Wie ich mich selbst unter Druck setzte, damit wieder aufhörte und dieser Blog zum Glückskeks wurde
Drei Tage war ich verreist und habe meine Eltern besucht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, vorher noch die Annabelle-Hortensien von der alten Grenze nach hinten auf das neue Grundstück zu setzen. Dazu musste ich in der Wildnis Giersch herausreißen, alles umgraben, Wurzeln von was auch immer aus dem Boden zerren und Steine aus dem Erdreich lesen. Eine schweißtreibende Arbeit.

Lieber Haselnusstrauch, hoffentlich nimmst du es mir nicht allzu übel, wie ich mit deinen Wurzeln umgegangen bin.
Die Hortensien, die sich im alten Garten mit dicken Wurzeln an ihrem alten Platz festkrallten, bearbeitete ich grob mit dem Spaten. Denn ich hatte es ja eilig. Koffer packen, Kuchen backen, Einkaufen, dem Hund noch ausreichend Auslauf bieten … „Geh schon raus, du dummes Ding!“, beschimpfte ich die arme Annabelle, die bei der Tortur schon Zweige gelassen hatte. Endlich hielt ich inne.

Noch sieht sie vital aus. Aber mit mehr Geduld hätte ich die Annabelle oder Schneeballhortensie tiefer und weiter ausgegraben
Es darf doch nicht wahr sein. Da steckt man mitten in seinem Traum-Projekt und könnte den ganzen Tag freudvoll schreiben, Wurzeln liebevoll aus der Erde pulen oder eben fröhlich eine schöne Reise vorbereiten. Aber dann setzt man sich unter Druck, nimmt sich viel zu viel vor und bestraft sich am Ende mit schlechten Gefühlen, weil man angeblich nicht genug geschafft hat.
Häufigstes Selbstbild
„Ich bin nicht gut genug!“ Das ist wohl das am meisten verbreitete Selbstbild, das Menschen plagt. Und es ist ein Leichtes, es für alle Zeiten in Stein zu meißeln. Man muss sich nur ständig zu viel vornehmen.
Bei unserem Gartenprojekt gibt es keine Eile. Wir sind völlig frei, es in einem Jahr, in zwei oder fünf Jahren fertig zu stellen. Was heißt denn überhaupt fertig bei einem Garten? Alle Wicken sind ausgesät, zwanzig Sonnenhüte gepflanzt und der Rasen ausgerollt? Wir schlagen das Alte Land bei der Apfelernte? Wir öffnen den Garten für Besucher und niemand findet auch nur ein Fitzelchen Unkraut?

Die Wicken sollen das Regenrohr mit ihren rosa Blüten verdecken. Noch stehen zu viele in den beiden Töpfen. Heute werde ich sie pikieren (vereinzeln). Das habe ich noch nie gemacht. Aber ich werde es mit mehr Hingabe tun als bei der armen Annabelle
Wie die wilden Brombeeren, die das Erdreich neu durchdringen, wo wir längst gerodet haben, kann Stress das schönste Vorhaben durchdringen, wenn man nicht aufpasst. Ich sollte längst Kompost für das Beet „Think pink“ besorgt haben. Ich muss unbedingt klären, ob alle Stauden lieferbar sind. Die kleine Buchs-Hecke braucht dringend Algenkalk. Ein neuer Blogbeitrag ist auch fällig. Denn der Algorithmus bestraft die Müßigen. Wenn ich nur selten etwas poste, haben meine Beiträge nur wenig Chancen, von vielen Menschen gefunden zu werden. Und was denkt ihr bloß über mich? Die sitzt zu Hause, tätschelt den Hund und liest Jane Austen?
Ich sollte, ich muss …. Erschreckend, wie schnell sich das wieder einschleicht.
Ich habe das Garten-Projekt und den Blog neu gestartet, um daran zu erforschen, wie sich jeder Tag erfüllend und mit möglichst viel Freude gestalten lässt und wie sich all diese Tage schließlich zu einem gelingenden Leben summieren. Was ich dabei lerne, werde ich ab jetzt in jedem Beitrag in einem „Happiness-Impuls“ festhalten. Hier ist der erste:
Happiness-Impuls:
🧚🏼♀️ Der Tag wird deutlich schöner, wenn ich mir nicht zu viel vornehme. Einfach ein oder zwei Punkte beherzt von der To-do-Liste streichen und ersetzen zum Beispiel durch „Eine Tasse Kaffee und einen Keks im Sonnenfleck zwischen den Apfelbäumen genießen“. Wenn ich mich dazu durchringe, merke ich jedes Mal, wie sofort die Lebensqualität steigt.
🧚🏼♀️ Sich den übrig gebliebenen Aufgaben mit Hingabe widmen. In zehn oder zwanzig Jahren werde ich wahrscheinlich kein Beet mehr so kraftvoll umgraben können wie heute. Ich möchte nicht später im Sessel sitzen und mir vorwerfen, die Arbeiten, die ich dann nicht mehr tun kann, nicht ausreichend genossen zu haben. „Ach, hätte ich doch …“
🧚🏼♀️ Gedanken, die mit „Ich sollte“ oder „Ich müsste“ beginnen, dem unterziehen, was ich den Sterbebett-Test nenne: Werde ich mal auf dem Sterbebett liegen und bereuen, die Annabelle nicht drei Tage früher versetzt zu haben? Ganz sicher nicht. Aber ich würde bereuen, mir permanent durch zu hohe Erwartungen selbst eine schlechte Zeit gemacht zu haben.

Jetzt bleibt, viel zu gießen und abzuwarten, ob die Annabelle in ihrem neuen Beet in der Wildnis anwächst
Immer fröhlich die To-do-Listen durchlüften,
Eure Uta
PS: Das Titelbild zeigt den Blick vom Eingang unseres Gartens bis hinten in die Wildnis. Der Bogen mit der blauen Klematis hat noch nie so schön geblüht wie in diesem Frühling. Vor zwei Jahren hatte ich die Klematis stark zurückgeschnitten, weil ich gelesen hatte, dass das erforderlich sei. Allerdings nicht bei dieser Sorte, der klassischen Alpenwaldrebe "Klematis alpina Frances Rivis". Die wird nur direkt nach der Blüte leicht in Form geschnitten. Wieder etwas gelernt. Statt drei Blüten wie im Frühjahr vergangenen Jahres sind es diesmal Hunderte.



Oh, ich drücke dir die Daumen, dass die Annabelle gut anwächst! Und verstehe ich es richtig: die Clematis wächst in diesem Jahr ganz wundervoll, obwohl du sie so stark zurückgeschnitten hast, was bei dieser Sorte eigentlich nicht empfohlen wird? Oder bringe ich da was durcheinander?
Krass, wie schnell man in diesen Stress, dieses Ich-sollte und Ich-müsste zurückfällt. Danke für den Reminder. Deine Happiness-Impulse finde ich sehr anregend. Das möchte ich mir auch zu Herzen nehmen. Liebe Grüße! 🧡❤️🩷
Danke für deinen Beitrag!
2024 im Herbst habe ich die Klematis um mehr als ein Drittel zurückgeschnitten, was zu nur drei Blüten im Frühjahr 2025 führte. 2025 habe ich sie gar nicht beschnitten und siehe da: jetzt ein Blütenmeer! Herzlich, Uta
Liebe Uta, 🌸
der Blick durch den blauen Clematisbogen in den Garten ist paradiesisch wunderschön.💕
LG, Waltraud