Immer diese anstrengende Umtopferei 

 09/06/2026

Rückschläge auf dem Weg zum altersgerechten Gärtnern

Vor vielen Jahren habe ich die Autorin Utta Danella für eine Zeitung interviewt. Als ich es wagte, nach ihrem Alter zu fragen, wäre ich fast aus der Hotel-Suite geflogen, in der der Presse-Termin stattfand. Stinksauer war die Diva der Herz-Schmerz-Literatur über meine Frage und beim Rest unseres Gespräches sehr schmal-lippig. 

Ihr dürft mein Alter gerne wissen. Ich bin 61. In dieser Lebensphase ist es unvernünftig, die Größe seines Gartens zu verdoppeln. Noch unvernünftiger ist es, weiterhin Buchs-Hecken zu halten, sie sogar zu versetzen und genötigt zu sein, morgens und abends Gießkannen voll Wasser in die hinterste Ecke des neuen Grundstücks zu tragen. Dort steht die erste Buchs-Pflanze, bei der wir einen Umzug gewagt haben. „Du musst viel trinken“, raune ich dem grünen Busch zu. „Das ist so wichtig im Alter.“ 

Rohe Kräfte

Soweit ist es also gekommen in unserem Gartenprojekt. Anstatt an unser eigenes Alter zu denken, betreiben wir ein betreutes Wohnen für alte Pflanzen. Gerade habe ich eine Endless-Summer-Hortensie aus einem großen Terrakotta-Kübel geschält, der einfach zu klein für das Prachtexemplar geworden war. Ich habe sie samt Topf auf dem Rasen flachgelegt, mich mit den Füßen am Rand des Kübels abgestützt und mit beiden Händen unten an den stärksten Ästen gezogen. Nichts. Keinen Millimeter bewegte sich der Wurzelballen. 

Um von der anderen Seite nachzuhelfen, habe ich einen dicken Stock von unten durch das Loch des Kübels gedrückt und mit einem Gummi-Hammer noch rohere Kräfte walten lassen. Nichts. Erst das Herausschälen des Ballens mit Messern brachte endlich den Erfolg. Noch habe ich dem Kettensägenmann nicht gestanden, dass auch unser Brotmesser dabei zum Einsatz kam.

Hortensie aus dem Kübel geschält, in Sackleinen gewickelt und auf der Sackkarre in das neue Beet gebracht

In den leeren Kübel habe ich Storchschnabel gesetzt. Der braucht nicht so viel Wasser wie die Hortensie und kann die viele Sonne auf der Terrasse besser vertragen. Im Herbst werden Tulpen- und Narzissenzwiebeln dazwischen gesteckt, vor Weihnachten Tannenreisig. Meint ihr, das ist eine altersgerechte Kübel-Lösung? Also nicht für den Kübel, sondern für seine Besitzer? 

Schon vor drei Jahren habe ich bei „Kleinanzeigen“ Terrakotta-Töpfe verkauft. Ich wollte es auf der Terrasse einfacher halten und nicht weiter Kübel-Kolosse bewirtschaften. Denn aus drei Gründen ist Gärtnern in Töpfen anstrengend:

Erstens hat man oft nicht das passende Gefäß zur Hand. Vor allem wenn man in einem Minimalismus-Schub etliche verkauft oder verschenkt hat. Irgendeine Heimat muss der Blumenzuwachs aber finden. Also setze ich ihn in einen Topf, den ich im Keller finde, in den ich noch Löcher bohren muss und der eigentlich zu klein ist. Noch im Laufe des Sommers wird die Platznot offenbar, das schwächelnde Pflänzchen erregt mein Mitleid und ich muss bei „Kleinanzeigen“ nach Kübeln suchen.

In dem großen Terrakotta-Topf rechts, in dem sich vorher die Endless-Summer-Hortensie quetschte, habe ich einen Storchschnabel gepflanzt. Die Ente links daneben ist aus Plastik. Sie stammt aus der Zeit, als unser Sohn einen Teich angelegt hat und diesen auch bevölkert wissen wollte

Der zweite Grund, warum Topf-Gärtnern so aufwändig ist, hängt mit der Forderung nach einer Drainage zusammen. Dringend wird in Garten-Blogs geraten, erst eine Schicht aus Tonscherben oder Kies unten in den Topf zu legen, damit sich keine Staunässe bildet. Um die Steinchen oder Scherben bei späteren Umpflanzungen nicht mühsam aus der Erde pulen zu müssen, habe ich von einer Instagram-Gärtnerin die Idee übernommen, Blähton-Kügelchen in ausgemusterte Feinkniestrümpfe zu füllen und am Bund zuzuknoten. Die entstehende dicke Wurst lässt sich wunderbar auf den Boden legen, bevor man die Erde einfüllt, und man hat eine Drainage, die jedes Jahr wieder verwendbar ist. So könnt ihr mich in diesen Tagen auf der Terrasse in einer Wolke aus Blähton-Staub sitzen und Kügelchen in Strümpfe schaufeln sehen. Wenn ich dann richtig alt bin, hängt das Gartenhaus voller Feinstrumpf-Blähton-Würsten und das Eintopfen geht kinderleicht.

Frostbeule

Kinderleicht? Meine Mutter hat schon bemängelt, dass ich beim Schreiben zu Übertreibungen neige. Und sie hat Recht. Kinderleicht wird das Topf-Gärtnern auch mit Fertig-Drainage nicht. Der dritte und eigentliche Grund, warum ich mir jedes Jahr schwöre, auf Topfpflanzen auf der Terrasse zu verzichten, ist der Winterschutz. Wir haben verschiedene Tragegurte im Keller, mit denen wir spätestens Anfang Dezember unsere größte Frostbeule, den Olivenbaum, aus dem kalten Wind in eine Ecke an der Hauswand tragen. Haben der Kettensägenmann und ich erleichtert festgestellt, dass unsere Rücken die Tortur überstanden haben, wird das Bäumchen samt Terrakotta in altes Sackleinen gehüllt. Andere Töpfe bekommen einen Mantel aus Kokosmatten, in der Mitte mit einem Seil gegürtet. Und die Geranien trage ich zum Überwintern in einen Kellerraum mit Tageslicht. Wie lange wollen wir diesen Aufwand noch treiben? 

Aber dann kommen wieder Frühling und Sommer. Die Aktion mit den Tragegurten ist längst vergessen. Die Blähton-Würste hängen bereit für ihren Einsatz. Und in den Gärtnereien empfängt einen schon am Eingang die Quengel-Ware für Erwachsene: zauberhafte Töpfe mit Cosmeen, Bartnelken und Elfenspiegel, Zinkwannen, randvoll mit Margeriten und Lavendel, körbeweise Hortensien und Pfingstrosen. Kann nicht jemand kommen und mich zu den pflegeleichten Bodendeckern weiterzerren? Nimmt mich niemand an die Hand und überzeugt mich von den Vorteilen des Schottergartens? 

Gipfeltreffen

So füllt sich auch in diesem Jahr wieder die Terrasse. Die Minze scheint zu den Hornveilchen gesagt zu haben "Rück doch mal ein Stückchen zur Seite. Das Schneegestöber will auch noch Sonne!". Ich halte wieder nach Töpfen Ausschau und überlege, ob sich Katzenminze nicht in der alten französischen Suppenterrine vom Flohmarkt wohlfühlen würde. 17 Pflanzen und Bäumchen haben inzwischen vor unserem Esszimmerfenster Aufstellung genommen wie Politiker bei einem Gipfeltreffen, die Kleinen vorne, die Größeren dahinter. 

Ich muss jetzt raus. Der alte Buchsbaum im betreuten Wohnen hinten im Garten braucht wieder Zuspruch und der Buchsbaum-Hochstamm, natürlich im Topf auf der Terrasse, benötigt einen Formschnitt. Nachdem ich ihn jahrelang gegen die Fressattacken der Zünzlerraupe verteidigt habe, werde ich nicht einknicken und ihn für das altersgerechte Gärtnern opfern. 

Manchmal - und das ist der Happiness-Impuls 🧚🏼‍♀️ dieses Beitrags - siegt die Freude im Jetzt über die planerische Vernunft.

Immer fröhlich bleiben,

Eure Uta 

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  • Liebe Uta! Diesmal hast Du mich zum lauthals Lachen gebracht. Während ich von Deinen Kräfte zehrenden Bemühungen las, die Hortensie zu enttopfen, dachte ich im Stillen, dass ich wahrscheinlich die Brotsäge zum Einsatz gebracht hätte. Und indem ich noch darüber sinnierte, las ich im gleichen Augenblick, dass auch Du dieses unverzichtbare Haushaltswerkzeug als Mittel der Wahl entdeckt hast. Das fand ich sehr komisch. Vielen Dank auch für den Tipp mit den Blähtonwürsten. Ich verdeppere immer noch Tontöpfe und sammel die Scherben beim Umtopfen akribisch ein. Deine Lösung finde ich toll! Liebe Grüße!

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    Uta


    Ich arbeite als Buchautorin, Journalistin, Bloggerin und Coach. Die Themen, über die ich am liebsten schreibe, sind das Gärtnern, das Familien-Glück und die persönliche Weiterentwicklung.

    „Wie gelingt das Leben?“ Das erforsche ich fröhlich im Selbstversuch und ganz praktisch in unserem neuen Projekt ‚Von der Wildnis zum Traum-Garten‘, von dem ich regelmäßig hier berichte.

    Deine, Uta

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