Den Baum fällen oder nicht? Das ist hier die Frage
Heute früh ist mir etwas gelungen, von dem ich glaubte, ich würde es nie hinkriegen:
vorwurfsfrei zu sprechen
Der Kettensägenmann und ich schauten hinaus in den Garten. Direkt hinter der Grenze zur neuen Wildnis blüht der Mirabellenbaum. Erst jetzt im Blütenkleid sehen wir, wohin überall seine Zweige reichen. Da steht er, die Äste weit ausgebreitet, wie lange Arme in einer festlichen weißen Rüschenbluse. Wenn ich im Obergeschoss an einem Fenster vorbeilaufe und im Augenwinkel diese Frühlingspracht sehe, muss ich scharf bremsen und sie würdigen. Alles andere wäre Frevel.
Totgesagt
Wir waren uns einig, dass der Baum wegkommt. Er ist alt. Bei einem Sturm im vergangenen Jahr ist ein Teil von ihm abgebrochen. Auch die Gärtnerin meinte, er würde es nicht mehr lange machen. Und dann seine Früchte! Viel Kern und wenig Fruchtfleisch, das auch noch schwer vom Stein zu lösen ist. Im September kullern die Mirabellen in einer Menge durch den Garten, als hätte mit orangefarbenen Tischtennisbällen ein Mannschaftstraining stattgefunden und niemand hätte aufgeräumt. Wenn die Kerne im Boden bleiben und austreiben, reicht es nicht, mit aller Kraft daran zu ziehen. Man muss die Schößlinge mit scharfer Schaufel ausgraben. Ich will damit sagen, dass es gute Gründe gibt, irgendwann zu singen „Mein Freund, der Mirabellenbaum, ist tot.“

Das ist nur ein Teil der Blütenpracht. All die ausladenden Äste waren gar nicht auf das Bild zu bekommen.
„Mutterschutz“ für Bäume und Sträucher kenne ich aus meiner Kindheit. Wenn mein Vater in unserem kleinen Reihenhausgarten einen Ast absägen wollte, brauchte er die Genehmigung meiner Mutter. Sie mag es, wenn Nachbarn die Sicht auf die Terrasse verwehrt wird, und hat ein Faible für ausladende Zweige. „Der steht unter Mutterschutz und der auch“, sagt sie augenzwinkernd, wenn sie Besucher durch den Garten führt und auf einen Fächerahorn oder eine Birke zeigt.
Englische Gartenpracht
Als Paar gemeinsam einen Garten zu gestalten, kann eine Herausforderung sein. Eine Bekannte und ihr Mann sahen keine andere Lösung, als ihr Grundstück in zwei Hälften zu teilen, wo jeder von beiden umgraben, pflanzen und schneiden durfte, wie er oder sie wollte. Anders wurden sie sich bis zu ihrem Tod nicht einig. Da will ich es lieber halten wie Vita Sackville-West und ihr Mann Harold Nicolson, die mit Sissinghurst Castle Gardens südöstlich von London einen legendären Garten schufen. Und zwar gemeinsam. Nicolsons Stärke war der große Plan und die Struktur, während seine Frau, die Räume, die er schuf, mit Pflanzen gestaltete.

Das sind weder wir noch Sackville-West und Nicolson, sondern ein Paar, das in unserer Küche hängt als Vision, wie ich mich mit dem Kettensägenmann in ein paar Jahren sehe.
Eine Partnerschaft über die Jahrzehnte mit viel Nähe, Liebe und Leidenschaft zu führen, ist mindestens so herausfordernd, wie einen Mirabellenschößling rückstandslos der Erde zu entreißen. Aber wir sind fest entschlossen, das weiterhin zu meistern. So werde ich nicht müde, Online-Kurse zu belegen oder Podcasts von Coaches zu hören, die für mich Pioniere* im Partnerschafts-Coaching sind. Und der Kettensägenmann wird nicht müde, sich geduldig anzuhören, was ich daraus an Erkenntnissen gewonnen habe.
Hier sind drei davon:
- Konflikte entstehen aus enttäuschten Erwartungen
- Kommuniziere deine Erwartungen, denn es gibt kein Display auf deiner Stirn, von dem sie abzulesen wären!
- Sprich ohne Vorwurf!
Besonders der letzte Punkt ist wichtig. Vorwürfe sind in der Partnerschaft mindestens so schlimm wie Blaukorn in einem Bio-Garten. Allerdings ist es nicht einfach, davon abzulassen.
Es gibt einen Satzanfang, der einen davor schützt, beim Sprechen falsch abzubiegen und im Vorwurf zu landen. Er lautet „Ich merke gerade, dass …“
„Ich merke gerade“, hob ich an, als wir heute früh zusammen in den Garten schauten, „ich merke gerade, dass es mir schwer fällt, mich vom Mirabellenbaum zu verabschieden, weil ich seine Blüte so genieße. Meine Zustimmung zum Fällen hatte ich schon gegeben, ich weiß. Wir waren uns einig. Und ich sehe, dass es gute Gründe gibt, ihn zu fällen. Aber jetzt merke ich, dass ich mich noch nicht von diesem Baum verabschieden kann.“

Das Mirabellen-Gehölz ist nicht so kompakt, wie es das grafische Symbol für Baum zeigt, und es steht bedrängend nah am Apfelbaum. Aber vielleicht wenn die Hecke weg ist und mit einer Hängematte dazwischen ... Was meint Ihr?
Der Kettensägenmann zeigte Verständnis. Offenbar war es mir gelungen, bei mir zu bleiben und ihm nicht zu unterstellen, er würde in der neuen Wildnis ein Massaker anrichten wollen. Im Herbst werden wir dann entscheiden, ob der Baum wirklich Mutterschutz verdient oder wir lieber etwas Neues im Frühjahrs-Rüschen-Outfit pflanzen.
Primeln neu entdeckt
Ich habe unterhalb des alten Mirabellenbaums die Primeln vom Ostertisch eingegraben. Jetzt gibt es auch unten, wo Hecke und Boden sehr dunkel sind, etwas Blühendes. Ich kann die Primeln von meinem Platz am Esszimmertisch sehen. An dem Prinzip mit den Sichtachsen ist wirklich etwas dran. Auch wenn mein Blick nicht auf eine prachtvolle Kamelie oder eine lebensgroße Reiterstaffel aus Bronze fällt, sondern auf kleine gelb-weiße Puschel, so ist die Wirkung trotzdem erfreulich. Überhaupt wird die Primel unterschätzt. Früher landeten sie bei mir nach Ostern auf dem Kompost. In jedem Supermarkt findet man sie für ein oder zwei Euro in diesem freudlosen Gittergehege neben den Einkaufswagen. Warum viel Aufwand damit treiben und die verblühten Pflanzen in den Garten setzen? Nun habe ich gelernt, dass die Primel eine Staude ist und im nächsten Frühjahr wieder kommt, wenn der Frost ihr nicht zu schlimm zusetzt.

Die gelben Blüten gehören zu einer Schlüsselblume, die auch eine Primelart ist. Die gelbe und die violette Primel habe ich im Vorjahr ins Beet gesetzt und beide sind tapfer wieder gekommen.
Ich bin noch nicht sicher, ob jede Sorte neue Blüten treibt. Zunächst nahm ich an, nur die Langstieligen seien mehrjährig. Der Mann vom Blumenstand auf dem Markt behauptet, dass die mit den dunkleren Blättern Jahr für Jahr wiederkommen. Auf einer Gärtnerseite im Internet las ich, dass sich bei allen Primeln das Auspflanzen lohnen würde.
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Mit Primeln, mit der Partnerschaft im Garten und vielleicht mit alten Mirabellenbäumen? Ich würde mich sehr freuen, von euch zu lesen.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta
* Pioniere im Partnerschafts-Coaching sind für mich:
Kedo Rittershofer
Dana Schwandt
Patrizia Voigtländer und Stefan Grosalski ("Grüne Wiese")
Byron Katie
(unbezahlte Werbung aus Überzeugung)



Liebe Uta, bei mir hat ein alter Pflaumenbaum sein Ende gefunden, weil er in allen Beeten drumherum Schösslinge rausgetrieben hat, die ich nur mit dem Spaten rausbekommen habe. Das war für mich und die Stauden in den Beeten sehr ärgerlich. Ich konnte mich von dem alten Baum trennen, den meine Großmutter vor rund 80 Jahren gepflanzt hatte und der uns in der Kindheit schönes Kompott im Winter beschert hatte, nachdem ich an der Stelle etwas Neues – unser Wasserbecken für den Bachlauf geplant und verwirklicht habe. Liebe Grüße
Liebe Karina, danke für deinen Beitrag! Euren Bachlauf durfte ich ja schon erleben und es ist wunderbar, auf der Terrasse zu sitzen und es plätschern zu hören. Die Stauden und du, ihr könnt den Verlust so gut verschmerzen. Und bei uns? Ich hätte auch gerne Wasser im Garten. Aber es muss so sein, dass sich keine Enten heimisch fühlen, denn Polly ist eine passionierte Enten-Jägerin. Liebe Grüße!