Warum uns Herausforderungen glücklich machen
Die US-amerikanische Lebensberaterin Gretchen Rubin hat einmal ein ganzes Jahr lang in jedem Monat eine andere Idee aus der Glücks-Forschung getestet, um mehr Freude in ihr Leben zu bringen. „Ich habe“, schreibt Rubin*, „jedes Prinzip, jeden Tipp, jede Theorie und jedes Forschungsergebnis von Aristoteles über die heilige Teresa bis hin zu Benjamin Franklin, Martin Seligmann und Oprah Winfrey ausprobiert.“ Einen Monat widmete sie der Idee, sich etwas Neues beizubringen, eine Sprache zu lernen oder sich eine handwerkliche Fähigkeit anzueignen, eine oft empfohlene Strategie, mehr Glück zu empfinden. So kam es, dass ich mich dem Experiment anschloss und kurz nach Weihnachten lernte, Socken zu stricken. Reihe um Reihe wuchs das Bündchen, gelang nach mehreren gescheiterten Anläufen endlich die Ferse und mit jedem Zentimeter bis zur Zehenspitze wurde nicht nur die Socke größer, sondern auch das Glücksgefühl. Schade, Gretchen, dass du in New York lebst, sonst könnten wir kurz abklatschen.
Grundwasser anzapfen
Die Idee kam mir heute wieder in den Sinn. Verlangt vielleicht der neue Garten eine Fähigkeit, die ich mir aneignen könnte? Giersch ausgraben, Unkraut jäten, vergeblich Nematoden gegen Ameisen ausbringen - das kann ich alles schon. Aber ich weiß nicht, wie man das Grundwasser anzapft, ein Gartenhaus baut oder eine Rasenkante aus Granitsteinen verlegt. Fangen wir mal mit der kleinsten Herausforderung an, eine Steinkante. Sie wäre praktisch, um die Rindenmulch-Fläche rund um die Mammutbäume oder den Kreis aus Storchschnabel unter dem alten Apfelbaum vom neu eingesäten Rasen abzugrenzen.

Die Pflastersteine, die wir noch hatten, habe ich locker um den Baum gruppiert, um heraus zu finden, wie viele Steine ich noch im Baumarkt besorgen muss. Ich möchte sie so setzen, dass die Kante ebenerdig wird und beim Rasenmähen überfahren werden kann
Anleitungen im Internet zeigen Rasenkanten, die in Beton verlegt werden. You-Tuber in Latzhosen streichen die graue Masse mit einer Kelle über Steinreihen, die sich meterlang durch kleine Gärten winden, schwämmen alles ein und reiben die kleinen Granitblöcke mit Wasser und einem Schwamm wieder sauber. Das Ergebnis hat eine Wirkung wie die Chinesische Mauer in einem Reihenhausgarten. Sehr massiv.
In anderen Videos werden Steine einfach in einem Bett aus Splitt gesetzt und mit einem Gummihammer locker eingearbeitet. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass es euch mehr beeindrucken würde, die Gartenbloggerin bis zu den Ellbogen in einem Eimer mit Sand, Zement und Wasser zu sehen, kräftig rührend und mit grauen Spritzern auf der Brille. Allerdings möchte ich in unserem entstehenden Naturparadies keine Bunker-Linien gegen Flugsamen. Sollte sich doch mal ein Hälmchen Gras oder ein zarter Klatschmohn durch die Stein-Reihe arbeiten, ist es für uns eher eine Freude als ein Ärgernis.
Garten heißt Warten
Im Beet „Think pink“ habe ich endlich alle Stauden eingepflanzt, die wir gekauft hatten. Ja, auch die Arkansas Scheinaster. Die auf den Schildern angegebenen Abstände habe ich eingehalten. Das war korrekt, aber auf diese Weise sehen die neuen Pflänzchen in der grau-braunen Erdwüste etwas verloren aus. Wir müssen uns zwei Jahre gedulden, bis alles eingewachsen ist. Da hilft es auch nicht, dass ich den halbwüchsigen Sonnenhüten jeden Morgen zwischen die Blätter gucke und nach Knospen Ausschau halte.
Zur Zeit gibt es auf der ganzen Fläche eine einzige pinkfarbene Blüte. Und zwar die des Storchschnabel. Ihre Wirkung auf dem Foto kann sie nur entfalten, weil ich meine Spiegelreflexkamera mit dem 50-Millimeter-Objektiv herausgeholt habe und mich für das Shooting bäuchlings in den Rindenmulch gelegt habe.

Eine Vorbotin des Beetes "Think pink", die verschwommene Storchschnabel-Blüte im Vordergrund. Dahinter Katzenminze und die Sonnenhüte in ihren grünen Anfängen
Um die Rose einzupflanzen, habe ich den Topf-Trick angewandt. Der Einfall stammt – wie die Idee, Blähton in Feinstrumpfhosen als Drainage für Terrassenkübel zu verwenden – nicht von mir, sondern aus dem Beitrag einer Gärtnerin auf Instagram.

Wenn man mit Hilfe des Topfes, in dem man die Pflanze gekauft hat, ein genau passendes Pflanzloch schafft, kann man die Rose einsetzen, ohne Zweige abzubrechen
Gestern Nachmittag war ich in einem Bauhof, habe eine Maurerkelle, einen Sack Splitt und 17 Pflasterseine besorgt. Dabei konnte ich ein weiteres Happiness-Prinzip 🧚🏼♀️ anwenden. Es lautet: Lerne, Hilfe anzunehmen! Auf dem Parkplatz habe ich einen Mann angesprochen, der gerade aus seinem Auto stieg, und er hat mir den Sack Splitt in den Kofferraum gehoben. An der Warenausgabe war es ein junger Mitarbeiter des Bauhofs, der mir Stein für Stein in den Kofferraum gelegt hat. Ich behaupte, wir waren alle glücklich. Die Männer konnten ihre Stärke zeigen und ich konnte meinen Rücken schonen.
Daumenkino
Zunächst war der Plan, noch vor Sonnenuntergang den kleinen Graben auszuheben, damit ich heute schon den Splitt einfüllen und die Steine setzen könnte. Ich sah schon ein ganzes Daumenkino mit lauter Phasenfotos vor mir: mit gespannter Schnur, mit Zollstock zum Beweis der Grabentiefe, mit Splittsack beim Einfüllen, mit geschwungenem Gummi-Hammer, der auf die ersten Steine niedersaust, mit dem Kettensägenmann und einem Alsterwasser nach getaner Arbeit, wie wir beide auf umgestülpten Eimern sitzen.
Statt auf Eimern haben wir lieber auf dem Sofa gesessen. Statt zu graben, haben wir lieber Fußball geguckt. Allein schon, um über zwei weitere Happiness-Prinzipien schreiben zu können.
🧚🏼♀️ Sich nie zu viel vornehmen.
🧚🏼♀️ Eine große Arbeit in kleine Schritte aufteilen. Dann ist die Hürde nicht so hoch, endlich damit anzufangen. Deshalb habe ich mir für heute nur vorgenommen, den kleinen Graben für die Steine auszumessen und abzustecken. Alles Weitere wird sich ergeben. Kein Stress und jeden Tag das Leben genießen.
Gibt es eine Herausforderung, der ihr euch stellen könntet, um eure Grenzen zu erweitern und eine beglückende Erfahrung zu machen? Was war es in der Vergangenheit? Was könnte es im Moment sein? Eine neue Farbe für die Fußnägel? Ein Kurs im Salsa-Tanzen? Eine spektakuläre Nachspeise?
Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir dazu schreiben würdet. (Vielleicht könnte auch das eine "Challenge" sein: hier den ersten Kommentar schreiben)
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta
Zum Titelbild: Polly hilft, die passenden Stöcke als Pflanzstütze zu finden
* Gretchen Rubin: Das Happiness Projekt. Frankfurt 2018, Seite 101



So schön, wie du schreibst, vielen Dank!
Ich habe letzten Herbst angefangen, Trompete zu spielen, das macht sehr viel Spaß und ist vollkommen neu für mich gewesen.
Trompete? Wie cool! Das stelle ich mir von der Atemtechnik sehr schwer vor. Danke für deinen Beitrag!
Oh, liebe Uta, vielen Dank für die anregende Frage! Bei mir gäbe es zahllose Challenges. Und die erste besteht nun darin, hier zu offenbaren, dass ich es nicht mal schaffe, für unseren sehr übersichtlichen Balkon eine minimale Pflanzenauswahl durch den Frühling zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit dem ebenfalls sehr winzigen Urnengrab meiner Schwiegereltern. Tja, immerhin wurden bei letzterem die Husarenköpfchen eigenhändig eingepflanzt (und nun nahezu täglich (und damit vermutlich viel zu doll) bewässert).
Könnte die nächste Challenge also darin bestehen, die Pflänzchen für den Balkon immerhin mal UMZUTOPFEN 🙈🙈
Ganz liebe Grüße und gutes Gelingen mit den Steinchen! 💪🏼
Liebe Nicolle, danke für dein Bekenntnis!
Umtopfen auf einem Balkon finde ich herausfordernd: Blumenerde heraustragen und dann platzt im Wohnzimmer der Sack auf, beim Gießen werden die Nachbarn eine Etage tiefer bewässert und bei einem Südbalkon mitten im Klimawandel ist man gut beschäftigt, neben der Bewässerung auch für Sonnenschutz zu sorgen. Statt Husarenköpfchen vielleicht lieber der Salsa-Kurs? Ich würde mitkommen.
Vielen Dank für Dein Verständnis, liebe Uta, das isr sehr wohltuend für mein verspanntes Verhältnis zu meiner inneren Gärtnerin 😅
Und ja, sehr gerne demnächst Salsa 💃🏾 💃🏾