Wenn das eigene Kind zur Plage wird 

 21/02/2019

12 Tipps, um als Eltern wieder zu sich selbst zu finden und das Kind liebevoll führen zu können.

„Gut, dann mache ich das auch noch. Nur damit Ruhe ist.“
Diesen Satz habe ich als Mama oft gedacht und dann doch noch eine Seite mehr vorgelesen, ein Kuscheltier geholt, etwas zu trinken, die Decke nochmal ausgeschüttelt, das Schlummerlicht ausgeschaltet, nein, doch nicht, also wieder eingeschaltet, die Lampe mehr nach rechts gerückt, den kratzenden Kissenbezug ausgetauscht, fünf Küsse verteilt, ja, ich schwöre, es waren fünf, jetzt aber gute Nacht …
Wie oft bin ich über meine eigene Grenze gegangen, habe bizarre Wünsche erfüllt, weil ich dachte, dass meine Kinder das brauchen, sich sonst ungeliebt fühlen, kein Selbstbewusstsein entwickeln, nicht in ihrer Individualität gesehen werden, wenn die geliebten Benjamin-Blümchen-Socken nicht sauber sind, die Zahnbürste im falschen Glas steht und ich das neue Lego-Bauwerk nicht bis zum letzten Mini-Stein am Dach oben links gewürdigt habe.
Wie oft ertragen es Mamas, dass ihr Kind auf ihrem Schoß zu einer Plage wird, es Mama an den Haaren reißt, es ihr Spucke ins Gesicht schmiert, an der Halskette zieht oder in den Hals kneift. Ihr wisst schon, ich meine nicht so ein verschmustes Neugierverhalten, sondern aggressives Verhalten, wenn wir plötzlich merken, es will mir weh tun und meine Gutmütigkeit als Mama wird hier einem makabren Test unterzogen.
Ein Gefühl der Machtlosigkeit und des Scheiterns überschwemmt einen. Hat man nicht Tag aus und Tag ein jeden Wunsch aus diesen Kulleraugen gelesen? Und jetzt bleibt nur noch Schimpfen, Schreien, am Arm packen und all das, was man sich geschworen hat, nie zu tun, weil man sich einfach nicht zu helfen weiß gegen dieses anmaßende Verhalten des eigenen Kindes.
Wenn wir im Alltag immer häufiger in solche Situationen gerieten, war das für mich das Zeichen:

Ich bin nicht in meiner Mitte!

Ich bin bei allen anderen, aber nicht bei mir selbst. Ich reagiere nur noch blind auf die Bedürfnisse meiner Lieben, werde so eine Art Gefühls-Kellner im Lust-Café meiner Familie, immer in der Hoffnung, dass nach der letzten Bestellung endlich Frieden herrscht.
Diese Rolle des Gefühls-Kellners ist unglaublich anstrengend.Auf diese Weise kostet es viel Kraft, liebevoll und geduldig zu bleiben, das, was man doch immer sein wollte, eine liebevolle Mama, und manchmal gar nicht weiß, warum es so schwer ist. Aber dieses beherrscht Liebevolle, dieser mühsam zu gehaltene Deckel auf dem, was an Aggressionen in einem brodelt, fliegt einem irgendwann um die Ohren. Und vorher schon merken die Kinder, dass wir eine Rolle spielen, dass wir uns erzieherisch nichts zu schulden kommen lassen wollen. Kinder brauchen uns aber in echt. Und deshalb provozieren sie uns so lange, bis die Maske fällt.
Was hat mir geholfen, wenn ich den Kontakt zu mir selbst verloren hatte?

  • Zeit für mich ganz allein,
  • mit meinem Mann, meiner Nachbarin oder den Großeltern sprechen, wann sie mir zu einer Pause verhelfen könnten
  • Stille
  • nur bei sich sein
  • in sich hineinspüren
  • aufschreiben: Was sind meine Kraftquellen? Was belebt mich? Was tut mir gut? Wo kann ich auftanken und wieder in meine Mitte kommen?
  • ein paar Seiten lesen in „Muscheln in meiner Hand“ von Anne Morrow Lindbergh, in „Das Tao Te King für Eltern“ von William Martin oder die Seiten über „bewusste Elternschaft“ in „Eine neue Erde“ von Eckhart Tolle
  • beim Kind unterscheiden zwischen Wunsch und Bedürfnis: stört es meinen Sohn wirklich, dass das Schlummerlicht so nah an der Wand steht oder steckt ein anderes, tieferes Bedürfnis dahinter
  • Solche Bedürfnisse können sein: mehr Schlaf, mehr Nähe, mehr Körperkontakt, mehr Ruhe, weniger Termine, mehr Bewegung, mehr Termine, mehr Klarheit von den Eltern, mehr Frieden zwischen den Eltern, mehr Wahrhaftigkeit in der Familie, mehr Respekt vor meinen Vorstellungen, weniger Verabredungen mit Freunden, mehr Verabredungen mit Freunden …
  • überlegen: Was könnte das tieferliegende Bedürfnis des Kindes sein, wenn es fordernd auftritt und scheinbar gar nicht kooperativ ist?
  • Und: Wie kann ich dieses Bedürfnis so stillen, dass es nicht in Konflikt kommt mit meinen Bedürfnissen? Wann haben wir beide eine wirklich schöne Zeit miteinander? Wann entsteht Nähe?
  • Sich überlegen: Wo ist es mir wichtig, mich durchzusetzen (Höchstens zwei oder drei Punkte) und wo kann ich mich locker machen?
  • Was ist notwendig? Wendet es wirklich eine Not, wenn ich mein Kind zwinge, die Bauklötze wegzuräumen? (Nach Nicola Schmidt, Julia Dibbern: slow family, Weinheim 2016, Seite 218)

Das Faszinierende ist zu erleben, wie gerne Kinder einem folgen, wenn sie merken, dass der Erwachsene in seiner Mitte ist. Dann landen die Bauklötze schneller in der Kiste, als man gucken kann.
 
William Martin drückt es so aus:

Gelingt es dir, auch nur ein klein wenig
von deiner ständigen Sucht nach Kontrolle loszulassen,
wirst du auf ein erstaunliches Paradoxon stoßen.
Was du vorher erzwingen wolltest,
entsteht nun auf natürliche Weise.
Die Menschen um dich herum verändern sich plötzlich.
Deine Kinder legen von sich aus
ein angemessenes Verhalten an den Tag
und haben Freude dabei.
Das Lachen kehrt zu euch allen zurück.

(William Martin: Das Tao Te King für Eltern. Bielefeld 1999, Seite 50)
 
Und dann hole ich gerne die Trinkflasche oder rücke das Schlummerlicht, weil beide Seiten aus einer ganz anderen Haltung heraus agieren.

Kinder – niemand fordert so klar unsere eigene Weiterentwicklung ein wie sie.

 
Immer fröhlich darauf achten, dass ihr nah bei euch selbst bleibt. Nur so geht liebevoll führen.
Sind Kinder nicht genial, dass sie einem dazu verhelfen!?
Eure Uta
 
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  • Liebe Uta, danke für die guten Anregungen in diesem Artikel. Ich finde, hier beschreibst du sehr treffend und in positivem Licht, worum es in der bedürfnisorientierten Erziehung geht (nachdem ich in manchen deiner Artikel aus dem letzten Jahr eine eher kritische Sicht dazu wahrgenommen hatte). Danke dafür und liebe Grüße!

  • Ich glaube, ich bin so ein Gefühls-Kellner und mittlerweile ist mir wirklich das Tablett um die Ohren geflogen. Nun muss ich schauen, wie ich Kinder-Bedürfnisse und meine eigenen unter einen Hut bekomme denn wir wollen uns doch alle in unserer Familie wohlfühlen können.
    Danke für die vielen schönen Texte hier im Blog, ich freue mich immer wieder neu und entdecke auch ältere Artikel wieder neu für mich. Manches schmerzt, weil es so wahr ist und gleichzeitig so schwer aber ich lese immer wieder heraus, dass es Hoffnung gibt. 🙂 Danke dafür!
    Dana

  • Liebe Uta,
    ich bin gerade erst neu auf deinen Blog gestoßen und bin beeindruckt von diesem Artikel, der für mich sehr klar und selbstbewusst auf den Punkt bringt, dass bedürfnisorientiert für sein Kind da zu sein kein „Einbahnverkehr“ ist: die eigenen Grenzen sind ebenso wichtig wie die des geliebten Kindes!
    Ich habe in meinem Blog kürzlich einen Artikeln zu den Bedürfnissen hochsensibel empfindender Eltern geschrieben – vielleicht hast du ja Lust, ihn dir anzusehen: https://mutter-und-sohn.blog/2019/02/04/hochsensibel-eltern-sein-5-tipps-fuer-ein-gluecklicheres-familienleben/?
    Danke für deine klugen Gedanken!

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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