Anspruchsvolles Bürschchen 

 19/02/2016

Um wie viel leichter wir Lösungen finden, wenn wir die vorschnellen Bewertungen lassen.

Gerade bin ich sehr stolz auf mich.
Kronprinz (18) fragte, ob ich heute morgen das Auto bräuchte oder ob er mit meinem Auto zur Schule fahren dürfe, er sei spät dran.
Ich dachte mir:
Das ist ja nicht mein Problem, dass er spät dran ist – anspruchsvolles Bürschchen – trage selbst die Konsequenzen deiner Verschlafenheit …
Zum Glück dachte ich auch:
Passiert es dir nie, dass du spät dran bist? Ist er wirklich anspruchsvoll? Seit vier Jahren trägt er bei Wind und Wetter Zeitungen aus, um selbst Geld zu verdienen. Und wenn wir ihm das Auto geben, bedankt er sich jedes Mal und hat bisher auch nicht den kleinsten Kratzer zu verantworten. Was allerdings wirklich dagegen spricht, ist, dass ich gegen Mittag kurz auf den Mark wollte.
Ich sagte: „Das ist ungünstig, weil ich gegen Mittag noch auf den Markt wollte.“
Kronprinz: „Kannst du nicht mit dem Fahrrad fahren?“
Ich dachte: Das ist ja jetzt dreist. Sohnemann chauffiert sich selbst bis kurz vor das Klassenzimmer und ich darf mich auf dem Fahrrad mit den Einkäufen abstrampeln. 
Zum Glück dachte ich auch: Bin ich es nicht, die immer große Reden schwingt, wie gesund das Radfahren ist und dass ich es eigentlich viel lieber täte als Autofahren? Andererseits trage ich heute einen engen Rock. Zum Radfahren müsste ich mich umziehen und dazu bin ich nun wirklich nicht bereit. 
Ich sagte: „Das geht heute nicht. Ich habe einen Rock an und habe keine Lust mich umzuziehen.“
Kronprinz: „Ich könnte stattdessen heute nachmittag für dich einkaufen gehen.“
Ich: „Nein, ich wollte an einem bestimmten Marktstand Antipasti für heute Abend holen und der ist heute Nachmittag nicht mehr da.“
Kronprinz: „Und wie wäre es, wenn ich in der zweiten Pause auf den Markt gehe und dir die Sachen besorge?“
Ich: „Perfekt! Dann muss ich nicht mehr los und habe mehr Zeit für meine Arbeit am Schreibtisch. So machen wir das!“

*

Ich finde so irre, wie schnell im Kopf tausend Bewertungen und Abqualifizierungen aufploppen. Jemand (vorzugsweise eines der Kinder oder mein Mann) sagt etwas, was nicht hundertprozentig in mein Weltbild passt und – zack! – tummeln sich jede Menge kleiner Besserwisserchen in meinem Sprachzentrum. Oder noch schlimmer: eine ganze Meute von Moral-Aposteln. Ich bin sie wirklich leid, diese Burschen. Oberlehrerhaft sind sie. Und sie triefen vor Selbstgewissheit und Überlegenheit. Sie vereiteln echtes Zuhören, kennen keine Empathie und tragen die Schuld an jeder einzelnen meiner strengen Stirnfalten.
Deshalb bin ich so froh, dass ich eben einen Sieg gegen diese kleinen Teufelchen davon getragen habe, und Kronprinz und ich eine Lösung gefunden haben, mit der wir beide glücklich sind. Und das, ohne uns gegenseitig zu verletzen.

Das Stirnfalten-Selfy sieht so furchterregend aus, dass ich mich lieber für diese Winterlandschaft entschieden habe.
Das Stirnfalten-Selfy sah so furchterregend aus, dass ich mich lieber für diese Winterlandschaft entschieden habe.

Immer fröhlich gucken, dass uns die vorschnellen Abwertungen nicht auf die Zunge kommen.
Eure Uta

  • Ein Hoch auf den Kronprinz, dass er auf solche Kompromiss-Ideen kommt und damit die Vorab-Bewertung aushebelt und nicht bestätigt. Was wäre damit passiert, wenn er das Angebot, den Einkauf dafür zu übernehmen, nicht gemacht hätte?
    LG, Katja

  • Aktives Zuhören – vorbildlich ausgeführt von deinem Sohn!
    Hut ab!
    …ich hoffe, das gelingt mir auch mit der derzeitig 15jährigen in Zukunft…
    Liebe Grüße,
    Anette

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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