Warum wir an unserer alten Laubenbank festhalten
Wir besitzen eine alte Laubenbank, dick überwuchert von Knöterich. Wenn ich im Sommer dort sitze und lese, rieselt immer etwas aus dem Dickicht in meine Haare. Aber das macht nichts. Denn ich liebe dieses geborgene Gefühl unter dem Dach aus Zweigen und Blättern. Außerdem kann ich zum Schutz den Strohhut tragen, den meine Mutter mir geschenkt hat.
Die Bank ist bestimmt 20 Jahre alt. Immer mal wieder haben wir ein Brett ausgetauscht, wenn eines morsch geworden war. Und das Eisengestell habe ich vor zwei oder drei Sommern neu gestrichen, damit es nicht völlig durchrostet.
Jane-Austen-Feeling
Beim Hersteller gibt es diese Bank nicht mehr. Und solche viktorianischen Exemplare aus Holz mit geschnitzter Überdachung und Jane-Austen-Feeling könnte ich aus dem Vereinigten Königreich bestellen. Aber selbst der Kettensägenmann, die personifizierte Großzügigkeit, würde bei solch einer Abbuchung auf dem Konto zum Wutgärtner und mehr roden, als mir lieb ist.
Nun steht die alte Laube genau dort, wo sich in Zukunft ein Pfad in die Wildnis schlängeln soll. Efeu hält sie fest umschlungen. Es scheint ein Wettbewerb zwischen ihm und dem Knöterich zu geben, wer die dickeren Äste wie ein Korkenzieher um die Stäbe windet und kräftiger an der Klematis würgt, die bei diesem übermächtigen Gegner nur noch zwei bis drei Blüten durch das Dickicht bringt.

Das Foto stammt aus einem guten Klematis-Jahr. Sonst zähle ich höchstens drei Blüten.
In jedem Frühjahr mühe ich mich ab, zumindest zu verhindern, dass der Knöterich in den Mammutbaum wächst, der rechts dahinter aufragt. Ich werfe die Harke mit dem gefährlichen Dreizack wie eine Speerwerferin in das grüne Dunkel über mir. Wenn sie an einer günstigen Stelle Halt im Knöterich-Gespinst findet, setze ich meine ganze Sprungkraft ein, greife nach dem unteren Ende des Stiels und hänge mich an die Harke. In einem Niederschlag aus Nadeln und Blättern sinke ich zu Boden und kann die Schlingen aus dem Baum ziehen. Ich schreibe von dieser Turnübung, um deutlich zu machen, wie sehr die Laube im alten Garten fest gewachsen ist.
Als ich vor Jahren von dem neuen Garten träumte, verlief mittig in dieser Vision ein Weg, auf dem der Kettensägenmann und ich am Abend flanieren, über die Blüten der Mondviolen an seinem Rand streichen und wir uns an seinem Ende glücklich seufzend auf eine Bank sinken lassen könnten. Ich dachte dabei an eine Sitzgelegenheit wie diese.

Ich finde sie wunderschön, möchte aber wie der Efeu und der Knöterich an der alten Bank festhalten. Da habe ich mit Freundinnen gesessen und mit Mann und Kindern sowieso. Für die Katzen diente sie als Sprungbrett in den Garten dahinter und als Hintergrund für ein Foto-Shooting mit meinem jeweils neuesten Buch.
Die alte Laube darf also bleiben, muss allerdings an einen anderen Platz. Dumm gelaufen, Knöterich! Einen ganzen Nachmittag habe ich damit zugebracht, dich und andere Schlingpflanzen zu entfernen. Ich habe geschnitten, gezogen und gezerrt, die hölzernen Umklammerungen gelöst wie einzelne Finger, die verzweifelt an etwas festhalten. Schließlich war das eiserne Gestell befreit. Es steht jetzt nackt dort, gleich einem Ausstellungsstück für Rankhilfen, keine lauschige Laube mehr.

Aber nicht verzagen, liebe Pflanzenfreunde! Nach seinem Umzug soll das Gestell neu bepflanzt werden. Nur Knöterich kommt mir nicht mehr in den Garten. Wie schreibt Paula Almqvist: „Ein Liebling des hastigen Gärtners ist der Knöterich. Passabel, wenn angepflanzt, um eine stattlicher Mülleimer-Kolonie im Waschbeton-Gehäuse zu kaschieren. Aber eine verhängnisvolle Affäre, falls jemand gedachte, damit einen zierlichen Pavillon zu umspinnen.“ *
Nie wieder Knöterich also, aber eine neue Klematis und zwei oder drei Kletterrosen kann ich mir gut an der Laube vorstellen. Besonders die Rosen können es im Tempo nicht mit Knöterich aufnehmen. So werden wir lange warten müssen, bis wieder ein schützendes Dach gewachsen ist. Aber es wird sich lohnen. Eines Tages sitzt dort unter einem Baldachin aus Blüten ein greises Dornröschen mit seinem Prinzen.
Pfeilgerade Schneise?
Bleibt nur die Frage, wohin mit dem Laubengestell? Erst gestern Abend las ich in einem Gartenbuch den Satz „Spannung entsteht da, wo die Natur auf eine gerade Linie trifft.“** Ein Weg, angelegt mit Hilfe einer gespannten Schnur, daneben rechts und links bunter Wildwuchs, das hätte was. Und am Ende des Weges hätte die Laubenbank ihren großen Auftritt. Allerdings stehen in der Mitte drei Obstbäume, völlig desinteressiert an Geometrie. Sollte sich der Pfad bis zur finalen Bank lieber schlängeln, als eine pfeilgerade Schneise zu schlagen? Wäre das Schmuckstück bei guter Obst-Ernte überhaupt zu sehen? Statt Sicht-, eine Dichtachse?

Auf der Skizze seht ihr einen möglichen Platz für die Laubenbank. Die Hecke und die Zypressen kommen natürlich noch weg. Die drei Obstbäume, die sich dem schnurgeraden Pfad in den Weg stellen, habe ich nicht eingezeichnet. Das wäre zu unübersichtlich geworden.
Über Ostern wollen wir uns Zeit nehmen, mit Schläuchen und Seilen die Verläufe von Wegen und Beeten zu legen. Die Laubenbank ist schwer zu tragen, aber stattdessen nehmen wir zwei Stühle und werden an verschiedenen Stellen auf dem neuen Grundstück Probe sitzen.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta
* Paula Almqvist: Mitteilungen aus meinem Garten. Frankfurt am Main 2011, Seite 32
** Wahrscheinlich ein Satz der Gartenarchitektin Gabriella Pape, erwähnt in dem Buch "Die Damen mit dem grünen Daumen" von Claudia Lanfranconi und Sabine Frank, München 2008, Seite 142



Ich liiiiebe Deine Texte, liebe Uta und ich hoffe sehr, dass noch sehr viele Buchcover von Dir auf dem Bänkchen geschossen werden (bevor Du Dich darauf als greises Dornröschen zur Ruhe setzen wirst)!!
Was für eine Freude! Danke, Nicolle, für deine Worte!