Überraschungen auf dem Weg zum Gartentraum
Nein, wie das Titelbild sieht unser Garten bisher nicht aus. Wir haben zwar auch eine dunkle Hecke, aber sie hat keine Öffnung. Und eine Kolkwitzie wie vorne links auf dem Foto ist bestellt, aber noch nicht angekommen. Unsere Hecke ist aus Buchs, undurchlässig wie eine Wand und struppig, weil Polly sich immer durchquetscht. Düster wirken auch die Scheinzypressen, die bei uns dahinter eine dunkle Wand bilden. Wenn wir vom Esszimmertisch in den Garten schauen, wird der Blick nach wenigen Metern vom dem Wall aus Buchs und Zypressen ausgebremst. Man könnte meinen, wir wohnten an einem Friedhof.

Als die Idee keimte, das Grundstück hinter der Hecke zu kaufen, freute ich mich vor allem auf einen freien Blick. Statt dieser Wand aus Buchs und Zypressen möchte ich Sichtachsen, Wege, die sich zwischen bunt flirrenden Beeten hindurchschlängeln, ich möchte Bäume, die Tore bilden und eine Lichtung mit Wildblumen, die warm aus der Ferne leuchtet.
Ich weiß, wir haben hier nicht den Stadtpark. Aber bei Beverly Nichols, dem britischen Blumenschwärmer, habe ich gelesen, wie man auch kleine Gärten optisch größer wirken lassen kann. Schließlich hat er es bei einem Grundstück geschafft, das scharf zulief wie eine Spitzhacke.
Brief an Vorbesitzer
Als wir beim früheren Eigentümer der Fläche darum warben, das Stück Garten kaufen zu können, schrieb ich. „Unsere Kinder sind 25 und 28 Jahre alt und Enkel nicht in Sicht. Aber uns gefällt die Vorstellung, dort eines Tages mit Kindern Erdbeeren zu ernten oder Kartoffeln auszugraben.“ Ich wollte Bilder erzeugen von kleinen Gärtnern mit Saft verschmierten Mündern, die trunken von Fructose neben dem Klatschmohn in die Wiese plumpsen.
Dabei habe ich es mehr mit Blumen als mit Obst und Gemüse. Ich bin nicht der Mensch, der Stroh zwischen Erdbeerrabatten verteilt oder mit Nachbarn um den größten Kürbis wetteifert. Ich möchte lustwandeln, nicht einkochen. Und die Enkel sollen sich eines Tages erinnern können, wie sie im Garten der Hamburger Großeltern Verstecken gespielt und uns in der Laube in winzigen Tassen Rosenblätter-Tee serviert haben.
Neue Feinwurzeln
Der Kettensägenmann wird sich also der Wand aus Scheinzypressen annehmen. Und die große Buchshecke muss auch weg. Wir haben den Ehrgeiz, sie zu versetzen. Dazu muss man im Frühjahr- das habe ich gelesen - einen Graben um die Hecke schaufeln, ihn mit frischer Erde auffüllen und gut wässern, damit sich neue Feinwurzeln bilden und die Pflanzen nach dem Umsetzen im Herbst besser anwachsen.
Wahrscheinlich schaffen wir das erst im nächsten Jahr. Alles scheint bei uns sehr langsam zu gehen. Ganz anders als auf Instagram. Wenn ich dort Videos von Gartenumgestaltungen sehe, wird mir ganz schwindelig. Da kreisen Leute mit einem Spaten, der mit einem Meter Abstand an einen großen Baum geleint wurde und ihnen wie ein riesiger Zirkel dient, um den Stamm und stechen in Windeseile einen Kreis ab. Klar haben sie gleich die passende Folie zur Hand, legen damit die flache Grube aus, schütten auf die Fläche Rindenmulch, der direkt neben ihnen steht wie die Schale mit vorgeschnittenen Zwiebeln in einer Kochsendung. Eine Bank, als Bausatz geliefert und häppchenweise bereit gelegt, wird im Zeitraffer um den Stamm gebaut. Und gefühlt fünf Minuten später sitzen die Leute im Mulch unter ihrem Baum und trinken Kaffee.
Schnittschutzhose
Man könnte meinen, solche Videos entmutigen uns. Aber nein! Wenig später steigt mein Mann in seine Schnittschutzhose, ich schlüpfe in die alte Wachsjacke und schon krabbeln wir zwischen Buchshecke und Scheinzypressenwand und schneiden einen kleinen Weg dazwischen frei. Jetzt kommt man besser an den Maschendrahtzaun, der ja versetzt werden soll.

Das klingt so einfach wie in einem Insta-Clip. Dabei bin ich in der vergangenen Woche schon dreimal zum Recyclinghof gefahren und habe sechs Säcke mit zusammen gepressten Nadeln weggefahren. Die Nadeln stammen von den zwei großen Mammutbäumen, deren Neu-Besitz uns sehr stolz macht. Solche stehen sonst nur im botanischen Garten und im Yosemite Nationalpark in den USA. Als Tourist kann man sie dort bewundern, aber als Gärtner verflucht man sie auch. Denn sie nadeln wie verrückt. Knietief haben sich die Nadeln am Maschendraht aufgehäuft, wie eine rotbraune Welle, die sich leider bei Ebbe nicht zurückzieht, sondern borstig an der Grenze verharrt. Nicht nur am Maschendraht, sondern überall. Die Nadeln sind nicht seidig-glatt wie die von Kiefern, sondern rau mit Widerhaken. Damit schaffen sie es bis in unsere Gummistiefel und verhaken sich in den Socken, in den Haaren, am Hund. Wenn wir endlich Kaffee trinken wollen - nicht im Mulch, sondern im Haus - sitzen wir eine Weile auf der Klavierbank und pulen die Nadeln von den Socken und aus den Pullovern.
Kopf blutig
Um hinter die Hecke zu kommen, mussten wir uns an einem wirren Strauch vorbei kämpfen. Mein Mann stieß sich dabei an einem seiner dicken Äste den Kopf blutig. Gleich griff er zur Säge und entfernte den Missetäter, also nicht den ganzen Strauch, sondern den dicken Ast, der sich mit ihm angelegt hatte. Krachend sank das verknotete Holz in die Wildnis. Und wie es so da lag, konnte ich feststellen, dass sich an seinen dünnen Zweigen in der Spitze gelbe Blüten zeigen. Meine Pflanzen-App identifizierte sie als der Kornelkirsche, Corpus mas, zugehörig. Welch eine Entdeckung! In meinen Gartenbüchern wird der Strauch als wichtiger Beitrag für die Bio-Diversität gefeiert. Denn er bietet mit seiner frühen Blüte im Jahr verschiedensten Bienen reichhaltig Nahrung und ist für die Natur von viel größerem Wert als zum Beispiel die Forsythie. Auch für die blutige Beule des Kettensägenmannes fand ich eine Erklärung: das Holz der Kornelkirsche ist so hart, dass es für die Griffe von Werkzeugen verwendet wird.

Reich an Nektar: Blüte der Kornelkirsche
Zum Glück macht diesem Wildgehölz ein kräftiger Rückschnitt nichts aus. Im Herbst wird mein Mann sein Hühnchen mit dem Strauch rupfen und im nächsten Frühjahr können die Bienen und wir auf mehr gelbe Blüten hoffen, als jetzt in diesem Gewucher aus Zweigen und Efeu zu erkennen ist.
Ich will damit nur sagen, dass jedes Ereignis Fluch und Segen in sich birgt und man schöne Überraschungen erlebt, wenn man den Blick auf ferne Lichtungen von Friedhofsgewächsen befreit.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta
PS: Wundert ihr euch über meine Titelbilder? Ich nehme meist etwas Hübsches aus dem Canva-Archiv, das unserem Traumgarten nahe kommt. Auf unserem neuen Grundstück gibt es noch nicht viele attraktive Motive, geschweige denn Vorher-nachher-Bilder. Zwischen den Text-Blöcken aber zeige ich den Zustand unserer Wildnis in echt, damit ihr euch ein Bild machen könnt. Das nur als Transparenz-Hinweis.


