Rückschläge und Mut im biodiversen Leben und Gärtnern
Als Kind habe ich mit meinem Freund Frank kleine Birken aus Bordsteinkanten gerettet und woanders eingepflanzt. Wir waren die Robin Woods von Bottrop und vielleicht neun oder zehn Jahre alt.
Mit dem Kettensägenmann - nein, nicht mit Frank, obwohl ich als Kind in Betracht zog, ihn zu heiraten - bin ich zum ersten Mal in einer Altbauwohnung in Frankfurt zusammen gezogen. Dort hatten wir einen Mini-Eckbalkon. Eher zum Winken als zum Pflanzen.
In Stuttgart, unserer nächsten Station, war es dann schon eine Dachterrasse, in unserem Jahr in Frankreich ein gemietetes Haus mit einem verwunschenen kleinen Garten. Aber da hatte ich kaum Zeit zum Gärtnern. Das Haus war im Winter kalt. Als Treibhaus zum Vorziehen von Setzlingen wären seine 15 Grad ideal gewesen. Aber ich hatte zwei menschliche Setzlinge zu betreuen und keine Zeit zum Pikieren. Französische Elektriker mühten sich mit der alten Stromheizung ab und ich mit dem Wörterbuch, um die Männer wortreich am Gehen zu hindern, ehe wir am Wickeltisch stabile 20 Grad erreicht hatten.

Wir wohnten in einem Vorort von Paris
Unser erster eigener Garten, der Jetzige hier in Hamburg, hat mir immer gefallen. Schön eingewachsen und vor den Blicken von Nachbarn geschützt. In den ersten Jahren aber diente er eher als grüner Raum für Turnstange, Fußballfeld, Sandkiste und Bobbycar-Rennstrecke.
Was das Gärtnern anging, war ich völlig ahnungslos, pflanzte Wicken in tiefstem Schatten und Erdbeeren in ein sumpfiges Beet ohne Stroh. Die ersten Versuche mit einer Möhrensaat ergaben höchstens niedliches Gemüse für den Kaufladen der Kinder.
Totholz-Hecken
Aber jetzt, Freunde der Sonne und der Photosynthese, ist meine Zeit als Gärtnerin gekommen. Hier stapeln sich Bücher über Blumen für Honigbienen, über Totholz-Hecken, natürliche Düngung und über heimische Wildpflanzen. Nun bin ich mir sicher: ich will nicht bloß Hortensien oder Container-Lavendel aus dem Baumarkt. Ich will Berglauch, Rosenmalven und Blutweiderich. Am besten auch noch Schafgarbe, Wiesenmargerite und Sandnelken. Mit den zusätzlichen 213 Quadratmetern in unserer neuen Wildnis ist dafür jetzt Platz genug.

Inmitten von blauem Gedenkemein: das heimische Buschwindröschen jetzt schon in unserem Garten
Eine NDR-Sendung über Nationalparks in Deutschland tat ihr Übriges. Am anderen Morgen ging ich in aller Frühe mit dem Hund in den Garten, entdeckte eine Schnecke mit Haus auf dem Weg und beugte mich versonnen darüber. „Auch du sollst hier leben dürfen“, flüsterte ich und fühlte mich wie eine Rangerin im Mini-Nationalpark. Schon auf dem Rückweg ins Haus allerdings hatte ich sie vergessen und es machte ‚knirsch‘ unter meinen Gartenklogs. Ich hatte sie totgetreten.
Auch an dieser achtlosen Tötung zeigt sich: der Weg zum biodiversen Naturparadies ist noch lang. Wir haben die Wildnis zu einem Drittel von Efeuschlingen, Brombeergestrüpp und den schlimmsten Friedhofsgewächsen befreit. Das war nötig, aber hinterlässt das Gefühl, an einer Grünmüll-Deponie zu wohnen. Mit Blick auf diese Ödnis kann sich die Begeisterung über den botanischen Büchern schnell in Niedergeschlagenheit verwandeln oder in eine Kauforgie im hiesigen Gartencenter. Aber solche Durststrecken sind einfach Teil jedes ambitionierten Projekts.
Gefährdete Giganten
Wie auch die Sorge um unsere beiden Mammutbäume. Sie sind etwa 25 Meter hoch und wir haben sie mit der Wildnis dazu gekauft. Gestern sprach mich der Nachbar am Zaun an, vor dem mir ein wenig bange ist (hier der Beitrag dazu). Er würde aus seinem Fenster beobachten, wie sich die Riesen allmählich gen Süden neigten und ob wir uns der Gefahr bewusst seien. Jetzt habe ich einen Baumgutachter um einen Termin gebeten. Drückt uns die Daumen, dass uns die Giganten erhalten bleiben. Ich beschwere mich auch nie wieder über ihre Nadeln.

Hier seht ihr den alten und neuen Garten. Noch verläuft dazwischen ein Maschendrahtzaun, aber der wird in den nächsten Tagen versetzt. Mit der Wildnis haben wir die Mammutbäume dazu bekommen. Sie haben eine wunderschöne rote Rinde
Wir überschätzen, was wir in einem Jahr schaffen können, aber unterschätzen, was wir in zehn Jahren bewegen können.
Dieser Spruch ist gerade meine größte Ermutigung.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta



Welch wunderbare Formulierungen! Ich werde ganz blass vor Neid, ich freue mich auf die nächsten Einträge😍
Danke für die Rückmeldung! Ich freue mich sehr. 😊