Echte Unglücksbringer 

 31/05/2016

Wie viel leichter es mit den Kindern geht, wenn man mehr Zeit einplant.

Wisst ihr, welcher einer der glücklichsten Tage in meinem Leben war?
Die Tage, an denen meine Kinder geboren wurden?
Ja, die auch.
Aber noch intensiver habe ich einen Tag in Erinnerung, der meinem Mann und mir geschenkt wurde, als wir nach Griechenland reisen wollten und der Flug um 24 Stunden verschoben wurde. Plötzlich hatten wir einen ganzen Tag ohne Termine, ohne irgendetwas erledigen zu müssen. Für die Reise war alles fertig, der Briefkassenschlüssel lag schon bei der Nachbarin, die Redaktionen, für die wir arbeiteten, wähnten uns an einem Strand. Wir konnten einfach wir sein, ließen uns durch die Stadt treiben, gerieten hier in ein Museum, tranken dort einen Kaffee, saßen auf Mäuerchen …
Keine Termine haben – ich finde, es gibt kaum ein einfacheres Glücks-Rezept als dieses.
Im Zusammensein mit Kindern gilt das besonders.

„Eltern üben stärkere Kontrolle über ihre Kinder aus, wenn die Zeit knapp ist, und ebenso, wenn sie sich in der Öffentlichkeit befinden. Die Kombination dieser beiden Umstände ist fatal.“ (Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit.Freiburg 2010, Seite 160)

Im Supermarkt erlebte ich am Wochenende eine Frau und ihre etwa fünfjährige Tochter, die in Eile waren. Das Mädchen machte an der Kasse Faxen und jonglierte mit zwei Holzzangen, die es als Werbegeschenk zur Grillkohle gab. „Maja, ich weiß, dass alles stressig ist“, sagte die Frau, „aber kannst du einfach mal runter kommen?!“
„Runter kommen?“ Was sollte das heißen? So angepasst, so funktional und spaßfrei werden, wie wir Erwachsenen es sind?
Der Gedanke, dass wir zu viel in zu wenig Zeit hineinstopfen, begegnete mir auch in einem Video-Interview mit dem Physiker und Naturphilosophen Harald Lesch. Darin bezeichnet er G8 (die Schulzeitverkürzung an Gymnasien von 9 auf 8 Jahren bis zum Abitur) und die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen als „Zeitkompressionsverfahren“. Wir würden immer mehr Stoff in immer weniger Zeit stopfen, „obwohl alle wissen: wir werden immer älter, wir werden immer länger arbeiten…“
 

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Liebe Mara, du bekommst dein T-Shirt bald wieder. Es hängt bei uns schon in der Sonne.

 
Nach all dem G8-Stress fallen viele Abiturienten nach der „Reife“-Prüfung in ein Loch, sehen sich einem Angebot von rund 16.000 Studiengängen allein in Deutschland gegenüber und wissen oft gar nicht, wer sie sind und was sie wollen.
Vor diesem Hintergrund gefällt mir ein Vorschlag von Harald Lesch gut. Er regt an, sogar G 10 oder G 11 einzuführen und dabei alle 16jährigen, Jungen wie Mädchen, statt der 10. Klasse ein soziales Jahr machen zu lassen, um mehr mitzukriegen vom Leben und sich selbst besser kennen zu lernen, als das in einem Klassenraum möglich ist.
Soweit der kleine Ausflug in Schul-Visionen. Was ich so aufschlussreich finde, ist der Begriff der „Zeitkompressionsverfahren“. Diese Verfahren sind echte Unglücksbringer und ich gucke immer, dass sie nicht um sich greifen in meinem Alltag.
Konkret heißt das:

  • Ich gucke, dass mein Leben in Balance ist. Wenn mir alles zu viel wird, streiche ich forsch ein paar Sachen aus meiner To-do-Liste oder verschiebe sie. Es gibt jeden Tag Aufgaben, die ich nicht schaffe und die einfach elegant um eine Seite weiter rutschen auf meinem Block. Sicher passt es morgen besser.
  • Ich versuche, meinen Kindern (G8) nicht zusätzlich Druck zu machen. Klar, möchte ich, dass sie ihren Job in der Schule machen, aber ich muss nicht noch tonnenschwere Eltern-Erwartungen oben drauf packen. Es gibt Wichtigeres als gute Noten.
  • Ich orientiere mich – seit gestern – an den Dänen. Denn Amalie von „Amalie loves Denmark“ erzählte mir, dass die Dänen am Nachmittag pünktlich den Griffel fallen lassen, egal ob der Schreibtisch leer gearbeitet ist oder nicht. Denn dann gehen sie mit Freunden ein Bier trinken oder nach Hause. Die Zeit mit Familie und Freunden ist den Dänen heilig. Vielleicht gehören sie deshalb auch zu Spitzenreitern in der „World Database of Happines“, einer Datenbank, in der sich weltweit die Ergebnisse der Glücksforschung der letzten 100 Jahre findet.*
  • In Bezug auf kleine Kinder gefällt mir das Beispiel des amerikanischen Erziehungsexperten Alfie Kohn. Er musste schnell etwas einkaufen gehen, aber sein kleiner Sohn war im Auto eingeschlafen. Am Supermarkt angekommen, weckte Kohn ihn sanft und beschäftigte sich erst ein wenig mit ihm. Dadurch dass er sich diese Zeit genommen habe, so ist er sich sicher, sei der Einkauf danach deutlich zügiger gelaufen. (Alfie Kohn, ebenda, Seite 161)
  • Wenn man von zu Hause aufbrechen will und super-entspannt ist, kann man sein Kind auffordern: „“Sag mir Bescheid, wenn du so weit bist!“
  • Bei uns klappt es ganz gut zu fragen: „Wie lange brauchst du noch?“ (Das geht natürlich nur bei älteren Kindern, weil die Kleinen noch kein Zeitgefühl haben.) Das finde ich viel schöner als immer zu brüllen: „Kommst du jetzt endlich?!“
  • Ich versuche so oft wie möglich, Momente von Gemeinschaft in Muße zu erschaffen: in strömendem Regen auf der Bank unter dem Dach sitzen und den Tropfen beim Fallen zuschauen, gemeinsam Essen mit viel Zeit, Angebote des Füße-Massierens und Haare-Flechtens unterbreiten, gemeinsam irgendwohin laufen (obwohl da kriege ich sie selten dazu …)
  • Den Tag beginnen mit ein paar Sätzen von Eckhart Tolle. Z.B.: „Je stärker das Ego ist, umso mehr wird das Leben von Zeit beherrscht. Dann dreht sich fast jeder Gedanke nur noch um Vergangenheit und Zukunft, beziehst du dein Selbstgefühl … aus der Vergangenheit und suchst Erfüllung in der Zukunft. Angst, Unruhe, Erwartungen, Reue, Schuld und Wut sind Störungen des zeitgebundenen Bewusstseins.“ („Eine neue Erde.“ Seite 213)

Immer fröhlich Zeiten einschieben, in denen man einfach mal Zeit hat.
Eure Uta
*Quelle: Maike van den Boom: Wo gehts denn hier zum Glück? Meine Reise durch die 13 glücklichsten Länder der Welt und was wir von ihnen lernen können. Frankfurt am Main 2015, Seite 18

  • Liebe Uta,
    das Video von Harald Lesch habe ich auch gesehen. Ich war sehr begeistert, und überlegte, es dem Sohn zu verlinken, der grade sehr viel Schulstress hat. Nein, ich hab es nicht gemacht, denn es hätte ihm nichts genützt. Er ist nun mal im G8.
    Einfach mal nicht alles verlinken.
    Ich back ihm eine Geburtstagstorte. Die kann er dann genießen, wenn er heute um 17.30 Uhr wieder daheim ist.
    Das mit dem „Zeit und Muße haben“ muss manchmal verschoben werden.
    Liebe Grüße!

    • Liebe Seifenfrau, danke für deinen Kommentar und herzliche Geburtstagswünsche für den Sohn. Ich habe das Video von Harald Lesch jetzt noch verlinkt, weil es so schön vor Augen führt, woran es hapert in unseren Schulen. Herzliche Grüße, Uta

  • Hallo Uta,
    das mit dem G10 oder G11 klingt toll… Unser Sohn fängt im Herbst in der 5.Klasse an, wenn wir Glück haben und ihn die Wunschschule aufnimmt, dann gibt es dort einen gleitenden Anfang (Ankommen ab 7:30, U-Beginn um 8:30), keine 45 Minuten-Takte, gebundenen Ganztag, d.h. die Unterrichtszeit wird auf die Zeit zwischen 8:30 und 14:30 verteilt mit einer Stunde Mittagspause. In den Frei-Zeiten ist „freies Lernen“, d.h. die SchülerInnen können – unterstützt von Lehrkräften – Lehrstoff wiederholen, festigen, Hausaufgaben erledigen – oder auch nur „chillen“.
    Leider ist diese Schule sehr überwählt (was Wunder) – es wäre fast ein 6er im Lotto, wenn der Goldjunge aufgenommen wird. Nächste Woche rechnen wir mit der Benachrichtigung.
    Ich mag es, einfach in den Tag hineinzuleben. Wenn ich was gelernt habe durch meine Kinder: Pläne machen ist okay, solange man es ertragen kann, dass sie regelmäßig umgeschmissen werden. Das hat mich manchmal so massiv frustriert, dass ich seither viiiiel weniger plane und wenn dann (fast immer) in Absprache mit den Kindern. Trotzdem kommt bei uns morgens Hektik auf, wenn der Kleine trödelt und nicht dazu zu bewegen ist, die Fußballkärtchen liegen zu lassen und statt dessen mal eine Unterhose anzuziehen. An guten Tagen (gut geschlafen, bereits Tee getrunken) komm ich damit besser klar und kann es mit Spaß nehmen, An weniger guten wird nach dem 3. Mal bitten gebrüllt. (Und dann läuft´s – leider…).
    Ein bisschen Entschleunigung tut uns allen gut. Auch den Hummeln in meinem Hintern.
    LG Steffi Fee

  • Liebe Steffi Fee, danke, dass du geschrieben hast von eurer Wunschschule. Ich drücke die Daumen, dass es klappt für den Goldjungen. Viele Grüße, Uta

  • Liebe Uta, du triffst es wieder mal genau. Das Leben ist so viel entspannter, wenn man mit den Kindern mehr Zeit einplant. Weil sich unsere angespannte Stimmung sofort auf sie überträgt. Deswegen packe ich die Tasche mit den Sachen für morgen schon am Vorabend. Das hilft gegen die Hetze in der Früh. Genau so wie das Kindergartenbrot, das schon abends geschmiert wurde und über Nacht im Kühlschrank schläft. Darf ab und zu auch mal sein. Liebe Grüße, Christina

    • Liebe Christina, mit den Großen hier habe ich es ja nicht mehr so turbulent. Wenn wir aber zusammen einen wichtigen Termin haben, nimmt eine gute Vorplanung den Stress. Herzliche Grüße, Uta

  • Hej liebe Uta,
    wie schön zu lesen, dass Dich unser Gespräch animiert hat, etwas „dänischer „zu leben. Um so vielleicht auch den Kindern vorzuleben, dass nicht alles immer erledigt sein muss, sondern dass auch die Zeit des gemütlichen Beisammenseins oder Nichtstuns einen hohen Stellenwert hat.
    Alles Liebe
    Amalie

  • Liebe Uta,
    tatsächlich halte ich ja Zeit für eines der grossen „Geheimnisse“ gelassener Elternschaft. Wenn ich Zeit habe, mir Zeit nehme, klappt alles besser und macht viel mehr Spass. Ich kann achtsamer sein, flexibler und humorvoller. Deine Worte sprechen mir mal wieder aus dem Herzen.
    Herzliche Grüsse, Martina

  • Liebe Uta,
    Du hast mir mal wieder die Woche gerettet.
    Mal auch zu sich selbst wieder Stopp sagen hilft ungemein.
    Meine Kinder freuen sich sehr auf Nachmittage, an denen wir „nichts vor haben“. Und as obwohl jeder nur zwei Nachmittagstermine hat.
    Diese „Sag mir bescheid, wenn Du soweit bist“ werde ich mir ab sofort zu Herzen nehmen!
    Liebe Grüße
    Suse

  • Meine persönliche Vorstellung des höchsten alles Glücksgefühle ist, in einen Zustand zu kommen, in dem ich mich langweile. Leider hab ich das noch nie erreicht, weil die ferien immer zu schnell vorbei sind und die Listen zu lang. Glück wäre: Leere Listen. Und irgendwie waren dei Listen früher viel kürzer, heute hechle ich immer den dringendsten Punkten hinterher und muss vieles streichen, was mir eigentlich wichtig wäre. Das Bloggen zum Beispiel. Weg von Zuhause, Pflichten und Arbeit fällt das tatsächlich alles von mir ab und ich bin so viel glücklicher als zuhause… bis die Listen mich im Kopf einen Tag vor Ende der Urlaubs wieder einholen.
    „Nix müssen“ das wär so schön. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich neidisch werde auf meinen Sohn, der sich ausgiebig langweilt, weil er so verdammt wenig muss (und natürlich trotzdem glaubt, er stünde unter Stress) und keine Listen hat.
    Reich sein würde mich gar nicht wegen der Möglichkeit reizen, sich Dinge zu kaufen – sondern wegen der Möglichkeit, nichts mehr von dem tun zu müssen, was ich nicht tun will (Buchhaltung, Steuer, amtliche Formalitäten, Putzen, Waschen, Aufräumen, Einkaufen, Reparaturen), weil ich Menschen dafür bezahlen könnte, es zu tun… und dafür ganz viel Zeit zu haben. Hach.
    LG, Katja

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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