Ein schräges Selbstgespräch 

 26/04/2016

Von Gewinnern und davon, wie die Haltungsfrage alle „Erziehungs“-Fragen löst.

Ich hätte ja gedacht, dass mehr Leser das kleine Buch „Trotzphase bei Kita-Kindern“ würden gewinnen wollen. Hat euch der Titel abgeschreckt? Innen drin ist es wie ein Juul-Buch, denn die Autoren sind Jünger des Dänen – so wie ich es bin (na, sagen wir zu 80 Prozent seiner Thesen).
Der Abiturient hat vor seiner letzten Klausur heute die drei Gewinner aus einer wirklich kleinen Schüssel gezogen. Es sind:
Melanie, Dorthe und SteffiFee!
Herzlichen Glückwunsch! Bitte mailt mir eure Adressen. Dann gehen die Bücher in die Post.

*

Heute habe ich mir selbst eine Frage gestellt und selbst beantwortet. Etwas schräg so ein Selbstgespräch. Zuweilen mache ich das auch im Auto. Deshalb bin ich auch dankbar für Bluetooth. Jeder, der mich an der Ampel sieht, wie ich so alleine im Auto rede, denkt jetzt, ich würde telefonieren.

Ich habe mir also selbst folgende Frage gestellt:

Liebe Uta,
mir ist es als Mutter sehr wichtig, dass meine Kinder nicht in eine „ich-bin-nicht-gut-genug“-Haltung hineinrutschen. Ich sehe es als meine wichtigste Aufgabe an, sie zu ermutigen und sie dabei zu unterstützen, ihr „Selbst“ voll entfalten zu können.
Muss ich deshalb alles toll finden, was sie machen?
Ich weiß, die Antwort lautet „nein“, aber wo verläuft die Grenze zwischen „eigene Bedingungen stellen“ und „kritisieren“?
Beispiel:
Wir werden Prinzessin (15) ihren Wunsch erfüllen, in eineinhalb Jahren ein Schuljahr im Ausland zu verbringen. Mich stört – bei all den Investments, die wir dafür tätigen, – dass wir sie immer wieder erinnern und fragen müssen: Hast du dich um einen Termin für das Skype-Interview gekümmert? Hat das Schulbüro jetzt alle Unterlagen? …
Wir haben ihr gesagt, dass wir erwarten, dass sie sich selbst dafür engagiert. Schließlich war das Auslandsjahr ihr Wunsch. Sobald es aber in anderen Lebensbereichen für sie mal nicht so toll läuft, ist mir mulmig dabei, dass wir ihr mit der Internats-Sache auch noch Druck machen und ihr womöglich das Gefühl geben, nichts auf die Reihe zu bekommen.
Wie kriege ich „unterstützen“ und „meine Bedingungen stellen“ in Einklang?
Uta (verheiratet), Sohn (18), Tochter (15)
Liebe Uta,
vielen Dank für deine kluge Frage! Ich hätte sie nicht besser stellen können. ;-)))
Natürlich musst du nicht alles toll finden, was deine Kinder machen. Erstens wäre das unehrlich, zweitens gehst du folglich davon aus, dass sie Zustimmung von außen brauchen, um ihren Weg zu gehen. Welches Bild hast du dann von ihnen? Mama und Papa müssen immer applaudieren, sonst fühlen sie sich nicht gut?
Ein „Gut-genug-Gefühl“ kannst du ihnen nicht „geben“.
Es gibt Menschen, die durch Ermutigung zur Höchstform auflaufen, andere durch Gegenwind („Jetzt erst recht! Denen zeige ich es!“). Und es gibt wenige, wirklich starke Menschen, die weder Variante 1 noch 2 brauchen, und ihren Weg gehen, egal ob sie angefeuert oder ausgebuht werden. (Ich will Variante 3! Bitte! Für uns alle!)
Ist dein Kind gut genug in deinen Augen? Hast du ihm gegenüber einen „Nicht-gut-genug“-Standpunkt eingenommen?
Diese Frage ist entscheidend. Auf deine tief verinnerlichte Haltung deinem Kind gegenüber kommt es an. So eine Einstellung, die so tief verhaftet und angewöhnt ist, dass du schon gar nicht mehr merkst, dass es einer von vielen Standpunkten ist und nicht die Realität.
Im Context von „ich vertraue ihr“, „sie wird ihren Weg gehen“, „sie ist klug, mutig, voller Power“ kann ich mit ihr schimpfen, wenn mich was ärgert, ich kann ihr bei der Bewerbung helfen, wenn mir danach ist, kann die Kontrolle lassen oder doch mal fragen, wie der Stand der Dinge ist …
Wenn unsere Basis stimmt, gibt es im Alltag kein richtig oder falsch. Das bewegt sich dann auf einer Ebene, die uns nicht mehr interessieren muss.
Hast du das schon mal erlebt? Dass du tief in dir eine echte Kehrtwende machen konntest? Und wie sich plötzlich verändert, was du für Realität hieltest?
Immer fröhlich unsere tief vergrabenen Einstellungen überprüfen und – wenn nötig – verändern.
Eure Uta

  • Liebe Uta,
    wieder einfach nur großartig!
    Ich glaube, ich sollte mir mal selbst einen Brief schreiben, und mit etwas Abstand darauf antworten…
    So klasse, und es zeigt, dass wir die Antworten fast immer in uns tragen.
    Liebe Grüße,
    Papagena (43) verheiratet, Tochter (13), Sohn (11)

  • Liebe Uta,
    also ich führe ja ständig Selbstgespräche, bloß sind meine dann nicht so sortiert wie deins ; )
    Ich hab so eine Kehrtwende in der Tat auch schon erlebt und ich lerne ständig dazu.
    Ich konnte zB nur sehr schwer Arbeit abgeben oder diligieren, war aber auch der Meinung ich müsste jedes Dies und Das erledigen. Irgendwann war mein Körper total am Ende und hat gestreikt, da fing ich an viel über mich nach zu denken und entsprechende Literatur zu lesen.
    Irgendwann hab ich dann mal gelesen, einfach Arbeiten ab zu geben, oder eben nicht zu machen, was ja bisher keine Option war. Als es dann plötzlich doch eine Option war, stellte sie sich sogar noch als recht gut heraus!!!
    Das war eine tolle Erfahrung und ich erwäge seitdem meine „Keine-Optionen“ nochmal genauer ab, denn da geht meist immer noch was.
    Liebe Grüße, Angela

  • Liebe Uta!
    Ein schöner Brief! Meine Große (18) ist tatsächlich so eine Variante Drei geworden. Vielleicht, weil wir sie am Anfang so bekräftigt haben, aber jetzt geht sie ihren Weg.
    Bei meiner Kleenen (12) stelle ich mir tatsächlich oft die Frage, wie das gehen soll, sie ihren Weg gehen zu lassen, ihr zu vertrauen und trotzdem die Kontrolle zu behalten… Klingt schon blöd. Dazu muss man wissen, dass meine Kleene schon immer ein Kind vom eigenen Stern war. Sie hat ihren eigenen Kopf und macht was sie will (wohl eine Variante der Variante Drei…) aber seit zwei Jahren hat sie Diabetes Typ 1. Das bedeutet für ihr kleines Leben ein hohes Mass an Disziplin und für mich auch viele Sorgen. Gar nicht so einfach loszulassen, denn der Schuss kann auch mal nach hinten losgehen. Im schlimmsten Fall…
    In weniger schlimmen Fällen bedeutet es, dass ich nachts alle zwei Stunden aufstehe, um den Blutzuckerwert zu kontrollieren und mit Insulin zu korrigieren oder nach ausgiebigen Tobesessions Traubenzucker nachts einzuflössen.
    Das ganze gepaart mit einem Fast-Teenie in pubertären Phasen macht es wirklich nicht einfach. Aber ich arbeite daran. Ich versuche, wenn sie nach Hause kommt, sie erstmal ankommen zu lassen und nicht die Blutzuckerwerte abzufragen. Ich hoffe darauf, dass sie an langen Schultagen schon sagt, wenn etwas nicht gut läuft und vertraue darauf, dass sie auch unterzuckert noch gut zu Hause ankommt. Irgendwie muss ich sie ja groß kriegen und vor allen Dingen selbstständig mit einem hohen Mass an Verantwortung für ihren Körper, damit ich sie dann loslassen kann. Und natürlich soll sie auch so eine tolle Persönlichkeit werden wie meine Große (Scheiß auf den Typ 1 Diabetes!), nicht reduziert auf BZ und Insulin, sondern auf das, was sie außerdem ist, extrem kinderlieb, fürsorglich anderen gegenüber und sehr durchsetzungsfähig 🙂 und ein bisschen wie ich als Kind war 🙂 -dickköpfig…
    Liebe Grüße vom Deich
    Claudia (verheiratet), zwei Töchter (12,18)

    • Liebe Claudia, das tut mir sehr leid mit der Diabetes. Es gibt doch Hunde, die man als Aufpasser ausbilden kann und die Alarm schlagen, wenn sie ein Kippen der Werte wittern. Aber da seid ihr wahrscheinlich auch schon drauf gekommen und nicht jeder Mensch kann und will unter allen Umständen einen Hund halten. Das schoss mir nur so gerade durch den Kopf. Ich mag sehr gerne deine Schlusssätze: „Und natürlich soll sie auch so eine tolle Persönlichkeit werden wie meine Große (Scheiß auf den Typ 1 Diabetes!), nicht reduziert auf BZ und Insulin, sondern auf das, was sie außerdem ist, extrem kinderlieb, fürsorglich anderen gegenüber und sehr durchsetzungsfähig 🙂 und ein bisschen wie ich als Kind war 🙂 -dickköpfig…“. Liebe Grüße und danke fürs Schreiben! Uta

  • Liebe Uta,
    Selbstgespräche gehören für mich dazu, anders könnte ich meine Gedanken und mein Handeln nicht reflektieren.
    Ich habe eine Kehrtwende in der Kommunikation gemacht. Früher habe ich mich z. B. eher zurückgezogen und war beleidigt, wenn mir bestimmte Menschen (nicht alle) nicht genügend Aufmerksamkeit gaben oder sich „nie“ meldeten. Mittlerweile Frage ich mich dann z.B., ob mir der Kontakt, Austausch, Mensch wichtig ist, ob ich mehr möchte. Wenn ja, suche ich den Kontakt und kläre das. Es ist so wie in deinem letzten Post, ich schaue Ergebnis-orientiert: was ist mir wichtig, wie sollen die Dinge sein? Wenn mir das bewusst ist, kann ich danach handeln, ohne bockig zu sein. Das hat mir geholfen, einige Knoten in meinem Leben zu lösen und davon ab zu kommen, dass alles irgendwie mit mir zu tun hat. Ein Perspektivwechsel tut da auch immer gut.
    Bei den Herzbuben finde ich es schwierig, eine Gratwanderung zwischen Ermutigung/Stärkung und vermeintlich in-den-Himmel-loben. Ich habe Angst, sie könnten sich für unfehlbar halten und dann später zur Selbstüberschätzung neigen. Im Bekannten- und Freundeskreis höre ich zunehmend, dass Kinder in der Schule nicht zurecht kommen, weil sie plötzlich ein Kind von vielen Kindern sind, von denen einige mindestens genauso schlau, groß, was auch immer sind. Oder von Studenten, die plötzlich merken, dass nicht nur sie hochbegabte Überflieger sind und gute Noten durchaus mit Anstrengung zu tun haben können. Das hatte in dem Fall durchaus eine psychische Krise zur Folge.
    Liebe Grüße,
    Frieda

    • Liebe Frieda, deine „Kehrtwende in der Kommunikation“ beeindruckt mich sehr. Runter vom Opferstandpunkt! Wunderbar! Danke für deine Erfahrungen! LG Uta

  • Liebe Uta,
    zunächst einmal freue ich mich sehr … ich habe noch niemals niiiiie bei einer Verlosung gewonnen… Danke 🙂
    An meinen festgefahrenen Einstellungen arbeite ich schon lange … es braucht wohl noch ein bisschen Zeit …
    Selbstgespräche führe ich eher dann, wenn ich mal allein unterwegs bin und itgendwas überlege (lieber den Joghurt oder den?) … sonst lass ich ja die Lütte an meinen Gedanken teilhaben (oder es sieht dann wenigstens danach aus ;-))
    Liebe Grüße,
    Dorthe

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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