„Meine eigene Schulzeit war schrecklich“ 

 27/10/2020

Online-Coaching zum Thema "Hausaufgaben"

Im vorletzten Beitrag hatte ich angekündigt, dass ich mit Mechelke, Mama von zwei Grundschulkindern, zusammen die schwierige Hausaufgabensituation mit ihrer Tochter Joey (9) ergründen werde. 

Die Grundannahme meiner Coaching-Arbeit ist, dass unsere innersten Überzeugungen unsere Realität erschaffen. Deshalb habe ich Mechelke Fragen zur Situation, aber auch zu ihren Einstellungen zu ihrer Tochter und zur Schule allgemein gestellt. Dadurch möchte ich erreichen, dass Bewegung in die Situation kommt und Schulaufgaben in ihrer Familie weniger Stress auslösen. 

Mit welchen Einstellungen ihrer Mutter kooperiert Zoey? Wie ist in der Familie ein System entstanden, in dem Schulaufgaben als extrem anstrengend erlebt werden?

Hier ist unser erster Austausch: 

Mechelke: Wenn Zoey nach Hause kommt, fängt für mich oft der Stress an. Denn meistens findet sie in den ersten Sekunden nach der Türöffnung einen Grund zum Meckern oder veranstaltet ein Drama. Ich spüre, dass sie dadurch Stress abbaut. Ein bisschen so, wie das kleine Kind, was bei der Abholung im Kindergarten anfängt zu weinen, obwohl augenscheinlich gar nichts ist, um die Anspannung loszulassen.

Der Vormittag war eine Herausforderung, sie war angepasst, hat sich an Regeln gehalten, hat sich immer wieder dazu gebracht still zu sitzen, ist Themen gefolgt, die sie vielleicht nicht sehr interessieren, hat den Erwartungen der Lehrer entsprochen, kurz hat viel gemacht, was nicht unbedingt dem Naturell von ihr entspricht. Auch wenn ich das weiß, und auch wenn ich mit ihrer Laune rechne, macht das natürlich wenig Spaß.

Uta: Kannst du sicher sein, dass sie dadurch Stress abbaut? 

Mechelke: Nein, kann ich nicht. Ich kenne das nur aus meinen Lehrbüchern und aus meinem Arbeitsalltag, dass Kinder weinen, wenn sie abgeholt werden und plötzlich nicht mehr die Schuhe alleine anziehen wollen, weil sie die Nähe von Mama und betüddelt werden wollen. Daher gehe ich davon aus, dass sie mich als Stresskanal nutzt. Klingt irgendwie besser, als dass sie genervt davon ist, mich zu sehen.

Uta: Hat sie wirklich Stress in der Schule? Wie kommst du darauf?

Mechelke: Ich weiß es natürlich nicht genau. Aber sie wird sehr dafür gelobt und hervorgehoben, dass sie die soziale Struktur in ihrer Klasse hält und jedes Kind, besonders das Kind mit schwerer Behinderung, im Blick hat. Ich glaube, das ist eine große Herausforderung für eine Neunjährige.

Stillsitzen ist für Kinder grundsätzlich eine Herausforderung und des Weiteren ist sie bestimmt unterfordert. Im letzten Schuljahr hat sie die Matheolympiade aus der nächsthöheren Klasse mit Abstand gewonnen und muss trotzdem den Stoff aus ihrer Klasse „lernen“. 

Ein anderer Punkt ist, dass sie sehr wissbegierig ist und ihr die Sachen häufig zu theoretisch sind. Wobei die Lehrer sich wirklich große Mühe geben, einen praktischen Teil anzubieten.

Foto von Andrea Piacquadio von Pexels

Uta: Was denkst du über Schule?

Mechelke: Ich finde Schule - wie sie heute noch vielfach läuft - ist überflüssig. Die Studienergebnisse über intrinsische Motivation zeigen es deutlich (siehe in dem Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“ von Sabine Czerny, München 2010). Auch Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt, dass wir nach einem Jahr den Großteil des Stoffes nicht mehr draufhaben, dass Kinder in der Schule von heute keinen Spaß am Lernen haben, ja, es sogar negativ bewerten und dass das „out-of-the-box“-Denken fast verloren geht. Da kann doch was nicht stimmen. Wenn Themen in 45-Minuten-Abschnitte gestückelt werden, wenn die Klassen riesig sind, wenn Themen vermittelt werden, die mit der Lebenswelt der Kinder nichts zu tun haben, wenn sie Dinge nur lernen, weil sie den Lehrern gefallen wollen, … Und wir wissen diese Dinge seit Jahrzehnten. 

Für mich war der Unterschied zwischen Kita und Schule erschreckend und vielleicht auch die größte Unterbrechung zum Thema Schule, als ich als Erzieherin vom Kindergarten in die Ganztagsschule gewechselt bin. Die Kinder waren nur zwei bis drei Jahre älter als im Kindergarten, haben aber schon gesprochen wie Erwachsene: „Ich habe Migräne, ich habe Bauchschmerzen, ich bin im Stress…“ Die Lust an Neuem, die Neugier war meistens nur noch in den Pausen zu spüren. Das hat mich so erschreckt, dass ich, gerade schwanger, gar nicht wusste, was ich sagen sollte. 

Ich habe alle Elternabende am Beginn der Schulzeit ausgelassen, damit ich Zoey mit irgendwelchen negativen Gefühlen meinerseits verschonen kann, falls ich die Lehrer doof finde.

Unsere Lehrerinnen sind toll und Zoey geht zum Glück sehr gerne zur Schule. Aber ich bin schon auf der Suche nach einer anderen „freien“ Schule.

Meine eigene Schulzeit war in den höheren Jahrgängen schrecklich. Ich hatte es aber gut drauf, den Lehrern zu geben, was sie wollten, bis ich dann in der Oberstufe fast gar nicht mehr da war. Ein Glück hat auch keiner nach mir gefragt. Ich habe dann Fachabitur gemacht und den praktischen Teil dafür in einer Tischlerei absolviert. Kurzum, meine tiefste Überzeugung über Schule lautet: Schule ist überflüssiger Mist.

Uta: Du schreibst, dass Zoey dich meistens anmeckert, wenn sie aus der Schule kommt. Und klar - so ein Vormittag in der Schule kann anstrengend sein. Aber mit welchem Recht lässt sie es an dir aus? Gibt es keine anderen Möglichkeiten zu entspannen?

Mechelke: Sie hat sicherlich kein Recht dazu, mich so zu behandeln. Das spiegele ich ihr auch wieder. Sie weiß das und meistens will sie es auch nicht und sie kann sich selbst nicht erklären, warum sie so handelt. Das lässt sie häufig verzweifeln. Und trotzdem möchte ich lieber, dass sie es an mir auslässt als an ihrer jüngeren Schwester, die es sonst (auch körperlich) abkriegen würde. 

Die Möglichkeiten sind begrenzt. Es geht tatsächlich schon los, wenn ich nur die Tür aufmache, völlig egal, wie ich mich fühle. Was gibt es zum Essen? Und wenn ich dann das Essen nenne, was sie sich gewünscht hat, findet sie trotzdem einen Grund zu meckern. Manchmal spielen wir die Szene nochmal in „freundlich“ nach. Das hilft immer, wenn sie sich darauf einlässt.

Ich habe den beiden erlaubt, den Schulweg als Trödelzeit zu nutzen. Die Kinder dürfen sich Zeit lassen, sich mit einer Freundin verquatschen oder auf dem Spielplatz die Energie loswerden, die sich bei so einem hauptsächlich sitzenden Vormittag anstaut. 

Heute haben wir uns zum Meditieren verabredet. Das habe ich noch nie mit ihr zusammen ausprobiert.

Uta: Und wozu lässt du das mit dir machen?

Mechelke: Das ist eine gute Frage. Lass ich das mit mir machen? Ich sage ihr ganz klar, dass ich nicht in dieser Art angesprochen werden möchte. Sie tut es trotzdem immer und immer wieder und wenn ich ehrlich bin, hasse ich sie manchmal dafür, dass sie die Stimmung in der Familie so häufig nach unten zieht. Und dann denke ich: „Aber ich, Mechi, bin doch der Contexthalter* der Familie. Wieso gelingt es mir nicht, dauerhaft erfüllt mit ihr zu sein? Wozu lasse ich mich so von ihrer Laune beeinflussen?“ Die Geißel lass ich aber mittlerweile im Schrank!

Es ist häufig so unfassbar anstrengend mit ihr. Im Moment ist meine Lösung, sie häufig zu verabreden, dass sie viel Kontakt mit ihren Freundinnen hat, also viel kreativ (ohne Vorgaben) spielt und ihre sozialen Fähigkeiten ausbaut. Denn sie liebt es und ist in dieser Zeit sehr glücklich. Auf der anderen Seite nehme ich mir auch bewusst Zeiten mit ihr, in denen sie entscheiden darf, was wir beide machen. Meistens ist das etwas Kreatives, das uns beiden dann sehr, sehr viel Spaß macht.

Und was wäre eine Konsequenz? Ich weiß es nicht. Von Strafe halte ich nichts. Die Konsequenz muss nachvollziehbar für sie sein. Wenn ich merke, dass meine Stimmung kippt, dann sage ich: „Zoey, ich gehe kurz ins Wohnzimmer und wenn du kuscheln möchtest, kannst du ja rüberkommen.“ Ich schwanke dazwischen, ihre Gefühle auszuhalten, weil ich weiß, dass ich nicht der Adressat bin, aber leider der Empfänger, dass sie ihre Gefühle erfahren darf, ohne dass ich sie werte, dass sie sie ausleben darf, so dass sich nichts in ihr verfestigt, versteift. Und dann wieder die Fragen, ob ich sie stoppen sollte und ab wann ich mich selber schützen sollte. „Wutschieben“ half eine Zeitlang, auch unter den Geschwistern, sehr gut. Dazu steht man sich gegenüber, legt die Hände aneinander und schiebt den anderen mit aller Kraft durchs Zimmer.

Wenn ich nicht mehr kann, weil es morgens schon Stress gab, ich vielleicht noch meine Tage bekomme, weine ich dann auch manchmal und dann fühlt sich Zoey schlecht und schlägt sich selber und sie sagt, sie wäre so doof. Das finde ich schrecklich. 

*

*Contexthalter = die Person, die den Rahmen vorgibt und hält; eine Leitfigur für die Familienkultur und -stimmung

Danke, liebe Mechi, dass du so offen und ehrlich über eure Situation schreibst! 

Zu den Antworten von heute werde ich Mechi neue Fragen schicken. Es geht darum zu untersuchen, ob die geäußerten Überzeugungen funktionieren für mehr Leichtigkeit bei den Schulaufgaben von Zoey oder ob ein Wandel denkbar ist. Den nächsten Austausch werde ich wieder hier veröffentlichen. 

Immer fröhlich bleiben,

Eure Uta

  • Hallo. Wir haben genau das gleiche Problem. Obwohl es bei uns weniger um die Hausaufgaben, sondern mehr um Schule allgemein geht. Unsere Tochter ist 7 Jahre alt und in der zweiten Klasse. Sie kommt ebenfalls nach Hause und ist nur am Meckern, Motzen und Unzufrieden-Sein mit allem. Ich habe auch das Gefühl, dass sie Druck ablässt. Die Corona Pandemie hat bei uns die Lage noch verschlechtert. Es ging so weit, dass unsere Tochter regelrechte Ausraster hatte. Es gibt jetzt schlechte und bessere Tage, aber ganz harmonisch ist es nie. Ich bin sehr gespannt auf euer weiteres Gespräch. Liebe Grüße Dominique

  • Hallo liebe Mamas, das, was ihr da berichtet, kommt mir sehr bekannt vor. Sowohl die Abholkatastrophen vom Kindergarten als auch das große Bedürfnis nach Ruhe und Selbstfindung, aber auch nach Austausch nach der Schule.
    Am meisten fordert es mich heraus, den unterschiedlichen Bedürfnisse von zwei Schulkindern, einem Zweijährigen und meinen eigenen in so explosiven Zeitfenstern Raum zu geben.
    Und doch gelingt es mir immer besser. In erster Linie, weil wir immer wieder besprechen, dass wir andere nicht als Blitzableiter für unsere Emotionen benutzen und zum anderen, weil alle immer mehr Verantwortung für ihr Wohlbefinden erlernen. Das bedeutet dann zum Beispiel, dass sich die Älteste noch vor einem gemeinsamen Mittagessen für eine Ruhezeit in ihr Zimmer zurück zieht.
    Am hilfreichsten für uns sind Erkenntnisse aus der Hochsensiblenforschung und die Möglichkeiten, die das in unserem Alltag bietet.
    In der Mittagssituation klappt das schon ganz gut in der blauen Sunde um das Abendessen ist es noch deutlich schwieriger.
    Liebe Grüße Cathrin

  • Hallo!
    Respekt! Sehr überlegt und kontrolliert. Und was sagt der Bauch? Mal so ganz ohne das pädagogische „Drumherum“ zu reflektieren? Mir hilft es ja in solchen Situationen mir ganz unpädagogisch vorzustellen, meinem Kind ein herzhaftes „Du A***“ entgegenzusetzen.
    Meinjanur. Die SteffiFee

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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