Das innere Kind von morgen 

 18/09/2018

Wie die Angst, seinem Nachwuchs ein Trauma fürs Leben zu verpassen, Eltern lähmen kann.

Wenn ich Eltern coache, treffe ich immer wieder auf die Befürchtung, sie könnten etwas falsch machen und damit ihrem Kind ein Trauma fürs Leben zufügen.
Dieser Gedanke „So, wie ich bin, und so, wie ich lebe, schade ich meinem Kind“ ist wohl der mit Abstand stressigste Gedanke, den wir haben können.
Meist haben Mamas oder Papas diesen Gedanken, die sich Arme und Beine rausreißen für ihre Kinder. Das einzige Trauma, das ihren Kinder droht, ist absurderweise der Trauma-Wahn ihrer Eltern. Dieser lässt sie gestresst sein, was wiederum die Kinder stresst. Dieser bremst sie in ihrem Zutrauen in ihre Kinder, was wiederum die Kinder bremst. Dieser macht aus kleinen Alltags-Widrigkeiten große, schier unüberwindbare Barrieren.
Ich hatte das auch. Es fing ganz früh an. Und es zeigte sich schon, als der Kronprinz etwa so groß war wie eine Kirschtomate. Ich kam gerade von einer Untersuchung bei der Frauenärztin und ging eine Straße entlang, als plötzlich ein Auto neben mir hupte. „Konnte dieser Idiot keine Rücksicht nehmen auf das ungeborene Leben?!“ Fast hätte ich wie wild auf das Autodach getrommelt, konnte mich aber gerade noch beherrschen. Zum Glück. Der Autofahrer konnte ja nicht wissen, dass ich schwanger war. Ich kreiste aber so sehr um mein Kind und meinen Bauch, dass ich auf einer komplett anderen Umlaufbahn unterwegs war. (Außerdem weiß ich inzwischen, dass es im Mutterleib so laut ist, dass das Autohupen draußen für die kleine Kirschtomate lächerlich leise war.)
Wenn wir Eltern werden, laufen unsere Schutzinstinkte zur Höchstform auf. Das ist sinnvoll. Nur werden wir durch den Gedanken, dass das Kind, das wir leibhaftig vor uns haben, mal das „innere Kind“ eines unglücklichen Erwachsenen werden könnte, völlig verunsichert.
Deshalb möchte ich mit euch Gedanken teilen, die mir eine große Erleichterung verschafft haben:
Es ist sehr populär geworden, vom „inneren Kind“ zu sprechen. Dahinter steckt die Idee, dass unsere Kindheitserlebnisse und unsere Schlussfolgerungen daraus heute noch lebendig sind, wie ein „inneres Kind“ in uns verborgen sind und uns als Erwachsene nach alten Mustern handeln lassen.
Das ist ein hilfreiches Bild. Und ich habe es als hilfreich erfahren, in meinem erwachsenen Leben mal diese Rückschau zu halten, sich klar zu machen, welche Überzeugungen einen geprägt haben und ob sie hilfreich sind oder man sie lieber über Bord wirft.
Im Beitrag davor schrieb ich von meiner katholischen Kindheit. Als Erwachsene habe ich beim Coaching erkannt, dass die christliche Idee, Leiden mit Erlösung zu verknüpfen, mich hat schlussfolgern lassen: „Ich kann nur ein guter Mensch sein, wenn in meinem Leben auch eine große Portion Leid dabei ist.“ Und: „Alles, was leicht fällt und Spaß macht und locker-flockig daher kommt, hat keinen Wert.“ Oh, was für ein Glaubenssatz! Der hat mir sehr viel Stress bereitet. Wie oft habe ich es mir schwer gemacht, weil ich sonst das Ergebnis meiner Arbeit selbst nicht hätte anerkennen können. „Leben darf leicht sein!“ Diesen Satz habe ich aus meinen ersten Coaching-Training mitnehmen und in Übungen verankern können. Als ich von dem Training zurückkam, habe ich meine Familie förmlich mitgerissen. Die Kinder waren damals neun und sechs Jahre alt und haben zum Glück noch einige Jahre Kindheit profitieren können von meiner neuen Leichtigkeit.
Am Coaching mag ich, dass es schnell geht und alltagsnah ist. Ja, man befasst sich mit seiner Vergangenheit. Ja, man guckt sich seine Kindheit an, um zu verstehen, was einen geprägt hat. Ja, man vergießt vielleicht auch mal ein paar Tränen des Mitgefühls für das Kind, das man war. Aber dann begibt man sich in die Gegenwart und gestaltet mit Freude die Zukunft.
Wenn ich nämlich hängenbleibe in meinen Vergangenheitsthemen, kann es passieren, dass ich meinem Trauma Macht gebe über mein Leben. Ich habe schon 60jährige sagen hören: „Ich konnte nicht glücklich werden, weil meine Mama damals zu mir gesagt hat: ….!“ Wie drückte es der amerikanische Psychotherapeut James Hillmann aus: „Nicht das Trauma richtet den Schaden an, sondern die traumatische Erinnerung.“ (zitiert nach Ursula Nuber: Der Mythos vom frühen Trauma. Frankfurt am Main, 1999, Seite 39).
Statt mich darauf zu fokussieren, was mir alles nicht möglich ist, weil mir ein Trauma in den Knochen steckt, könnte ich auch wahrnehmen: „Mensch, obwohl ich so geprägt wurde, stehe ich heute stabil im Leben. Meine Erfahrungen haben mich nicht niedergedrückt, ich bin an ihnen gewachsen. Mensch, großartig, wie ich das alles geschafft habe! “
Der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle stellt in seinen Büchern eindrucksvoll dar, welche Wege unser Ego findet, um unserem Selbst etwas hinzuzufügen, von dem wir glauben, dass es uns mangelt. Zu diesen Wegen gehört auch, in unserer Vergangenheit jeden Stein umzudrehen, um endlich zu wissen, welche Verletzungen oder Missachtungen wir erlitten haben und warum wir deshalb beruflich oder privat angeblich nicht erreichen können, wonach wir uns sehnen. Unser Ego kann uns sogar dazu verleiten, an Leiden und Krankheit festzuhalten, weil es uns eine scheinbare Identität gibt. „Ich bin die, die als Kind nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat.“ – „Ich bin die, die von einem Lehrer ungerecht behandelt wurde.“- „Ich bin die, die als Kind wochenlang auf einer Isolierstation im Krankenhaus war und wegen dieser Isolation bis heute anderen Menschen nicht mehr vertrauen kann.“ -„Ah“, schreibt Eckhart Tolle, „dann wissen wir ja jetzt, wer du bist.“ (Eckhart Tolle: Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung. München 2005, Seite 134)
Dann passiert es gerne, dass Leute sich von so einer Identität leiten lassen, wenn sie Eltern werden. Sie haben herausgefunden, dass sie dieses oder jenes in ihrer Kindheit erlitten haben, und nun soll bei ihren Kindern alles anders werden. Ich verspreche euch, sie können sich noch so bemühen, es anders zu machen als ihre Eltern, ihre Kinder werden – wenn sie darauf aus sind – neue Traumata finden.
Dieses linear-kausale Denken: wenn ich als Mama oder Papa alles richtig mache, wird mein Kind ein glücklicher Erwachsener, stimmt einfach nicht. Und … was ist schon „richtig“? Es gibt Menschen mit einer desaströsen Kindheit, aus denen glückliche Erwachsene wurden, und es gibt Menschen mit einer wunderbaren Kindheit, die später keine Erfüllung fanden.

Kinder in Toronto an der Uferpromenade

Deshalb können wir uns entspannen.
Wir verscheuchen das Schreckgespenst, dass wir unsere Kinder lebenslänglich schädigen, wenn wir mal ungeduldig sind oder etwas Unüberlegtes sagen. Wir müssen nicht jede Minute auf ihre Bedürfnisse achten (Säuglinge ausgenommen). Wir schmeißen über Bord, was wir alles sollten und müssten. Wir verlieren uns nicht in unserer Vergangenheit und hängen nicht ständig gedanklich in der Zukunft unserer Kinder. Wir sind glücklich mit ihnen. Jetzt! Auf nichts reagieren sie stärker.
Zusammengefasst heißt das für mich:

  • Ich gucke mir an, was mich in meiner Kindheit geprägt hat.
  • Wenn es ein wiederkehrendes Problem gibt, das ich nicht allein lösen kann, hilft mir ein Coaching, hinderliche Glaubenssätze zu wandeln und auf diese Weise befreit, mein Leben selbst zu gestalten (unbezahlte Werbung).
  • Hilfreich finde ich zum Beispiel auch den Podcast #083 „No more drama, baby!“ von Laura Malina Seiler, in dem es auch um eine Methode zur Inneren-Kind-Heilung geht.
  • Ich verliere mich aber nicht in der Vergangenheit, halte nicht ewig an alten Vorwürfen (vor allem den eigenen Eltern gegenüber) fest, denn letztendlich schade ich mir und meinen Kindern damit am meisten.
  • Ich bin feinfühlig und respektvoll meinen Kindern gegenüber, mache mich aber nicht damit verrückt, ich könnte etwas falsch machen.
  • Ich traue meinen Kindern zu, auch mit Widrigkeiten zurecht zu kommen.
  • Ich genieße meine Familie, ich genieße das Leben. Jetzt!

Immer fröhlich bleiben und sehen, dass ihr dem, was ihr seid, nichts hinzufügen müsst,
eure Uta

  • Danke Uta für diesen wunderbaren Artikel und die `beruhigenden`Worte. Lauras Podcast zum inneren Kind kenne ich noch gar nicht, den werde ich mir in den nächsten Tagen aber auf jeden Fall anhören. Danke für die Empfehlung.
    Liebe Grüße,
    Martina

  • Liebe Uta,
    Danke für deinen inspirierenden Post! Und danke für den Tipp mit dem Podcast von Laura Selina Seiler. Daran hänge ich gerade fest und trifft meinen absolut meinen Nerv. Sooo wichtig diese selbstverzeihende Einstellung. ♡
    Viele liebe Grüße,
    Marie

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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