Das Recht auf ein aufgeschlagenes Knie 

 27/05/2015

Warum es sinnvoll ist, Kinder auch mal Risiken eingehen zu lassen und sie nicht vor allem und jedem zu beschützen.

Prinzessin (14) möchte auf unserem Dach sitzend einen Sonnenaufgang erleben. Ich habe  geschluckt. Sie war schon das eine oder andere Mal auf unserem Dach, weil sie dort am besten nachdenken kann. Aber im Morgengrauen? Ohne dass ich an der Dachluke stehe und das Kissen reiche, das sie sich auf den Tritt für den Schornsteinfeger legt? Im Dunkeln, in der Kälte? Womöglich ist es windig. Womöglich fällt die Dachluke zu und versperrt ihr die sichere Rückkehr.
Es wäre mir lieber, sie würde um die Zeit sicher und warm in ihrem Bett liegen.
Aber dann fielen mir die Kinder-Grundrechte des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak ein:

1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod.
2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist*.

 
Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod – „das ist krass“, würde Prinzessin sagen. Und in uns Eltern sträubt sich alles dagegen. Vielleicht kann man es runterbrechen auf das Recht darauf, mal ein aufgeschlagenes Knie zu erleben und wie es wieder heilt, das Recht, Angst zu spüren und sie selbst zu überwinden, das Recht auf eigenes Risiko, auf eigene Fehler, auf Lebendigkeit.
Wir Eltern wollen unser Kind schützen. Ein Albtraum, sollte ihm etwas zustoßen und wir müssten uns selber Vorwürfe machen. Niemand will, dass so eine „Aktenzeichen-xy-ungelöst“-Welt über einen hereinbricht. In der Zeitung sehen wir die Kinderschänder-Meldung und beten innerlich die Statistiken runter, die beweisen, das so etwas rückläufig ist. Wir nötigen unseren Schulkindern Fahrradhelme auf, klappern alle U-Untersuchungen beim Kinderarzt ab, zerstreiten uns mit der Freundin über die Notwendigkeit von Impfungen, nehmen den Kleinen die Messer aus der Hand, den Großen die Zigaretten aus der Jacke.
Viele von uns fahren den Nachwuchs mit dem Auto bis zum Schultor, manche mögen erst gehen, wenn sie ihr Kind bis in den Klassenraum gebracht haben. Natürlich ist das übertrieben. Aber mancher kann sich wahrscheinlich leichter verabschieden, wenn er oder sie das Kind wenigstens sicher an Ort und Stelle abgeliefert hat.
Mir fällt auf, dass auch die Tatsache, dass immer mehr Kinder immer länger in Kitas oder Schulen betreut werden, zu mehr Reglementierung führt. Je mehr Kinder unter Fremdaufsicht stehen, desto mehr werden sie überwacht. Ist ja logisch. Da gibt es genaue Vorschriften, festgelegte Pflichtverletzungen, die einen Haftungsausschluss nach sich ziehen könnten. Außerdem bin ich um ein fremdes Kind ängstlicher besorgt als um das eigene, weil ich es nicht gut kenne und nicht weiß, was ich ihm zutrauen kann.
Einfach mal auf einen wilden Baum klettern? Lieber nicht, wir haben doch ein kesseldruck-imprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette.
Schneeballschlacht auf dem Schulhof? Ausgeschlossen. Die Fälle, wo sich ein Kind verletzte, weil in dem Schneeball ein Stein enthalten war, sind hinreichend dokumentiert.
Schwerer zu fassen ist dagegen der schleichende Verlust an Lebendigkeit, den unsere Kinder erleiden, weil Eltern immer mehr meinen, sie vor körperlichen Gefahren, vor anderen Kindern, vor Menschen überhaupt und vermeintlicher Ungerechtigkeit schützen zu müssen.  Noch einmal Korczak in all seiner Drastik:

Aus Furcht der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben. (Janusz Korczak: Wie man ein Kind lieben soll. Göttingen 1967, Seite 44) 

Kein Wunder, dass Kinder und Jugendliche in Minecraft-Welten flüchten. Endlich mal irgendwo sein, wohin wir ihnen nicht folgen können. Und da sie – zumindest äußerlich unversehrt – mit ihrer Internet-Welt auf unserem Sofa oder in ihrem Bett hocken, brauchen sie auch unsere Handy-Anrufe, unsere Whatsapp-Notrufe („Wo steckst du gerade?“- „Wo bleibst du so lange?“) nicht zu fürchten.
Als meine Mutter Kind war, hat meine Oma sie mit dem kleinen Bruder zur Schule geschickt, weil sie im eigenen Schuhmacherladen stehen musste und keine Zeit hatte, den Jungen selbst dort anzumelden. Den ganzen Weg hat meine Mutter das Geburtsdatum ihres Bruder vor sich hingemurmelt. Die Zahlen hatte man ihr eingeschärft: „Sechster Siebter Siebenunddreißig, sechster Siebter Siebenunddreißig, sechster Siebter Siebenunddreißig …“ Aber das kleine Mädchen von einst hat es geschafft und erzählt noch heute davon. So eine Zumutung enthält auch ein großes Zutrauen. Und das macht stark.
In der Ausgabe des „Spiegel“ vom 16. Mai steht ein Interview mit der Amerikanerin Lenore Skenazy. Sie geriet vor Jahren in die Schlagzeilen, weil sie und ihr Mann, ihrem neunjährigen Sohn erlaubt hatten, allein in New York mit der U-Bahn nach Hause zu fahren.

„Er hatte sich gewünscht“, so Lenore Skenazy, „ohne Hilfe den Weg zu uns nach Hause zu finden. Das war für ihn ein großes Abenteuer. Wir fahren regelmäßig U-Bahn, meine Sohn konnte sich schon sehr gut orientieren. Also dachten mein Mann und ich: Wenn der Junge sich das zutraut, dann trauen wir es ihm auch zu. Wir gaben ihm eine Fahrkarte, Kleingeld zum Telefonieren und 20 Dollar für ein Notfall-Taxi. (Der Spiegel, Nr. 21, 16.5.2015, Seite 112)

Unter dem Eindruck dieses Interviews hat mein Mann zugestimmt, dass Prinzessin (14) am kommenden Samstag zusammen mit ihrer Freundin und einigen Mitschülern eine Tagesreise mit dem Fernbus unternimmt. Und ich habe ihr ein Kissen und eine Decke an die Holzleiter zur Dachluke gelegt für ihr Sonnenaufgangserlebnis.
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Was habt ihr euren Kindern schon erlaubt, obwohl ihr in Sorge wart?
In welchen Punkten nehmt ihr euch vor, weniger ängstlich zu sein?
Immer fröhlich die Kinder unterstützen, ihre eigenen Kräfte zu entdecken und auch mal Risiken einzugehen.
Eure Uta
 
*aus: Janusz Korczak: Wie man ein Kind lieben soll. Göttingen 1967, Seite 40 

  • Man beachte bitte die Jahrezahl des Zitates. Würde der Zitierte sich die heutige Lage angucken, würde er wahrscheinlich komplett verzweifeln.
    Ich habe die Tage ein Foto von einer Kindergartengruppe machen müssen – ich konnte es kaum fassen: beim Ausflug über unsere sog. Südwiese trugen alle Erzieherinnen und alle Kinder (auch die ganz kleinen im 6-Sitzer!) Warnwesten. Demnächst spielen Kinder auch im heimischen Garten nur noch in Warnwesten.
    Immer schön aufpassen, dass man sich nicht von diesem „Zuviel“ anstecken lässt,
    Kathrin

    • In unserer Kita sind innerhalb eines halben Jahres drei Kinder bei (Mini-)ausflügen „abhanden“ gekommen, weil die Erzieherinnen nicht ständig gezählt haben und die Kinder sich auch nicht an die Regeln hielten und sich selbstständig gemacht haben. Das hat zur Folge, dass jetzt wirklich JEDER Ausflug in Warnweste und mit Armband mit Notfalltelefonnummer drauf erfolgt. Die Kinder sind dann einfach schneller zu sehen. Was natürlich nicht vom Nachzählen befreit…

  • Die Korczak-Regeln kenne ich noch aus dem Studium 😉
    Die mit dem Tod hat für uns eine sehr reale Bedeutung bekommen. Unser Mini-Mädchen haben wir gehen lassen, obwohl wir mehr hätten tun (lassen) können.
    Liebe Grüße und danke für die Erinnerung!
    Sonja

  • Immer wieder wird meine Tochter (jetzt 10) von Müttern „zwangsbegleitet“, wenn sie von einer Schulfreundin abends nach Hause läuft, weil es ja schon dunkel ist. Mich ärgert das. Meine Tochter hat keine Angst vor der Dunkelheit und ich glaube auch nicht, dass ihr im Dunkeln mehr passieren könnte als bei Tagslicht (vor allem am frühen Abend). Ich weigere mich, in meiner Tochter irrationale Ängste zu schüren und möchte auch nicht, das andere das tun. Auch finde ich haben auch Mädchen und Frauen verdammt noch mal das Recht, an Orten und zu Zeiten unterwegs zu sein wie es ihnen passt und sich frei zu fühlen. Es kann immer was passieren (sexuelle Übergriffen finden ja selten auf der Strasse statt!), aber ich will nicht, dass meine Tochter das Gefühl hat, weil sie ein Mädchen ist, ist sie auch ein potentielles Opfer.

  • In mir wohnt auch die ängstliche Mutter, die ihr Kind überall vor allen möglichen Gefahren beschützen möchte, aber ich versuche sie geheim zu halten. Allerdings würde ich mein Kind auch gern vor den gefahren der virtuellen Welt beschützen, die ich für größer halte als die der realen, wenn auch nicht für potentiell tödlich und hätte nichts dagegen, wenn die Jungs mal wieder ein paar reale Gefahren eingehen würden statt virtuelle. Statt meinem Sohn Verhaltensregeln und Verbote mit auf den Weg zu geben, wenn er mit 10 Jahren alleine unterwegs ist, ob in der Stadt, im Schwimmbad, im Gebirge vorauslaufend oder quer durch alle Hochseilgärten, gebe ich ihm eine Umarmung und ein „Pass auf dich auf!“ mit auf den Weg und lächle tapfer. Dass ich trotzdem bei jedem Tatü-Tata panisch werde und mich um ihn sorge, muss er ja nicht wissen. Bei und gibt es die strengeren Regeln und Beschränkungen am Computer.
    Nachdenklich machte mich allerdings die Frage einer Kindergeburtstagsmtter neulich, welche Unverträglichkeiten und Allergien mein Sohn hätte, ob er Veganer oder Vegetarier wäre udn ob sie ihn allein Schwimmen lassen dürfe – damit sie nicht falsch machen würde. Bisher bin ich noch nie auf die Idee gekommen, sowas zu fragen – muss man das heute? Ich kann mich nur daran erinnern, dass man früher Gefahr lief, sich an Süßigkeiten zu überfressen.
    Herzlich, Katja

    • Oh Katja … wie genial dein letzter Satz ist! Genau so darf und muss ein Kindergeb doch sein … Knüller!
      Liebe Uta,
      als die Lütte so ca. zwei war, hat sie immer gesagt „Ich merk“, wenn ich meinte, sie könne den Pulli nicht anziehen, weil sie dann schwitzt oder was auch immer. Nach ihrem „Ich merk“ haben wir sie dann machen lassen … und … kurz danach kam dann „Ja warm“. Das war toll. Irgendwann sind wir davon abgekommen und haben sie nicht mehr „merken“ lassen. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht weil die Sorgen mit jedem Zentimeter, den die kleinen wachsen, auch größer werden…
      Liebe Grüße,
      Dorthe

    • Liebe Raumfee,
      zu deinem letzten Satz: Nein, für mein Empfinden muss man nicht erfragen, ob es Unverträglichkeiten, Allergien, Nahrungsgewohnheiten gibt. Da sollten Betroffene aktiv informieren.
      Ich habe aber tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass einige Kinder nachmittags nur noch Wasser, keine Schorle, trinken dürfen, andere Kinder wiederum lieber nichts zu essen oder knabbern, naschen bitte gar nicht und wenn, dann ausschließlich Gemüse und bitte nicht nur Obst. Ich habe mich daran gewöhnt und respektiere das, auch wenn ich es mit den Herzbuben nicht so geregelt halte. Wenn sie andere Kinder besuchen, ist erlaubt, was dort erlaubt oder üblich ist.
      Liebe Grüße,
      Frieda

  • Ich freue mich, diesen geistreichen, tiefsinnigen, wortgewandten (und sauber editierten) Blog entdeckt zu haben!
    Hinter viele Ihrer Sätze möchte ich einfach nur ein Häkchen machen.

  • Wow, da hast Du mein Problem zur Zeit getroffen: Was macht man, wenn das eigene Vertrauen ins Leben erschüttert wurde? Wenn man selbst nicht mehr glaubt, dass es aus gut gehen kann? Seit wir unsder drittes Kind Ende der Schwangerschaft ohne Gründe verloren haben fällt es mir schwer, die Leichtigkeit von davor zurückzubekommen. Ich glaube das geht nie wieder wie zuvor. Ich versuche auch Theater zu spielen – ja, klar, mach nur (und heimlich dreh ich durch) – bei Kleinigkeiten geht das. Kürzlich nahm es größere Ausmaße an: Der Schulweg des Sohnes ist lang, ca. 30 min zu Fuß auf dem Land zwar, aber über zwei stark befahrene Strassen. Im Wohngebiet selbst wir teilweise schnell gefahren, kein Gehweg ist da. Mehrere Kreuzungen nicht so gut einsehbar. Die Schule empfahl Rollern erst ab der 3. Klasse. Ich fand das vernünftig, fuhr er mir doch bereits dreimal vor ein Auto, weil er nicht gut schaute. Die ersten Eltern ließen die Kinder gleich zu Beginn der 1. rollern, schnell wurden es mehr. In der 2. waren es nun alle, bis auf meinen Sohn. Ich fühlte mich so unter Druck gesetzt und hatte furchtbare Angst. Er fühlte sich ausgegrenzt. Traurig waren wir alle. Wir haben uns nun auf den Kmpromiss geeinigt – schnelle Hausaufgaben gibt rollern am nächsten Tag. Da er nicht so oft schnell ist, kann ich wiederum mit dem Rllern leben. Ich besethe allerdings auf Warnweste, da die Kinder teilweise mit enormer Geschwindigkeit die Straßen entlangbrettern und viele Straßen quer einmünden. Er soll anhalten und schauen, aber ob er es immer tut weis ich nicht. Das Recht auf seinen Tod? Sorry, wir hatten jetzt genug Tod – ich verstehe was gemeint ist, ich weis, ich muss ihn mehr lassen, aber gerade reicht mir schon der Schulweg oder wenn er bei einem Ausflug mit uns mal schnell verschwindet und ich mit rasendem Herzen nach ihm suchen muss. AufndemmWeg zu Freunden allerdings würde ich ihn nie begleiten oder so was, das ist im Viertel, das muss gehen. Hätte unser Städtchen überall gute Fußwege und ein paar mehr Ampeln als nur Fußgängerinseln ohne Zebrastreifen über stark befahrene Straßen, wäre ich wesentlich ruhiger. Bei meinen Eltern kann man ihn viel freier laufen lassen, bei uns wie gesagt ist es im Viertel o.k., aber dann wird es teilweise selbst für Erwachsene etwas zum gut hinschauen.
    Ich frage mich, ob das Recht auf Tod auch rechtlich Bestand hat – sind wir bis zu bestimmten Altersgrenzen nicht verpflichtet als Eltern alles zu verhinder? Aufsichtspflicht und Co… Ich glaube, wer weis wie furchtbar es ist, sein Kind zu verlieren, der wir nicht so schnell wieder Oberlocker sein können. Traurig aber war, obwohl ich Dir zustimme, dass es wichtig ist – vielleicht gibt aber auch unsere Umwelt immer weniger Abenteuer her, wo man sie hinlaufen lassen kann – zu geordnete Haus und Hofverhältnisse, Zäune, Strassen,… weniger Wälder die erreichbar sind für Kinder, alles erschlossen und durchgeplant…
    Liebe Grüße Lolo

  • Das schönste waren für uns Kinder die Ferien bei der Oma. Sie lebte in einem Naturschutzgebiet mit VIEL Wald. Morgens zogen wir Kinder aus dem Haus und mittags tauchten wir hungrig auf, um danach wieder zu verschwinden. Ein Pfiff in den Wald hinein und wir wußten es war Zeit heim zu kommen. Und meine Oma hat uns einfach laufen lassen. Wir waren frei und erlebten ein Abenteuer nach dem anderen. Viele aufgeschürfte Knie, Gezanke und Kloppereien. Aber alles mussten wir selber regeln. Es war im Nachhinein die schönste Zeit für uns Kinder.
    Und wenn ich dann sehe, wie eingeengt von Furcht und Angst der Mütter unsere Kinder heute aufwachsen und so selten mit hochrotem Kopf und glücklichen Abenteuer-Augen nach Hause kommen …!! Es tut mir im Herzen weh, dass sie diese Erfahrung nicht machen können. Aber ich glaube, es ist diese Zeit, in der wir leben. Alles wird reglementiert, zerredet, kritisiert, überwacht, man muss sich permanent rechtfertigen. Der Verkehr hat nichts mehr mit dem vor 30 Jahren zu tun, die Medien machen uns kille mit den ganzen Verbrechen, die um uns herum passieren. Wir werden ängstlich gehalten und geben das an die Kinder weiter und berauben sie den Abenteuern der Kindheit. Und ich kann mich leider hier nicht ausschließen. Das Tochterkind war einmal bei einer Freundin zu Besuch und spielte auf dem Spielplatz mit Kindern, die sich gar nicht kannte. Als ich sie dann abholen wollte, sah ich mein Kind, dass bei einem fremden Mädchen hinter auf dem Fahrrad saß und beide wie die Bekloppten mit dem Fahrrad rumfuhren und bremsten und um die Kurven jagden, dass mir das Herz stehen blieb. Und schon hatte ich meine übliche Meckerei und Zurechtweisung auf der Zunge, wie ängstliche Mütter eben so sind. 😉 Da sah ich die leuchtenden Augen und die roten Wangen und die zerzausten Haare und wußte, meine Tochter hatte gerade ihr eigenes kleines Abenteuer erlebt und war strahlend glücklich. Tja, da war ich nur noch still, glücklich und doch traurig…!
    Und ja, die Kinder haben ein Recht auf aufgeschürfte Knie und allem was damit zutun hat. Auch wenn es uns weh tut!
    Ganz liebe Grüße
    Claudia

  • Oh wie mich das trifft;) und wie es mir wieder mal den Rücken stärkt….. Manchmal habe ich das Gefühl, mache ich es richtig…. An was liegt es? …. Grundsätzlich habe ich die Meinung…. Verbandsbeutel dabei mit Pflaster und allem, was dazu gehört, und genug Trost, wenn doch etwas passiert….. Innerlich zerfrisst mich manchmal die Angst, wenn die Kids auf den höchsten Klettertürmen rumklettern oder waghalsige Dinge tun (in den Augen einer Mutter), aber warum soll ich ihnen Angst einflößen, wo doch Selbstvertrauen der beste Schutz ist…..
    Letzte Woche war für mich auch eine extreme Situation…. Ich traute unserem Großen zu, in einem Park bis zum nächsten Spielplatz alleine vor zu gehen…. Er war stolz und marschierte los (mit 9 auch ganz ok), aber mir würde wieder mal angst und bange…..
    Auch der Weg zur Schule, zu weit zum Laufen in der Großstadt, er muss mit der Bahn fahren…. Darf ich ihn wirklich alleine lassen? Er macht es inzwischen voller Stolz, aber ich bin froh, wenn er mittags zuhause ist, ohne in die falsche Bahn eingestiegen zu sein…..
    Ich denke, das Wichtigste ist, uns als Eltern nicht von den Ängsten bestimmen zu lassen, sondern den Kindern genügend Freiraum zu geben, damit sie sich selbst und genügend Selbstvertrauen finden können….
    Ich liebe deinen Blog und freue mich über jeden neuen Beitrag
    Silke

  • Um es mit den Worten von Dori aus „Findet Demo“ zu sagen:“Wenn einem nie etwas passiert, dann PASSIERT einem ja nie etwas!“
    Ich finde das trifft es ganz gut. Häufig musste ich, bei meinen jetzt schon fast erwachsenen Jungs, die Ängste um sie runterschlucken, um ihren Tatendrang und den Entdeckergeist nicht ständig zu unterdrücken. Zum Glück gab es nie Probleme, die sie nicht auch lösen konnten (oder wir gemeinsam). Mut zur Improvisation und Vertrauen, sind wichtig für die Entwicklung unserer Kinder und letztendlich auch für uns selbst als Eltern.
    Liebe Grüße
    Jeannette

  • Es ist am Ende ja immer eine Frage der eigenen Entscheidung, wie weit das Kind gehen darf. Für mich gilt grundsätzlich die Regel „Das Kind darf sich wehtun, sollte aber nicht sterben“. Ich bin mir selber relativ sicher und klar in dem was ich zulasse und was nicht. Ich gehöre zu den Müttern, die dem Spaß den Vorrang geben.
    Was mich mehr umtreibt, ist mein Umfeld. Ich bemesse den Grad des Erlaubten an der Reife. Eine meiner Zwillingstöchter (7), darf alleine im Laden an der Ecke einkaufen gehen, wofür sie über eine große Straße muss. Die andere darf noch nicht. Aber mir sind die Kinder schon mehrfach von aufgeregten Fremden zurückgebracht worden, so etwas ginge doch nicht! Oder: Ich lasse sie am Sonntag unsere Einbahnstraße mit dem Roller runterfahren, da kommt nur alle paar Minuten mal ein Auto hoch. Mordsgaudi. Ich stehe mitten auf der Straße und wenn ein Auto kommt brülle ich AAAu-To! Was an sich schon überflüssig ist, denn die Kinder fahren von oben runter und die Autos kommen von unter ‚rauf. Die sieht man schon von weitem. Aber wir werden seeehr kritisch beobachtet, es gibt jede Menge Kommentare und ein Frau meinte neulich, sie schaltet jetzt das Jugendamt ein. Die Kinder waren völlig verunsichert, vor allen Dingen dadurch, dass ihre Mama als unverantwortlich und Gefahrenquelle eingestuft wurde. Es gibt noch mehr solche Beispiele.
    Lange Rede zum eigentlichen Problem: was mache ich mit dem Umfeld? Wie reagieren? Was den Kindern sagen? Wie viele meiner Vor-kommentatorinnen möchte ich nicht, dass die Kinder unnötig verunsichert werden. Es gibt wahrscheinlich keine eindeutige Antwort. Aber wo ich dies schreibe, merke ich, dass ich zu den Kritikern gehen sollte und ihnen sagen, dass ich mir sehr wohl überlege, das ich zulasse, und dass es meiner Entscheidung als Mutter obliegt, was meine Kinder dürfen.
    Charlotte aus Brüssel

  • Als mein Sohn frisch in der 2. Klasse war, habe ich ihn am Nachmittag alleine mit dem Roller zur Stadtteilbibliothek fahren lassen. Der Weg war ihm bekannt – es ist quasi der Schulweg. Ich hatte trotzdem Herzklopfen und es war eher für mich als für ihn ein Abenteuer und ich war froh, als er beladen mit Comics zurück war. Bei seiner kleineren Schwester bin ich schon gelassener geworden. Loslassen und vertrauen ist manchmal nicht so einfach… aber ich lerne…
    LG SteffiFee

  • Die Thematik ist in der letzten Zeit noch besonders stark gewachsen. Ich bin knapp über 30, und bei uns war es so, dass wir aus dem Kindergarten noch abgeholt wurden (zu Fuß). Aber als ich in die erste Klasse ging, bin ich meist alleine nach Hause gelaufen. Das sind 1,5 Kilometer gewesen, über zwei große Hauptstraßen (mit Ampel) und es war einfach eine Selbstverständlichkeit. Den Weg kannte ich von meinen Kindergartenjahren (Kindergarten und Schule waren direkt in einer Straße). Heute finde ich witzig, dass ich den Weg in der Hälfte der Zeit schaffe, damals habe ich unglaublich viel getrödelt. Kind halt…
    Damals waren wir (meine ältere Schwester und ich) nicht die einzigen, es war eher noch etwas ungewöhnlich, wenn Eltern ihre Kinder mit dem Auto in die Schule vorfuhren.
    Ob heute Kinder diesen Weg noch gehen? Ich weiß es nicht, ich wohne nicht mehr da. Ich glaube aber, dass es heutzutage eine übertriebene Ängstlichkeit gibt. Grundsätzlich. Damit meine ich auch gleichaltrige Freundinnen, die sich nachts nicht trauen mit der Straßenbahn zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Die eine andere Freundin und mich immer mit großen Augen angucken: Was ihr fahrt mit dem Fahrrad zurück?
    Natürlich gibt es Gefahren, aber die gibt es auch tagsüber genauso (Sexuelle Gewalt gegen Frauen auf der Straße, an der Bushaltestelle – die Fälle, die zuletzt in der Zeitung standen, haben meist tagsüber oder am frühen Abend stattgefunden). Aber die Gefahr ist im privaten Bereich statistisch genauso hoch, nur nicht so bewusst.
    Ich möchte das mein Kind wie andere Kommentatorinnen stärken, statt es zu Ängstlichkeit zu erziehen. Ja, und es fängt bei kleinen Dingen an, dass ich mir das „Pass auf“ am Klettergerüst am Spielplatz verkneife…
    Liebe Grüße
    Nanne

  • Hallo Uta,
    vielleicht geht der Kommentar total unter, da der Beitrag ja schon über ein Jahr alt ist. Aber ich bin jetzt erst auf Deinen genialen Blog gestoßen und lese mich quasi rückwärts durch die Beiträge und Dein Buch liegt auch schon zuhause und wartet darauf, gelesen zu werden.
    Dieser Beitrag hier beschäftigt mich besonders, da ich mir über das Thema schon sehr viele Gedanken gemacht habe. Unsere Tochter ist gerade fünf Jahre alt geworden und nicht gerade ein draufgängerisches Kind. Von Natur aus schon nicht und ein Stück weit sicher auch von uns dazu gemacht.
    Ich denke, dass ich selber ein halbwegs vernünftiges Maß im „Behüten“ und „Risiken eingehen lassen“ gefunden habe. Aber mein Mann ist in der Hinsicht eine Katastrophe. Er würde unsere Tochter am liebsten in Watte packen. Mich nervt das, weil ich sehe, wie sehr es unser Kind ausbremst und ich mische mich auch immer öfter in Situationen ein und sage „lass sie doch einfach machen“. Teilweise geht es um Dinge, die schon ein gewisses Gefahrenpotential haben (z.B. hoher Seil-Kletterturm auf dem Spielplatz). Wenn unsere Tochter aus vier Metern Höhe runterfällt, kann natürlich auch Schlimmeres passieren. Aber sie traut es sich zu, andere Kinder ihres Alters (und jünger!) bewältigen das auch und ich denke, da muss man sie auch mal machen lassen und Vertrauen haben, dass sie sich festhält und auf sich aufpasst. Mein Mann reagiert auf meine Einmischung dann oft sehr barsch z.B. „wenn sie da runterfällt, kann sie tot sein, da kann Dein Vertrauen auch nichts mehr richten. Bei sowas diskutier ich nicht.“ und macht mich damit mundtot, weil er im Ergebnis natürlich nicht unrecht hat und ich nicht weiß, was ich darauf noch entgegnen soll.
    Teilweise verbietet mein Mann ihr aber auch wirkliche Kleinigkeiten, wo auf den ersten Blick nicht viel passieren kann (außer das berühmte aufgeschrammte Knie oder ein verknackster Fuß). Aber selbst da kreiert er dann irgendein Horrorszenario, was alles passieren könnte, wenn´s ganz dumm läuft (sie stolpert und knallt mit dem Kopf irgendwo dagegen oder fällt aufs Gesicht und schlägt sich die Zähne aus, etc.).
    Das ist manchmal schwer auszuhalten für mich und sicher noch viel schwerer auszuhalten und im negativen Sinne prägend für unsere Tochter. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was das noch für Dimensionen annimmt, wenn unsere Tochter älter und selbständiger wird und sie auch mal alleine weggehen will, etc. Da werden sich vermutlich Dramen abspielen, wenn wir dieses Thema nicht irgendwie in den Griff bekommen. Ich hab auch schon versucht, in ruhigen Momenten mit meinem Mann darüber zu sprechen. Er zeigt sich dann einsichtig und sagt, er weiß, dass er ihr mehr zutrauen muss, aber halt nur bis zu dem Punkt, wo es „um Leib und Leben“ geht. Und damit drehen wir uns im Kreis, weil er selbst aus banalen Situationen irgendwas zusammenspinnt, wie es dann doch wieder „höchstgefährlich“ wird.
    Herzliche Grüße, Nicole

      • Hallo Uta, ehrlich gesagt wüsste ich im Lebenslauf meines Mannes nichts „Verdächtiges“, was dieses Verhalten erklären würde. Er selbst ist mit zwei Brüdern aufgewachsen. Von seinen Erzählungen her und auch, was meine Schwiegermutter so durchblicken lässt, denke ich, dass die drei Jungs recht wild waren, sehr viel Freiheit genossen haben und wenig (schon aus Zeitgründen) von den Eltern kontrolliert wurden.
        Mein Mann und ich waren bereits 10 Jahre ein Paar, bevor unsere Tochter auf die Welt kam. Aber diese Seite an ihm hat mich sehr überrascht.
        Liebe Grüße, Nicole

        • Liebe Nicole,
          ich würde erst einmal anerkennen, dass dein Mann das ja aus Liebe tut. Und für eure Tochter ist es sehr schön, einen Vater zu haben, dem sie nicht gleichgültig ist und der sie beschützen möchte. Da würde ich das entspannte Gespräch suchen, das erst einmal zum Ausdruck (die Anerkennung) bringen und versuchen zu ergründen, warum er so besorgt ist, sonst fühlt er sich nur angegriffen und ins Unrecht gesetzt. Vielleicht kannst du dann sagen: Ich mache mir Sorgen, weil ich überzeugt bin, sie gewinnt gerade dadurch Mut, Selbstvertrauen und Sicherheit, wenn sie sich selbst ausprobieren darf. Ich halte es für wichtig, dass du ihr da mehr Raum gibst. Was denkst du? Warum bist du so in Sorge um sie?
          So etwas in der Art …
          Herzliche Grüße
          Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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