Angst vor einem Telefonat 

 18/02/2026

Sich auch bei einem Gartenprojekt nicht von seinen Gefühlen bremsen lassen

Heute hat der Kettensägenmann, der mein Mann ist - sonst klingt es so distanziert -, alte Pfosten zum Nachbarn hinübergereicht. Die Pfosten haben jahrelang eine morsche Sichtschutzwand abgestützt, die der Nachbar vor Jahren in die Erde gesteckt hat. Als unser neuer Zaun in die Wildnis kam, wollte er die Pfosten zurück haben. 

Ich habe ein wenig Angst vor dem Nachbarn. Er hat vor vielen Jahren mal mit Prinzessin geschimpft, als sie einen Ball unter dem Maschendrahtzaun wieder hervorholen wollte, und er empfindet unsere Bäume gelegentlich als übergriffig. 

Erleuchtetes Fenster

Der Nachbar lebt meines Wissens allein. Mehr kann ich nicht sagen, weil er nicht in unserer Straße wohnt. Nur unsere Grundstücke stoßen an ihrer Rückseite aneinander. Meistens sehe ich im ganzen Haus nur ein erleuchtetes Fenster. 

Will ich mit der Erwähnung des einsamen Lichts auf Mitleid hinaus? Das sähe mir ähnlich. Dabei kann ich mir nicht sicher sein. Vielleicht geht es ihm prächtig und er hat jede Menge Freunde und Vereinsmitgliedschaften, von denen ich nichts weiß.

Als wir die Wildnis zur Verlängerung unseres Gartens kaufen konnten, habe ich mir ein Herz gefasst und den Nachbarn angerufen. Wir wollten ihn über die Veränderung an seiner Grenze „in Kenntnis setzen“, wie das so schön heißt. Gespräche, die das Potenzial haben, unharmonisch zu werden, machen mich im Vorfeld sehr nervös. Seit Jahren wende ich für solche Gespräche einen Trick an. Ich nehme mir nicht nur das Telefon, sondern auch einen Stift und ziehe an seinem Ende wie an einer Zigarette. Das hat auch bei Nichtrauchern wie mir gleich mehrere Effekte. Die Atmung wird tiefer, die Stimme fester und es flutet einen ein Gefühl der Coolness, was bei herausfordernden Telefonaten sehr hilfreich ist. 

Überraschende Festigkeit

Ich nahm also einen tiefen Zug von meiner Attrappe und wählte die Nummer. Der Nachbar ging dran und zeigte eine solide Grundhöflichkeit. „Wir haben das Stück Garten gekauft, das hinten an ihr Grundstück grenzt“, sagte ich mit einer Festigkeit, die mich selbst überraschte. Pause. Neuer Zug an der Stift-Zigarette. 

Ich wappnete mich dafür, dass er vielleicht Einwände hat, neue Bäume ablehnt, unter multipler Pollenallergie leidet, sich vor einer Zukunft mit Ballsport begeisterten Enkelkindern fürchtet oder einen Zaun fordert. Zwei Meter hoch. Durchzogen von Plastikstreifen, schwarz wie Autoreifen.

Aber nein. Er gratulierte zum Neu-Erwerb, versicherte, wir hätten genau das Richtige getan, erkundigte sich nach unseren Plänen und schon war das Gespräch geschafft. Ich konnte von jetzt auf gleich wieder aufhören zu rauchen und tanzte erleichtert durchs Wohnzimmer. 

Hier seht ihr unseren neuen Zaun und dahinter rechts das Haus des Nachbarn. Bäume, Bank und Blumen habe ich reinmontiert. So könnte es eines Tages aussehen, tut es aber noch nicht.

Warum erzähle ich das? Zum einen möchte ich dringend den Trick mit der Stift-Zigarette und der beruhigenden Tiefen-Atmung mit euch teilen. Zum anderen erinnert mich die kleine Geschichte mit dem Nachbarn an eine Erkenntnis von Coachin Dana Schwandt, deren Philosophie* mich in jüngster Zeit extrem weitergebracht hat. Sie sagte sinngemäß: Erfolgreiche Menschen haben Erfolg, nicht weil sie so viel arbeiten. Arbeit und Fleiß gehören natürlich auch dazu. Entscheidend sei aber, dass diese Menschen bereit seien, Druck auszuhalten. Druck, der entsteht, wenn man mutig seinen Weg geht, wenn man sich zeigt, auch auf die Gefahr hin, von anderen dafür abgelehnt zu werden.

Nun wollen wir keinem Öl-Multi ein Biosphären-Reservat abringen. Trotzdem erfordert unser Garten-Projekt, die finanziellen Investitionen, die Einbindung der Nachbarn und die Neuausrichtung meines Blogs auch ein wenig Mut. 

Und dass man gar nicht auf Ablehnung stößt, wo man sie sicher vermutet hat, ist eine der beflügelnden Erfahrungen, die man dabei machen kann.

Immer fröhlich für etwas losgehen, das euch am Herzen liegt, und das Fake-Rauchen ausprobieren,

Eure Uta 

* Dana Schwandt ist für mich eine der beeindruckendsten Coaches, denen ich auf meinem Weg der persönlichen Weiterentwicklung begegnet bin. Vor allem den 1:1-Gesprächen in ihrem Podcast verdanke ich viel. Leider nimmt sie zur Zeit keine neuen Folgen auf, aber auch die Älteren höre ich mit großem Gewinn. 

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Uta


Ich arbeite als Buchautorin, Journalistin, Bloggerin und Coach. Die Themen, über die ich am liebsten schreibe, sind das Gärtnern, das Familien-Glück und die persönliche Weiterentwicklung.

„Wie gelingt das Leben?“ Das erforsche ich fröhlich im Selbstversuch und ganz praktisch in unserem neuen Projekt ‚Von der Wildnis zum Traum-Garten‘, von dem ich regelmäßig hier berichte.

Deine, Uta

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