Glückliche Familie Nr. 17: Reifen dürfen 

 28/02/2012

Als ich die Entwicklung der Narzissen auf meinem Bilderbord sah, …

wurde mir wieder klar, welche große Rolle Reifungsprozesse bei Blumen wie bei Kindern spielen.
In meiner weitläufigen Verwandtschaft gibt es einen Vierjährigen, der schon lesen kann, aber noch nicht trocken ist.
Prinzessin hat sich Schleifebinden selbst beigebracht, als sie noch nicht einmal vier war. Zum Malen aber war sie kaum zu bewegen.
Von Kronprinz haben wir ganze Kartons voller Zeichnungen, voller selbst gebauter Flugzeuge und wunderschöner Geschichten. Aber Dinge wie Aufräumen, früh Einschlafen, Am-Tisch-sitzen-Bleiben waren ihm kaum beizubringen.
Kinder haben einen eingebauten Entwicklungsmotor, sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Und da gibt es keine Serienanfertigung. Jedes Kind trägt einen Motor in sich, der ein unverwechselbares Einzelstück ist. Wir Erwachsenen haben nur die Aufgabe, für bunte Möglichkeiten zu sorgen. Die Kinder nehmen sich, was sie in bestimmten Phasen ihrer Reifung brauchen.
Mit Radfahr-Training wollten mein Mann und ich bei Prinzessin ähnlich verfahren wie bei ihrem Bruder. Man nehme ein kleines Fahrrad, einen Gürtel und eine ruhige Sackgasse. Man setze das Kind auf den Sattel, schlinge ihm den Gürtel locker um den Bauch, rede ihm gut zu und die erste wackelige Fahrt beginnt.
Nicht so bei Prinzessin. Sie war nicht dazu zu bewegen, an unserem Trainingsprogramm konstruktiv teilzunehmen.
Wenige Wochen später beobachtete ich Prinzessin in unserem Garten. Sie hatte sich das kleine Fahrrad auf den Rasen geschoben und war damit beschäftigt, Spielsachen auf den Gepäckträger zu klemmen und eine Puppe in den Korb am Lenker zu quetschen. Sie war ganz versunken darin, das Rad mit Dingen zu beladen und wieder zu entladen. Zwischendurch stieg sie selber auf und wieder ab. Und am Abend setzte sie sich auf den Sattel und fuhr einfach los. Noch Fragen?
Zurück zu meiner kleinen Narzissen-Klasse im Wohnzimmer. Die fünf Blumenkinder wurden in der gleichen Stunde in Wasser eingeschult. Auch die Zuwendung der Sonne war auf alle Fünf gleich verteilt. Und trotzdem zeigten sich diese Unterschiede.
Der Schweizer Remo H. Largo, Arzt und Spezialist für die Entwicklung von Kindern, hat in Untersuchungen festgestellt, dass es innerhalb einer Klasse Reifungsunterschiede von bis zu drei Jahren gibt. (Remo H. Largo, Martin Beglinger: Schülerjahre.)
Zum Beispiel: Der siebenjährige Tom kann schon rechnen wie ein Achtjähriger, während der siebenjährige Lasse das Zahlenverständnis eines Fünfjährigen hat. Dafür schießt Lasse wahrscheinlich Tore wie Gerd Müller, während Tom kaum einen Ball trifft.
Das sollten wir uns klar machen, wir Mütter, die unter der furchtbaren Krankheit „Vergleicheritis“ leiden. Schaut Euch diese Blumenkinder an Tag 5 an und

bleibt immer schön fröhlich.
Uta

  • Eigentlich gehöre ich wirklich zu den stillen Lesern, die keine Kommentare hinterlässt, aber nun ist es soweit. Dein
    Blog ist wunderbar und deine Einträge lesen sich sehr schön. Dein Blog hat sich wirklich mit der Zeit nach oben gearbeitet und er gehört zu denen, die ich wirklich regelmäßig besuche. Mach weiter so, du hast einen wirklich wundervollen Blog. Danke, dass man daran Teil haben darf.
    Lieben Gruß aus dem Norden

  • Dieser Post kommt sicher in „meine“ privaten Top-5 deines Blogs!
    Wunderbar geschrieben, tolle Bilder. Gut gemacht!

    Vielen Dank,
    Frieda

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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