Über Polly, ihr Bellen und die Magie der inneren Stärke
Da der Hund im weitesten Sinne zum Garten gehört, darf ich hier über ihn schreiben. Dreieinhalb Jahre ist Polly alt. Nachdem wir in ihrer Welpenzeit viel Geld und Nerven in der Hundeschule gelassen haben, hielten wir uns für Experten der Hundererziehung. „Eigentlich ist es ganz einfach“, höre ich mich in der Erinnerung sagen, „man muss nur konsequent sein und klar machen, wer der Chef ist.“ Mit Scham denke ich zurück, wie arrogant ich durch den Park spazierte. Jemand rief vergeblich seinen Labradoodle, schon posaunte es in meinem Kopf. „Tja, wohl in der falschen Hundeschule gewesen!“ Und man hätte mich die Nase rümpfen sehen, wenn ich Leute mit Ausziehleine begegnete. „Tse, es weiß doch wohl jeder, dass die Gift sind für eine vernünftige Leinenführung!“
Sportlicher Spaniel
Die Pubertät mit Polly haben wir gut überstanden. Keine Diskussionen mehr, wem der Kaschmirschal gehört (mir!) oder der beste Platz auf dem Sofa. Allerdings muss ich Jogger erwähnen, etwa ein halbes Dutzend, die sie mit ihrem Jagdtrieb zu Bestzeiten beschleunigt hat. Ich will nicht sagen, dass Jogger sich nun vollständig sicher fühlen können. Aber wenn wir den richtigen Zeitpunkt erwischen, den sportlichen Hund bei Fuß zu halten, verliert niemand seinen Laufrhythmus.

Nach dem Spaziergang im Körbchen, aber bei weitem nicht erschöpft
Soweit, so gut, wären da nicht ein paar Verhaltensweisen, die neu aufgetreten sind oder sich verschlimmert haben. Bei Besuchern zum Beispiel. Jede Begrüßung, jedes Blumenüberreichen, jedes Helfen aus dem Mantel geht in wütendem Gebell unter. „Bitte den Hund nicht beachten“, schreie ich im Flur. „Was hast du gesagt?“, brüllen die Besucher, während Herrchen versucht, zwischen all den Beinen, Hund und Halsband zu erwischen und ins Körbchen zu bringen. „Setzt euch bitte schnell. Meistens beruhigt sie sich dann.“ Selbst wenn wir zu einem feierlichen Essen einladen, verzichten wir längst auf Tischkärtchen. Es dauert in dem Lärm viel zu lange, bis jeder gelesen hat, wo sein Platz ist.
Ihr Freund Cooper
Gerade ist das Wetter denkbar ungünstig, um im Garten zu arbeiten. Es regnet auf die Schneereste, die Säcke für den Baumschnitt müssen wir mühsam durch den grauen Matsch ziehen und der Wind treibt die Nadeln von den Mammutbäumen durch die ganze Wildnis. Aber wir drücken auf das Tempo. Der Grund ist Polly. Wegen ihr wollen wir bald alle Zäune gezogen haben. Sonst ist sie in Null-Komma-Nix bei ihrem Freund Cooper, dem Australien-Shephard in der Nachbarschaft. Und die beiden brennen zusammen durch bis an den Elbstrand.
Polly ist natürlich herzallerliebst. Wir lieben sie in einem Maße, dass es zuweilen gesund ist, uns gegenseitig darin zu begrenzen. Als es ihr im vergangenen Sommer über mehrere Tage schlecht ging, weil sie offenbar beim Spaziergehen etwas Verdorbenes aufgeschnappt hatte und sie so kraftlos war, dass sie nicht einmal die Treppe hinunterkam, konnte ich kaum mehr schlafen. Solche Notfälle ereignen sich immer am Wochenende, wenn sich unsere Tierärztin auf einer Fortbildung befindet. Der Kettensägenmann trug Polly ins Auto und wir fuhren zu einem tierärztlichen Notdienst. Mit einem kraftlosen Bündel Hund saßen wir im Wartezimmer. Mir war ganz übel. Eine Untersuchung nach der anderen musste sie über sich ergehen lassen, bis der beste aller Männer sagte: „Jetzt ist es genug.“ Mit einer Tüte voller Medikamente und einem schwachen, aber erleichterten Hund fuhren wir nach Hause. Von Tag zu Tag ging es ihr ganz langsam besser. Eine solche Erfahrung ist wie ein Weichspüler für die Erziehung. Danach haben wir wohl nachgelassen in der klaren Führung.
Gepflegte Feindschaft
In unserem Wohngebiet leben viele Hunde. Mit den meisten ist sie befreundet. Mit Loki, Titus, Resi, Sally, Kosta, Arthur, Lotte, Fiete, Biene und Phoebe. An anderen Artgenossen läuft sie achtlos vorüber. Aber es gibt in unserer Gegend einen Wolfsspitz. Wenn sie den nur am Horizont erblickt, rastet sie völlig aus. Neulich bei Glatteis hätte sie mich fast umgerissen.
Ich erzähle das, weil gerade eine solche Wolfsspitz-Begegnung mir eine interessante Erfahrung ermöglicht hat. Kurz vorher hatte ich eines der vielen Hunde-Trainings-Videos gesehen, die es im Internet gibt. Nicht, dass ich nicht schon Dutzende solcher Clips gesehen hätte. Aber in dem Besagten ging es um die innere Haltung des Hundebesitzers bei der Begegnung mit anderen Hunden.
Wie Magie
Die innere Haltung, die eigene Sicherheit und Klarheit - welche Wirkung das zeigt, hat mich schon im Umgang mit Kindern total fasziniert. Nun trat ich also - innerlich von dem Video gestärkt und mit mir und der Welt so sehr im Reinen, wie ich es selten erlebe, - mit Polly den nächsten Spaziergang an. Kaum waren wir um die erste Ecke gebogen, begegneten wir dem Wolfsspitz und seinem Frauchen. Ich blieb ruhig, hielt die Leine kurz, aber locker, ging einfach weiter, grüßte freundlich … Und was soll ich sagen? Polly machte nur einmal kurz "Wuff" und blieb an meiner Seite. Es war wie Magie.
Die Magie hat sich wieder verflüchtigt. Danach gab es Rückfälle. Aber ich bleibe der Lösung dicht auf der Spur. Für Übermorgen haben wir eine Hundetrainerin gebucht. Ich bin sehr gespannt, ob sie uns unsere Sicherheit zurückbringen kann, und werde berichten.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta


