Wie ich mit Wärmflasche auf dem Bauch eine Erkenntnis hatte
Einen Infekt habe ich mir aufgeschnappt und mir ist ganz „kodderig“, wie man in meiner Heimatstadt Bottrop sagen würde, wenn man sich schlapp fühlt. Dabei ist heute ein großer Tag. Die Gärtner kommen und versetzen den Zaun an der alten Grenze, so dass sich das Grundstück endlich auf seine neue Größe öffnet. Unserem Hund habe ich schon davon berichtet, dass sich sein Revier in der Größe verdoppeln wird. Es steigt Polly hoffentlich nicht zu Kopf. Sie neigt sowieso dazu, alles als ihr Reich zu betrachten und jeden wütend anzubellen, der sich ihm nähert.
Hundetraining zeigt Folgen
Seit dem erneuten Hundetraining trägt sie eine kurze Hausleine und darf den Garten nur betreten, wenn wir voran gegangen sind und ihr ein Zeichen gegeben haben. Das nennt sich Raum-Management. Schießt sie trotzdem an uns vorbei, wird sie an der Leine zurückgebracht und muss richtig lange warten, bis Frauchen oder Herrchen ihr ein Zeichen geben. Dadurch ist das Bellen deutlich weniger geworden. Das bestätigen sogar die Nachbarn. Inzwischen kann ich um das Haus herum bis zur Mülltonne gehen und sie bleibt an der offenen Terrassentür sitzen, bis ich zurückgekommen bin. Allerdings sind wir beide in dieser Minute so angespannt wie ein Flitzebogen. Wenn der Kettensägenmann mit ihr spazieren geht und ich mal kein Raummanagement betreiben muss, könntet ihr mich mit Mülltüte durch die Gegend hüpfen sehen. So befreit bin ich dann.
Chanten unterm Baum?
Vorgestern war der Baumgutachter da, ein sanfter Mann, der unseren Mammutbäumen (Sequoias) über die Rinde strich, ihnen vorsichtig ein Maßband umlegte und den Kreis, den ihre Feinwurzeln um den Stamm rum einnehmen, mit den Händen beschrieb, als handele es ich um eine heilige Stätte. Vielleicht sollte ich im Schatten seiner Krone chanten.
Nachdem der Experte am Morgen auf einem Spielplatz in Hamburgs Stadtmitte das Todesurteil über einen Bergahorn hatte fällen müssen, den ein Pilz allmählich zersetzt, war der sanfte Baumgutachter glücklich, unseren beiden Sequoias beste Gesundheit attestierten zu können. Ihre „Verkehrssicherheit“ - wie von Nachbarn befürchtet - sei in keiner Weise beeinträchtigt. Unsere Giganten, die er auf eine Höhe von 25 Metern schätzte, dürfen stehen bleiben. „Kann ich das schriftlich haben?“, fragte ich und der Gutachter nickte.

Links seht ihr die beiden Stämme der Mammutbäume. Wegen der rötlichen Färbung ihrer Rinde werden sie auch Redwoods genannt und wegen ihrer Größe kriege ich sie nie ganz aufs Bild
Mein Bauch hat sich wieder beruhigt, zum Umgraben bin ich noch zu schlapp, aber schreiben kann ich. So sitze ich am Esstisch und blicke bei der Arbeit zum ersten Mal in die geöffnete Wildnis. Die beiden Gärtner, die den Zaun abgebaut haben, waren so nett die Laubenbank - ihr erinnert euch, die hatte ich neulich frei geschnitten - zu versetzen. Jetzt steht sie hinten an der neuen Grenze. Wenn das kein Fluchtpunkt ist, liebe Gartenarchitekten! Ich werde heute farbige Kissen auf die Bank legen, um diesen Ausblick zu feiern. Jetzt hat das Auge etwas, woran es sich festhalten kann, jetzt erst bekommt man ein Gefühl für die Tiefe, die der Garten frisch dazu gewonnen hat.

Blick vom Schreibtisch auf die Bank. Man könnte meinen, links daneben ginge es noch zum Steingarten, zur Familienkapelle und zur Spiegelgrotte.

Nein, hinter der Bank geht es weder zu einer Kapelle noch zu einer Grotte. Dahinter ist unser Grundstück zu Ende und dort verläuft die Zufahrt zum nächsten Pfeifenstiel-Grundstück. Damit man uns nicht in den Rücken piecksen kann, werden wir die Sichtschutzwand um die Ecke rum fortsetzen und den Bogen noch begrünen.
Solltet ihr ein Projekt planen, empfehle ich euch, einen Blog zu schreiben. Es ist eine wunderbare Art, sich Lösungen anzunähern. Am Wochenende noch brütete ich über Beetplänen, die eine emsige Staudengärtnerei auf ihrer Website anbietet. Für „Think pink“ hatte ich mich entschieden, eine Kombination aus Schilfgras, Purpursonnenhut, Schafgarbe, Steppensalbei und Scheinaster, eine Farb-Palette von Zartrosa über Pink bis Dunkelviolett. Ich notierte mir Standortbedürfnisse für jeden noch so kleinen Majoranbüschel und trug in meinen Plan die Wuchshöhen und -breiten jeder erwünschten Staude ein. Aber statt in der Gärtnerei durch ein Spalier von blühenden Büschen und zwischen Tischen voller Setzlinge zu flanieren, lag ich mit einer Wärmflasche auf dem Sofa.
Ein Rasenweg
„Fluch oder Segen?“ Der Kettensägenmann und ich rufen diesen Spruch oft unisono. Immer wieder im Leben erweist sich eine als schlecht eingestufte Lage als Glücksfall: der verpasste Bus beschert einen ein nettes Gespräch an der Haltestelle, das Herummäkeln des Nachbarn ein beglückendes Baumgutachten und den Kontakt zu einem großen Freund aller Gehölze, und ein Infekt schließlich schenkt mir mehr Zeit zum Schreiben als gedacht. Und wie ich hier so am Rechner sitze und den Blick in die neu erworbene Ferne schweifen lasse, wird mir schlagartig klar, dass ein Weg aus Gras sich an unseren bisherigen Rasen anschließen und den Blick sanft und grün bis zur Bank geleiten muss. Ohne Bauchweh und Zeit zum Blog-Schreiben wäre ich nicht darauf gekommen. Das Seil, das ich ausgelegt hatte, um „Think pink“ eine Form zu geben, kann ich wieder aufrollen. Ein sanft geschwungener Rasenweg zur Bank wird dem Beet seine Form geben. Das ist die Lösung! !

Das grüne Gebilde mit der dicken Antenne soll die Rasenfläche im alten Garten darstellen, die dicke Antenne den Rasenweg zur Bank im neuen Teil. Rechts vom Weg das Beet "Think pink". Was haltet ihr davon?
Immer fröhlich bleiben und hier kommentieren. Da freut sich die gärtnernde Schreiberin,
Eure Uta



Die Bank mit den bunten Kissen an der Grundstücksgrenze finde ich ganz zauberhaft. Mir würde noch ein kleines Tischchen zum Abstellen des Weinglases fehl😉, wenn Ihr dort beim Sonnenuntergang gemeinsam sitzt und dem abendlichen Abgesang der Vögel lauscht. Verschiedene Sitzplätze im Garten und der Blick auf das Haus verändern die Perspektive und haben auch mir so manche Gestaltungsidee gebracht. Ich bin gespannt, wie’s weiter geht. Liebe Grüße von Karina💃
Wieder mal so ein schöner Text, liebe Uta und wie erfreulich, dass man auf den Fotos auch Polly sehen kann! Leider nur dezent im Hintergrund, offensichtlich hat das Raummanagement da gut funktioniert 🤓…
Liebe Grüße
Nicolle