Glückliche Familie Nr. 235: Feinfühlig und prompt 

 11/08/2014

Im Urlaub habe ich weiter in dem Wälzer über Bindungstheorie gelesen (Karin Grossmann/Klaus E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 2012). Am Flughafen mussten wir das Buch aus meinem Koffer in einer anderen geben, weil wir sonst Übergepäck hätten zahlen müssen. Nur damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie dick das Ding ist.

Wir waren auf Sardinien. Und wenn wir nicht am Strand waren oder geguckt haben, ob wieder Ameisen unser Brot aushöhlen, habe ich gelesen und gelesen. Jede Menge wichtige Stellen habe ich angestrichen, aber ich schreibe jetzt mal aus dem Kopf, was bei mir hängen geblieben ist.

Um bei kleinen Kindern (so etwa ein oder zwei Jahre alt) die Art der Bindung an ihre Mutter zu testen, wird eine sogenannte „fremde Situation“ herbeigeführt: Mutter und Kind kommen in einen Raum. Dort findet sich eine für das Kind fremde Person und Spielzeug. Kind spielt, Mutter bleibt eine Weile da. Mutter verlässt den Raum, Kind ist irritiert, fremde Person tröstet, Mutter kommt wieder …

Dem Verhalten des Kindes, wenn die Mutter wieder kommt, messen die Forscher eine große Bedeutung zu. Freut es sich über Mamas Rückkehr, lässt es sich kurz herzen und spielt dann weiter, machen die Wissenschaftler ein Kreuz bei „gesunde Bindung“.

Als Anzeichen für eine nicht-sichere Bindung gilt: das Kleinkind lässt sich auch bei der Rückkehr der Mutter über längere Zeit kaum trösten und bleibt unruhig oder aber das Kleinkind gibt sich gleichgültig bei Trennung und Rückkehr, ist aber innerlich gestresst, weil es sein Bindungsverhalten unterdrückt.

Das letztgenannte Verhalten geht mir besonders ans Herz. Da haben schon Einjährige „gelernt“, dass ihre Bezugspersonen es nicht so haben mit dem Trösten und Kuscheln und lernen eine sie selbst „belastende Selbstbeherrschung“ (Grossmann/Grossmann, S. 168).  Einjährige!

Und wie vermeidet man einen solchen Stress für Kleinkinder?

Durch Feinfühligkeit.

Es zeigten diejenigen Kinder Bindungssicherheit und später auch Selbstsicherheit, wenn ihre Eltern von Anfang an feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen konnten, wenn sie erkannten, wann braucht mein Kind Trost und Nähe, wann braucht es Anregung und Spiel und wenn sie prompt auf die Signale eingingen.

Als ich in der sardischen Hitze über dem Buch brütete, fiel mir aber auch ein, wie ich den schreienden Kronprinz als Baby durch die Wohnung trug und ratlos war, wie ich dieses Bündel beruhigen sollte. Ich bin heute noch froh, dass keine Bindungsforscher auf dem Windeleimer hockten und ihre Kreuzchen machten: „Mutter erkennt nicht, wenn Kind sein Bindungssystem aktiviert.“ – „… ist hilflos bei Explorationsverhalten*.“

Abends waren wir auf einem italienischem Landgasthof essen. Und besser als in jedem Bindungsbuch konnte ich dort studieren, wie es geht: Auf einer großen Terrasse in den Bergen hoch über dem Meer hatten sich mehrere junge Familien zum Essen getroffen. Sechs Kleinkinder zwischen einem und vier Jahren wuselten zwischen den Tischen. Während die Erwachsenen sich unterhielten, Spanferkel aßen und Wein tranken, hatte immer mal jemand ein Kind auf dem Schoß, wiegte und herzte es, um es dann wieder loslaufen zu lassen, zu dem kleinen Spielplatz einige Meter weiter oder zum Gucken, was die anderen Gäste so machen.
Mit Oliven in der Backe und sardischem Pecorino-Käse auf dem Teller konnte ich herrlich Bindungsforschung betreiben, konnte beobachten, wie sich die Kleinsten immer wieder der Nähe ihrer Eltern versichern, auf den Schoß klettern, kurz dort sitzen und schmusen, um – so gestärkt – wieder loszurennen, die streunende Katze zu streicheln, ältere Kinder zu beobachten, hinzufallen, sich trösten zu lassen und wieder weiter …

Leider habe ich kein Bild von den wuselnden Kleinkindern, aber von der Terrasse und dem Blick. 

Diese Mamas und Papas hatten Spaß mit ihren Freunden und reagierten feinfühlig und prompt auf ihre Kinder. Das alles geschah sehr beiläufig ohne Kopfzerbrechen über die richtige Erziehung, ohne Fixiertsein auf das Kind. Diese Leute genossen sich, ihre Freunde, ihre Kinder, das Essen.

Bei allem, was ich über Bindung im Urlaub gelesen und gesehen habe, ist mir eins wichtig: Dass niemand mehr der Idee anhängt, es würde Kinder abhärten und stark machen, wenn man sie schreien lässt. Das Gegenteil ist der Fall.

In einem Interview auf FAZ.NET weist die Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll darauf hin, dass sich die Abhärtungs-Theorie nach wie vor hartnäckig hält.

„Unser Verständnis von unserem Umgang mit Kindern ist nach wie vor von einem Buch aus dem Dritten Reich geprägt, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von der Lungenfachärztin  Dr. Johann Haarer. Darin steht, dass man neugeborene Babys in einem 16 Grad kalten Kinderzimmer zum Durchschlafen zwingen solle, nicht füttern, nicht trösten, nicht herzen – sondern stark machen und abhärten. Dieses Buch wurde in Westdeutschland mit leicht verändertem Titel bis 1987 von vielen Kommunen an Eltern verteilt und in vielen Fach- und Berufsschulen verwendet. Die letzte Auflage war 1996. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“ 

Das ist wirklich gruselig, oder?

Ich ziehe aus dem Gelesenem und Erlebtem folgende Konsequenz:

  • Wenn ein Baby schreit und man kann es nicht beruhigen, ist das nicht tragisch. Alle Eltern erleben mal diese Situation der Hilflosigkeit und Überforderung.
  • Aber das Schreienlassen auf keinen Fall zur Methode erheben.
  • Einfühlsam und prompt auf das Kleinkind reagieren, erkennen, wann es auf einen zustrebt (Bindung) und wann es wegstrebt (Exploration). 
  • Lieber auf einem italienischen Landgasthof schlemmen als sich durch Bindungsbücher zu arbeiten.
Immer fröhlich bleiben
Eure Uta

* Exploration = etwas erkunden

Ps: Sternie von „Sternglück hat dieses kleine Buch

gewonnen. Herzlichen Glückwünsch! Bitte maile mir deine Adresse, dann geht das Buch in die Post. 
  • Schön. Einfach nur schön. Das macht mir Mut und ist für mich richtungsweisend. In 14 Wochen setze ich um, was du hier schreibst/ zusammenfasst. :-))

  • Treffen in einem Restaurant in Italien oder Spanien deutsche Urlauber abends auf einheimische Gäste mit ihren Kindern, dann kann man sehr gut verfolgen, wie unterschiedlich diese Art des Umgangs in unterschiedlichen Ländern gesehen wird. Ich selbst habe das vor Jahren – auch auf Sardinien – erlebt, als sich die deutschen Gäste immer wieder beim Chef des Lokals über die Kinder beschwerten, die um diese Uhrzeit im Bett zu sein und nicht die Erwachsen beim Essen zu stören hätten. Ich hab ihn damals gefragt, wo deren Kinder um 22 Uhr im Urlaub eigentlich sind… alleine im fremden Hotelbett?
    Man könnte auf die Idee kommen, dass südländische Eltern, die besseren, entspannteren, liebevolleren Eltern sind.
    Als wir vor ein paar Jahren in Coburg um 21 Uhr mit 3 Kindern unter 7 Jahren in den Garten einer italienischen Restaurants einliefen, wurden viele (deutsche) Augen gerollt. Unsere Kinder wuselten etwas herum und waren irgendwann verschwunden… und wurden dann in der Küche wiedergefunden, wo sie gerade eifrig mit Pizzabacken am Holzofen beschäftigt waren. Die italienischen Angestellten fanden das völlig normal. Ich fand das großartig.
    Geh hier mal mit kleinen Kindern abends in ein Restaurant… du wirst mit Blicken getötet.

    Herzlich, Katja

  • ………… das klingt nach genau der supertollen SAFE-Mentoren-Ausbildung von Prof. Brisch!! 😀 😀 😀 Dort lernt man genau diese Feinfühligkeit und wie man eine gute Bindung zwischen Mutter/Vater und Kind „herstellt“ (bzw.die Mentoren geben das dann in einem Elternkurs so weiter). Find ich toll und hat bei meinen Kindern auch gut geklappt bzw. ich fühlte mich ermutigt mich weiterhin so zu geben wie ich bin. Liebe Grüße, Karin

  • Liebe Uta,
    herzlich Willkommen zurück!
    Um mich herum werden bzw wurden kleine Kinder auch mal ausgelacht, wenn sie hingefallen sind – von der eigenen Mama. Oder immer dieses: das merkt er/sie dann schon, wenns weh tut.
    Klar, bei einigen Dingen ist das sicher nicht schlimm – aber Herdplatten und so?
    Ich bin total für feinfühlig, anstatt für abhärten. Meine Lütte sagt mittlerweile ganz von sich: Tut nicht weh Mama.
    Und wenn doch, wird getröstet und weiter gespielt.
    Danke für Dein schönes Urlaubs-Beispiel!
    LG Dorthe

  • Das ist ein tolles Beispiel für einen entspannten, liebevollen Umgang mit Kindern, danke dafür!
    Und ich freue mich gerade sehr zu lesen, dass ich gewonnen habe und Jesper Juul lesen darf 🙂 DANKE DANKE DANKE!
    lg Sternie

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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