Vom Zelebrieren einer Zugfahrt und vom ersten Gartenplan 

 27/01/2026

Warum man Heide pflanzen und gut zu sich selbst sein sollte

Endlich konnte ich am Wochenende zu meinen Eltern reisen, die - beide über 90 Jahre alt - im Ruhrgebiet leben. Nachdem vor zwei Wochen der Norden noch unter Schnee und Eis lag und der Bahnverkehr fast völlig zum Erliegen gekommen war, hatte ich diesmal freie Fahrt. Ich liebe es, in meine Heimatstadt Bottrop einzufahren und die beiden schon am Bahnsteig zu sehen. Meine Mutter forsch den Rollator steuernd, mein Vater etwas bedächtiger mit Stock hinterher. Welch ein Glück wir Schwestern haben, dass unsere Eltern noch leben und so erstaunlich fit sind! Nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Mein Vater macht die Steuererklärung online und zahlt im Supermarkt mit Apple-Pay. Meine Mutter studiert täglich mit Lupe die Zeitung und weiß mehr über die aktuelle Politik als manche ihrer Nachfahren. 

Ich habe mir angewöhnt, diese Reise zu zelebrieren. Am Vortag habe ich mir eine neue Bluse gekauft und auf dem Bett mehrere Kombinationen damit zurechtgelegt. Als Reiselektüre wählte ich „Grünes Glück“ von dem britischen Journalisten und Autor Beverley Nichols. Niemand kann so herrlich über das Gärtnern Geschichten erzählen wie Nichols. Aber dazu später mehr. 

Fühle mich wie im Film

Das erste Stück von Hamburg-Altona quer durch die Stadt schaue ich nur aus dem Fenster, entdecke Antifa-Banner, quer über Balkone im Schanzenviertel gespannt, sehe Kita-Kinder in Schnee-Anzügen, die in Zweier-Reihen wie Mini-Astronauten durch eine Mondlandschaft aus Schneeresten stapfen. Mein Zug rumpelt langsam durch ein hanseatisches Wimmelbild mit Backsteinhäusern und mit Menschen, die alle in irgendein Büro zu eilen scheinen, fährt vorbei an Alster, Kunsthalle und den Türmen der Hafencity. Dabei höre ich die Playlist „Peaceful Piano“ und fühle mich wie in einem Film. 

Sobald es ländlicher wird, hole ich mir einen Cappuccino aus dem Bord-Bistro und schlage meinen Nichols auf. „Der Grund dafür“, schreibt Nichols, „dass so wenige Leute die grenzenlosen Möglichkeiten der großen Familie der Heidekrautgewächse erkennen, ist der Tatsache geschuldet, dass sie sie zu oft in Anpflanzungen gesehen haben, die ihrem Naturell widersprechen.“ Mmh. Die einzige Heide in unserem Garten kümmert auf unserem Terrassen-Tisch in einem Plastik-Topf vor sich hin, was todsicher ihrem Naturell widerspricht. Beverley Nichols dagegen entdeckt nach seiner Heimkehr von einer Winterreise in seinem Garten die rosafarbene Erica carnea ‚King George‘, „frisch und rosig und gleichermaßen unbeeinträchtigt vom Wüten des Winters“. Sollten wir im neuen Garten auch Heide pflanzen? 

Damit ihr meinen Gedanken über Pflanzplänen besser folgen könnt, hier eine Skizze von unserem Garten samt neuem Grundstück.

Wir wohnen auf einem Pfeifenstiel-Grundstück in zweiter Reihe. Von der Straße aus muss man ein langes Stück Einfahrt hinauflaufen (siehe schwarzer Pfeil ganz rechts). Schließlich geht es links in unseren Teil der Doppelhaushälfte. Wer aber noch ein paar Schritte weiter geht, kommt durch eine Pforte direkt in unseren Garten. Ein schmaler Weg führt auf eine Rasenfläche und links auf die Terrasse. Der große Kringelfleck auf dem Rasen ist ein Apfelbaum. Dahinter symbolisiert der fette grüne Balken eine Buchshecke, die ich schon seit Jahren eisern gegen den Buchsbaumzünsler verteidige und die wir deshalb hoffen, retten und versetzen zu können. Hinter der Hecke beginnt das neue Grundstück. Das braune Gekritzel soll die Wildnis aus umgekippten Baumstämmen, überwuchert von Efeu und Brombeerpeitschen, darstellen. Dazwischen wachsen alte Obstgehölze( drei grüne Kreise), zwei Apfelbäume und ein Birnbaum. Oder ist es eine Quitte? Wir müssen abwarten, bis sie ausschlägt. Dann haben wir Gewissheit.

Nervige Nachbarin

Beverley Nichols (1898 - 1983) besaß im Laufe seines Lebens drei Gärten. Einer hatte die Form eines Dreiecks und lief so spitz zu, dass Nichols sich anfangs im Cottage mit dem Rücken zum Fenster setzte, weil er diese grüne Zuspitzung nicht ertrug. Monatelang hatte er mit Büschen hier und den Blick ablenkenden Narzissen dort experimentiert, als er endlich eine Lösung für das Dreieck fand: eine zusätzliche halbe Mauer und ein rundes Gewächshaus genau in der Spitze. 

Bis die Formen der Beete und Mauern harmonierten, lässt uns der britische Autor an allen Höhen und Tiefen seines Gärtnerdaseins teilhaben. An den Besuchen von Mrs. Heckmondwyke, einer nervigen Nachbarin, die alle Veränderungen in Nichols Garten hinter ihrer Gardine verfolgt, an dem Schreck, als er mit dem Auto über eine Harke fuhr und alle Luft aus einem der Vorderreifen wich, und an dem Eintreffen eines Korbes mit zwei Katzenbabys, dem Geschenk einer Freundin. Nichols war ein großer Katzenfan. Da passt es ja, dass seine Bücher auf dem Katzenklo-Blog Erwähnung finden.

Dank Gartenbuch, Cappuccino und neuer Bluse also war schon die Reise zu meinen Eltern ein voller Genuss. 

Warum lasse ich mich so lange darüber aus? Weil dieses Zelebrieren einer Reise oder auch anderer Alltagsfreuden auf der Erkenntnis gründet, dass das eigene Es-sich-gut-gehen-lassen Priorität im Leben haben muss. 

Klingt das egoistisch? 

Ist es aber nicht. Denn wenn es mir wirklich gut geht, kann ich auch anderen etwas Wahrhaftiges und Echtes geben. Und so hatte ich eine wirklich schöne Zeit mit meinen Eltern. 

Immer fröhlich bleiben und zelebrieren, was dir Freude macht.

Deine Uta 

1 Beverley Nichols: Der Garten ist geöffnet. Frankfurt am Main 2015, Seite 46

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Uta


Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

Deine, Uta

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