgebranntsein übernehmen“ – Aua!
Mein Mann hat beruflich mit Zeitschriften zu tun, die einen Ratgeber-Charakter haben. Er erzählte neulich, dass sie für ihre Hefte ein Problem nur aufgreifen, wenn sie irgendeine Idee haben, die dem Leser dabei helfen könnte, es zu lösen. Über Probleme nur zu schreiben, um die allgemeine Betroffenheit zu erhöhen, verbieten sie sich für ihre Zeitschriften.
Mir gefiel dieser Grundsatz so gut, dass ich ihn gleich für meinen Blog übernommen habe. Aber jetzt stehe ich da: alle sind ausgebrannt und leiden unter dem System Schule und ich habe keine Lösung. Außerdem muss ich Vollkorn-Spaghetti mit  Bolognese-Sauce  kochen, weil gleich der Kronprinz (17) aus der Schule kommt und die Vollkorn-Spaghetti in seinen Ernährungs-Plan für sein 100-Tage-Fitness-Programm gehören.
So auf der Flucht vor meinem Text hörte ich draußen Geklapper an unserem Briefkasten. Eine Leserin hat mir für meine Lehrerinnen-Schwester Pralinen geschickt und einen seitenlangen Brief, in dem sie sich dafür entschuldigt, dass ihr Kommentar neulich für meine Schwester und den Berufsstand der Lehrer im Allgemeinen verletzend empfunden werden könnte.
Jetzt bin ich ganz gerührt von der Post (danke liebe Kerstin!) und restlos davon überzeugt, dass – wenn wir alle nur nicht so gestresst wären – wir in der Schule auch nicht so aufeinander losgehen und alles nur noch schlimmer machen würden.
Und  damit wir uns nicht zu sehr in Stress und Ärger über das „System Schule“ hineinsteigern, kommt hier noch das Rezept für den Quinoa-Salat, den ich gestern für das 100-Tage-Fitness-Programm des Kronprinzen gemacht habe.
200 g Quinoa
eine Dose Bohnen
2 Zitronen
2 reife Avocados
2 Knoblauchzehen
200 g Radieschen
1 EL gemahlener Kreuzkümmel
60 ml Olivenöl
Salz, Pfeffer
Quinoa kochen. Die Zitronen filetieren und die Scheibchen plus Saft in eine Schüssel geben. Das Fruchtfleisch der Avocados in Scheiben geschnitten mit den Zitronenscheibchen mischen. Quinoa abtropfen lassen und hinzugeben, schließlich auch die Bohnen, den klein gehackten Knoblauch, die Radieschen-Scheiben, den Kreuzkümmel und das Olivenöl. Alles vermischen und mit Salz und Pfeffer würzen. (in Anlehnung an ein Rezept von Yotam Ottolenghi aus dem Buch „Genussvoll vegetarisch“).
Immer fröhlich darauf achten, dass wir Eltern nicht auch noch den Druck für Schüler und Lehrer erhöhen.
Und jetzt fahre ich zur Post und leite Brief und Pralinen an meine Schwester weiter.
Eure Uta

  • Normalerweise wäre das jetzt ein Post, bei dem ich in die Diskussion einsteige. Aber momentan geht es mir, als hätte mich ein LKW platt gemacht, und ich lasse es.
    Habe aber gerade erlebt, was wichtig ist für Menschen und ihre Arbeit: Wertschätzung. Und die gibt es momentan für viele immer, immer weniger. Was Wertschätzung bewirkt, habe ich gemerkt an den wahnsinnig unterbezahlten Altenpflegehelferinnen im Heim meines Vaters. Da gibt es sie dann wieder, die Mitmenschlichkeit…
    LG
    Astrid

  • Liebe Uta,
    es ist einfach dem System die Schuld zu geben, aber hat nicht das System auch eine Verantwortung den Menschen gegenüber? Diese Frage hab ich mir oft gestellt. Überhaupt ist es einfach, die Schuld bei den Anderen zu suchen. Damit sind wir aber keine selbstbestimmten Menschen.
    Meine Lösung für alle Probleme ist, die Resonanz zu suchen, mit der ich als Mensch in Kontakt komme, also bei mir anzusetzen und mich zu fragen: Was machen diese Themen mit mir? Wovor will ich mein Kind (z. B.) schützen? Wie fühlt es sich an wenn ich glaube das das System die Wurzel allen Übels ist?
    Und mir das genau anzuschauen, und aufzulösen sofern das möglich ist. Damit lösen sich viele Themen und Probleme in Wohlgefallen auf, denn ich habe keine Resonanz mehr dazu. Und hinter jedem Problem liegt ein positives Potenzial, zumindest ist das meine Erfahrung.
    Das System möchte uns in bestimmten Strukturen gefangen halten, in denen wir so gut wie möglich funktionieren und die Dinge nicht in Frage stellen. Wenn ich mir MEINE Themen damit jedoch anschaue und es ganz persönlich nehme, die Dinge hinterfrage, dann bekomme ich ganz andere Lösungsmöglichkeiten, ich bekomme Klarheit, ich kann zu meiner u. U. anderen Haltung stehen und dem Lehrer zum Beispiel zu sagen was für MICH richtig ist und was ich gerne möchte und gleichzeitig den Lehrer verstehen. Nur so kann ich etwas am „System“ verändern, zumindest ist das meine Lebenserfahrung. Denn in einem System funktioniert Eines nicht ohne das Andere. Wer schon mal eine Familienaufstellung gemacht hat, weiß das. Auch die Familie ist ein System. Verändert sich einer in diesem System, verändern sich alle.
    Das ist das Geniale in diesem Leben, das Potenzial dahinter zu sehen, und dann geschieht auf allen Ebenen etwas das ich „Heilung“ nenne.
    Liebes Grüßle
    Martina

  • Hallo Uta!
    Im Bllvheft stand neulich, dass ein Zeichen für beginnenden Burnout erlöschende Empathie sei, wenn man immer nur empatisch für andere sei so stand dort, aber nichts zurückbekäme, würde man irgendwann nicht mehr empathisch sein können. Wenn also Lehrer sich immer Mühe geben sich in die Schüler einzufühlen, aber nie Lob bekämen, wäre das schädlich. Vielleicht sollte der Rat einfach erstmal heißen: Lobe Deinen Lehrer!;-)) Wir haben uns vorgenommen für alle Lehrer des Sohnes eine kleine Nettigkeit zu basteln und ein Schildchen dran zu machen mit „Danke“ – auch für die grummelige Handarbeitslehrerin 😉
    Das ist sicher kein Systemwechsel, keine Weltverbesserung – aber ein Anfang. Die Eltern unserer Klasse haben gemeinsam beschlossen dass eine Tasche für die Lehrerin genäht wird. Dafür haben die Kinder mit Farbe Hände auf den Stoff gedruckt und wir haben mit der Sickmaschine noch darauf gestickt ( natürlich auch „Danke“ mit Klasse, etc.)
    Ich denke jeder Lehrer kann auch ein bissen auf sich achten, nicht jeder natürlich gleich, die Belastungen sind zu unterschiedlich – aber Bekannte nehmen als Frauen mehr Teilzeit, so, dass sie es eben noch aushalten ohne auszubrennen – es kann nicht die Lösung sein, klar – aber es ist ein Versuch. Man hat schließlich nur ein Leben. Ansonsten einen Ausgleich suchen in Sport und Co. vielleicht und ab und an den Spruch beachten, den mein Mann oft zitiert (für mich):“ das letzte Prozent der Arbeit macht 90% der Zeit!“ – ab und an mal vorher aufhören.
    Alles Liebe! Lolo

    • Liebe Lolo, „erlöschende Empathie“ finde ich einen sehr treffenden Ausdruck für das, was da passiert. Danke! Liebe Grüße von Uta

  • Den Grundsatz nur über Probleme zu sprechen, wenn man einen Lösungsvorschlag anbieten kann, den finde ich gut. Ich werde mal versuchen, den für mich selber etwas besser umzusetzen.
    In Bezug auf den Druck an der Schule hätte ich einen, der Lehrern wie Schülern und Eltern zugute käme: G8 abschaffen. Wenn ich heute den Lerndruck in der 5. Klasse vergleiche mit dem Druck, den ich damals hatte, dann war meiner lächerlich.
    Herzlich, Katja

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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